Politisch korrekter TĂ€terschutz
Eine EinschĂ€tzung der Initiative MĂŒndigkeit durch Bildung zur Causa Monis Rache.
Vor dem Hintergrund geheim angefertigter Videoaufnahmen auf den Unisex-Toiletten [1] des âMonis Rache Festivalsâ wurde am 7.1.2020 eine investigative Dokumentation von âSTRG_Fâ [2] veröffentlicht. Sie thematisiert, wie auf dem linksalternativen Festival in den Jahren 2016 und 2018 versteckte Kameras installiert und voyeuristische Videos aufgenommen wurden. Diese zusammengeschnittenen Videos verkaufte der TĂ€ter [3] und stellte sie auf der Pornoseite xHamster einem breiten Publikum zur VerfĂŒgung, woraufhin er von der STRG_F-Journalistin Patrizia Schlosser kontaktiert wurde. Nach einer erfolglosen Korrespondenz meldete sich Schlosser im September 2019 bei den Organisatoren des Monis Rache Festivals. Es bildet sich bereits im selben Monat ein Kreis von Mitwissern und Eingeweihten heraus, die mit dem TĂ€ter gemeinsam die Tat aufarbeiten wollen. Dieser eingeschworene Kreis bezeichnet sich selbst martialisch als âEKGâ (Erstkontaktgruppe). In einem Artikel auf Supernova beschreibt Bilke Schnibbe, dass die EKG gemeinsam mit dem TĂ€ter versuchte, die AufklĂ€rung der Ăffentlichkeit zu behindern und den Namen des TĂ€ters und die Verbindung zum Festival zu verheimlichen. [4] Es ist bis dato nicht klar, wer von den Taten in Kenntnis gesetzt wurde und wie groĂ der Kreis der Eingeweihten tatsĂ€chlich war.Insbesondere in Leipzig sorgte besagte Dokumentation fĂŒr Furore: Wie kann es sein, dass ausgerechnet ein woker, aufgeklĂ€rter Mann aus der hiesigen linken Szene zum SexualstraftĂ€ter wird und mehrere hundert Frauen in den intimsten Situationen filmt? Neben den ĂŒblichen, geschockten Reaktionen gelangten nach und nach verschiedene, geleakte Stellungnahmen an die Ăffentlichkeit, die mutmaĂlich von der EKG und dem TĂ€ter stammen, nachdem die Taten monatelang vor der Ăffentlichkeit und insbesondere den geschĂ€digten Frauen verheimlicht wurden. âEs ist daher die Aufgabe Aller dieses Gesellschaftliche Versagen fĂŒr die Zukunft zu verhindern â und den TĂ€ter zu einem besseren Mensch-Sein zu helfen.â[5] Mit diesen philosophisch anmutenden Betrachtungen ĂŒber die gesellschaftliche Bedingtheit von Gewalt endet eine dieser Stellungnahmen.Die EKG entschied sich anstatt des gelĂ€ufigen TĂ€ter-Opfer-Ausgleichs lediglich fĂŒr einen TĂ€ter-Ausgleich und forderte die Einhaltung verschiedener Auflagen, um im Gegenzug von einer Veröffentlichung des Namens und einer Anzeige abzusehen [6]. Gerechtfertigt wird die Entscheidung, den TĂ€ter nicht anzuzeigen mit den aus den USA stammenden Konzepten der Transformative Justice sowie der Community Accountability [7]. In einem Artikel [8] fĂŒr die linke Zeitschrift ak â analyse & kritik (ak) beschreibt die Autorin und MitbegrĂŒnderin des âTransformative Justice Kollektivs Berlinâ Melanie Brazzel das Konzept als âeine neue Vorstellung von Gerechtigkeit und Sicherheitâ, da die Gewalt als âkollektive Aufgabeâ betrachtet werde. Anstatt die âgewaltausĂŒbende Personâ zu bestrafen, werden ihr âMöglichkeiten zur VerhaltensĂ€nderung angebotenâ. Der regressive Ruf nach Gemeinschaft wird hierbei anhand des amerikanischen Vorbilds wie folgt untermauert:WĂ€hrend das bisschen Sozialstaat in den USA zerfĂ€llt, ĂŒbernimmt der strafende Staat das Zepter. Er antwortet seit den 1970ern auf soziale Probleme wie Armut immer mehr mit harten Law-and-Order-Strategien, installiert Systeme rassifizierter Ăberwachung und Kriminalisierung und beschrĂ€nkt die Bewegungsfreiheit. Nicht umsonst setzt sich die Black-Lives-Matter-Bewegung fĂŒr die Abschaffung von Polizei und GefĂ€ngnissen ein.Zwar gesteht die Autorin ein, dass es in Deutschland keine Massenverhaftungen gebe, jedoch wĂŒrden jene Feministinnen, die sich einen sanktionierenden Rechtsstaat wĂŒnschen, unterschiedliche Interessen gegeneinander ausspielen. Dieser âCarceral Feminismâ betreibe eine âTeile-und-Herrsche-Politikâ. [9]So edel die Auseinandersetzung um eine nachhaltige Aufarbeitung und PrĂ€vention von sexueller Gewalt auch sein mag, spĂ€testens nach der LektĂŒre der Stellungnahme der EKG wird klar, dass es sich hier weniger um ein ehrliches Unterfangen, als die Befriedigung des eigenen, narzisstischen BedĂŒrfnisses, auf der richtigen Seite zu stehen, handelt. Um Schaden vom eigenen Selbstbild abzuwenden, verzichtet man auf die Einschaltung der Staatsgewalt und schadet an erster Stelle den Betroffenen. Etwaige Schadensersatzforderungen werden ad absurdum gefĂŒhrt, wenn die Betroffenen ihre Anzeige gegen Unbekannt stellen mĂŒssen: Neben dem Schutz des TĂ€ters half die EKG auch dabei, die Festplatten mit dem belastenden Material zu vernichten. Ohne hierbei auch nur eine Sekunde an die BedĂŒrfnisse anderer zu denken, möchte der TĂ€ter - gemÀà den Auflagen der EKG - seine zwielichtigen Einnahmen âan verschiedene Linke Anti sexistisch arbeitende Gruppenâ spenden [10]. Zugunsten der eigenen Ziele werden so individuelle Forderungen vorweg blockiert: Wer sich nicht mit dem Konzept der "Transformative Justice" identifiziert und die eigenen Forderungen ungern zugunsten des linken Kollektivs zurĂŒckstellen möchte, wird von der Möglichkeit, Gerechtigkeit zu erlangen, ausgeschlossen. Nicht nur macht sich die EKG hierbei strafbar, sie agiert dezidiert antifeministisch.Mit dem totalitĂ€ren Anspruch, â[âŠ] den TĂ€ter zu einem besseren Mensch-Sein zu helfenâ, verfĂŒgt die eingeschworene Sippe selbst darĂŒber, wann und ob ihr SchĂ€fchen wieder szenekompatibel ist. Hierbei sei unabdingbar, dass Stillschweigen gegenĂŒber der Ăffentlichkeit bewahrt wird, da âden Menschen gegenĂŒber, denen man aufgrund von Freundschaft zu Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit verpflichtet istâ [11] eine LoyalitĂ€t besteht, so die EKG in ihrem Statement. Die geforderte LoyalitĂ€t schlĂ€gt hier in einen Korpsgeist um. Es wird behauptet, dass nicht er selbst versagt habe, sondern âdie Gesellschaft ein StĂŒck weit an ihm versagt hatâ [12].Die nicht nur in GroĂfamilienclans, sondern auch in linken Kreisen virulenten Prinzipien der Kontaktschuld und Sippenhaft fĂŒhren dazu, dass der TĂ€ter nicht als handlungsfĂ€higesund selbstverantwortliches Individuum wahrgenommen wird, sondern auch gleichermaĂen sein persönliches Umfeld zur Verantwortung gezogen werden soll. Nach diesen Konventionen ist es die Aufgabe des Clans, die Gerechtigkeit wiederherzustellen sowie selbst ĂŒber StrafmaĂ und -ausfĂŒhrung zu befinden. Insofern hat die eingeschworene Gruppe nicht nur ein Interesse daran, dass der Schutzbefohlene rehabilitiert, sondern noch viel mehr, dass die gebrochene Ehre der Gemeinschaft wiederhergestellt wird. Weder geht es hierbei um die betroffenen Frauen noch um eine wirkliche Aufarbeitung der Taten und ihrer gesellschaftlichen Bedingtheit â das Umfeld soll wieder zu den Guten gehören und entscheidet deshalb ĂŒber die Köpfe aller hinweg, was zu unternehmen ist. Die feministische Forderung an den Rechtsstaat, nötige Gesetze zu erlassen, das defizitĂ€re Sexualstrafrecht zu verbessern und den umfassenden Repressionsapparat zugunsten von Gewaltopfern einzusetzen, erscheint in den Prinzipien der EKG als gemeinschaftszersetzend und herrschaftsstabilisierend. Dies ist kein Fortschritt zu dem autoritĂ€ren BedĂŒrfnis, sich dem TĂ€ter in einer Strafexpedition zu entledigen, sondern die andereSeite derselben Medaille.In der linken Szene ist die Annahme verbreitet, dass die Behandlung von psychischen Erkrankungen lediglich die gewaltvolle Trennung zwischen Gesundheit und Krankheit befördere und ein konstruiertes Herrschaftsinstrument sei. Dabei wird unterschlagen, dass eine Kritik an der Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen und der Psychiatrie als Institution nicht bedeutet, psychisch Erkrankte sich selbst zu ĂŒberlassen oder im schlimmsten Fall als Rebellen zu adeln. Auch liegt den Konzepten der Transformative Justice und Community Accountability ein Gewaltbegriff zugrunde, der keine individuelle Verantwortung, sondern nur allmĂ€chtige Strukturen und die gewaltvolle Reproduktion von HerrschaftsverhĂ€ltnissen kennt. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass sich diese "UnterstĂŒtzer" ohne jegliche psychologische Ausbildung anmaĂen, an einem SexualstraftĂ€ter herumzudoktern. Die Ăberforderung, die mittlerweile in mehreren Artikeln [13] kritisiert wird, zeugt von einer kruden SelbsttĂ€uschung: Einerseits ist die EKG viel zu ĂŒberfordert, um innerhalb von vier Monaten eine E-Mail zu schreiben, aber andererseits in der Lage, sich als Richter, Therapeut und Anwalt gleichzeitig aufzuspielen. Diese vermeintliche Ăberforderung dient lediglich dem Schutz vor Verantwortung, die geboten wĂ€re, um den betroffenen Frauen zu helfen, ihre WĂŒrde zurĂŒck zu erlangen.Update 18.01.20: Kurz nach der Veröffentlichung dieses Artikels auf unserer Homepage tauchte eine weitere Stellungnahme der EKG auf, in der von einer Selbstanzeige des TĂ€ters die Rede ist.
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[1] Die versteckten Kameras filmten alle Nutzer der Unisex-Toilette, auf xHamster wurden jedoch ausschlieĂlich Aufnahmen von Frauen veröffentlicht. Diese Plattformen werden ĂŒberwiegend von heterosexuellen MĂ€nnern genutzt. Vgl. https://www.zeit.de/zeit-magazin/2017/34/voyeurismus-pornoseiten-netzwerk-illegales-filmen
[2] Nach Wikipedia ein Reportageformat, das der NDR fĂŒr Funk produziert und auch ĂŒber YouTube veröffentlicht
[3] Zur Frage, ob die Bezeichnung als âTĂ€terâ hier zulĂ€ssig ist, aus Richtlinie 13.1 des deutschen Pressekodex: âDie Berichterstattung ĂŒber Ermittlungs- und Gerichtsverfahren dient der sorgfĂ€ltigen Unterrichtung der Ăffentlichkeit ĂŒber Straftaten und andere Rechtsverletzungen, deren Verfolgung und richterliche Bewertung. Sie  darf dabei nicht vorverurteilen. Die Presse darf eine Person als TĂ€ter  bezeichnen, wenn sie ein GestĂ€ndnis abgelegt hat und zudem Beweise gegen sie vorliegen oder wenn sie die Tat unter den Augen der Ăffentlichkeit begangen hat. In der Sprache der Berichterstattung ist die Presse nicht an juristische Begrifflichkeiten gebunden, die fĂŒr den Leser unerheblich sind.â, vgl. https://www.presserat.de/pressekodex.html. (editiert am 19.01.20)
[4] Vgl. https://www.supernovamag.de/dixie-klos-auf-festival-monis-rache-gefilm/
[5] Vgl. Stellungnahme der EKG, PDF abrufbar unter: https://www.transfernow.net/files/?utm_source=7253y4w2noes&utm_medium=&utm_content=de
[6] Vgl. https://www.facebook.com/notes/monis-rache-dorfplatz/statement-der-dorfplatz-crew-workshopspace-awareness-infopunx-psycare-/112778570257018/
[7] Vgl. https://www.transformativejustice.eu/de/about/
[8] Vgl. https://www.akweb.de/ak_s/ak621/34.htm
[9] Ebd.
[10] Siehe 6 & Stellungnahme des TĂ€ters, PDF abrufbar unter: https://www.transfernow.net/files/?utm_source=7253y4w2noes&utm_medium=&utm_content=de
[11] Siehe 5
[12] Ebd.
[13] Artikel auf Supernova siehe 3 sowie folgender Artikel: https://www.neues-deutschland.de/artikel/1131253.monis-rache-kameras-bei-linkem-festival-auf-dixie-klos-versteckt.html















