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Ende 2018
Mein âLife Recorderâ lĂ€uft schon seit 1985
Um das Jahr 2010 herum wurde berichtet, dass es möglicherweise bald sogenannte âLife Recorderâ oder âLife Loggerâ geben wĂŒrde, kleine GerĂ€te, die jede Minute des Lebens als Video- und Audiodaten aufzeichnen. Speicherplatz wĂŒrde bald so wenig kosten, dass man ein solches AufzeichnungsgerĂ€t unauffĂ€llig wie ein SchmuckstĂŒck tragen und dauerhaft eingeschaltet lassen könne, so die Vision. SpĂ€ter sollte es dann möglich sein, in den aufgenommen Daten zu einem beliebigen Zeitpunkt im eigenen Leben âzurĂŒckzuspulenâ und so auf das Vergangene zurĂŒckzublicken.
In den darauffolgenden Jahren war nicht mehr viel von dieser Technologie zu hören. Ich jedoch besitze schon seit Jahrzehnten eine Art âLife Recorderâ; er wurde etwa Anfang 1985 eingeschaltet und lĂ€uft seitdem ohne Unterbrechung.
Meine Aufzeichnung besteht allerdings nicht aus Videodaten, sondern aus der Gesamtheit aller E-Mails, die ich seit 1985 verschickt oder empfangen habe. Aufgrund glĂŒcklicher UmstĂ€nde ist meine gesamte Mail-Vergangenheit seit diesem Zeitpunkt komplett und lĂŒckenlos vorhanden â es fehlt nicht eine einzige Mail. Die Ă€lteste ist vom 10.1.1985, die neueste ist wenige Minuten alt. Und da ich in all den Jahren das Medium E-Mail sehr intensiv genutzt habe â sowohl in meinen Jobs, als auch im privaten Kontext â bieten die Mails einen fast tagesgenauen, detaillierten Einblick in fast alles, das ich in den letzten ca. 34 Jahren getan, erlebt und gedacht habe.
Mein Mail-Verzeichnis enthĂ€lt in diesem Moment 132.641 Mails, aufgeteilt in 550 Mail-Folder; davon 52.251 von mir selbst geschriebene Mails. Der gesamte Text umfasst ĂŒber 10 Millionen Zeilen (Header-Zeilen eingerechnet).
Möglich wurde all das, weil ich schon sehr frĂŒh im Bereich der Computervernetzung gearbeitet habe und unter anderem bei der EinfĂŒhrung von Mail als netzbasiertem Kommunikationsmedium in Deutschland mitwirken konnte. Die Nutzung von Mail fĂŒr die tĂ€gliche â auch private â Kommunikation war daher fĂŒr mich von Anfang an NormalitĂ€t.
Um meine gesamten Mails bis heute zu erhalten, waren einige Vorbedingungen nötig, die aber weniger das Resultat von planerischer Weitsicht sind als einfach glĂŒckliche ZufĂ€lle.
Erstens habe ich nur selten den Arbeitgeber gewechselt und konnte jedes Mal meine Mail mitnehmen, tatsĂ€chlich sogar alle meine Daten. Ein Totalverlust mit anschlieĂendem Neuanfang fand also nie statt. Zweitens habe ich meine Mails nie auf dem Mailserver gelagert, sondern immer heruntergeladen und in lokalen Textdateien gespeichert, die ich selber unter Kontrolle habe. Drittens schlieĂlich habe ich mich von Anfang an auf das portable, client-agnostische, textbasierte Mailbox-Format MBOX festgelegt. Mail-Folder in diesem Format können mit beliebigen Mail-Clients oder Text-Werkzeugen gelesen, durchsucht oder analysiert werden, z.B. mit einem normalen Text-Editor.
Gelegentlich beame ich mich in die AnfĂ€nge meiner Mail-Timeline zurĂŒck, um zu sehen, was ich vor Jahren oder Jahrzehnten so unternommen habe. Dabei entdecke ich manches, das ich lĂ€ngst vergessen oder verdrĂ€ngt habe, insbesondere auch lĂ€ngst untergegangene Technologien, mit denen ich damals Umgang hatte. Einige Beispiele:
5.9.1985: Ich habe Magen-Darm-Grippe.
22.11.1985: Mein derzeit höchster Score im Textgrafik-Spiel âHackâ betrĂ€gt 73.000 Punkte.
19.12.1985: Immer mehr Leute im Institut möchten âHackâ spielen; ich gebe Ihnen nĂŒtzliche Hinweise. Die abgespeicherten SpielstĂ€nde bringen unsere Instituts-Festplatte zum Ăberlaufen.
19.3.1986: Ich veröffentliche im Usenet meine erste Software, eine C-Library-Funktion zum Konvertieren von Datum und Uhrzeit in eine Anzahl von Sekunden seit dem 1.1.1970.
14.7.1986: Ich habe erfolglos versucht, im Postamt BergmannstraĂe (Berlin 61) neue TelefonbĂŒcher zu bekommen.
24.7.1986: Ich kaufe mir fĂŒr zuhause einen PC. Er hat 640 Kilobytes RAM, eine Festplatte mit 86 Megabytes, und einen 14-Zoll-Monitor mit bernsteinfarbener Schrift. Der PC kostet 19.950 Mark.
21.12.1986: Ein Bekannter berichtet aufgeregt, dass er aus einer Privatwohnung eine E-Mail ĂŒber ein Telefonmodem versenden kann.
4.2.1987: Ich kaufe eine Speichererweiterung mit 3 Megabytes fĂŒr meinen PC. Sie kostet 1.400 Mark. Ich schreibe dazu: âDas finde ich relativ preisgĂŒnstig.â
3.6.1987: Ich lasse mir den Eintrag fĂŒr Jugoslawien in der europĂ€ischen UUCP-Map zusenden. [Anmerkung 2018: ich habe keine Ahnung, was das heiĂen soll.]
20.7.1987: Die Ăbertragung einer einzelnen, etwas lĂ€ngeren Mail an unseren Mail-Austausch-Peer-Knoten in den USA ĂŒber den Datex-P-Anschluss der Post in unserem Institut hat 30 Mark an GebĂŒhren erzeugt.
22.7.1987: Ich versuche, meinen (mittlerweile aufgerĂŒsteten) PC wieder zu verkaufen und lege noch 250 Disketten und einen Akustikkoppler bei. Meine Preisvorstellung ist 16.000 Mark. Als Pluspunkt erwĂ€hne ich, dass âHackâ installiert ist.
27.8.1987: Jemand aus dem Institut fliegt fĂŒr eine Gastvorlesung nach Shanghai. Er fragt, wie es dort mit E-Mail aussieht. Ich frage zurĂŒck, ob die Frage ein Witz sein soll und schlage vor, einen Akkustikkoppler oder ein âTaschenmodemâ mitzunehmen und ĂŒber Telefon eine Dial-Up-Verbindung nach Taiwan aufzubauen.
31.8.1987: Jemand möchte meinen PC fĂŒr 200 Mark im Monat mieten. Ich lehne ab und reduziere meine Preisvorstellung auf 10.000 Mark.
3.12.1987: Ich lade Fritz und Monika anlÀsslich meines Geburtstags zu einem KÀsefondue ein.
13.12.1987: In der Kreuzberger Wohngemeinschaft findet am 3. Advent ein âStollenanschnittâ statt.
29.4.1988: Ich ziehe um in eine 80qm groĂe 3-Zimmer-Wohnung in Berlin 61. Die monatliche Miete betrĂ€gt 670 Mark.
2.5.1988: Ich berichte einem Bekannten, dass ich mir ein Telefonmodem mit 9.600 Baud vom Typ "US Robotics Courier" fĂŒr 1.600 Mark gekauft habe.
29.6.1988: In meiner Westberliner Zeitung steht, dass Hausbesetzer damit drohen, ĂŒber die Mauer zu klettern und nach Ostberlin zu fliehen, wenn die Polizei die besetzten HĂ€user stĂŒrmen sollte. Der âSender Freies Berlinâ berichtet ebenfalls.
11.8.1988: Ich mache mir Sorgen ĂŒber das Robbensterben.
19.8.1988: Es regnet.
15.1.1989: Meine Freundin und ich fliegen mit der Fluggesellschaft âPan Amâ nach Miami. Sie bekommt dort eine Magen-Darm-Grippe, muss sich im Krankenhaus kurz untersuchen lassen und dafĂŒr an Ort und Stelle umgerechnet 1.000 Mark bezahlen. Der Mietwagen hat $99 pro Woche gekostet.
16.5.1989: Ich ĂŒberweise einem Bekannten 2.000 Mark und erwĂ€hne, dass eine Ăberweisung vier Werktage dauert.
1.6.1989: Ich möchte nach einem Rezept aus dem Usenet einen âFlorida Key Lime Pieâ backen, weiss aber nicht, was eine âGraham Cracker Pie Crustâ ist und wie ich das herausfinden soll.
Aus heutiger Sicht absurd wirken die Mail-Adressen, die wir in den 1980er Jahren zum Teil verwendet haben. Wer sich mit der Computervernetzung in der Zeit vor dem globalen, TCP/IP/DNS-basierten Internet beschĂ€ftigt hat, wird die damals verwendeten Adressformate eventuell wiedererkennen. Aus GrĂŒnden, die sich nicht mehr ganz nachvollziehen lassen, habe ich um 1980 herum ânetâ als meinen Nutzernamen gewĂ€hlt und im Grunde (mit wenigen Ausnahmen) bis heute beibehalten; demzufolge ist ânetâ seit damals entsprechender Bestandteil meiner Mail-Adressen. Hier eine Auswahl meiner Adressen aus den Mail-Anfangsjahren:
ihnp4!seismo!mcvax!unido!tub!net
...!pyramid!tub!net
(Oliver Laumann)
Sadly, there are no plans to continue working on the development of .Mail app - I say this with a heavy heart, as I know that so many of you looked forward to this app the same way I did & I'm very thankful for all your support.
Erg jammer, dit zag er uit als een prachtige en veelbelovende mailclient. Lees hier meer over het concept.
auf der suche
Ich bin immer mehr unzufrieden mit Thunderbird. Ist mir mittlerweile zu schwerfÀllig und zu langsam. Und ich suche nach was anderem, das Plattform unabhÀngig lÀuft. Was gefunden hab ich allerdings noch nicht.