Eigentlich wollte ich Euch ja meine jĂŒngste Reise einfach verheimlichen. Ihr wisst ja, ich lieb Euch alle quasi heiĂ und innig, aber ein paar Sachen, die mĂŒssen einfach privat bleiben. Die verrate ich dann nicht mal Euch. Und eines dieser Dinge ist eben meine Reise in den Hohen Norden. Warum ich meine Meinung geĂ€ndert habe und nun doch was schreibe? Weil mir das Thema wichtig ist.
Alt neben Revitalsiert in Prora
Wie es nĂ€mlich die UmstĂ€nde meiner Reise (hab ich schon mal erwĂ€hnt, wie klasse ich es finde, dass sich das Leben in letzter Zeit immer so perfekt wunderbar fĂŒgt? ) so gewollt haben, hat es mich nicht nur in den hohen Norden verschlagen, sondern auch noch in einen Ort mit Geschichte: Ich war auf RĂŒgen. In Binz. Konkret in Prora. Ja, da war doch was mit dem Ort oder? â Also fĂŒr alle, die jetzt nicht gleich Bescheid wissen und zu faul zum googeln sind: bitte schön â die Anlage Prora ist neben dem âReichsparteitagsgelĂ€ndeâ in NĂŒrnberg die gröĂte geschlossene architektonische Hinterlassenschaft der nationalsozialistischen Zeit. Geschaffen, um 20.000 deutsche Arbeitern gleichzeitig einen ideologisch gelenkten Urlaub zu bieten, ein Ostseebad mit einer geplanten LĂ€nge von unglaublichen 5 Kilometern. Die Kurzversion. FĂŒr lĂ€nger bitte wirklich googeln.
Ich weiĂ schon, dass sich sicher einige denken: ânaaaa, was fangt sie jetzt damit an, muss das sein, dass die Mosauerin da jetzt die Nazi Keule am Blog schwingtâ Und ich sage Euch: Ja. Das muss sein. Wenn man so wie ich, in Braunau am Inn auf die Welt gekommen ist, dort in die Schule gegangen ist und daher sicherlich (zumindest im Gym) eine der besseren Aufarbeitungen der Nationalsozialistischen Zeit vermittelt bekommen hat, finde ich, muss das sein. Und manchmal mĂŒssen wir uns einfach auch mit einem ernsten Thema auseinandersetzen. Das ist am Blog nix anderes als im Leben.
Das geplante KdF Seebad Prora *)
Die ĂŒberwĂ€ltigend riesige Anlage wurde geplant und gebaut um 20.000 deutschen Arbeitern ideologisch gelenkten Urlaub zu vermitteln, auch in der Freizeit sollten die Menschen gelenkt und bespitzelt werden. Und mit der Anlage sollte auch der Tourismus als Propagandamittel âso schauen wir auf unsere Leuteâ weiter ausgebaut werden. In die Ferien konnte man mit der Organisation âKraft durch Freudeâ ja schon lĂ€nger fahren.
Es sollte aber nicht nur bei der Anlage in Prora bleiben, insgesamt planten die Nationalsozialisten fĂŒnf gewaltige SeebĂ€der fĂŒr jeweils 20.000 Personen, die nach dem Urlaub produktiver und vor allem angepasster in den Beruf zurĂŒckkehren sollten. Die Stimmung in der deutschen Arbeiterschaft war nĂ€mlich entgegen der Propaganda denkbar schlecht. Das Ziel war, dass jedes Jahr zwischen 1,5 und 2 Millionen Menschen ihren Jahresurlaub in einem der SeebĂ€der verbringen sollten. Lediglich Prora wurde jedoch begonnen, mit einer bedeutungsvollen Grundsteinlegung, exakt drei Jahre nach Zerschlagung der Gewerkschaften in Deutschland.
So hÀtte ein Zimmer im Seebad ausgesehen. Spartanisch aber immerhin Meerblick.
FĂŒr den Fall eines Krieges plante man Prora aber auch von Anfang an als riesiges Lazarett nutzen zu können. Nach dem Ăberfall der Wehrmacht auf Polen stellte man in Prora die Arbeiten ein und sollte sie auch nie wieder aufnehmen. Bis dahin gab das Regime bereits 238 Millionen Reichsmark dafĂŒr aus. Die bereits fertigen Lager fĂŒr Arbeiter des Reichsarbeitsdienstes wurden zunĂ€chst zur Ausbildung von Polizeieinheiten genutzt, die an die Front geschickt und der SS unterstellt wurden. Aufrechterhalten wurde der Betrieb und die Sicherung der gigantischen Baustelle durch Kriegsgefangene aus Polen und spĂ€ter Russland. Nach Kriegsende fiel Prora den Russen zu und wurde nach deren Abzug zu einer Rohstoffquelle fĂŒr die Einheimischen. Zu DDR Zeiten wurde Prora militĂ€risches Sperrgebiet â in den 1950er Jahren wurden im Rahmend der âAktion Roseâ nicht nur zahlreiche Liegenschaften beschlagnahmt sondern auch fast alle Betreiber von Pensionen, Hotels etc. zwangsenteignet und die GebĂ€ude dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund, dem Dachverband der Einzelgewerkschaften in der DDR eingegliedert. Dies bedeutete das Ende des freien Tourismus entlang der gesamten OstseekĂŒste. 1956 eröffnte in Prora das NVA (Nationale Volks Armee) Heim âWalter Ulbrichâ. Seit der Wiedervereinigung stellt sich nun die Frage, was tun mit diesem enormen Bau.
Im Dokumentationszentrum Prora  dessen Besuch ich Euch allerwĂ€rmstens ans Herz legen kann, wird in einer umfassenden Ausstellung zum einen die Geschichte von Prora selbst dargestellt, zum anderen wird das ideologische Konstrukt der s.g. âVolksgemeinschaftâ und die damit beschĂ€ftigten NS Organisationen âDeutsche Arbeiterfrontâ bzw. eine ihrer Unterorganisation âKraft durch Freudeâ und die ideologischen und gesellschaftspolitischen Auswirkungen ausfĂŒhrlich erlĂ€utert. Sie beginnt mit der Zerschlagung der Gewerkschaften am 02. Mai 1933 und zeigt auch den Gegensatz zwischen der sozialpolitischen Propaganda im Nationalsozialismus und der RealitĂ€t und rĂ€umt mit vielen Mythen auf.
So zum Beispiel mit dem Mythos âAutobahnbau gegen Arbeitslosigkeitâ oder der angeblichen âFortschrittlichkeit und Klassenlosigkeit des Nationalsozialistischen Staatesâ. Besonders spannend fand ich, die Darstellung in welchen alltĂ€glichen Bereichen die Propaganda des Regimes speziell eingesetzt wurde um die Ziele des Staates durchzusetzen, zum Beispiel durch die schrittweise Diskreditierung von unabhĂ€ngigen Zeitungen und Journalisten. Und deren spĂ€terer Zerstörung. Das sollten ja einigen aus jĂŒngeren Aussagen irgendwie bekannt vorkommen⊠Aber eben auch durch die gezielte Lenkung von Freizeitverhalten. Die Bevölkerung sollte eben rund um die Uhr indoktriniert werden.
Ich fand die Dauerausstellung MACHTUrlaub extrem spannend und informativ und hab faste einen ganzen Tag dort verbracht, weil sie einen Bereich dieses Regimes zeigt, der maĂgeblich zum âGelingenâ dieses Wahnsinns beitrug und ĂŒber den ich vorher noch nie so nachgedacht habe. Obwohl Prora nie in Betrieb ging, war es doch ein gigantisches Propaganda Projekt unter dem Deckmantel eines Tourismusprogramms fĂŒr alle.
Die Fassaden werden/wurden auch als AusstellungsflĂ€chen genutzt. Hier ein Plakat aus einem Projekt der Hochschule fĂŒr Kunst und Design Halle.
Was tun mit Prora und anderen Orten mit Geschichte?
Mir stellte und stellt sich seit ich hier bin die Frage, wie man mit einem solchen Erbe der Geschichte eigentlich ĂŒberhaupt umgehen soll. Und wir in Braunau haben ja auch so einen unsĂ€glichen Bau, der uns auch alle mehr oder weniger ratlos damit lĂ€sst, was man damit tun soll. Auf der einen Seite sind es nur Mauern. Mauern töten niemanden, Mauern existieren einfach. Auf der anderen Seite sind diese Mauern mit einer Geschichte belegt, die ihnen eine (wie auch immer geartete) Bedeutung geben. So wie wir aus dem Urlaub Muscheln vom Strand mitnehmen. WĂŒrden wir keine Geschichte damit verbinden, wĂŒrden wir sie wohl liegen lassen. WĂŒrden sie uns nichts bedeuten.
In Prora hat man sich dazu entschieden, das ehemalige, nie in Betrieb gegangene, âKraft durch Freudeâ Ostseebad zu privatisieren. Das heiĂt im Endeffekt eine Umwandlung der Ruinen in Eigentumswohnungen oder zur Nutzung als Hotels oder Ferienwohnungen. In einer solchen sitze ich ĂŒbrigens gerade jetzt, da ich diesen Text schreibe. Und ich muss schon sagen, dass das nochmal was ganz anderes ist, wenn man dann in so einem umgebauten Bau wohnt als wenn man da hinfĂ€hrt, ihn besichtigt und dann wieder geht.
Der Umbau der sĂŒdlichen Blöcke ist fast abgeschlossen und es sieht so aus, wie es eben in so neuen Stadtviertel aussieht. Alles gleich, nur hier ist alles gleicher. Und es ist meilenweit gleich. So etwas habe ich noch nie gesehen, zwar mal eine Dokumentation gesehen, aber so wirklich vorstellen konnte ich mir das nicht, bevor ich nicht hier war. Selten in meinem Leben hat mich etwas so dermaĂen verstörend beeindruckt wie eine Umrundung der immer noch 4 km langen Anlage.
Alt neben Revitalsiert in Prora
Wie geht man mit solchen Bauten um? Sollte man sie abreiĂen und so ein Vergessen riskieren? Alles dem Verfall preisgeben und der Zeit ihren Lauf lassen? Es im ursprĂŒnglichen Zustand erhalten? Es adaptieren und ein Museum draus machen â was bei der GröĂe dieser Anlage hier aber absurd wĂ€re. Was denkt ihr darĂŒber?
Mosauerin,
nachdenklich und unterwegs um was zu lernen
PS: Der Rest meines Urlaubs bleibt aber jetzt wirklich geheim đ
Der wunderbare Ostseestrand in Prora
*) Quellen: Ausstellungposter MACHTUrlaub â Stand 31.10.2018 sowie Kaule: Prora Geschichte und Gegenwart des âKdF Seebads RĂŒgenâ ch.Links Verlag ISBN 978-3-86153767-0
 UnsĂ€gliche Mauern â Ăber den Umgang mit HĂ€usern mit Geschichte Eigentlich wollte ich Euch ja meine jĂŒngste Reise einfach verheimlichen. Ihr wisst ja, ich lieb Euch alle quasi heiĂ und innig, aber ein paar Sachen, die mĂŒssen einfach privat bleiben.