Das fragile Flackern der Welt
Die Berliner Schriftstellerin Marion Poschmann lauscht in ihrem neuen Roman »Chor der Erinnyen« dem FlĂŒstern dreier moderner griechischer Rachegöttinnen und beobachtet das Zerbrechen der Natur. In einem GesprĂ€ch ĂŒber ihren letzten Roman »Die Kieferninsel« gestand Marion Poschmann, dass sie gern eine Fortsetzung des Romans geschrieben hĂ€tte. »Chor der Erinnyen« enthĂ€lt keinerlei Anspielungen auf Gilbert Silvesters Irrfahrt durch das Japan von Matsuo BashĆ, wird aber als Parallelgeschichte des VorgĂ€ngers angekĂŒndigt. Die ParallelitĂ€t verbirgt sich in Motiven und Figurenkonstellationen, die man erkennen kann, aber nicht muss, um sich in diesem neuen, magisch-realistischen Text der im Ruhrpott aufgewachsenen Wahlberlinerin angenehm zu verirren. https://www.intellectures.de/2017/11/20/fail-better-oder-zum-schreiben-berufen/ Poschmann erzĂ€hlt in ihrem neuen Roman aus allwissender Perspektive die Geschichte von der StudienrĂ€tin Mathilda, die eines morgens völlig ĂŒberraschend ohne Mann dasteht. Möglicherweise handelt es sich bei diesem dauerhaft Abwesenden, ĂŒber dessen BeweggrĂŒnde die Mathe- und Musiklehrerin immer wieder sinniert, um den tragikomischen Helden aus den »Kieferninseln«. Der hat sich ohne das Wissen seiner Frau auf den Weg nach Japan gemacht, schreibt ihr von dort aber wehmĂŒtige Briefe. Sollte es so sein, kommen diese Botschaften in diesem Roman aber noch nicht an. DafĂŒr erreichen Mathilda ganz andere, geradezu sphĂ€rische Nachrichten. »Meine Mutter fuÌrchtet diese FĂ€higkeit, denn sie sieht die Verstorbenen. Bei mir ist es milder. Mir erscheinen lebende Personen. Sie flackern kurz auf, und ich weiĂ alles uÌber sie. Wenn auch nur fuÌr den einen Moment, in dem wir verbunden sind.« Dieses Flackern zieht sich von der ersten bis zur letzten Seite durch Poschmanns schillernden Text, der ebenso schwer greifbar wie erklĂ€rend nacherzĂ€hlbar ist. Nicht, weil es an Handlung fehlt, sondern weil er eher eine Erfahrung, als ein Leseereignis ist.
Marion Poschmann: Chor der Erinnyen. Suhrkamp Verlag 2023. 189 Seiten. 23 Euro. Hier bestellen. Die im Ruhrgebiet aufgewachsene Wahlberlinerin Marion Poschmann ist eine der wenigen Doppelbegabungen in der deutschsprachigen Literatur. Ihr gelingt es, die zarte Poesie ihrer Gedichte in ihre Prosa hinĂŒberzuretten, wĂ€hrend sich die Klugheit und Lakonie ihrer ErzĂ€hlkunst subtil durch ihre Lyrik zieht. Erinnerungen und TrĂ€ume spielen dabei immer wieder eine wichtige Rolle. Sie reiĂen LĂŒcken in die Wirklichkeit, in denen das Geheimnisvolle in all seiner IntensitĂ€t Platz hat. »Wer jemals versucht hat, einen Traum zu beschreiben, der wird festgestellt haben, dass sich die Brillanz, die Farbigkeit und die IntensitĂ€t eines Traums absolut nicht in Sprache ĂŒberfĂŒhren lassen«, erklĂ€rte mir Poschmann im GesprĂ€ch ĂŒber »Die Kieferninseln« ihr Interesse am Traum. »Was man auch immer niederschreibt ist nur ein blasser Abklatsch des GetrĂ€umten.« Dieser Abklatsch hat es hier aber in sich, er Ă€hnelt eher den dunklen TrĂ€umen, die an die Schwarze Romantik erinnern. Da werden dunkle Visionen Wirklichkeit, WĂ€lder brennen, Vögel stĂŒrzen sich seufzend vom Himmel herab und im Dunst der nebelverhangenen Landschaften scheinen sich die RĂ€nder des GegenstĂ€ndlichen aufzulösen. »Sie bekommt keinen FuĂ auf den Boden, die Welt ist ihr Abgrund, nicht Halt«, wie es an einer Stelle heiĂt. https://www.intellectures.de/2023/02/28/wenn-die-welt-gefaehrlich-wird-darf-literatur-nicht-harmlos-sein/ Die Natur spielt in Poschmanns Texten eine besondere Rolle â ist weniger Kulisse als vielmehr Protagonist. Dabei geht es ihr weniger um Anschauung als vielmehr um geistige Durchdringung. »Ich will nicht mimetisch einen Baum beschreiben. Das gelingt schon allein wegen der vielen BlĂ€tter nicht. Ich muss ein literarisches Mittel finden, das abzukĂŒrzen. Ich will die sinnlichen EindrĂŒcke in eine Sprache bringen, dass von dem, was man sieht, noch etwas rĂŒberkommt, ich aber mehr beschreibe als das. Ich möchte in meinen Texten konkret wiederfinden, was dieses Baumartige ausmacht.«
Marion Poschmann: Laubwerk. Verbrecher Verlag 2022. 72 Seiten. 14 Euro. Hier bestellen. Poschmanns auĂergewöhnliches Vermögen, die Natur und ihren Niedergang in Sprache zu bringen, hat ihr vor Jahren den Deutschen Preis fĂŒr Nature Writing eingebracht. Dieses Vermögen hat sie auch zuletzt in ihrem vibrierenden Essay »Laubwerk« nachgewiesen, in dem sie die Bedeutung der Berliner LaubbĂ€ume und ihr Leiden unter dem Klimawandel in Sprache bringt. »Ihre poetische Reflexion ĂŒber unser intensives Zusammenleben mit BĂ€umen, unser VerhĂ€ltnis zu Herbstlaub und StadtbĂ€umen macht einen Aspekt der Wirklichkeit sichtbar, der im Alltag kaum Beachtung findet. ⊠Sie lĂ€sst uns dabei die gefĂ€hrdete Natur unseres Habitats ebenso erfassen wie die widerstĂ€ndige Schönheit, die das Herbstlaub und dessen rotstrahlende Kraft seinem Vergehen scheinbar entgegensetzt«, hieĂ es in der BegrĂŒndung fĂŒr ihre Auszeichnung mit dem Wortmeldungen-Literaturpreis 2021.  https://www.intellectures.de/2022/11/15/literatur-reagiert-auf-die-gegenwart/ Aus dem dunklen Abgrund der TrĂ€ume und Visionen dringt das rĂ€tselhafte FlĂŒstern der titelgebenden Rachegöttinnen, das von vergangenem Schmerz und gegenwĂ€rtiger Einsamkeit, aber auch von emanzipatorischer Kraft und feministischem Aufbegehren erzĂ€hlt. Zu diesen griechischen Erinnyen, die vielen wohl eher unter ihrem römischen Namen Furien bekannt sind, zĂ€hlen Mathildas Schulfreundinnen Birte und Olivia, aber auch ihre Mutter, die wie ihre mythischen Vorbilder die personifizierten Gewissensbisse von Mathilda nachdenken. Birte taucht nach Jahren plötzlich auf und drĂ€ngt sich in Mathildas Leben, ohne dass die genau weiĂ, wie es dazu kommt und was da genau geschieht. Olivia hat ein Wochenendhaus in einem Wald, der in Brand gerĂ€t und dessen Schneise existenzielle Fragen zurĂŒcklĂ€sst. Und auch im VerhĂ€ltnis zwischen Mathilda und ihrer Mutter tun sich plötzlich neue Fragen auf.
Zwei Romane, ein Paralleluniversum
Marion Poschmanns Romane »Die Kieferninsel« und »Chor der Erinnyen« funktionieren wie ein Spiegelkabinett, in dem sich Motive und Figuren aus diesem Paralleluniversum spiegeln Mit der Poesie der Lyrikerin schreibt Poschmann in »Chor der Erinnyen« ĂŒber die Zerbrechlichkeit des Menschen. Dabei befördert sie Motive und Strukturen zutage, die unter den Alltags- und Hochkulturen verschĂŒttet sind. Die mythischen BezĂŒge reichen dabei von der christlichen Dreieinigkeit ĂŒber Brentanos Loreley-GesĂ€nge bis hin zu Tschaikowskis Schwanensee, SierpiĆskis Fraktallehre spielt ebenso eine Rolle wie die zweifelhaften AnsĂ€tze der ReformpĂ€dagogik. All diese Topoi fĂŒhren zu den »Frauen in Drachenhaut«, Poschmanns Erinnyen, die wie eine Monsterkurve funktionierten. »Man knickte sie, knickte sie wider, und sofort vervielfachte sich ihre MonstrositĂ€t, raumfĂŒllend, selbstausweichend.« Ihre Heldin selbst wird zur WidergĂ€ngerin der geflĂŒgelten Frauen, die sich durch die Kulturgeschichte zogen und die Geisteskraft symbolisierten, die Weisheit, die Inspiration. Die mit Kreidekleid, Sturmfrisur und Drachenatem ausgestattet den EinschlĂ€gen trotzten, die auf sie niedergingen. Read the full article












