Drei Wochen stand Syrien im Januar am Abgrund. Im Nordosten des Landes eskalierte der Konflikt zwischen Zentralregierung und kurdisch gefĂŒhr
Rojava: Ende eines Traums?
Analyse BlĂ€tter fĂŒr deutsche und internationale Politik MĂ€rz 2026
Drei Wochen stand Syrien im Januar am Abgrund. Im Nordosten des Landes eskalierte der Konflikt zwischen Zentralregierung und kurdisch gefĂŒhrter Selbstverwaltung â KĂ€mpfe, Vertreibungen und Menschenrechtsverletzungen drohten zu einem offenen Krieg auszuarten. Mehr als ein Jahr nach dem Sturz des Assad-Regimes am 8. Dezember 2024 war das strategisch wichtige Gebiet, das fast ein Drittel des Landes umfasst und Erdöl, Erdgas und groĂe landwirtschaftliche NutzflĂ€chen beinhaltet, noch immer nicht Teil des neuen syrischen Staates geworden. Ein am 10. MĂ€rz 2025 unterzeichnetes Grundsatzabkommen zwischen ĂbergangsprĂ€sident Ahmad al-Sharaa und Mazlum Abdi, dem Kommandeur der Syrischen Demokratischen KrĂ€fte (SDF), war zehn Monate lang nicht umgesetzt worden, die Integration drohte mit Gewalt, statt am Verhandlungstisch vollzogen zu werden.
Nach dem militĂ€risch erzwungenen Abzug kurdischer Einheiten aus Aleppo Anfang Januar eroberten die Truppen der Ăbergangsregierung innerhalb weniger Tage die Provinzen Raqqa und Deir al-Zor sowie Teile der Provinz Hasaka. Arabische Bewohner feierten das Ende der kurdisch dominierten Autonomen Verwaltung Nord- und Ostsyrien (AANES) als Befreiung, Kurd:innen fĂŒrchteten sich vor Repressionen und Massakern durch extremistisch auftretende SicherheitskrĂ€fte der Ăbergangsregierung.
In den sozialen Medien kursierende Videos befeuerten Ăngste und Hass auf beiden Seiten: Der Leichnam einer kurdischen KĂ€mpferin wurde unter dem Jubel von Regierungstruppen von einem GebĂ€ude in Aleppo geworfen, gefangen genommene Kurden wurden als âSchweineâ und âVerrĂ€terâ beschimpft und erniedrigt. Zugleich wurden Kinder und Jugendliche aus den GefĂ€ngnissen der Selbstverwaltung befreit, deren Inhaftierung mindestens Fragen aufwirft, Berichte ĂŒber Zwangsrekrutierungen und auĂergerichtliche Hinrichtungen nĂ€hrten das Bild der SDF als PKK- gesteuerte Truppe, die die eigenen Machtinteressen ĂŒber das Wohl der syrischen Bevölkerung stellt â sowohl der arabischen als auch der kurdischen.
Ăber Jahrzehnte verinnerlichte Narrative und Propaganda steigerten sich zu einem Lagerdenken, das auch die Debatten im Ausland vergiftete: Die einen mobilisierten fĂŒr die Rettung der Kurd:innen in einem âbasisdemokratischen Rojavaâ vor den herannahenden âDschihadistenâ des âTerroristen al-Golaniâ (alias Ahmad al-Sharaa), die anderen forderten die RĂŒckgabe der von âauslĂ€ndischen PKK-Terroristen besetztenâ syrischen Gebiete und Ressourcen an die ârechtmĂ€Ăige Zentralregierungâ in Damaskus und ein Ende des âkurdischen Separatismusâ. Die derart befeuerte Polarisierung fĂŒhrte zu Diffamierung und Hetze im Internet sowie zu ZusammenstöĂen auf Deutschlands StraĂen.
Mitte Januar steuerte alles auf eine offene Konfrontation hin, GrĂ€ueltaten schienen nach den Massakern an alawitischen Zivilist:innen im MĂ€rz 2025 an der KĂŒste und an der drusischen Bevölkerung im Juli 2025 in Sweida vorprogrammiert. Dann siegte in letzter Minute der Pragmatismus aller Beteiligten. Nach intensiver Shuttle-Diplomatie zwischen Damaskus, SDF, der Autonomen Region Kurdistan im Irak, der TĂŒrkei, den USA und Frankreich konnte eine militĂ€rische Eskalation abgewendet werden. Am 30. Januar bestĂ€tigten al-Sharaa und Abdi ein weiteres Abkommen. Es besiegelte das Ende kurdischer Autonomie und die Wiederherstellung zentralstaatlicher SouverĂ€nitĂ€t im Nordosten, lokale Strukturen werden schrittweise eingebunden statt aufgelöst.
Das neue Syrien vollzieht damit einen wichtigen Schritt in Richtung nationale Einheit. Damaskus ĂŒbernimmt die GrenzĂŒbergĂ€nge in den Irak und die TĂŒrkei, den Flughafen von Qamishli, die Erdöl- und Erdgasfelder. Lokale Angestellte behalten ihren Job und werden ab sofort von Damaskus bezahlt, Ziel ist eine einheitliche Verwaltung statt paralleler Strukturen. Neuer Gouverneur der Provinz Hasaka ist erstmals ein Kurde: Nour al-Din Ahmad, ein enger Vertrauter Abdis, langjĂ€hriger Leiter der Ăffentlichkeitsarbeit der SDF und zuletzt Mitglied des Generalstabs.
Die örtlichen PolizeikrĂ€fte Asayish werden dem Innenministerium unterstellt. Bei der Integration der SDF in die nationale Armee einigte man sich auf einen Kompromiss. Statt kurdische KĂ€mpfer â wie von Damaskus gewĂŒnscht â nur einzeln zu rekrutieren, werden diese in drei Brigaden aufgenommen, die Teil einer neu zusammengestellten Division fĂŒr Hasaka sind. In Kobane wird eine SDF-Brigade in eine Armeedivision der Provinz Aleppo eingegliedert.
Angesichts der katastrophalen wirtschaftlichen Lage werden die meisten SDF-Soldaten und Asayish froh sein, auch in Zukunft in ihren Heimatregionen arbeiten zu können und einen festen Sold aus Damaskus zu erhalten. FĂŒr al-Sharaa ist es wiederum strategisch klĂŒger, die erfahrenen kurdischen KĂ€mpferinnen und KĂ€mpfer an die Ăbergangsregierung zu binden, statt sie sich zu Feinden zu machen und mittelfristig einen Aufstand zu riskieren. Das Gewaltmonopol ist wiederhergestellt, die Befehlsstruktur klar, gleichzeitig kĂŒmmern sich kurdische KrĂ€fte um die Sicherheit in den ĂŒberwiegend von Kurd:innen bewohnten Gebieten, in denen die Angst vor islamistischen KĂ€mpfern der Ăbergangsregierung groĂ ist.
Manche Punkte waren schon zuvor bestĂ€tigt worden, etwa dass die Kurden ein integraler Bestandteil des syrischen Volkes mit gleichen staatsbĂŒrgerlichen Rechten und Pflichten sind. Auch die Anerkennung von Kurdisch als Nationalsprache und des kurdischen Newroz-Fests am 21. MĂ€rz als nationalen Feiertag hatte al-Sharaa bereits in einem PrĂ€sidialdekret vom 16. Januar zugesagt. Aus kurdischer Sicht mĂŒssen diese Regelungen jedoch in der Verfassung verankert werden. Daneben wurde die RĂŒckkehr aller Vertriebenen in ihre Heimatorte Afrin, Sheikh Maqsoud in Aleppo und Ras al-Ayn / Sere Kaniye garantiert. SĂ€mtliche in Nordostsyrien arbeitende Organisationen und Medien â mehr als 200 NGOs und Initiativen â sollen auĂerdem von den zustĂ€ndigen Ministerien in Damaskus lizenziert werden.
Zwei fĂŒr die Kurd:innen im Nordosten wichtige Themen sind noch nicht abschlieĂend geklĂ€rt: Frauenrechte und Bildung. Unter der AANES wurde das Personenstandsrecht in der Provinz Hasaka (nicht in Raqqa und Deir al-Zor) zugunsten von Frauen reformiert, die Vielehe wurde abgeschafft. AuĂerdem hat die Selbstverwaltung viel in den Aufbau eines kurdischsprachigen Bildungssystems investiert, dessen SchulabschlĂŒsse und Zertifikate jetzt in einem ersten Schritt anerkannt wurden. In den vergangenen Jahren hatte sich Kurmançi von einem im privaten Raum gesprochenen Dialekt zu einer Bildungssprache entwickelt, die in Schulen gelehrt und in Behörden praktiziert wird â eine wichtige Errungenschaft fĂŒr ein Volk ohne Staat. Zugleich wurde in den kurdischsprachigen Schulen der arabische Sprachunterricht vernachlĂ€ssigt, so dass viele Jugendliche in Qamishli nicht mehr gut genug Arabisch können, um in Aleppo, Latakia oder Damaskus zu studieren. Fragen von Bildung und Zweisprachigkeit spielen bei den weiteren Verhandlungen deshalb eine entscheidende Rolle.
Mit dem Abkommen vom 30. Januar hat ĂbergangsprĂ€sident al-Sharaa in Nordostsyrien bekommen, was er wollte: SouverĂ€nitĂ€t, Institutionen und Ressourcen, ohne einer dezentralen staatlichen Ordnung zustimmen zu mĂŒssen. Was in monatelangen GesprĂ€chen nicht gelungen war, erzwang er am Ende mit militĂ€rischer Eskalation. Aus kurdischer Sicht bedeutet die Einigung das Ende von Selbstbestimmung und Autonomie, aber eine deutliche Verbesserung im Vergleich zu frĂŒheren Jahrzehnten â allerdings bisher nur auf dem Papier. Viele fĂŒrchten, eine arabisch-sunnitisch dominierte Regierung in Damaskus, die schon jetzt zentralistisch und autoritĂ€r agiert, könnte mittelfristig schlimmer werden als die frĂŒhere Baath-Herrschaft, weil unter al-Sharaa zum arabischen Nationalismus noch ein wie auch immer gearteter Islamismus kommt.
Dass das kurdisch gefĂŒhrte Autonomieprojekt im Nordosten â von UnterstĂŒtzern weltweit gerne zu einem demokratischen Modell Rojava verklĂ€rt â Geschichte ist, liegt auch an seiner FĂŒhrung. Diese hatte sich verkalkuliert, Machtverschiebungen zu lange ignoriert, strategische Fehler gemacht.
Ăber Jahre hatten AANES und SDF das theoretische Versprechen des âDemokratischen Konföderalismusâ, ein gleichberechtigtes und basisdemokratisches System lokaler Mitbestimmung nicht glaubwĂŒrdig umgesetzt. Zwar gab es dezentrale Strukturen, aber das letzte Wort hatten stets die Kader der regierenden Partei der demokratischen Union (PYD), die ideologisch und personell eng mit der PKK in den Kandil-Bergen verbunden ist. Die Bevölkerung in den ĂŒberwiegend arabischen Provinzen Raqqa und Deir al-Zor empfand die Autonome Verwaltung deshalb als Fremdherrschaft, auch wenn sie diese anfangs als geringeres Ăbel im Vergleich zu Assad und dem so genannten Islamischen Staat (IS) in Kauf nahm.
Nach dem Sturz des Regimes wollten diese Menschen wieder zu einem geeinten Syrien gehören, auf entsprechende LoyalitĂ€tsbekundungen gegenĂŒber der Ăbergangsregierung in Damaskus reagierten die SDF jedoch mit Repression und Gewalt. Das machte sie fĂŒr die Bewohner von Raqqa und Deir al-Zor erst recht zu Besatzern und erklĂ€rt, warum arabische SDF-Mitglieder und verschiedene StĂ€mme sofort die Seiten wechselten, als die Truppen der Ăbergangsregierung im Nordosten vorrĂŒckten.
Statt nach dem ersten Abkommen im MĂ€rz 2025 einer schrittweisen MachtĂŒbergabe zuzustimmen und damit den Menschen zu signalisieren, dass man zur Integration bereit war, bestand die SDF-FĂŒhrung zehn Monate lang auf ein Gesamtpaket, mit dem sie eine dezentrale Ordnung fĂŒr Syrien festschreiben und eigene Strukturen weitgehend bewahren wollte. Damit hatte sie zu hoch gepokert, die eigene Rolle ĂŒberschĂ€tzt und die Geduld der anderen ĂŒberstrapaziert â zumal sich die MachtverhĂ€ltnisse zugunsten al-Sharaas verschoben hatten.
Der frĂŒhere Al Qaida-FĂŒhrer hatte im Laufe seines ersten Jahres als Staatschef die Welt davon ĂŒberzeugt, dass er der richtige Mann fĂŒr Syriens schwierigen Ăbergangsprozess sei. US-PrĂ€sident Donald Trump hatte die Beziehungen nach Damaskus normalisiert, im November empfing er den frisch von der US-Terrorliste gestrichenen al-Sharaa im WeiĂen Haus. Trump kĂŒndigte an, sich fĂŒr drei Dinge einsetzen zu wollen: die Aufhebung der amerikanischen SekundĂ€rsanktionen gegenĂŒber Syrien, ein Sicherheitsabkommen mit Israel und eine Lösung fĂŒr den Nordosten. Am 17. Dezember hob der US-Senat die so genannten Caesar-Sanktionen auf, am 6. Januar vereinbarten israelische und syrische Vertreter in Paris einen gemeinsamen Kommunikationskanal, um unter Aufsicht der USA Sicherheitsfragen zu koordinieren. Damit hatte sich die Hoffnung manch kurdischer Politiker auf eine UnterstĂŒtzung Israels im Machtkampf mit Damaskus zerschlagen. Kurz darauf folgte das grĂŒne Licht aus Washington fĂŒr den Vormarsch im Nordosten.
Die USA entzogen den SDF ihre UnterstĂŒtzung, man bedankte sich fĂŒr den gemeinsamen Kampf gegen den IS, den man ab sofort mit der Ăbergangsregierung fĂŒhren möchte â im November war al-Sharaa der Internationalen Koalition gegen den IS beigetreten. Damit hatte sich die Rolle der SDF aus amerikanischer Sicht erledigt, sie waren trotz jahrelanger Zusammenarbeit nur militĂ€rischer Partner geblieben, nicht politischer VerbĂŒndeter geworden. In Zukunft wollen die USA in Syrien nicht mehr helfen, sondern Deals machen â und al-Sharaa ist dafĂŒr ihr Ansprechpartner.
FĂŒr Kurdinnen und Kurden weltweit fĂŒhlt sich das â wieder einmal â wie Verrat an. Tausende ihrer Landsleute sind im Kampf gegen den IS gestorben, 2019 galt die Terrororganisation als territorial besiegt. Seitdem hatten sich die SDF mit US-UnterstĂŒtzung um mehrere Zehntausend KĂ€mpfer und Angehörige gekĂŒmmert, wĂ€hrend der Rest der Welt dieses Erbe des âKalifatsstaatesâ ignoriert und meist nicht mal Verantwortung fĂŒr die eigenen StaatsbĂŒrger beim IS ĂŒbernommen hat. SpĂ€testens jetzt ist der Moment gekommen, diese auslĂ€ndischen Dschihadisten zu repatriieren, auch die 30-40 deutschen IS-Mitglieder â erst recht, wenn man wie die Bundesregierung die RĂŒckfĂŒhrung syrischer StraftĂ€ter anstrebt.
Die Ignoranz des Auslands gegenĂŒber den Verdiensten der Kurden in Nordostsyrien schweiĂte kurdische Parteien und Organisationen ĂŒber ideologische GrĂ€ben hinweg zusammen; selten zuvor traten die traditionell verfeindeten politischen Lager der Kurden im Irak, Iran, in der TĂŒrkei und in Syrien so geeint auf wie Anfang Januar. Die breite internationale Solidarisierung erhöhte den Druck in Europa und auf die US-Regierung, unter anderem durch ein von mehreren US-Senatoren unterstĂŒtztes âSave the Kurdsâ-Gesetz, das mit der WiedereinfĂŒhrung von Sanktionen gegenĂŒber der syrischen Ăbergangsregierung droht. Daraufhin kam diplomatische Bewegung in die verhĂ€rteten Fronten, die schlieĂlich zur Einigung fĂŒhrte.
Wie geht es weiter? Das Abkommen vom 30. Januar ist mehr als Symbolik, aber keine Garantie dafĂŒr, dass die Integration Nordostsyriens gelingt. Dies wird davon abhĂ€ngen, ob der Alltag fĂŒr alle Menschen besser und sicherer wird â ob Preise stabil bleiben, der Strom flieĂt, GehĂ€lter gezahlt werden und SicherheitskrĂ€fte Vertrauen schaffen. Die meisten Behördenmitarbeiter, Lehrerinnen und Polizisten der AANES werden ihre Jobs behalten wollen, egal woher das Geld kommt. Von den dringend benötigten Investitionen in die Erdölindustrie und Landwirtschaft mĂŒssen auch die Region und ihre Bewohner profitieren, nicht wie unter Assad nur eine Machtelite in Damaskus. Unrecht sollte wie ĂŒberall in Syrien aufgearbeitet werden ohne ganze Bevölkerungsgruppen in Mithaftung zu nehmen. Und al-Sharaa muss Wort halten und beweisen, dass Kurd:innen im neuen Syrien tatsĂ€chlich gleichberechtigt und sicher sind. Einheit entsteht nicht auf dem Papier, sie wĂ€chst von innen. Viele Drusen in Sweida und Alawiten an der KĂŒste werden genau verfolgen, wie es in Hasaka weitergeht.











