Bericht von Prof. Dr. Hasso Plattner (mp3)
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Prof. Dr. h. c. mult. Hasso Plattner
bei der Verleihung des Werner-von-Siemens-Ringes
an Joachim Milberg und Hasso Plattner
am 13. Dezember 2018
in Berlin
Herr BundesprÀsident,
liebe Frau von Siemens,
Herr Ullrich,
vielen Dank fĂŒr diese Auszeichnung. Als Sie mich angerufen haben, hat mich das sehr ĂŒberrascht. Ich fĂŒhlte mich sehr geehrt und habe sofort gegoogelt. Was ist denn der Siemens-Ring? Wer hat ihn gekriegt? Naja, keine Frage, eine illustre Gesellschaft. Und heute in der Stiftungsratssitzung wurde ja auch das Thema angesprochen, wie sich eine solche Auszeichnung im Zuge der MachtverhĂ€ltnisse â oder der politischen VerhĂ€ltnisse â verschieben kann, wenn ich es mal so vorsichtig formuliere.
Ich bin sehr dankbar, dass ich in einer Zeit lebe, in der es diese potenzielle Gefahr nicht gegeben hat. Also, geboren 44 habe ich in meinem Leben im Wesentlichen in Frieden gelebt.
Mein GroĂvater war Maschinenbauingenieur. Mein Vater war Augenarzt. Und ich wusste nicht, was ich werden wollte. Also habe ich mein bestes Fach von der Schule genommen und mich in Karlsruhe fĂŒr Physik eingeschrieben. Dann traf ich â noch in meiner, in der Stadt, in der ich Abitur machte, Konstanz am Bodensee â jemanden, der schon in Karlsruhe Physik studierte. Und der sagte mir, ich sollte nicht Physik studieren sondern Elektrotechnik. Es ist vor kurzem der Transistoren erfunden worden, der wird die Welt verĂ€ndern und da sollte ich sofort draufzugehen. Also fuhr ich nach Karlsruhe und Ă€nderte meine Einschreibung von Physik nach Elektrotechnik. Fiel mir schwer am Anfang. Vieles im Studium in den ersten zwei Semestern war das Gleiche, was ich schon in der Schule hatte, also langweilig. Und dann gab es FĂ€cher, die mich nicht so begeistert haben. Und die wurden auch klein gehalten in Karlsruhe. Darstellende Geometrie! Warum ein Elektrotechniker eigentlich zeichnen muss? Na gut.
Ich mache Vordiplom in Karlsruhe. Als Berliner, denke ich mir âJetzt kannste doch wieder zurĂŒck nach Berlinâ. Möchte mich also an der TU in Berlin einschreiben fĂŒr das Hauptstudium Elektrotechnik. Und da ist eine lange Schlange und da ist eine Dame, die hinter einem kleinen Fenster sitzt und meine Zeugnisse anguckt und sagt: âJa da fehlt ja Darstellende Geometrie!â. Und da sage ich: âMit allem Respekt, aber ich studiere Elektrotechnik und jetzt Nachrichtentechnik und wir beschĂ€ftigen uns also mit den Transistoren.â Nein, also ich mĂŒsste das nachholen und wenn ich das dann habe, dann kann ich wieder bei ihr vorbeikommen.
Das war mein Ende auf vom Berliner sein. Es ist wirklich so gekommen. Auf Wiedersehen. Wieder in den Zug. ZurĂŒck nach Karlsruhe in die von einer Berliner Perspektive vielleicht etwas Diaspora. Wir hatten damals 8.000 Studenten und vielleicht 80 Studentinnen an der UniversitĂ€t in Karlsruhe. Aber dennoch, ich muss heute sagen: Ich bin sehr dankbar fĂŒr die Ausbildung, die ich genossen habe, insbesondere die Ausbildung im Hauptstudium. Und wir haben festgestellt in der Stiftungsratssitzung und gestern beim Abendessen, wie viele in Karlsruhe studiert haben und wie viele in Karlsruhe studiert hĂ€tten, wenn sie nicht in den Urlaub gefahren wĂ€ren. Herr Ullrich hat die Einschreibefrist verpasst.
Ich habe also in Karlsruhe abgeschlossen. Ja, ich wollte eigentlich an der Hochschule weitermachen, habe aber mit dem damals relativ berĂŒhmten Professor Steinbruch in der mĂŒndlichen PrĂŒfung, bin ich in einen Streit verfallen. Ich will den kurz erzĂ€hlen, weil er fĂŒr Elektrotechniker lustig ist. Damals wurden also Computerspeicherelemente mit Ferritkernen gemacht. Und je nachdem wie rum also nun die Magnetisierung des Ferritkerns war, wurde die 1 oder die 0 beschrieben. Und da fragt mich der Professor: âWas passiert dennâŠâ â das ist das, was ich gehört habe â âWas passiert denn, wenn der Ferritkern immer kleiner wird?â Dann habe ich gesagt: âDann wird die Hystereseschleife immer kleiner.â Was soll ich auch anderes sagen. Wird ja immer kleiner! Er hat spĂ€ter gemeint, er hat gesagt: âWenn der Ferritkern immer dĂŒnner wirdâŠâ. Und dann hĂ€tte ich sagen sollen: âDann wird die Hystereseschleife immer steiler und immer rechteckiger.â Also habe ich nur eine 2,5 bekommen. Das war ja nicht so schlimm. Aber meine drei NachhilfeschĂŒler haben alle eine 1 bekommen. Und einer davon sofort nach der PrĂŒfung eine Doktorandenstelle.
Ich muss gestehen, dass ich MĂŒhe hatte, das letzte Fach, was ich noch nicht mit einer PrĂŒfung abgeschlossen habe, noch hinter mich zu bringen: Starkstrommotoren. Also fĂŒr einen Nachrichtentechniker etwas SchwerfĂ€lliges. Also ich habe es hinter mich gebracht. Bin zu IBM gegangen. Warum bin ich zu IBM gegangen? Die haben 200 DM mehr geboten als Siemens. Heute, rĂŒckblickend, der Job bei Siemens wĂ€re ungleich besser gewesen. Ich hatte damals das Angebot, nach Amerika zu gehen, in Amerika ein neues Betriebssystem â hieĂ dann spĂ€ter BS2000 â kennenzulernen, nach Deutschland zu bringen mit einem neuen Rechner der nĂ€chsten Generation. Und das habe ich eingetauscht â mit etwas mehr Anfangsgehalt bei der IBM. Wurde nach Mannheim vertrieben. Und wollte nach sechs Wochen kĂŒndigen.
Ich musste mit Maschinen arbeiten aus schwerem Eisen, in die man auf einer Seite die Lochkarten rein steckte. Und wenn die dann angeschlossen wurden an eine andere Maschine aus schwerem Eisen, die drucken konnte, dann konnte man also aus den Lochkarten und mit Hilfe eines sehr schlichten Steckmechanismus also etwas mit den Lochkarten machen, und das Ausdrucken auf dem Papier. Und ich hatte in Karlsruhe auf dem damals schnellsten deutschen Rechner arbeiten dĂŒrfen â auĂer Garching, die hatten noch einen schnelleren. Und also, ich bin zu meinem Chef gegangen und habe gesagt: âAlso, das wird nix hier.â Und das in der Weihnachtsfeier. Da hat er mich an die Hand genommen und sagt, also er stellt mir jetzt mal ein paar Leute vor, die auch aus Karlsruhe sind und die auch Elektrotechniker sind. Und ich sollte doch mal langsam machen. Und der eine, den er mir vorstellte, war der Dietmar Hopp. Und der sagte: âMensch, also, komm jetzt bleib mal noch mal hier. Also, das gucken wir uns mal gemeinsam an.â Und, er gab mir dann â ich blieb dann â gab mir dann in der nĂ€chsten Woche nach Weihnachten einen SchlĂŒssel. Den SchlĂŒssel zur Stockwerkbibliothek.
In jedem Stockwerk bei der IBM in Mannheim gab es eine kleine Stockwerkbibliothek. Ich kriegte diesen SchlĂŒssel. Schloss auf. Musste die Newsletter, die von Amerika kamen, die englischen Newsletter, einsortieren. Also in die richtige BroschĂŒre, an die richtige Seite. Die alte Seite raus, die neue Seite rein. Naja, so doll war die TĂ€tigkeit nicht. Aber, ich fing an zu lesen, rechts und links. Also was war denn vor der Sache, die geĂ€ndert wird, und hinterher und was wurde denn geĂ€ndert. Oder manchmal gab es auch eine ganz neue BroschĂŒre. Da gab es eine ganz neue BroschĂŒre ĂŒber einen Rechner, den es noch gar nicht gab. IBM 85. Der wurde dann spĂ€ter berĂŒhmt, weil er verboten wurde von Staatswegen zu bauen, wegen Ăberlappung mit Control Data Systems. Aber ich hatte diese BroschĂŒren. Und das war die Zukunft von Rechnern fĂŒr kommerzielles Rechnen. Wahrscheinlich fĂŒr die nĂ€chsten zehn Jahre. Virtuelles Betriebssystem!
Ich lernte also auf indirekte Weise etwas kennen, was mich dann zwei Jahre spĂ€ter, oder drei Jahre spĂ€ter, in die Lage versetzte, mit Dietmar Hopp und drei anderen Kollegen die Systemanalyse und Programmentwicklung zu grĂŒnden. Und dann haben wir einfach angefangen zu bauen, Software zu bauen. Wir hatten vorher schon das Erlebnis, dass man nicht nur etwas bauen kann, was es schon gibt und verbessern, sondern dass man etwas ganz Neues machen kann. Das war mehr so unbewusst. Also, wir bauen das erste Realtime-Vertriebssystem in Deutschland. Das war noch unter der IBM. Und da haben wir gedacht: Also das kann man ja ausbauen. Und haben dann unheimliches GlĂŒck â also ich muss ĂŒberhaupt erstmal Danke sagen, dass ich immer GlĂŒck gehabt habe. Also bis jetzt lĂ€uft alles mit GlĂŒck. Und jetzt ist auch noch die Firma, bei der wir arbeiten, ICI in Ăstringen, sĂŒdlich von Mannheim, unsere Heimat.
Die ICI ermöglicht es uns, praktisch frei, uns zu entfalten und fĂŒr sie Systeme zu bauen. Systeme, die dann Nutzen fĂŒr die Mitarbeiter bringen oder Nutzen fĂŒr die Firma. So bauen wir also unsere ersten Systeme, die dann spĂ€ter ERP-Systeme heiĂen. Wir bauen unsere ersten Systeme, die wir verkaufen. Wir waren damals gleichzeitig Softwareentwickler, Kundenberater und Vertriebler.
Dietmar war sehr gut im Vertrieb. Wir hatten in einem schwierigen Jahr 81 eine kleine Krise. Wer sich da erinnert, die IG Metall streikte. Und fĂŒr sechs Monate gab es ĂŒberhaupt kein GeschĂ€ft fĂŒr uns im Maschinenbau. Und ich kam Weihnachten zur Weihnachtsfeier von drei Kundenbesuchen, sollte drei AbschlĂŒsse bringen und brachte keinen. Das war eine Krise. Die sind alle spĂ€ter gekommen! Aber nicht zu diesem Zeitpunkt.
Wir haben uns davon berappelt. Eine Zeit, die heute gar nicht mehr geht. Denn wir haben von Anzahlungen gelebt und wir haben von Anzahlungen den Mitarbeitern eine JahresprÀmie gegeben und haben halt auf unser Gehalt verzichtet.
Und so ist also aus dem R/1 ein R/2 geworden und spĂ€ter ein R/3, SAP nach Amerika gegangen. Ich bin mit dem R/3 nach Amerika gegangen und wir haben da einen ganz groĂen Erfolg gehabt. Es war wie im Flug zum Mond. Im August hatten wir typischerweise â das ist so 96 â das Ergebnis des Vorjahres schon ĂŒberholt. Das heiĂt also, die nĂ€chsten vier Monate waren Nettogewinn. Wachstum! Wenn man so wĂ€chst, kann man ja managementmĂ€Ăig gar nichts falsch machen, sondern nur anschnallen und den SteuerknĂŒppel festhalten. Das Ă€nderte sich dann ein bisschen bei der AnnĂ€herung an das Jahr 2000. Alle hatten Angst davor, was passiert. Nichts ist passiert! Und danach sind wir in ein intellektuelles Loch gefallen. Was machen wir denn jetzt? Fast jeden Tag habe ich mit meinem damaligen Kollegen Henning Kagermann diskutiert. Können wir denn nochmal was Neues bauen? MĂŒssen wir nicht was ganz anderes machen? Eine schwere Zeit!
Und damit komme ich zu meinen Beobachtungen, was in einem technischen Beruf im Ingenieurwesen aus meiner Sicht besonders wichtig ist. NatĂŒrlich die FĂ€higkeit, Sachen zu verstehen. Sachen, Dinge zu verbessern. Japanisches Kaizen, stĂŒckweises verbessern, wird zu einer neuen QualitĂ€t. Es ist aber eben nicht ausreichend.
Die Geschichte Ă€ndert sich so stark, dass es an bestimmten Punkten in der Geschichte â Andy Grove hat sie inflection points genannt â es nicht ausreicht, ein System einfach zu verbessern. Sondern man muss einmal grundsĂ€tzlich darĂŒber nachdenken, ob man nicht was anderes machen muss, ja was anderes machen kann. Und dieses Ausbrechen an den inflection points, glaube ich, ist fĂŒr einen Ingenieur oder die Ingenieure in einer Firma eine ganz wichtige Tugend.
RĂŒckblickend kann ich sagen, dass wir fast alle inflection points ganz gut getroffen haben. Ich habe sie immer â war immer mein favorite Sport, den ich nie richtig ausgeĂŒbt habe, Wellenreiten â ich habe immer das Bild vor Augen gehabt: Man sitzt da drauĂen auf seinem Board, im Wasser, und wartet bis die richtige Welle kommt. Und wenn sie dann kommt, dann muss man Gas geben, um auf der Welle zu sein. Wer da nicht schnell paddelt, dann ist die Welle weg. Also den inflection point erahnen und dann aber mit aller Kraft voran.
Am besten haben wir das getroffen mit dem System R/3. Plötzlich werden die Computer kleiner, billiger. Jeder kann sich, oder viele können sich nun einen Firmencomputer leisten und damit explodierte unser Potenzial.
Wir haben in Rekordzeit, in 3 Jahren, ein neues System gebaut. Dieses System wurde dann Basis fĂŒr den Welterfolg der SAP. Also, stetiges verbessern und gleichzeitig den Mut haben zu komplett Neuem. Wird ĂŒbrigens erforscht und gelehrt an der Stanford UniversitĂ€t im Programm âDesign Thinkingâ, wie man Leute befĂ€higt, aus der Box heraus zu denken und, Herr Milberg, Sie hatten das ja auch so deutlich beschrieben.
Das Zweite ist das Arbeiten im Team. Wir Ingenieure erfinden nicht nur etwas, beschreiben etwas, sondern mĂŒssen es auch bauen und wir mĂŒssen es fertig bauen und es muss funktionieren am Ende um seinen Zweck zu erfĂŒllen und in irgendeiner Weise oder Form einen Einfluss auf unser tĂ€gliches Leben zu haben und das zu verbessern. Das geht nicht mit EinzelkĂ€mpfern. Das geht nicht alleine, nicht mit EinzelkĂ€mpfern, sondern es muss im Team gearbeitet werden. Viel ist darĂŒber geschrieben worden. Erfahrung, die wir gesammelt haben und immer wieder neu sammeln mĂŒssen, ist: Ja, Teams sind hierarchisch organisiert. Es muss einen Teamleiter geben. Aber eben, so wenig ausgeprĂ€gt wie möglich. So viel Mitnehmen der Anderen im Team. Again, in diesem Stanford âDesign Thinkingâ Programm wird geĂŒbt, wie die Teams möglichst flach bleiben, damit alle Teammitglieder zumindest das Potenzial haben, beizutragen und nicht versuchen mĂŒssen, der Hierarchie entlang zu folgen. Und immer wieder, wenn das passiert in einer Firma, die Hierarchieebenen wachsen, fĂ€ngt eine Firma an zu verkrusten. Also ich habe das schon ein paar Mal erlebt und viele andere sicher auch, dass damit Innovationen, um die es nun geht, und das Bauen von innovativen Systemen behindert wird, weil nicht alle, die eigentlich was dazu beitragen könnten, es richtig können. Weil sie behindert werden durch die hierarchischen Ebenen, Angst haben, oder von jemandem, der sagt: âDas braucht man nicht.â Auch das ist bei uns ganz hĂ€ufig gewesen: âAlso das braucht man nicht.â âAlso bei uns braucht man das nicht.â, wenn jemand eine Idee hatte, dass man etwas eigentlich anders machen mĂŒsste.
Also das muss man â wie das Erkennen von inflection points â das muss man frĂŒh ĂŒben in der Ausbildung und ich bin sehr froh, dass an vielen Stellen in der Ausbildung heute das Arbeiten im Team sehr weit vorne steht. Wir haben in Stanford gelernt, dass die Teams im Engineering zum Beispiel nicht nur aus Ingenieuren bestehen sollten. Also als erstes war es mal, dass die Teams geschlechterunabhĂ€ngig sein sollten. Es ist immer gut, wenn ein paar Frauen im Team sind. Es hat kommunikationstechnische Vorteile. Und auch die Stimmung im Team ist vielleicht etwas weniger aggressiv.
Heute in unserer Disziplin â also der Software, benutzerorientierter Software - es geht nicht ohne die Benutzer, es geht nicht ohne die Doms . Das DomĂ€nenwissen derer, die dann die Software verwenden sollen. Wir bauen gerade in Potsdam an einem Patienteninformationssystem: Also die Informationen, die Patienten in ihrem Leben einsammeln, dass man die abspeichern und verwenden kann. Die, die sie verwenden werden, sind dann Mediziner. Und man kann ein solches System nicht bauen ohne Mediziner. Also habe ich als Erstes mal drei LehrstĂŒhle in Potsdam eingerichtet fĂŒr die Digital Health. Und jetzt kommen drei weitere in New York dazu, weil dort, Herr Steinmeier, die Gesetzgebung etwas anders ist bezĂŒglich der Behandlung von sensiblen Daten. Es ist also nicht so, dass die Amerikaner damit locker umgehen, aber sie tun einem nicht FuĂschellen und handcuffs anlegen, bevor man ĂŒberhaupt angefangen hat. Also, das Bild, so schlimm ist es nicht. Aber das sind Probleme. Und das geht eben nur mit domain knowledge. Und wir mĂŒssen im Team zusammenarbeiten. Ganz interessant: Wir sprechen völlig unterschiedliche Sprachen. Mediziner und Informatiker, also die mĂŒssen erstmal lernen, dass Englisch nicht ausreichend ist.
Eine dritte Eigenschaft, die man als Ingenieur braucht, ist das Zuhören und das Verstehen, was Nutzer eigentlich haben wollen. Was ihnen gefÀllt, ob das bei ihnen im Auto ist oder bei uns am Bildschirm.
Wir Deutsche haben extreme Schwierigkeiten, mehr als andere, richtig auf Benutzer einzugehen. Wir glauben, wir deutschen Ingenieure glauben, wir wissen das eigentlich besser. Wir haben mal kurz studiert, was denn eigentlich die Sache ist und dann wissen wir das. Und dann machen wir das. Und dann bauen wir Systeme, die zu kompliziert sind, die nicht gemocht werden, die abgelehnt werden. Also, wir kĂ€mpfen seit 25, 30 Jahren an der Front, an der BenutzeroberflĂ€che. Und obwohl wir gute Ingenieure sind: Da machen uns die Amerikaner was vor! Warum ist das am Anfang kein Problem gewesen fĂŒr uns? Na ganz einfach: Wir haben in einer Firma gesessen. Wir haben mittendrin gesessen in den Leuten, die unsere Software bedient haben. Und wir haben jeden Tag gesehen, wie die eigentlich reagieren. Und wenn die Mundwinkel runter gegangen sind oder die knorrig gekocht haben, dann war also die Software nicht gut genug. Oder wenn die gesagt haben âHigh five!â, dann hat man also einen Hit gemacht. Wir brauchen dieses Feedback. Und wir brauchen das VerstĂ€ndnis, dass Benutzer eben nicht unerfahrene Menschen sind â wenn man die genĂŒgend trainiert, dann können die das schon, mit dem System umgehen. Also trainieren möchte heute keiner mehr. Auch ein Auto: Wenn man eins kauft, setzt mach sich rein und fĂ€hrt. Da liest man doch nicht erst das Buch, oder? Also die Freude am Fahren kommt bei mir nicht beim Lesen vom Manual!
Und dann kommen wir zu einem Punkt â Herr Milberg hat das schon angesprochen, und ich habe also auch zurĂŒckgeblickt, die 45 Jahre: Wo sind denn Probleme entstanden? Probleme sind ganz oft entstanden, wenn die Wahrheit nicht die Basis der Kommunikation war. Wenn also Geschichten erzĂ€hlt wurden, wenn â heute im neuenglisch â fake news verteilt wurden, oder auch nur wenn Botschaften gefĂ€rbt wurden. Das hat fĂŒrchterliche EinflĂŒsse, negative EinflĂŒsse auf die Entwicklung eines Produktes und fĂŒhrt letzten Endes zum Chaos. Und wir haben ja nun genĂŒgend gehört darĂŒber in den letzten Monaten. Also, Engineering geht nur auf Fakten, so wahr, wie sie sind. Die mĂŒssen ausgetauscht werden. Und nicht politisch. Das ist jetzt nicht Ihre Politik, sondern firmenpolitisch eingefĂ€rbt werden. Das behindert, fĂŒhrt auf den falschen Weg und muss so wie die falschen Hierarchien immer wieder bekĂ€mpft werden.
Am Ende einer Engineering-TĂ€tigkeit kann es die groĂe Freude gebt. NĂ€mlich die Freude, etwas erdacht zu haben, es gemacht zu haben, es gebaut zu haben und jetzt funktioniert es auch noch. Das kauft sogar einer! Wer mit der Eisenbahn gespielt hat, also wenn sie endlich zusammen gesteckt war und dann im Ring rumfuhr â meine war ganz klein. Ich hatte einen Klassenkameraden der hatte eine inklusive Krokodil, wer das noch kennt. Eine Eisenbahn, fantastisch! Er ist aber nicht Ingenieur geworden. â also die Freude am Bauen, etwas das dann funktioniert, also jeder der in die Informatik hineingeht und sein erstes Programm schreibt und sagt âMensch, das funktioniert ja!â. Das tut was und funktioniert. Und da kommt ein Ergebnis raus und das stimmt sogar. Das ist ein GlĂŒcksgefĂŒhl. Es gibt andere FĂ€cher, also das Bauen eines Hauses zum Beispiel, ist also auch eine Sache, die viel SpaĂ macht, wenn es dann steht und nicht zusammenfĂ€llt und nicht reinregnete. Also das Bauen macht uns SpaĂ. Das bauen von Dingen macht uns SpaĂ. Wenn es ein positives Feedback gibt von denen, die das was wir gebaut haben, nutzen. Aber, wir mĂŒssen als Letztes auch daran denken, dass wir eine soziale â und sie hatten das erwĂ€hnt â eine soziale Verantwortung tragen. Was wir bauen, wenn es dann im Einsatz ist, das ist nicht, dass wir uns nun davon lösen können und sagen: âGut, also verkauft so viel wie möglich davon.â Sondern wir mĂŒssen weiter beobachten, was wird denn damit passieren. Ich war immer der Meinung, dass wir politisch im Westen dem Osten ĂŒberlegen sind, weil wir das bessere Fernsehen haben. Weil wir mehr Informationsfreiheit haben und die verteilen und irgendwann muss das sich mal positiv Auswirken. Im Nachhinein war es also nicht so sehr die Ăberlegenheit unserer Fernsehgesellschaft, sondern vielleicht mehr die Pershing-NachrĂŒstung.
Was jetzt passiert ist in den letzten 15 Jahren mit den sozialen Systemen, die wir gebaut haben, die mit einer Begeisterung von Milliarden von Menschen genutzt werden, ist was ganz MerkwĂŒrdiges passiert. Statt die Informationen noch weiter zu verbreiten, noch mehr Menschen zu informieren ĂŒber das Wichtigste, ĂŒber das Richtige oder auch nur ĂŒber das, was SpaĂ macht zu lesen oder anzuschauen. Plötzlich reduziert sich unsere Informationsaufnahmebereitschaft. Wir lesen. Es fĂ€ngt also an mit den â ich weiĂ gar nicht wie viele es waren â 94 Zeichen: Textmessages. Dann Emojis. Wir verarmen. Kaum einer liest ein Buch. Kaum einer beschĂ€ftigt sich mit einer Sachfrage lĂ€nger als ein paar Sekunden. Und fake news ĂŒberall. Was in Amerika passiert ist in den letzten zwei Jahren, muss ein Lehrbeispiel fĂŒr die Soziologen sein aber auch die Techniker, da was zu machen. So geht es nicht weiter in diese Richtung. Wir brauchen â wie immer vielleicht â nach dem EinfĂŒhren von radikalen neuen Techniklösungen, ob Dampfmaschine, ob Auto oder Flugzeug oder Atommeiler: Danach gab es neue Gesetze. Danach gab es neues Recht.
Wir haben die Welt mit diesen sozialen Netzwerken so stark verĂ€ndert, dass wir ĂŒber die sozialen Folgen wirklich ernsthaft Nachdenken mĂŒssen. Wird auch gemacht. Aber es muss auch gehandelt werden. Das sind die Grenzen, die passieren können, von dem, was wir tun. Also mit der Dampfmaschine sind die Kessel in die Luft geflogen. Mit dem Auto ist ja alles gut gegangen. Nicht? Mit dem Flugzeug haben wir lernen mĂŒssen, wie QualitĂ€t wirklich funktionieren muss. Wenn im Flugzeug was kaputt ist, kann halt nicht mehr gut landen. Und, naja, mit den Atommeilern haben wir ja auch gelernt und unsere SchlĂŒsse daraus gezogen.
Also, der Ingenieur, die Ingenieure haben eine Verantwortung auch nachdem sie etwas erfunden, gebaut und verkauft und in den Markt gebracht haben. Die Freude, von der ich gesprochen habe, die treibt uns voran. Und ich finde das gut, Herr Milberg. Wir haben sowieso ab und zu fast synchrone Meinungen zu Dingen.
Als die SAP vor zehn Jahren einmal in einer Krise war, habe ich in einer Rede an die Mitarbeiter gesagt â also es gab eine Ănderung im Vorstand und im Vorstandsvorsitz. Und ich habe gehofft, dass die Neuen â Jim war dabei â als sie das Amt ĂŒbernommen haben, die SAP wieder zurĂŒckfĂŒhren zu einer Firma, wo die Mitarbeiterâ Freude haben. Menschen, die Freude haben, arbeiten vielleicht 120% erfolgreich. Menschen, die keine Freude haben, also sicher unter 80%. Es ist so gewaltig der Unterschied zwischen.
Das Wort âglĂŒcklichâ ist ein bisschen oder kann falsch verstanden werden. Ich habe es damals gewĂ€hlt, weil ich âhappyâ in Englisch gesagt habe. Es so wichtig, dass wir in unserer Gesellschaft auch Freude haben, insbesondere in einer Firma Freude an dem, was wir machen. Freude an dem was wir machen wollen. Und so ganz verstehe ich nicht, was weltweit die Menschen bewegt, dass sie sich so abgehĂ€ngt fĂŒhlen. Das kann sein, dass wir mit unserer Informatik, in unseren digitalen Prozessen tatsĂ€chlich Leute, die keine Ader dafĂŒr haben, nicht verstehen, dass wir sie emotional abhĂ€ngen. Wenn das so ist, dann mĂŒssen wir das erkennen und dagegen etwas tun. Aber an sich ist es schlecht, wenn groĂe Teile der Bevölkerung meinen, es geht uns eigentlich nicht gut. Es ist eigentlich keine Freude mehr da, sie sind knorrig, wir mĂŒssen aus der EU austreten. Haben wir noch keine Freude mehr. Da sind also Probleme, die jetzt nicht vom Engineering gelöst werden können. Aber wir sind mit dabei!
Wir haben gestern in der Stiftungsratssitzung ein bisschen darĂŒber diskutiert: Wir sollten, wir mĂŒssen die Ăffentlichkeit positiv einstimmen, ĂŒber unsere Zukunft positiv, ĂŒber das, was wir machen können, was wir machen mĂŒssen. Denn sonst verbruzzeln wir unsere eigenen geistigen KapazitĂ€ten. Ja und die Chinesen sind so weit weg, dass wir sie nie mehr sehen.
Schönen Dank!
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