Wieviel hat Jihadismus mit Islam zu tun?
Zu dieser Frage hat der Islamwissenschaftler Rüdiger Lohlker in einem Gespräch mit dem österreichischen „Standard“ Stellung genommen:
„Jihadistische Ideologen beuten die islamische Tradition ganz gezielt aus, um sich religiöse Legitimität zu verschaffen. Der Begriff des Jihad hat sehr viel mehr Dimensionen als nur den bewaffneten Kampf. Um das zu verstehen, muss man sich die Mühe machen, jihadistische Publikationen zu studieren. Ich weiß, wovon ich spreche, wenn ich sage, dass das keine besonders angenehme Lektüre ist.
Aber wenn man das liest und sich zugleich in verschiedenen islamischen Gelehrtentraditionen auskennt, wird man feststellen, dass es einen gravierenden Unterschied zwischen der Tradition des Jihad und dem heutigen Jihadismus gibt. Er ist aus bestimmten historischen Gründen entstanden, etwa durch den Kolonialismus und die Situation, dass einige arabische Länder genügend Mittel hatten, um Strömungen, die sich vom Westen abgrenzten, zu fördern. Das ist ein vorbereitetes Schlachtfeld. Der jihadische Terrorismus ist das Produkt einer speziellen modernen historischen Situation - und nicht das logische Produkt des Islams, das wäre völlig irrig anzunehmen. Es wird viel über den Islam geredet, aber wenig darüber gewusst.“
Rüdiger Lohlker ist seit 2003 Professor für Islamwissenschaften an der Universität Wien. Er forscht unter anderem zu den Themen islamisches Recht, islamische Internetpräsenzen und über Bewegungen wie Jihadismus und Salafismus.
Wichtig ist unter anderem folgende Passage:
„...und die Situation, dass einige arabische Länder genügend Mittel hatten, um Strömungen, die sich vom Westen abgrenzten, zu fördern. Das ist ein vorbereitetes Schlachtfeld.“
Damit dürfte nicht zuletzt Saudi-Arabien gemeint sein. Saudi-Arabien fördert mit grossen Geldmengen den Wahhabismus – eine Variante des Islams, die nicht kompatibel ist mit demokratischen Werten.
Damit Islamismus und Dschihadismus eingedämmt werden können, müsste der Wahhabismus politisch bekämpft und isoliert werden. Die Zusammenarbeit mit den gemässigten Strömungen des Islams in Europa hingegen ist zu verstärken. Diese Differenzierung ist zentral für die Bewältigung der Krise rund um den islamistischen Terror.