Politik, die erste: Links ist da wo der Daumen rechts ist
StĂ€ndig lĂ€uft bei politischen Diskussionen die Einteilung in rechts oder links und dazwischen tummelt sich irgendwo die sogenannte Mitte, dazu kommen noch die GrĂŒnen. Welcher FlĂŒgel gerade in den Wahlen die Nase vorne hat, hĂ€ngt vom gesellschaftlichen Trend ab, der jeweils in den Medien breitgetreten und zusĂ€tzlich befeuert wird: Was ist gerade in? Ah, Klimawandel, wir mĂŒssen grĂŒn wĂ€hlen. Wo drĂŒckt der Schuh? Nun, die FlĂŒchtlingswelle macht mir Angst, dann wĂ€hle ich rechts. Oh, meine Rente ist durch die Immobilienkrise in Gefahr, ich wĂ€hle links. Ich möchte mich nicht zu stark festlegen, das ist mir alles zu extrem, ich wĂ€hle gemĂ€ssigt in der Mitte.
Die jeweilige «Siegerpartei» fĂŒhlt sich bestĂ€tigt, frohlockt und jubelt, die Verliererpartei muss ĂŒber die BĂŒcher und stellt sich die Frage: wie kriege ich wieder mehr WĂ€hler? Eindeutig die falsche Frage, wenn man das Ganze aus der Sichtweise der Gesellschaft und vor allem der tĂ€glichen Herausforderungen betrachtet.
Die AuswĂŒchse dieser eigentlich falschen Fragestellung sehen wir ja in den USA: Wessen Hand ich geschĂŒttelt habe, dessen Stimme kann ich mir sicher sein. Je glĂ€nzender das Einhorn mit dem ich um die Gunst der Geblendeten werbe, desto grösser die Zustimmung und der Jubel. Wenn ich dann noch genĂŒgend GĂŒlle ĂŒber das Antlitz meines politischen Gegners schĂŒtte und dessen VersĂ€umnisse in der vierten Klasse oder sein unrĂŒhmliches Verhalten gegenĂŒber seiner weiblichen Mitarbeiterin vor 15 Jahren ausgiebig ausgeschlachtet habe, steige ich die Beliebtheitsskala empor. Das funktioniert, weil das System und somit die Gesellschaft daraus ausgerichtet ist und es schon immer so war.
Das Dilemma der Parteienpolitik und dem dazugehörigen Gewinn oder eben Verlust der ersehnten WÀhlerstimmen:
Die Linken machen hĂ€ufig den Fehler, die mutmasslich rechten Ansichten fehlender Intelligenz zuzuordnen oder im Umgang mit der AuslĂ€nderfrage (ja nicht «Problematik» nennen) gleich die Rassismuskeule zu schwingen. Ich muss nicht rechtsextremistisch oder gar ein Nazi sein, um einen Missstand im Zusammenhang mit Migranten erwĂ€hnen zu dĂŒrfen oder ein Problem zu beschreiben. Und schon gar nicht ist es «einfach dumm», wenn man nicht die Meinung der Linken hat. Was oft nicht den Weg in den harten SchĂ€del der Linken findet ist nĂ€mlich der Umstand, dass das Thema sehr wohl eine breite Bevölkerungsschicht betrifft: Die einen aus persönlicher Betroffenheit (z. B. durch Erfahrungen), die anderen aus reiner Angst oder Unsicherheit. Ob es euch links passt oder nicht, das ist ein Thema in der Bevölkerung und es ist nicht in erster Linie Rassismus, sondern eine - zugegebenermassen mehr oder weniger - berechtigte Sorge. Und wenn ihr mehr Stimmen wollt, dann sollte euch das Sorgenbarometer der Bevölkerung interessieren, egal woher es rĂŒhrt oder wer die Sorgen schĂŒrt.Â
Die Rechten machen dafĂŒr oft den Fehler, die mutmasslich linken Ansichten als elitĂ€r und abgehoben darzustellen. Auf dem rechten Auge sieht man anscheinend nur die Gefahr, die durch die Aufnahme von FlĂŒchtlingen â in jedem Fall eine klare Aufgabe materiell besser gestellter und nicht vom Krieg gebeutelten LĂ€ndern â ausgeht. Die populistische Erstellung des Feindbilds «der AuslĂ€nder» und der damit verbundenen Schuldzuweisung allen Ăbels und Problemen des eigenen Lebens lĂ€sst sich eben wunderbar verkaufen. FĂŒr einen globaleren Blick und die damit verbundene stĂ€rkere Eigenverantwortung muss man jedoch auch das linke Auge öffnen, worin sich die Rechten offensichtlich schwer tun. Das Weltbild ist hier doch oft viel zu leicht gestrickt und das wird der heutigen KomplexitĂ€t einfach nicht gerecht.
Den Mitte-Parteien fehlt definitionsgemĂ€ss oft etwas das Profil. WĂ€hrend die anderen Parteien jeweils am klarsten auf der Trendwelle surfen oder gerade von ihr verschluckt werden, schwappt das Wasser im Ballasttank des Mitteschiffs einfach auf die Trendseite mit. Dabei entstehen zwei Probleme: Das Schwappen ist aus physikalischen GrĂŒnden eine (verspĂ€tete) Reaktion auf einen Impuls: Man hinkt dem Trend also stĂ€ndig etwas hinterher. Das zweite Problem besteht darin, dass das Wasser auch wieder zurĂŒckschwappen muss, und zwar in die entgegengesetzte Richtung. Die Mitteparteien sind also gefangen in einem reaktionĂ€ren Riesenrad, wo sie weder Herr des Antriebs noch der Bremsmöglichkeiten sind.
Die GrĂŒnen sehen die Welt standesgemĂ€ss nur zweifarbig: Statt dem handelsĂŒblichen schwarz und weiss trennen sie die gesellschaftlichen Themen lieber wie das Glas: In grĂŒn und weiss, haben aber auch eine klare Meinung zu braun. Leider gibt es in der grossen Welt der Politik deutlich mehr Aspekte als die Frage nach Umweltschutz, Gesundheit und NĂ€chstenliebe, weshalb sich ja auch Abspaltungen wie GrĂŒnliberale etc. ergeben, welche trotz aufgesetzter 3D Brille zur Horizonterweiterung das hartnĂ€ckige GrĂŒn nicht vom Ărmel abwischen können.
Neben den angesprochenen SchwĂ€chen verfĂŒgt aber selbstverstĂ€ndlich jede Partei ĂŒber ihre StĂ€rken, ihr KerngeschĂ€ft sozusagen. Somit ist die korrekte Frage nicht, wie gewinnen wir WĂ€hler (von der kurzzeitig jubelnden «Konkurrenzpartei») zurĂŒck, sondern was beschĂ€ftigt die Bevölkerung in dieser Thematik und was tragen wir als Partei dazu bei, wie bringen wir unsere StĂ€rken ein und wie vertreten wir den Auftrag, den wir vom Volk erhalten haben? Und ganz nebenbei, Diffamierung eines Bevölkerungsteils oder anderer Parteien wegen anderer Ansichten ist dem WĂ€hlerzuwachs auch nicht sehr dienlich (die TrotzwĂ€hler lassen grĂŒssen), aber leider populĂ€r und entspricht dem menschlichen Naturell. Zu der Diffamierung zĂ€hle ich ĂŒbrigens nicht das Anprangern von linksextremer und rechtsextremer Gewalt, sowie der Verurteilung deren Verherrlichung oder fehlender Distanzierung derselben. Das ist fĂŒr mich selbstverstĂ€ndlich und gehört in das Portfolio einer jeder Partei in einer westlichen Demokratie.
Ich sĂ€he deshalb gerne Politik nach Themen und langfristigen BeweggrĂŒnden und nicht abhĂ€ngig vom Zeitpunkt (Wahljahr oder nicht), Trend oder lobbygesteuerten Schwerpunkten. Aber hierzu haben wir das falsche Wahlsystem, deshalb plĂ€diere ich fĂŒr eine neue Variante. Sie kommt gĂ€nzlich ohne das antiquierte Parteiwesen aus und ist sowohl themen- als auch lösungsorientiert. Ich nenne sie:  Die kompetente Regierung; Politik, die zweite.