"Polizei-Arbeit wird stark von Rechtsnormen kontrolliert, schlieĂlich setzt sie das Gewaltmonopol des Staates durch und darf selbst Gewalt anwenden. Das braucht enge Grenzen. Intuitives Handeln ist nur erwĂŒnscht, wenn es regelkonform bleibt. Es ist eine sensible Balance. [..] Ich erlebe in der Ausbildung auch die jungen, ehrgeizigen Studierenden, bei denen ich froh bin, dass sie unter der bĂŒrokratischen Kontrolle des Apparats stehen. Gleichzeitig darf BĂŒrokratie nicht so ĂŒbermĂ€chtig werden, dass sie ÂLethargie und Dienst nach Vorschrift produziert. [..] Das Bild vom helfenden, bĂŒrgernahen Schutzmann wird derzeit von einer sich militarisierenden Polizei verdrĂ€ngt. Dazu passt, dass gleichzeitig versucht wird, eine bessere Kontrolle der Polizei zu verhindern. Ein Motor dieser Entwicklung sind die Polizeigewerkschaften, die im Namen der Sicherheit gröĂere HandlungsfreirĂ€ume und weniger zivilgesellschaftliche Kontrolle fordern: Wir sollen der Polizei vertrauen und sie nicht kritisieren. Wie in anderen Bereichen der Gesellschaft denkt man wieder stĂ€rker in Freund-Feind-Kategorien. Das sind Vorbedingungen zur Militarisierung der Gesellschaft. [..] Man orientiert sich zunehmend wieder an Worst-Case-Szenarien. Die entscheidende Rolle spielt nicht mehr das Wahrscheinliche, sondern das Mögliche. Und möglich ist heute alles. Das fĂŒhrt zu einem verĂ€nderten Verhalten, davon bin ich ĂŒberzeugt. Man geht seit den AmoklĂ€ufen und den TerroranschlĂ€gen von anderen Risiken aus. [..] Doch AufrĂŒstung produziert Ăbertragungseffekte: Wenn man die neuen Einheiten schon mal hat, werden sie auch eingesetzt, auch fĂŒr FĂ€lle, die weder Terror- noch Amok-Lagen sind. Man wird hĂ€ufiger Situationen als lebensgefĂ€hrlich einschĂ€tzen und entsprechend reagieren. [..] Wenn die jungen Leute nach der Ausbildung im Schichtdienst oder in geschlossenen Einheiten bei der Bereitschaftspolizei sind, können monokulturelle Milieus entstehen. Das verĂ€ndert die eigene Wahrnehmung der Gesellschaft. In einer feindlichen Welt steht die Polizei mit dem RĂŒcken zur Wand und hat das GefĂŒhl: Wir sind die letzte Bastion, die die friedlichen BĂŒrger gegen das Böse schĂŒtzt, das ĂŒberall lauert. Mit diesen Gedanken fahren viele Bereitschaftspolizisten jede Nacht raus. Polizeiforscher wie Thomas Ohlemacher beschreiben das als Wagenburg-MentalitĂ€t. Eine Polizei, die so denkt und fĂŒhlt, kann kaum noch lĂ€ssig und offen auftreten. [..] PolizeischĂŒler brauchen Vorbilder. Heute sind die Einheiten der SEKs und BFE+ die Helden. Die neue Leitfigur ist der Krieger im Kampf, nicht mehr der Schutzmann auf Streife. In den Neunzigerjahren hat die Polizei im Auftreten abgerĂŒstet, eine zweistellige Frauenquote erreicht und Migranten eingestellt. Sie wollte ein offener Teil der Gesellschaft sein. Das verschiebt sich wieder zu einem fast soldatischen Bild der Polizei. [..] Im Fernsehkrimi gibt es gern den Moment des plötzlichen Innehaltens â unter der Dusche oder beim Feierabendbier hat der Kommissar dann eine Eingebung, und ein Detail, das er fast ĂŒbersehen hĂ€tte, wird zur heiĂen Spur. Auf solche Eingebungen will sich die Kriminalpolizei nicht verlassen. Der Einzelne kann nicht allein entscheiden. Ermittlungsarbeit muss dokumentiert werden, die Berichte werden gelesen und gegengelesen; das Handeln wird staatsanwaltschaftlich kontrolliert, schon um die Rechte der betroffenen BĂŒrger zu schĂŒtzen. Polizisten werden darauf trainiert, nicht ihren spontanen Regungen nachzugeben, sondern ObjektivitĂ€t und Distanz herzustellen. [..] Im Fernsehkrimi gibt es gern den Moment des plötzlichen Innehaltens â unter der Dusche oder beim Feierabendbier hat der Kommissar dann eine Eingebung, und ein Detail, das er fast ĂŒbersehen hĂ€tte, wird zur heiĂen Spur. Auf solche Eingebungen will sich die Kriminalpolizei nicht verlassen. Der Einzelne kann nicht allein entscheiden. Ermittlungsarbeit muss dokumentiert werden, die Berichte werden gelesen und gegengelesen; das Handeln wird staatsanwaltschaftlich kontrolliert, schon um die Rechte der betroffenen BĂŒrger zu schĂŒtzen. Polizisten werden darauf trainiert, nicht ihren spontanen Regungen nachzugeben, sondern ObjektivitĂ€t und Distanz herzustellen. [..] Es geht um die Verfahrenslogik. Man ermittelt erst mal dort, wo es am vernĂŒnftigsten erscheint. Man hat eine Reihe von Indizien, und einer aus dem Team sagt: âAm wahrscheinlichsten ist diese Möglichkeit, ermitteln wir doch erst mal in diese Richtung.â Das ist kein Ausschluss anderer Optionen, sondern eine im Prinzip vernĂŒnftige Priorisierung. Es kann aber auch vorkommen, dass sich Vorgesetzte oder die politische Leitung durchsetzen, da werden die PrioritĂ€ten schon mal verschoben. [..] Mit der umfangreichen Untersuchung der NSU-Morde hat sich ja auch das Erfahrungswissen der Polizei verĂ€ndert. Das hat auch viel damit zu tun, wie die Polizei organisiert ist. Jede Organisation ĂŒbersetzt Ereignisse in Routinen. Also will sie jedes Ereignis am liebsten so wahrnehmen, dass sie es mit den zur VerfĂŒgung stehenden Routinen abarbeiten kann. Man sieht dann das, was man zu sehen erwartet. Vor sich selbst erfĂŒllenden Prophezeiungen sind auch Polizisten nicht gefeit. [..] Wir wissen aus der Polizeiforschung, dass es etwas wie eine sich selbst bestĂ€tigende Verdachtsschöpfung gibt. Man kontrolliert oder beobachtet die Gruppen besonders intensiv, die man schon einmal erfolgreich kontrolliert hat â weshalb auch immer. Da ist schon die Auskunft, dass die Person in den polizeilichen Datenbanken bekannt ist, ein Erfolg. Das Muster verstĂ€rkt sich mit jeder erfolgreichen Anwendung. Das ist eine selbstreferenzielle Legitimation. Die Wahrnehmung verengt sich auf ein Raster. So etwas wissen natĂŒrlich auch intelligente TĂ€ter. Der ideale Terrorist oder DrogenhĂ€ndler auf der StraĂe ist blond, adipös, weiblich und Ă€lter als 40. So jemand wird selten kontrolliert. Auch das hat nicht zwangslĂ€ufig mit Rassismus zu tun, eher mit nicht reflektierter Intuition. [..] Intuition kreist in gewohnten Bahnen. Sie ist nicht das Gegenteil der Routine, sondern eher seine individuelle ErgĂ€nzung. Wenn Routine die Intuition dominiert, kann sie regelrecht verkĂŒmmern. Polizisten, die bei der Schutzpolizei anfangen, werden dort durch schutzpolizeiliche Kulturregeln sozialisiert. Zum Beispiel sagt ihnen der Vorgesetzte, sie sollen ihre Berichte kurz halten. Dann sei man weniger angreifbar, und der Staatsanwalt wolle auch nicht mehr als zwei Seiten lesen. Also hĂ€lt man sich in den Berichten an wenige, eindeutige Fakten. So können nicht nur wichtige Beobachtungen wegfallen, so geht auch die Lust am Beobachten, an komplizierteren GedankengĂ€ngen und an der eigenen KreativitĂ€t verloren. [..] Dahinter steckt auch kein böser Wille, sondern eine Notwendigkeit. [..] Weil die Organisation Regeln braucht, um zuverlĂ€ssig zu funktionieren. Sie verhindern EigenmĂ€chtigkeit, SchnellschĂŒsse und Ressourcenverschwendung. Aber sie verhindern manchmal eben auch die Freiheit, in ungewohnte Richtungen zu denken. [..] Man muss die polizeiliche Durchdringung der Gesellschaft begrenzen. Wenn die Polizei plötzlich 30â000 Beamte mehr auf der StraĂe hĂ€tte, wĂŒrde nicht etwa die subjektive Sicherheit, sondern zuerst die Fallzahl der Kriminalstatistik steigen. Und die erzeugt wiederum Angst und die Forderung nach mehr Polizei. Wenn wir jeden Menschen unter Generalverdacht stellen, können wir nicht mehr von einer offenen Gesellschaft reden. Die Polizei ist eine notwendige Sicherung fĂŒr den sozialen Frieden in der Gesellschaft â sie ist aber nicht zustĂ€ndig fĂŒr dessen Herstellung."