“Natürlich kann die Zwangslage der angepriesenen Arbeitskräfte nicht offen beworben werden, doch spricht der Subtext der Kampagne für sich: Unsere hochmotivierten Zeitarbeiter sind völlig auf eure Gnade angewiesen und werden naturgemäß zögern, sich über ihre Arbeitsbedingungen zu beschweren. Ob historische Probleme mit letzteren den Münchener Menschenfreunden überhaupt ein Begriff sind, steht freilich zu bezweifeln. Sie haben jetzt ein paar Integrationspreise in ihrem Münchner Büro stehen und können auf langweiligen Afterworkparties nochmal die Geschichte ihres Selbstfindungsjahres in Tansania erzählen. Ja, sie wollen anderen wirklich helfen. Sie sind gute Menschen, deren neoliberal geformte Menschenverachtung so internalisiert ist, dass sie Paternalismus mit Altruismus verwechseln und Anpassung mit Fortschritt.
Die überwiegend positiven Reaktionen auf die Aktion fungieren als Gradmesser für den Stand der Ideologie. Das Ziel der Kampagne, an Anstellungen interessierte Geflüchteten zu ebensolchen zu verhelfen, scheint nicht nur erstrebenswert: Es ist es auch. Doch bei dieser Erkenntnis stehenzubleiben ist ebenso reaktionär wie eine Kritik, die sich mit dem Erkennen des zynischen Charakters der Kampagne begnügt.
Die Integration in eine perverse Gesellschaft kann nicht das Ziel linker Bestrebungen sein, und doch ist sie notwendig Teil ihrer Ansätze. Bei Menschen jedoch, die ernsthaft zustandebringen, Traumata noch etwas positives abzugewinnen und Umgang mit Gewalterfahrungen zu soft skills stilisieren, scheint alle Reflexion zu spät. Ihnen kann man den Grad ihrer eigenen Menschenverachtung schon mal vor Augen führen, wie es ein Facebook-Kommentator getan hat, der durch eine fiktive Modellsituation im Bewerbungsgespräch den zynischen Charakter der Kampagne auf den Punkt brachte: “Konnten Sie schon Foltererfahrung sammeln? Das ist in unserem Betrieb nämlich Voraussetzung.”
- Julia Pustet in der JungleWorld