Adventskalendergeschichten
18. Dezember
------------------------- .:: Meeresfärbung ::. -------------------------
„Als ich klein war, erzählten die etwas älteren Jungtiere gruselige Geschichten von Monstern, die uns Pilotwale einkreisen und uns an die Küste und in den Tod treiben. Sie erzählten vom Meer und dass es sich rot färbt, vom Geruch nach Blut, das man noch viele kilometerweit wittern kann. Sie haben davor gewarnt, dass man, wenn sie kommen, um uns in den Untergang zu treiben, so schnell man kann ins offene Meer hinaus schwimmen soll.
In meiner Fantasie malte ich mir die schrecklichsten Monster aus, die mit Zähnen scharf wie die von Haien auf uns Jagd machen. Kreaturen größer als alle Meeresbewohner die wir kennen und gnadenloser, als der hungrigste Jäger. Ich stellte mir vor, wie meine Artgenossen an den Strand getrieben werden und sich an Felsen und dem Boden außerhalb des Wassers ihre Körper zerschneiden. Ich stellte mir all das vor und hatte nicht selten Albträume, als ich noch klein war.
Mit dem älter werden, verlor ich meine Angst. Ich bin inzwischen groß und stark und fürchte mich nicht mehr vor Monstern. Meine Umgebung und alle Tiere die mit mir dort leben, sind mir vertraut. Keine schattenhaften Kreaturen leben darunter, die zu gigantischer Größe erwachsen können, um mich und meine Familie in Stücke zu reißen. Wir leben, zufrieden in unserer starken Gemeinschaft.
Als sie kommen, habe ich die Gruselgeschichte der damaligen Jungtiere beinahe vergessen. In meiner Fantasie hatten die Monster auch keinerlei Ähnlichkeit mit dem, was uns jetzt durch die Wellen hetzt. Meine Familie und ich sind auf der Flucht. Wir schwimmen, so schnell wir können und ich merke, dass wir dem Land näher kommen. Sie treiben uns in einen Fjord! Die schnellsten unter uns, haben die Insel beinahe erreicht. Die Insel bedeutet das Ende!
Ich schreie in die panische Menge und warne sie davor, weiter zu schwimmen, aber unsere Verfolger lassen uns keine Wahl. Der Geruch von Blut steigt mir bereits in die Nase und ich weiß, dass sich das Meer färben wird. Wir hier hinten werden gleich im Blut unserer eigenen Familie schwimmen!
Ein lautes Krachen lässt uns alle zusammen schrecken. Zwischen den Monster scheint ein Kampf los zu brechen. Mir wird klar, dass sich uns hier unsere einzige Chance auftut. Ich rufe nach meiner Familie. Alle sind völlig außer sich vor Angst. Das Blut um uns wird mehr. Fort vom Ufer! Wir müssen wieder hinaus auf das offene Meer! Ich ramme eine Walmutter, die in ihrer Angst nicht bei klarem Verstand ist. Sie ändert die Richtung und einige folgen ihr.
Nicht alle. Ich rufe wieder. Die Monster sind hinter uns und niemand wagt sich an ihnen vorbei, aber das Abschlachten wartet an den Felsen. Die Monster kämpfen miteinander, für uns öffnet sich dadurch ein Fluchtweg. Ich rufe noch einmal und schwimme los. Ein paar folgen mir, aber ich kann nicht mehr warten, um nachzusehen, wie viele es sind. Wir flüchten. Der Schreck sitzt uns tief in den Flossen.
Erst später an diesem Tag wird uns das Ausmaß des Massakers bewusst. Meine Familie ist klein geworden und wenn ich sie so betrachte, sehe ich nur noch verstörte und verängstigte Augen. Wir sind so weit geschwommen und doch kommt es mir vor, als wäre alles um uns her in Blut getränkt. Es gelingt mir nicht, die Erlebnisse abzuschütteln. Die Vorstellungen der Monster aus meiner Kindheit kommen mir in den Sinn und obwohl sie mir so viele Albträume beschert hat weiß ich, dass mir die Realität mehr und schlimmere Albträume bringen wird.
Ohne Hilfe hätten wir uns nicht befreien können. Wir waren auf den Schutz angewiesen und ich zerbreche mir noch immer den Kopf, wer diese Wesen waren. Ich bin ihnen dankbar, dass nicht jeder einzelne von uns abgeschlachtet wurde. Ich bin froh, dass wir noch einander haben, auch wenn wir weniger sind. Ich werde mir überlegen müssen, wie ich meine Familie schützen kann. Wir können nur hoffen, dass es in Zukunft keine Monster mehr geben wird und sich das Meer nie wieder rot färbt.“














