Doch ZĂŒrichs Bevölkerung störte sich zunehmend an den wehklagenden Frauen. Eine Karikatur aus dem Jahr 1834 zeigt die Leichenbitterin von ZĂŒrich, auch ChilchgangsĂ€ngeri genannt, mit langgezogenem Mund. Sie wurde als Totenhenne verspottet, wie ein Gedicht aus demselben Jahr zeigt: «Was rennt das Weib â was schreit sie dort / die langen Gassen heulend fort? / Da muss die Totenhenne krĂ€hen â / um meinen Himmel â warâs geschehen. / Ich kann mir wahrlich nicht erklĂ€ren, / warum die ganze Stadt muss hören, / wenn einer scheidend aus der Welt / ins dunkle Grab den Einzug hĂ€lt.» Ein Jahr spĂ€ter legte der Stadtrat fest, dass das Ausrufen der Toten durch gedruckte Anzeigen ersetzt werden sollte. Die Leichenbitterinnen wurden nun fĂŒr das Vertragen der «Todtenzedel» angestellt.
Vor dem Tod sind alle ungleich: was der Friedhof Sihlfeld ĂŒber die ZĂŒrcherin des 19. Jahrhunderts verrĂ€t
Die Rollen von Frau und Mann spiegeln sich sogar auf der letzten RuhestĂ€tte. Doch nicht unbedingt so, wie man das erwarten wĂŒrde.
Katja Baigger (Text), Simon Tanner (Bilder), 04.09.2019
Ein Todesengel wacht ĂŒber dem Grab der Familie Heer Schweizer, eine Ewigkeit schon, seit rund 140 Jahren. Die ĂŒberlebensgrosse Frau mit FlĂŒgeln lehnt sich mit ihrem Arm an ein steinernes Kreuz mit tĂ€uschend echter Holzmaserung, ihr Kleid wirft Falten. Unverwandt blickt sie den beiden SpaziergĂ€ngerinnen ins Gesicht. «Der wurden ja Augen aufgemalt!», entfĂ€hrt es der Schreibenden. «Das ist der Naturalismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts», erklĂ€rt Andrea Wild wĂ€hrend des Rundgangs auf dem Friedhof Sihlfeld. Die Historikerin und Archivarin mit Jahrgang 1976 will nicht nur fĂŒr die Schublade arbeiten. Daher engagiert sie sich ehrenamtlich beim Frauenstadtrundgang ZĂŒrich.
Der 1877 auf Höhe der Ămtlerstrasse errichtete erste Teil der konfessionslosen RuhestĂ€tte mit seinen pompösen FamiliengrĂ€bern ist Andrea Wilds Forschungsgebiet. Sie und andere Historikerinnen vom Frauenstadtrundgang haben in den ZĂŒrcher Archiven ĂŒber den Umgang mit Sterben und Tod recherchiert. Am Samstag wĂ€hrend der langen Nacht der Museen werden diese Quellen lebendig. Wild und weitere Historikerinnen bieten mit dem Friedhof-Forum eine Tour entlang der GrĂ€ber an. Sie zeigen auf, wie die Rollen der Geschlechter im 18. und 19. Jahrhundert mit dem Ende des Lebens verknĂŒpft waren und wie sie sich bis heute auch auf dem Friedhof Sihlfeld widerspiegeln.
Man könnte etwas plakativ annehmen, dass Frauen weniger attraktiv gelegene Grabfelder erhielten. Wild verneint entschieden, rĂ€umt aber ein, es gebe eine Ausnahme. Ăber Frauen, die wĂ€hrend der Schwangerschaft oder im Wochenbett verstarben, dachte man frĂŒher, sie seien unrein, weil sie an die ErbsĂŒnde erinnerten. Das spĂ€tmittelalterliche Kirchenrecht verbot sogar ihre Bestattung in geweihter Erde. Auch spĂ€ter wurden sie an besonderen Orten begraben, so dass diese Grabstellen von den Lebenden leicht gemieden werden konnten. Der Friedhof Sihlfeld jedoch sei als Zentralfriedhof dem Ideal der Gleichheit verpflichtet, erklĂ€rt Wild. Deshalb gebe es hier keine Unterschiede in der Grablegung.
Ersichtlich wird jedoch zwischen dem Efeu und den ThujabĂ€umen, dass man im ZĂŒrich des 19. Jahrhunderts das Emotionale mit dem Weiblichen verband. Wild weist auf die zwischen den GrĂ€bern allgegenwĂ€rtigen allegorischen und mythischen Frauenfiguren. Bildhauer und KĂŒnstler hĂ€tten Engel lange als geschlechtslose Wesen dargestellt, sagt Wild. Seit der Renaissance jedoch nahmen die geflĂŒgelten Figuren zunehmend weibliche Gestalt an. Und im 19. Jahrhundert wurden sie dann ausschliesslich weiblich dargestellt.
Auch in Wiedikon ist das so. Die Frauenstatuen stehen gebĂŒckt und wirken schwach, bisweilen sind ihre Körper erotisierend dargestellt, alle trauern sie. Trauernde MĂ€nnerfiguren hingegen sieht man hier nur wenige. Das passte nicht zur Vorstellung des «starken Geschlechts». Dieses ertrĂ€gt den Schmerz und die Trauer, ohne SchwĂ€che zu zeigen. Wenn MĂ€nnerbĂŒsten die reprĂ€sentativen GrĂ€ber schmĂŒcken, sind es Abbilder der Verstorbenen.
Anfang und Ende des Lebens ist Frauensache
Dass man damals der Auffassung war, dass das weibliche Geschlecht fĂŒr «PietĂ€tsangelegenheiten» wie geschaffen sei, zeigt sich auch an den Berufen rund um Leben und Tod. Den Anfang und das Ende des Lebens zu verkĂŒnden, galt in ZĂŒrich bis ins ausgehende 19. Jahrhundert als eine Sache der Frauen. Bevor Geburts- und Todesanzeigen in Zeitungen ĂŒblich wurden, waren Frauen als Botinnen dieser Ereignisse auf den Strassen der Stadt unterwegs, um die Bevölkerung zu informieren.
Wurde ein Kind geboren, so machte ein sogenanntes FreudenmĂ€dchen weiss beschĂŒrzt und mit einem Blumenstrauss in der Hand die Runde und kĂŒndigte in die Gassen rufend an, wessen SĂ€ugling gerade das Licht der Welt erblickt hatte. Starb eine Person, so beklagte die Leichenbitterin lauthals, die Seele eines Einwohners sei zum Schöpfer zurĂŒckgekehrt. Ăber ihre Kleidung hiess es 1871 im Beschluss eines Kranken- und BegrĂ€bnisvereins: «Bei ihren Dienstverrichtungen haben sie in reinlicher, einfacher schwarzer Kleidung mit weisser, in Weiss oder Schwarz garnierter Haube zu erscheinen.»
Der Beruf der Leichenbitterin sei in der Stadt ZĂŒrich ausschliesslich von Frauen ausgefĂŒhrt worden, erklĂ€rt Andrea Wild. Die anderen Professionen im Zusammenhang mit dem Tod, etwa TotengrĂ€ber, Sargschreiner oder SargtrĂ€ger, seien den MĂ€nnern vorbehalten gewesen. Die Leichenbitterinnen organisierten auch die LeichenzĂŒge. Wild erwĂ€hnt einen Kupferstich von David Herrliberger aus dem Jahr 1752. Dieser zeigt die klare gesellschaftliche Hierarchie bei der Beerdigung eines ZĂŒnfters: Man versammelt sich beim Haus des Toten, die Frauen drinnen beim aufgebahrten Leichnam, die MĂ€nner draussen. SargtrĂ€ger bringen den Sarg aus dem Haus. Die Namen der Trauernden werden verlesen, danach stellt man sich in Zweier- oder Dreierkolonnen auf: zunĂ€chst die mĂ€nnlichen Verwandten, dann Vorgesetzte, Zunftmitglieder, die ĂŒbrigen MĂ€nner und erst dann die weiblichen Verwandten, die ĂŒbrigen verheirateten Frauen und am Schluss die Leichenbitterin.
Leichenbitterin als Totenhenne verspottet
Doch ZĂŒrichs Bevölkerung störte sich zunehmend an den wehklagenden Frauen. Eine Karikatur aus dem Jahr 1834 zeigt die Leichenbitterin von ZĂŒrich, auch ChilchgangsĂ€ngeri genannt, mit langgezogenem Mund. Sie wurde als Totenhenne verspottet, wie ein Gedicht aus demselben Jahr zeigt: «Was rennt das Weib â was schreit sie dort / die langen Gassen heulend fort? / Da muss die Totenhenne krĂ€hen â / um meinen Himmel â warâs geschehen. / Ich kann mir wahrlich nicht erklĂ€ren, / warum die ganze Stadt muss hören, / wenn einer scheidend aus der Welt / ins dunkle Grab den Einzug hĂ€lt.» Ein Jahr spĂ€ter legte der Stadtrat fest, dass das Ausrufen der Toten durch gedruckte Anzeigen ersetzt werden sollte. Die Leichenbitterinnen wurden nun fĂŒr das Vertragen der «Todtenzedel» angestellt.
Auf dem Rundgang am Samstag wird die ZĂŒrcher Leichenbitterin Regina Baumberger-Truninger als historische Zeitzeugin wiedererweckt, die Tourguides werden sie verkörpern. Die 1827 geborene Frau, die den Beruf von 1864 bis 1899 ausĂŒbte, arbeitete fĂŒr die Stadt sowie den privaten BegrĂ€bnisverein «Zum Kreuz». Sie verdiente im Jahr 1897 als Urnenbewacherin 208 Franken 50, was einem heutigen JahressalĂ€r von 10 000 Franken entspricht, wie die Historikerinnen des Frauenstadtrundgangs herausgefunden haben. Baumberger-Truningers Lohn hing von der Anzahl BegrĂ€bnisse ab. Sie verfĂŒgte also nicht ĂŒber ein regelmĂ€ssiges Einkommen. Das mĂ€nnliche Leichenwartpersonal, dessen Arbeitsaufwand ebenfalls von den BegrĂ€bnissen abhing, war hingegen im Jahreslohn angestellt. Diese ZĂŒrcher Leichenbitterin, so sagt es Andrea Wild, sei nach 1909 verarmt gestorben, wann genau ist nicht bekannt.
Wir bleiben vor dem Grabmal von Johanna Spyri stehen. Ihr stolzer Grabstein ĂŒberragt jenen ihres Mannes und jenen ihres Sohnes, von denen er eingerahmt wird. WĂ€hrend bei vielen â oft unbekannten â mĂ€nnlichen Toten der Beruf auf dem Grabstein angegeben ist, steht bei der weltberĂŒhmten Schöpferin des unsterblichen Heidi nicht etwa «Jugendschriftstellerin», sondern gar keine nĂ€here Bezeichnung. Solche Angaben fehlen bei den meisten auf dem Friedhof begrabenen Frauen. «Spyris Nachfahren hĂ€tten sie ja mit den Insignien ihrer TĂ€tigkeit, mit Feder und Papier, verewigen können», schlĂ€gt Wild vor. So hat es nĂ€mlich der einstige Stadtbaumeister Arnold Geiser, unter anderem Erbauer des Friedhofs Sihlfeld, getan, der ein paar Schritte weiter seine letzte Ruhe gefunden hat. Ein Zirkel und ein Winkel zieren seinen Grabstein.
Das FreudenmĂ€dchen und die Leichenbitterin, im Hintergrund Limmat, Rathaus und GrossmĂŒnster, datiert auf 1844, Urheber: Franz Hegi und David Hess. (Bild: Zentralbibliothek ZĂŒrich)
Friedhof Sihlfeld in ZĂŒrich zeigt: vor dem Tod sind alle ungleich











