01:34 Uhr. Es klingelt an meiner Tßr. Wer bitte klingelt um 01:34 Uhr während dieser merkwßrdigen Zeit an einem Samstag Abend, bei Schnee, an meiner Tßr? Es ist John. Er fragt, ob ich Lust auf einen kleinen Abendspaziergang habe. Nach einem kurzen Wechsel von Jogginghose zu Jeanshose gehen wir durch den kleinen Park vor meiner Haustßr. Wir gehen in der leicht Schneebedeckten Landschaft aus dem Park wieder raus, weiter von meiner Haustßr weg, vorbei an Häusern, in denen nur vereinzelnd noch Licht brennt. Es ist ruhig. Kein Auto fährt vorbei, kein Mensch ist unterwegs, nur die knirschenden Schritte von unseren Schuhen sind zu hÜren. John erzählt mir, wie genervt er von seiner Arbeit, von seinem Computer ist, und dass er nur dringend mal rausmusste. Er erzählt, dass er eigentlich ßberlegt hat eine Runde joggen zu gehen, sich dann aber fßrs Spazieren entschieden hat. Er erzählt, dass er zuerst zum Institut gegangen ist, und dann war meine Wohnung ja auch nicht mehr weit weg. Da kÜnnte er ja auch klingeln kommen.
Wir gehen zu einer BrĂźcke. Von dieser kann man Ăźber die ganze Stadt blicken. Einer meiner Lieblingsorte in meiner Stadt; wäre dort eine Bank, wĂźrde ich wohl häufiger da sitzen.Â
Auf der BrĂźcke weht ein starker Wind, der uns die Schneeflocken ins Gesicht schlägt. Niemand von uns sagt ein Wort. Es fährt immer noch kein Auto und auch kein FuĂgänger ist in Sicht. Es ist ruhig und man kann seinen Gedanken freien Lauf lassen. Es ist die Zeit in der niemand etwas von einem will. Eine Zeit am Tag, in der man ganz man selbst sein kann. Niemand zwingt einen zu etwas und niemand verurteilt einen. Es ist DIE Zeit des Tages, die ich am liebsten habe. Zu dieser Zeit kann ich so sein, wie ich bin. Ich kann träumen, ich kann tanzen, ich kann Ăźbers Leben nachdenken, ich kann philosophieren oder ich kann eben einfach auf einer BrĂźcke stehen, Ăźber die Lichter der Stadt sehen und den Moment genieĂen, neben John. Es ist die perfekte Zeit, um endlich meine GefĂźhle zu beichten. âEs ist wunderschĂśnâ, sage ich und drehe mich zu John. âJa, ist esâ erwidert er, dreht sich zu mir, schaut mir tief in die Augen und lächelt mich an. Vorsichtig berĂźhre ich leicht seine Hand, beuge mich vor und kĂźsse ihn. âSorryâ sage ich leise und weiche ein StĂźck zurĂźck. Er schaut mich verwundert an. Ich fange an ihm zu erklären, was ich in der Vergangenheit alles Ăźbersehen habe, was sich so gut angefĂźhlt hat und ich unterdrĂźckt habe, was ich nicht gesehen habe, mir aber jetzt klar wurde und dass mir alles furchtbar Leid tut. Dass es mir Leid tut, dass ich einfach andere Typen währenddessen unter Alkoholeinfluss mir âgeangeltâ habe, dass ich das mit uns gar nicht mitbekommen habe, aber auch dass ich dachte, er hat kein Interesse, da nie er versucht hat etwas zu unternehmen. Er war nur da. Er schaut mich an: âDie Nacht sieht nichts.â Dann nimmt er meine Hand, kommt auf mich zu und kĂźsst mich. âWir werden in naher Zukunft vermutlich nicht zusammen kommen, aber so habe ich meinen ersten Kuss mit einem Menschen, mit dem ich mir den sowieso gewĂźnscht habe.â Und es folgen auch noch KĂźsse drei und mehr.
Und so stehen wir da. Um uns herum viele Schneeflocken. Unsere Nasen rot, aber nicht vor Kälte, sondern vor Wärme. Auf der einen Seite die leere und leicht verschneite StraĂe, auf der anderen Seite von uns die Lichter unserer Stadt. Ăber uns die Nacht, die nichts sieht, die alles verzeiht, die einem erlaubt man selbst zu sein und die vergehen wird. Und nach ihr wird dieses Ereignis nur in unseren Gedanken weiterexistieren. Es wird fĂźr immer in unserem Kopf sitzen, aber wir werden bei unseren Freunden nicht darĂźber sprechen. Vielleicht werden wir es wiederholen, wenn es wieder Nacht wird und wir uns sehen. Ansonsten leben wir einfach weiter. Wie vorher.