Im Rahmen des Projekts „Digitale Kartographierung der Hamburger Kolonialgeschichte“ sind 2024 fast 20 digitale Touren entstanden, die thematisch mit Hamburgs Kolonialgeschichte und -gegenwart verknüpft sind. Das Projekt ist eine Kooperation zwischen der Stiftung Historische Museen Hamburg, dem Arbeitskreis HAMBURG POSTKOLONIAL und dem Berliner Verbundprojekt „Dekoloniale Erinnerungskultur in der Stadt“. Es wurde gefördert von der Behörde für Kultur und Medien Hamburg und der Kulturstiftung des Bundes.
Koordination und Redaktion lag bei Anke Schwarzer, Hamburg. Die Hamburg-Touren sowie zahlreiche weitere Geschichten, Biografien und Themen sind auf der DEKOLONIALE-Website zu finden.
Anya is live and ready to show you everything. Watch her strip, dance, and perform exclusive shows just for you. Interact in real-time and make your fantasies come true.
âś“ Live Streamingâś“ Interactive Chatâś“ Private Showsâś“ HD Qualityâś“ Free Actions
Free to watch • No registration required • HD streaming
 Wie kolonial ist die Wissenschaft? Die Forschung war und ist oft nicht neutral und unschuldig, sondern verwoben mit Rassismus und Kolonialismus – bis heute
Neutral und objektiv: So sehen viele Menschen die Wissenschaften. Doch ob Medizin, Geschichte, Philosophie, Physik oder Biologie: Die wissenschaftliche Debatte ist immer auch ein sozialer Prozess, in den verschiedene Interessen und Perspektiven miteinfließen – absichtlich oder nicht. Auch der Kolonialismus hat seine Spuren in der Wissenschaft hinterlassen, indem er bestimmte Forschungen finanziert und damit für seine Projekte instrumentalisiert hat. In den vergangenen Jahren steigt das Interesse daran, diese Spuren aufzudecken – und mitunter auch zu beseitigen.
 So hat bereits vor einigen Jahren eine Statue den Protest von Studierenden an der Universität Kapstadt hervorgerufen. Das Monument stellte den britischen Unternehmer und Politiker Cecil Rhodes dar, einen der führenden Akteure im Wettlauf um afrikanische Kolonien. Es stand dort seit 1934. Die studentische Kampagne »Rhodes must fall« erreichte, dass die Statue des Kolonialherrn 2015 abgebaut wurde.
Rhodes’ Denkmal in Oxford will die britische Universität mit einem Beschluss vom Juni dieses Jahres nun ebenfalls entfernen lassen. Zugleich hat die Uni angekündigt, Projekte für eine größere Diversität unter den Studierenden und Forschern anzustoßen. An der Person des Cecil Rhodes lässt sich die Verstrickung von Kolonialismus und Wissenschaft deutlich aufzeigen. Der Brite war Ende des 19. Jahrhunderts durch Diamanten- und Goldgeschäfte im kolonisierten südlichen Afrika zu einem der reichsten Männer der Welt geworden. Als Regierungschef der damaligen Kap-Kolonie hat er nach Ansicht vieler Historiker auch den Grundstein für die spätere Apartheid in Südafrika gelegt. Rhodes sah die britischen Staatsbürger als »erste Rasse der Welt« an. In seinem Testament hinterließ er seinem alten Oriel-College in Oxford ein beträchtliches Vermögen, und seine Stiftung vergibt jedes Jahr Stipendien an rund 200 Studierende – bis heute. Der Universität Kapstadt hat er Grundstücke gespendet.
 Zusammen mit seinem Freund und Geschäftspartner, dem Hamburger Unternehmer Alfred Beit, gründete Rhodes den Diamantenkonzern De Beers. Als Milliardär und Mäzen spendete er nicht nur Geld für Bildungseinrichtungen und Gemälde für Museen, sondern auch zwei Millionen Mark für die Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung. Diese ermöglichte 1908 Expeditionen in deutsche Kolonialgebiete im Südpazifik. Dort wurden Männer, Frauen und Kinder als Forschungsobjekte fotografiert, untersucht und vermessen. 15 000 Objekte von den Inseln – Gipsabdrücke, Körbe, Boote, Stabskarten, wertvolle Artefakte und Masken – wurden von den Wissenschaftlern ins Museum für Völkerkunde verschleppt.
Es war die Zeit des reichsdeutschen Kolonialismus, die mit der Berliner Afrika-Konferenz 1884/85 ihren Anfang nahm. Auf Einladung des Reichskanzlers Otto von Bismarck teilten die Vertreter von 13 europäischen Staaten, der USA und des Osmanischen Reiches fast den gesamten afrikanischen Kontinent unter sich auf. Vertreter afrikanischer Länder waren nicht anwesend.
 Tropenhäuser für den Profit
 Ein augenfälliges Beispiel, wie Wissenschaft für rassistische Politik und koloniale Verwaltung dienstbar gemacht wurde, ist das Hamburgische Kolonialinstitut, aus dem 1919 die Hamburger Universität hervorging. Ziel dieser Einrichtung war es unter anderem, das Personal für die damaligen deutschen Kolonien auszubilden. Professoren und Dozenten lehrten Swahili und andere afrikanische Sprachen, Tropenmedizin sowie Sprachen und Geschichte Ostasiens.
Wie Rassismus und Kolonialismus in Wissenschaft eingewoben sind, zeigt sich nicht nur daran, mit wessen Geld Universitäten gegründet, Gebäude gebaut und Expeditionen mitfinanziert wurden. Auch die Forschung im Dienst der kolonialen Ausbeutung war Teil verschiedener Disziplinen, etwa der Biologie, die Wissen gezielt für die Zucht von Rinderrassen und Nutzpflanzen in Regionen jenseits des gemäßigten Klimas erweiterte. »Tropengewächshäuser« und botanische Gärten zeugen bis heute von dieser Verflechtung. Nicht zufällig wurde im Botanischen Museum Hamburg 1885 ein Labor für die Begutachtung von Rohstoffen wie Kaffee, Ölfrüchten, Tabak, Jute oder Kautschuk eingerichtet.
 Eine besonders gewaltvolle Geschichte ist das Messen und Sammeln von Schädeln. Auch wenn Deutschland in den letzten Jahren mehrere Schädel etwa an Namibia, Australien und Paraguay zurückgegeben hat, liegen bis heute viele aus Gräbern und in Kriegen geraubte Schädel und Gebeine in deutschen Instituten und Museen. Etliche europäische Wissenschaftler im 19. Jahrhundert haben fälschlicherweise angenommen, dass Intelligenz abhängig vom Gehirnvolumen sei. Deshalb versuchten sie mithilfe der Kraniometrie, der Vermessung von Schädeln, zu Erkenntnissen über die Intelligenz von Menschen zu kommen. Ein besonderes Anliegen war dabei, die angebliche intellektuelle Überlegenheit von Weißen gegenüber Schwarzen und von Männern gegenüber Frauen zu »beweisen«.
In der Beschreibung von »Menschenrassen« zeigen sich auch die Schattenseiten der Aufklärer. Die rationale Vernunft, wie sie der Philosoph Immanuel Kant und andere postulierten, sollte Maßstab der Wissenschaft sein. Denken, unabhängig von Religion und Kirche, sollte nicht nur Erkenntnisfortschritt bringen, sondern auch politische Emanzipation – das galt allerdings schon damals nicht für alle Menschen. Kant legt in Abhandlungen und Briefen zwar dar, dass alle Menschen von einer Art und von der gleichen Abstammung seien. Nichtsdestotrotz konstruiert er Rassehierarchien, definiert Rassen wie »Kupferrote« und »Olivgelbe« und erklärt: »Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Rasse der Weißen.«
 Der weiße Mann wird zum Zentrum und zur Norm des Fortschritts, für ihn gibt es die Menschenrechte – in Abgrenzung zu Frauen und Nicht-Weißen. Auch wenn das Konzept »Menschenrassen« ein Fake ist: Es ist bis heute wirksam. Darum sahen sich vier Professoren 2019 zu einer Erklärung veranlasst: Sie plädierten auf der Jahrestagung der Deutschen Zoologischen Gesellschaft in Jena dafür, den Ausdruck »Rasse« im Zusammenhang mit menschlichen Gruppen nicht länger zu verwenden. Diese willkürliche Einteilung der Menschheit habe zu Verfolgung, Versklavung und Ermordung von Abermillionen Menschen geführt. Für den Begriff gebe es »keine biologische Begründung und tatsächlich hat es diese auch nie gegeben«, stellen die Verfasser fest. »Das Konzept der Rasse ist das Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung.«
 Welches Wissen gilt?
 Die Tatsache, dass Weißsein unbewusst als »Normalfall« und ein weißer Mann als prototypischer Mensch gesehen wird, wird im Wissenschaftsbetrieb kaum reflektiert. Welches Wissen gilt und welches wurde an den akademischen Rand gedrängt? Wer wird gehört und wer darf sprechen? Warum haben wir in Deutschland so wenige Daten und Studien zu den Auswirkungen des institutionellen Rassismus auf klinische Studien etwa in der Krebsforschung oder in der Psychiatrie? Inwieweit orientieren sich Theorien und Technik an »weißer« Haut?
 Die physikalische Belichtungstechnik und Informatik der künstlichen Intelligenz hat beispielsweise mit einer Normsetzung gearbeitet, die heute für Probleme sorgt: So ist ein biometrischer Fotoautomat des Hamburger Landesbetriebs Verkehr nicht in der Lage, Fotos von Schwarzen aufzunehmen. Der Fall einer Hamburgerin, die deshalb keinen internationalen Führerschein beantragen konnte, ging Anfang des Jahres durch die Presse.
Aber auch Disziplinen wie die Philosophie sind von rassistischen Macht-Asymmetrien geprägt. Der Philosophieprofessor Arnold Farr erklärte dazu in dem Band Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland: »Weiße Philosophen haben das Privileg, sich selbst als Menschen und nicht als rassifizierte Wesen oder als rassische Kategorie zu erfahren. Der Luxus, sich selbst als Menschen und nicht als rassifizierte Wesen zu etablieren, ist von Anfang an das Ergebnis von Rassifizierung.«
Durch fehlende Repräsentation von Wissenschaftlern of Color an den Universitäten und in Lehrtexten wird eine weitere Ausgrenzung befördert. Eine Professur, ein Institut oder Zentrum, das kritische Rassismusforschung betreibt, gibt es in Deutschland bislang nicht. Der Verein »Adefra – Schwarze Frauen in Deutschland« hat erst kürzlich die Dringlichkeit von Black Studies in Deutschland betont. Immer noch bestimmten weiße Forschungsperspektiven den Diskurs um Rassismus und Rassismusforschung. Schwarze Wissenschaftsproduktionen würden ignoriert und übersehen. »Ihre wissenschaftlichen Erzeugnisse werden zwar verwertet, aber erneut marginalisiert«, so der Verein Adefra.
Die Geschichten darüber, wie Wissenschaft das geworden ist, als was sie sich gerade darstellt, sind nicht lapidar. Im Zusammenhang mit Rassismus sind sie ausgrenzend, vereinnahmend und gewaltvoll. Sie sind in vielen Jahrhunderten gewachsen. Es wird sicher sehr lange dauern, bis dieses »offizielle Wissen« dekolonisiert ist.
*Das Adjektiv »Schwarz« wird groß geschrieben, um zu verdeutlichen, dass es sich nicht um eine Eigenschaft handelt, die auf die Farbe der Haut zurückzuführen ist, sondern um einen politischen Begriff: »Schwarz« oder auch »Person of Color« sind Selbstbezeichnungen von Menschen, die aufgrund ihrer Hautfarbe oder Herkunft Rassismuserfahrungen machen.
ReMapping Memories Lisboa – Hamburg: (Post)koloniale Erinnerungsorte ist ein mehrjähriges Projekt des Goethe-Instituts Portugal mit Partnern in Lissabon und Hamburg. Es widmet sich den stein- und „mental-map“-gewordenen Spuren und Hinterlassenschaften des Kolonialismus und des antikoloÂnialen Widerstands im öffentlichen Raum in den beiden Hafenstädten Hamburg und Lissabon. Das Projekt zeigt am Beispiel zweier Zentren des europäischen Imperialismus, welche Spuren und Einschreibungen des Kolonialen in europäischen Städten bis ins 21. Jahrhundert bestehen, und will damit einen Beitrag zur Dekolonisierung des öffentlichen Raums leisten. Wissenschaftler*innen, Aktivist*innen, KĂĽnstler*innen und StadtfĂĽhrer*innen beschäftigen sich seit vielen Jahren mit diesem Thema und haben vielfach eine groĂźartige und oft zu wenig beachtete Pionier- und Forschungsarbeit geleistet. Das Projekt knĂĽpft an diesen Arbeiten an. www.re-mapping.de
von Anke Schwarzer | Jungle World, 20.05.2021 Â Â Â
Nach jahrelangen Debatten hat Deutschland als erstes Land angekĂĽndigt, geraubte Kunstwerke aus dem ehemaligen Königreich Benin an das heutige Nigeria zurĂĽckgeben. Einige Beobachter hegen Zweifel, ob die RĂĽckgabe vollständig erfolgen wird.                        Â
Ein mit Bundesmitteln finanziertes Projekt zur Demokratiegeschichte hat die Kritik postkolonialer Gruppen auf sich gezogen.
Von Anke Schwarzer | Jungle World, 04.03.2021
Was haben der frühere bayerische Ministerpräsident und Oberleutnant der Wehrmacht, Franz Josef Strauß (CSU), die antifaschistische Schriftstellerin Erika Mann, der jüdische Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld und die afrodeutsche Dichterin May Ayim gemeinsam? Alle vier zählen zu den »100 Köpfen der Demokratie«, die die Arbeitsgemeinschaft (AG) »Orte der Demokratiegeschichte« seit vergangenem Herbst auf ihrer Website vorstellt.
Anya is live and ready to show you everything. Watch her strip, dance, and perform exclusive shows just for you. Interact in real-time and make your fantasies come true.
âś“ Live Streamingâś“ Interactive Chatâś“ Private Showsâś“ HD Qualityâś“ Free Actions
Free to watch • No registration required • HD streaming
In vielen Ländern werden Statuen von Befürwortern der Sklaverei oder des Kolonialismus umgestürzt. Auch Deutschland war eine Kolonialmacht, doch Ehrungen für deren Vertreter haben bislang nur wenige Menschen irritiert.
von Anke Schwarzer | 02.07.2020, Jungle World
Seit Wochen demonstrieren Tausende Menschen weltweit gegen Rassismus und Polizeigewalt. Anlass war der Tod von George Floyd, der am 25. Mai in Minneapolis bei einer Festnahme starb, weil der Polizist Derek Chauvin mehr als acht Minuten lang auf seinem Nacken kniete.
In  Neuseeland, den USA, Martinique, SĂĽdafrika, Belgien, England und Spanien wurden bei den Protesten im Juni zahlreiche Denkmäler von ihren Sockeln gestĂĽrzt; eine Praxis, die es bereits seit ein paar Jahren gibt:  Columbus, Konföderierte, Menschenhändler und Besitzer von versklavten  Afrikanern sowie andere Kolonialisten und Rassisten. Manche wurden mit  Farbe besprĂĽht, andere enthauptet. In den meisten Orten haben sich  lokale Initiativen, etwa von First Nations und Menschen afrikanischer  Herkunft, bereits jahrelang – meist erfolglos – um eine Entfernung von  Monumenten bemĂĽht, die Sklaverei und Kolonialismus gloriÂfizieren.  Mittlerweile haben einige Stadtverwaltungen Denkmäler abgebaut, die  sonst zu Schaden hätten kommen können, etwa in London die Statue von  Robert Milligan, einem schottischen Kaufmann, der im 18. Jahrhundert  ÂZuckerplantagen auf Jamaika besaĂź, auf denen mehr als 500 Afrikaner  Âversklavt waren.
Und in Deutschland? Hierzulande wimmelt es von Wilhelms und Ottos. In  Parks und auf Plätzen stehen mehrere Hundert Statuen des preuĂźischen  ÂMinisterpräsidenten und ersten Kanzlers des wilhelminischen Reichs,  Otto FĂĽrst von Bismarck, des Sozialistenverfolgers, preuĂźischen Siegers  über Frankreich und Ă–sterreich sowie Gastgebers der Berliner  Afrika-Konferenz 1884/1885. Das Schlussdokument der KonÂferenz, die  Kongoakte, bildete die Grundlage fĂĽr die Aufteilung Afrikas in Kolonien.  Allein in Hamburg gibt es drei Statuen von Bismarck, dazu mehrere  Denkmäler und BĂĽsten des einstigen deutschen Kaisers Wilhelm I. In  Kirchen hängen koloniale GedenkÂtafeln; in Museen stehen BĂĽsten von  Wissenschaftlern und Spendern, die rassistische und koloniale  Bestrebungen vorangetrieben haben. Nicht selten waren sie eng  verflochten mit dem Aufstieg des antisemitischen Nationalsozialismus. Es  finden sich auch StraĂźennamen, die Akteure des Sklavenhandels ehren,  wie Hinrich van der Smissen, Joachim Nettelbeck oder Heinrich Carl  Schimmelmann.          Â
Es ist in Deutschland dennoch schwer, all die Ehrungen fĂĽr Verfechter  des Kolonialismus und Rassismus zu entfernen. Es fehlt an Bewusstsein  dafĂĽr, dass Deutschland nicht nur eine postnationalsozialistische,  sondern auch eine postkoloniale Gesellschaft ist. Das KĂĽnstlerkollektiv  Peng! und die InitiaÂtive Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) haben  Ende Juni eine Landkarte erstellt, die die groĂźe Zahl kolonialer  Ehrungen deutlich machen soll. Das Projekt ist partizipativ und wird  ständig erweitert. Im Deutschlandfunk sagte Simone Dede Ayivi (ISD), es  gehe bei der Aktion nicht um das Vergessen oder darum, Geschichte  auszulöschen. Es solle vielmehr an die Zeit des Kolonialismus erinnert  werden. »Deutschlands Kolonialgeschichte darf nicht aus dem Stadtbild  verschwinden. Im ÂGegenteil. Die Grausamkeit des Kolonialismus muss  sichtbar gemacht Âwerden, der Opfern soll gedacht werden, der  antikoloniale Widerstand und der fortwährende Kampf gegen Rassismus  sollen geehrt werden«, heiĂźt es auf der Website des Projekts. Gleichwohl  stellt sich die Frage nach dem Umgang mit den steinernen Lobpreisungen  von Personen. Darf man sie stĂĽrzen, beschmieren, demolieren?
Es fallen harsche Worte in diesen Tagen – die DenkmalstĂĽrze seien  »barbarisch« und »gewalttätig«. Manche sprechen gar von »Zensur« und  übersehen, dass es bei der momentanen ÂBewegung nicht um staatliches  Handeln geht. Gleichzeitig werden Figuren, die fĂĽr rassistische Gewalt  und Sklaverei stehen, wie Heinrich Graf von Schimmelmann, Vasco da Gama  und Christoph Columbus in der Ă–ffentlichkeit mit Monumenten und  StraĂźennamen zelebriert. Was ist dagegen schon die »Gewalt« einer  SprĂĽhdose? Ob hingegen die nächtliche Enthauptung einer vielfach als  rassistisch stereotypisierend und daher als erniedrigend kritisierten  Skulptur in Berlin-Zehlendorf symbolisch geglĂĽckt ist, darĂĽber lässt  sich streiten. Nicht nur richtet sich dieser Angriff statt gegen eine  koloniale Männerfigur gegen das – völlig zu recht umstrittene – Bildnis  einer afrikanischen Frau aus den zwanziger Jahren, sie erinnert auch an  eine Hinrichtung. Nun soll die Statue in ein Museum kommen.
Der britische Historiker David Olusoga äußerte sich im Guardian  über die Versenkung einer Statue des Sklavenhändlers Colston im Hafen  von Bristol. Er sah eine »historische Symmetrie«; Colston, von dessen  Schiffen auf der Überfahrt verstorbene Sklaven ins Meer geworfen wurden,  »schläft mit den Fischen«. Olusoga betonte: »Das war kein Angriff auf  Geschichte – das ist Geschichte. Es ist einer jener seltenen  historischen Momente, die dazu führen, dass die Dinge nie wieder so sein  können, wie sie waren.« Ob diese optimistische Sichtweise auf  Veränderung berechtigt ist, wird sich zeigen.
Die Stadt Hamburg lässt gerade ein 34 Meter hohes Bismarck-Denkmal –  das weltweit höchste – für viele Millionen Euro herausputzen. Am Sonntag  protestierten 120 Menschen dagegen. Die Gruppen »Intervention  Bismarck-Denkmal Hamburg« und »Decolonize Bismarck« forderten die Stadt  auf, die Sanierung des Denkmals im Alten Elbpark zu beenden und die  koloniale Verstrickung Bismarcks zu beleuchten. Auch an anderen Orten  scheint es für viele ein Frevel zu sein, an Namen, Ehrenbürgerschaften  und Monumenten, die häufig in vordemokratischen Zeiten entstanden sind,  auch nur zu rütteln. Es ist an der Zeit, sich ernsthaft und kontrovers  mit diesen Hinterlassenschaften zu beschäftigten und sich auch mit der  Aussicht anzufreunden, dass viele von ihnen nicht einfach nur mit  kontextualisierenden Texttafeln versehen werden können – zumindest wenn  man die Auffassung teilt, dass der Kolonialismus ein  Menschheitsverbrechen war.
Das ist nun kein Plädoyer fĂĽr ein hektisches Entfernen derartiger  Monumente. Manches braucht Ăśberlegung und Diskussion, und es gibt keine  pauschalen Richtlinien: Der Erhalt und die Pflege eines Denkmals der  Menschenverachtung kann vielleicht im Kontext einer Gedenkstätte  sinnvoll sein. In einer Parkanlage aber muss eine moderne demokratische  Gesellschaft den Mut aufbringen, solche ÂMonumente zu entfernen oder  zumindest umzugestalten. Man kann sie in Depots oder Museen lagern, wenn  man sie nicht zerstören will. Denkbar ist auch, die Denkmäler so  umzugestalten, dass ihre politische Aussage gebrochen und die Kritik  daran deutlich wird – möglicherweise ohne gleich ein ganzes Gegendenkmal  errichten zu mĂĽssen.
Manche erinnert das Stürzen von Statuen auch an den regime chance  von 2003 im Irak, als US-Soldaten beim Einmarsch in Bagdad eine  Monumentalstatue des irakischen Diktators Saddam Hussein niederrissen.  Dabei geht es in der gegenwärtigen Debatte noch nicht einmal um den  Sturz einer Regierungsform oder gar darum, eine Siegerpose einzunehmen –  sondern lediglich darum, die Gleichheitsprinzipien, die sich  demokratische Gesellschaften selbst in die Verfassung geschrieben haben,  im öffentlichen Raum sichtbar werden zu lassen. Oder, mit den Worten  der US-Autorin Kimberly Jones, deren Video »How Can We Win?« im Juni  viral gegangen war: Man solle doch froh sein und zur Kenntnis nehmen,  dass schwarze Menschen keine Rache suchten, sondern lediglich Gleichberechtigung.
Genozid an Ovaherero und Nama: Der Bundestag hat es in der vergangenen Woche abgelehnt, sich bei den Nachfahren der Opfer des Völkermords in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika zu entschuldigen.
von Anke Schwarzer | Jungle World, 28.03.2019
Es war alles andere als ein Showdown nach vielen Jahren der Debatten und Anträge: Die Uhr des Bundestags zeigte bereits Mitternacht an, als am Donnerstag voriger Woche die wenigen verbliebenen Abgeordneten ihre Reden zum Umgang mit dem Völkermord an den Ovaherero und Nama hielten. Die SPD gab ihre Einlassung nur zu Protokoll. Danach lehnte der Bundestag mit den Stimmen der Union, der SPD, der AfD und der FDP den Antrag der Linkspartei mit dem Titel »Versöhnung mit Namibia – Entschuldigung und Verantwortung für den Völkermord in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika« ab. Die Linkspartei und die Grünen stimmten dafür.
Anke Schwarzer | Blätter für deutsche und internationale Politik 6/2018 [pdf]
Es ist ein bemerkenswerter Satz, der im achten Kapitel des Koalitionsvertrags von SPD, CDU und CSU geschrieben steht: „Ohne Erinnerung keine Zukunft – zum demokratischen Grundkonsens in Deutschland gehören die Aufarbeitung der NS-Terrorherrschaft und der SED-Diktatur, der deutschen Kolonialgeschichte, aber auch positive Momente unserer Demokratiegeschichte.“ Zum ersten Mal wird damit das Thema Kolonialismus in einer Regierungsvereinbarung des Bundes explizit erwähnt – fast genau 100 Jahre nach dem Ende der reichsdeutschen Kolonialherrschaft in den Jahren 1918 und 1919.