Es war eine dumme Idee. Überaus dumm sogar, wenn man bedachte, dass they ausgerechnet Halsin in die Sache hinein ziehen wollte. Halsin, derjenige, den them am kürzesten, am wenigsten kannte, derjenige, der den Mord an Unschuldigen wahrscheinlich am heftigsten verurteilen würde.
Und trotzdem war es Halsins Zelt, zu dem Dorns Schritte them führten.
Vielleicht, weil they nicht wusste, wie er reagieren würde. Vielleicht, weil er der einzige war, der nicht mit Gleichgültigkeit reagiert hatte als they versucht hatte, sich ihm anzuvertrauen. Vielleicht war er einfach der erstbeste, der nicht zu sehr mit sich selbst beschäftigt war, um andere zu sehen.
Vielleicht aber auch, weil they ihm vertrauen konnte. Jedenfalls hoffte they das.
“Halsin?” Die Zeltplane war zugezogen und in die Privatsphäre des Druiden einzudringen würde ihn wahrscheinlich nicht davon überzeugen, them zu helfen.
Aber Halsins Stimme kam nicht aus dem Zelt, sondern von dahinter. “Ja?”
Vorsichtig stieg Dorn über die Zeltleinen. Der Druide hatte es sich dahinter bequem gemacht, mit Blick auf den Fluss, auf dem leichter Nebel lag. In den Händen hielt er einen Holzblock, dessen Form bisher so rudimentär war, dass Dorn nicht erkennen konnte, was das Schnitzwerk werden sollte.
Halsin legte Holz und Schnitzmesser zur Seite und sah mit einem Lächeln zu them auf. Ein freundliches, aber irgendwie distanziertes Lächeln. Sicher, sie kannten sich erst seit ein paar Tagen, aber irgendwie schmerzte es them. Vielleicht, weil es in einem so krassen Gegensatz zu der warmen Herzlichkeit stand, mit der er them in dem Kerker der Goblins begrüßt hatte. “Nein nein, bitte, setz dich.”
Ein wenig ungeschickt setzte they sich neben den Druiden. “Ich… ich wollte fragen, wie Du zurecht kommst.” Jetzt, wo they neben Halsin saß, fiel es them schwer, ihn mit their Bitte zu überfallen.
Das Lächeln des Druiden wurde eine Spur wärmer. “Ihr seid sehr gastfreundlich zu mir, und ich genieße es, wieder hier draußen zu sein.”
“Wieder?” Dorn runzelte die Stirn.
“Als Erzdruide blieb mir nicht so viel Zeit, frei umher zu streifen, wie ich es gerne gehabt hätte. Der Hain hat… viel Aufmerksamkeit verlangt.” Er legte den Kopf in den Nacken und sah in den Himmel, in dem sich zaghaft die ersten Sterne zeigten.
Dorn nutzte die Gelegenheit, um verstohlen das Profil des Druiden zu mustern. Vier tiefe Narben zogen sich über seine Stirn bis hinunter zu seinen Augenbrauen, und unwillkürlich fragte they sich, woher sie kamen. Sein Kiefer war kantiger, als they es von Elfen kannte, aber es verlieh seinem Gesicht etwas nahbares, freundliches.
“Ich glaube, dass Du den Hain gut geführt hast.”
Halsin warf them einen langen Blick zu, so lang, dass them unangenehm warm darunter wurde. “Ich danke dir für deine freundlichen Worte.” sagte er schließlich, langsam und so gestelzt, als müsste er jedes Wort an seinen Platz zwingen.
Dorn wollte nachfragen, herausfinden, an welche alte Wunde they gerührt hatte, aber they schluckte den Impuls hinunter. Es war wahrscheinlich keine gute Idee, Halsin aufzubringen, wenn they eigentlich etwas von ihm wollte. Also räusperte they sich stattdessen nur verlegen.
“Ich… ich wollte dich um etwas bitten.” They ließ Halsin nicht aus den Augen, aber sein Gesicht ließ keinerlei Unmut erkennen.
“Ich bin hier, um zu helfen. Worum geht es?” Er schien es tatsächlich ernst zu meinen. Die seltsame Spannung war verflogen, und jetzt war er es, der Dorn musterte. Sein Blick tastete über their Gesicht, mit einer Aufmerksamkeit, die nichts mehr mit der distanzierten Freundlichkeit gemeinsam hatte. Jetzt lag echte Wärme darin. Und in dem Moment wurde Dorn klar, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, sich an ihn zu wenden.
“Mein Gehirn… ich erinnere mich an nichts. Nichts, bevor ich auf dem Nautiloiden erwacht bin. Und ich glaube nicht, dass es an der Larve liegt.”
Eine Sorgenfalte hatte sich zwischen Halsins Augenbrauen gegraben. “Darf ich?” Er streckte eine Hand aus und wartete, bis Dorn nickte, bevor er sie sanft auf their Stirn legte. Seine Hand war warm, wurde wärmer, dann wanderte die Wärme durch their Stirn hindurch durch their Schädel. Einen Augenblick lang glaubte Dorn, they könnte tatsächlich fühlen wie Halsins Hand vorsichtig in seinem Kopf herum tastete, dann war es auch schon wieder vorbei. Sorge lag in den bernsteinfarbenen Augen.
“Jemand hat sich in deinem Geist zu schaffen gemacht, sehr grob. Aber ich kann noch sagen wer, noch, wie groß der Schaden tatsächlich ist.” Einen Moment lag seine Hand noch auf their Stirn, bevor er sie wieder zurückzog. “Wenn ich Zugriff auf meine Bibliothek und ein paar Druiden hätte… aber ich weiß nicht, was ich hier tun kann. Es tut mir leid.”
Angesichts Halsins sofortiger Bereitschaft, zu helfen, musste Dorn unwillkürlich lächeln. They war nicht aufgefallen, wie sehr them die Gleichgültigkeit their Begleiter gestört hatte, aber jetzt war es, als hätte Halsin them eine warme Decke umgelegt. Es war… erstaunlich angenehm, wenn sich jemand um einen sorgte. Und beinahe hätte they die folgenden Worte hinunter geschluckt, einfach, um dieses Gefühl nicht zu verlieren.
“Danke, aber… das ist nicht das eigentliche Problem. Statt meiner Erinnerungen habe ich… das Bedürfnis, zu töten. Grausam zu töten, Blut zu sehen.” Obwohl they Halsin nicht aus den Augen ließ, konnte they nichts als Sorge erkennen. Sorge um them, keine Angst. “Und wenn ich schlafe… es sieht aus, als hätte ich mich dann nicht im Griff. Ich kann mich nicht kontrollieren, und ich kann mich nicht daran erinnern, was ich getan habe.”
Halsin legte den Kopf schief. “Aber Du hast guten Grund, zu glauben, dass Du diese Dinge dennoch getan hast?”
Die Erinnerung an das Blut kroch in their Geist, das rote Leuchten, der metallene Geruch, das Glänzen der Eingeweide, die Schmerzen in their Arm vom Stechenstechenstechen-
Dorn nickte, und Halsin musste etwas in their Gesicht gelesen haben, dass ihn nicht weiter nachfragen ließ.
“Und ich dachte… Ich weiß, dass es Drogen gibt, die einen so tief schlafen lassen, dass man auf den ersten Blick tot wirkt.” Woher they das wusste, war them allerdings nicht klar. “Und wenn Du so etwas herstellen könntest… vielleicht würde mich das ruhig stellen.”
Halsin musterte Dorn, bevor er langsam nickte. “Ich glaube, ich weiß, wovon Du sprichst. Aber Du wirst, fürchte ich, nicht den Effekt erhalten, den Du dir versprichst. Diese Art Schlaf ist selten erholsam nach dem, was ich gehört habe.”
Dorn zuckte mit den Schultern. Wie schlimm es war, würde they schon sehen, wichtig war nur, dass they keine Gefahr mehr darstellte.
Aber Halsin schüttelte den Kopf. “Und es ist sicher nichts, was man gefahrlos jede Nacht konsumieren könnte. Und nichts, was ich dir guten Gewissens geben wollen würde.”
“Ist das nicht meine Entscheidung?” Das durfte doch nicht wahr sein, die eine Idee, die them gekommen war, und Halsin hatte moralische Bedenken! Them war klar, dass Drogen nicht ungefährlich waren, they war schließlich nicht blöd.
“Nicht, wenn Du mich zu deinem Komplizen machst. Und ich weigere mich, dir dabei zu helfen, deinen Geist weiter zu zerstören.” Halsins Stimme war ruhig, aber seine Worte klangen endgültig. So viel zur richtigen Entscheidung.
Frustriert rappelte Dorn sich auf. Halsin war vielleicht verständnisvoller als die anderen, aber am Ende konnte oder wollte auch er nicht verstehen, wie ernst das Problem war. Wie es war, wenn der eigene Geist sich gegen einen wandte. “Vergiss es.”
They wollte davon gehen, aber Halsin griff nach their Arm und hielt them fest. “Dorn.”
Ungehalten sah they zu ihm hinunter, aber angesichts des sorgenvollen Blicks in den Bernsteinaugen schmolz their Wut, ohne dass they etwas dagegen tun konnte.
“Ich schlage dir diese Lösung nicht leichtfertig aus und ich wünschte, ich könnte dir eine Alternative anbieten. Aber erlaube mir diese Vorsicht, nicht einfach Substanzen auf ein Problem zu schütten, dass ich noch nicht verstehe.”
“Ich werde ein Auge auf dich haben, wenn Du erlaubst. Ich werde etwas über dein Problem lernen, und dich von… Eskapaden abhalten.”
Dorn wollte gerne eine patzige Antwort geben, etwas verachtendes, etwas, dass Halsin klar machte, wie lächerlich seine Idee angesichts their Blutdurst war. Aber Halsin war der erste, der überhaupt angeboten hatte, etwas zu tun. Aber Halsin sah ihn auf eine Weise an, die es unmöglich machte, auch nur unhöflich zu ihm zu sein. Aber Halsin… war Halsin.
They seufzte leise. “In Ordnung.”