Digitale Bibliotheken brauchen ethische Leitlinien, die die KomplexitĂ€t der DigitalitĂ€t berĂŒcksichtigen.
Stuart Ferguson, Clare Thornley, Forbes Gibb: Beyond codes of ethics: how library and information professionals navigate ethical dilemmas in a complex and dynamic information environment. In: International Journal of Information Management, 36, 2016. doi:10.1016/j.ijinfomgt.2016.02.012
Anhand von Interviews mit Bibliothekar*innen und Information Professionals aus GroĂbritannien, Irland und Australien untersuchten die Autor*innen, ob bzw. wie sich die Entscheidungsfindung bei berufsethischen Dilemmata unter dem Einfluss digitaler Technologien verĂ€ndert. Dies scheint durch die Aussage von Primoz Juznic et al. (2001) gestĂŒtzt:
âModern information technology has shifted the discussion about ethics in libraries to other areas. There has been considerable debate as to whether new or substantially different ethical dilemmas are created as new technologies are introduced. In librarianship the extensive use of information technology seems to require a serious rethinking of codes which were devised in an age dominated by print.â
Sie analysierten dafĂŒr insgesamt 86 FĂ€lle, von denen bei 27 % eine Verschiebung durch neue Technologien festgestellt wurde. Exemplarisch sei der Fall 17 genannt. Eine Bibliothek digitalisierte historische Materialien zu so genannten âFreak Showsâ, die einerseits einen erheblichen Mehrwert fĂŒr die kulturwissenschaftliche Forschung bieten, andererseits aber auch ein groĂes Missbrauchspotential enthalten, sofern diese Materialien frei online zugĂ€nglich sind. In der AbwĂ€gung kann hier die Variante teilöffentlicher Sammlungen bzw. closed access digital collections diskutiert werden.
Als ethische Dilemmata wurden folgende SpannungsverhÀltnisse identifiziert:
Berufsethik vs. organisationaler Ethik bzw. organisationalen Vorgaben (15 FĂ€lle)
Berufsethik vs. sozialer Verpflichtung (14 FĂ€lle)
Berufsethik vs. potentiellen negativen Wirkungen (10 FĂ€lle)
Informationszugang vs. InformationszugangsbeschrÀnkung / Zensur (10 FÀlle)
Informationszugang vs. Datenschutz (10 FĂ€lle)
Ethik vs. gesetzliche Regelungen (6 FĂ€lle)
Informationszugang vs. Geistiges Eigentum (5 FĂ€lle)
Berufsethik vs. persönliche Ăberzeugungen (1 Fall)
Die Erkenntnisse werden sowohl methodologisch wie auch inhaltlich reflektiert. Methodologisch betonen die Autor*innen, dass sich das Verfahren der Fallstudienanalyse fĂŒr das  vorliegende Untersuchungsfeld besonders eignet, da es die KomplexitĂ€t, Konflikthaftigkeit sowie Dynamik solcher Dilemmata besonders gut erfasst. Weiterhin zeigen die Interviews die groĂe Bedeutung berufsethischer Fragen in der praktischen Arbeit im Bibliotheks- und Informationswesen und das ausgeprĂ€gte ethische Bewusstsein der beteiligten Akteure. Zugleich wird die Differenz zwischen formalisierten Guidelines wie dem IFLA Code of Ethics for Librarians und den komplexen konkreten AnwendungsfĂ€llen deutlich.
Daraus lĂ€sst sich wiederum inhaltlich ableiten, dass sich die berufs- und informationsethischen Standards keinesfalls durch den Einfluss digitaler Technologien verĂ€ndern, wohl aber die Bedingungen des konkreten Anwendungsrahmens. Ethische Entscheidungen fallen immer kontextbezogen. Die Ausweitung der Reichweite mittels digitaler Technologien, die auch das Berufsbild betreffen (das Stichwort âForschungsdatenmanagementâ fĂ€llt im Text) erhöht die KomplexitĂ€t der zu beurteilenden Konstellationen. Neue digitale Kommunikationsumgebungen eröffnen zwangslĂ€ufig neue ethische Dimensionen und Fragestellungen, die von den ethischen Richtlinien (Codes of Ethics) der Berufs- und InteressenverbĂ€nde  kaum konkret adressiert werden. Die Autor*innen empfehlen daher eine Intensivierung des entsprechenden Dialogs zwischen der Bibliotheks- und Informationspraxis und den die ethischen Leitlinien formulierenden und vermittelnden Fachorganisationen.
Weitere Quellen:
Primoz Juznic, Jose Urbanija, Edvard Grabrijan, StasĆa Miklavc, Damijana Oslaj, Â Sonja Svoljsak (2001): Excuse me, how do I commit suicide? Access to ethically disputed items of information in public libraries. In: Library Management, Vol. 22 No 1/2, S.75-80. DOI: 10.1108/01435120110358961Â
(bk / Berlin, 12.07.2016)










