Die Weinbranche entdeckt es gerade neu, Käsereien machen ihre Produkte damit länger haltbar und Spirituosenhersteller liefern sich wegen ihm einen jahrelangen Rechtsstreit. Wachs taucht jedenfalls in den letzten Monaten immer häufiger in meinen favorisierten Verpackungsdesign-Blogs auf. Grund genug für eine Materialrecherche.
Zusammensetzung
Die ersten Siegel auf Briefen und Flaschenkorken waren noch aus Kerzenwachs. Später wurde die Masse mit Zusätzen verfeinert. Deshalb kann man sowohl Siegelwachs, als auch Siegellack dazu sagen – gemeint ist das selbe. Heute bestehen sie neben (meist künstlichen) Wachsen aus Harzen, Füllstoffen und Pigmenten. Je nach Bedarf wird die Zusammensetzung so variiert, dass das Ergebnis glänzend oder matt, langsam oder schnell trocknend, leicht oder schwer ablösbar ausfällt. Außerdem ist Wachs ein guter Träger für Duftstoffe.
Gourmetjoghurt von Rubén Álvarez; Design von Zoo
1670 Ink, Schreibtinte zum Firmenjubiläum von J. Herbin
Herstellung
Es ist schwer zu sagen, was in den letzten Jahren diesen Trend ausgelöst hat. Mit einer technischen Neuerung dürfte es jedenfalls nichts zu tun haben. Ganz im Gegenteil, Hersteller wie J. Herbin und, einmal mehr, Maker's Mark sind sogar stolz, dass ihre Siegel in Handarbeit angebracht werden. So ist Wachs zu einem Zeichen für Exklusivität und Luxus geworden.
Bei günstiger Massenware in heiß umkämpften Produktsegmenten ist Wachs also selten zu finden. Herrell's, ein kleiner Eissalon, beliefert mit seinem Hot Fudge (eine Art Schokosauce) eine US-amerikanische Supermarktkette. Die einmalige Verpackung musste schon nach kurzer Zeit eingestellt werden, sie entsprach nicht den Normen des Handelpartners und war wohl auch in der Herstellung zu teuer.
Silver Select Tequila von 1800 Tequila; Fotos von NOTCOT
Baionette, fiktive Absinthmarke; Design von Kjetil Olstad
Anwendungen
Weil Wachs luftundurchlässig, wasserabweisend und geschmacksneutral ist eignet es sich besonders gut zur Konserveriung von Lebensmitteln. Viele Käsesorten werden während der Reifung mit einer dünnen Wachsschicht bestrichen um Austrocknung zu verhindern. Besser bekannt ist der dicke Paraffinmantel, der oft den fertigen Käse umschließt und damit den Reifungprozess beendet.
Flaschenverschlüsse wurden ursprünglich aus rein praktischen Gründen versiegelt. Das war lange Zeit die einzige Möglichkeit, den Korken vorm Zerbröseln und vor gefräßigen Korkmotten zu schützen. Diese Aufgabe übernehmen heute meistens Schrumpfschläuche.
Die tief eingetauchten, üppig tropfenden Flaschenhälse, die man jetzt immer öfter sieht sind also hauptsächlich Zierelement. Ganz neu ist aber auch diese Idee nicht mehr. Der Whiskeyhersteller Maker's Mark verwendet diese Technik schon seit 50 Jahren und hält für die USA sogar ein Patent auf den roten Wachsüberzug mit unregelmäßigem Rand.
Velvet Glove, Premiumlinie des Weinguts Mollydooker
Nachhaltigkeit
Rohstoffe, Herstellung und Nutzen der Verpackung können stark variieren und müssen deshalb im konkreten Fall auf Nachhaltigkeit geprüft werden. Nur in Hinsicht auf Abfallverwertung lassen sich Wachse in einen Topf werfen. In Österreich können Wachse zwar nicht rohstofflich, aber thermisch verwertet werden. Sie landen also im Restmüll und in der Regel in der Müllverbrennungsanlage. Dort bewirken sie durch ihre gute Brennbarkeit, dass weniger Energie eingesetzt wird und mehr Energie gewonnen werden kann. Sitzen die Endverbraucher aber in Ländern mit anderen Abfallsystemen muss die Rechnung neu geschrieben werden.