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My friend Hitar.
Eines Besseren belehrt
Reportage taz 10.3.2005
http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2005/03/10/a0165
Im Jemen versuchen Religionsgelehrte, inhaftierte Islamisten von einem gemĂ€Ăigten Islam zu ĂŒberzeugen
"Nichtmuslime sind UnglĂ€ubige und mĂŒssen getötet werden." - "Und warum?" - "Weil Mohammed gesagt hat: Verfolgt und tötet sie, bis sie sich zu Gott bekennen." - "Das stimmt aber nicht." - "Wieso denn nicht?" - "Weil das VerhĂ€ltnis zwischen Muslimen und Nichtmuslimen auf Sicherheit und Frieden beruht. Im Koran gibt es 124 Suren dazu. Nur eine einzige sagt: BekĂ€mpft sie, wenn sie euch bekĂ€mpfen."
Was Hamoud al-Hitar hier beschreibt, ist eine typische Diskussion zwischen Gefangenem und Gelehrtem. Seit September 2002 hat der Leiter des "Komitees fĂŒr Dialog" solch hitzige Auseinandersetzungen oft gehört. Mit religiösen Argumenten versuchen im jemenitischen Sanaa er und 30 Imame, inhaftierte Islamisten von ihren radikalen Positionen abzubringen und sie von der Friedensbotschaft des Islam zu ĂŒberzeugen. Ihr Motto ist: Reden hilft, auch gegen Terror. "Hinter jedem Anschlag steckt eine Ideologie", so Al-Hitar, "und Ideologien lassen sich nur mit Argumenten bekĂ€mpfen, nicht mit Gewalt."
Der Vorsitzende des Berufungsgerichts der Provinz Sanaa ist zu einem HoffnungstrĂ€ger seines Landes geworden. Al-Hitar soll eine BrĂŒcke schlagen zwischen gewaltbereiten Islamisten und einem konservativen, aber friedlichen Islam, wie er im Jemen offiziell propagiert und von der Mehrheit der Bevölkerung gelebt wird.
Der Richter sitzt im Besucherraum seines Hauses, auf dem Kopf eine weiĂe Kappe, auf den Lippen ein LĂ€cheln. "So wie ein Arzt einen kranken Körper behandelt, so wollen wir einen kranken Geist heilen", erklĂ€rt er. DafĂŒr mĂŒssen al-Hitars Leute - respektierte und moderate Islamgelehrte - den Hass, den radikale Prediger in den jungen Leuten gesĂ€t haben, in Toleranz und Respekt umwandeln.
Ein hehres Ziel. Aber ist das so einfach - lassen sich jahrelang indoktrinierte Extremisten mit ein paar Diskussionsrunden bekehren? "Nicht alle", antwortet al-Hitar, "aber viele." SchlieĂlich gehe es nicht darum, die Leute von ihrem Glauben abzubringen, sondern darum, diesem eine andere Richtung zu geben. "Ihr starker Glaube an Gott und den Propheten Mohammed hilft uns. Denn dadurch haben sie groĂen Respekt vor theologischen Argumenten", sagt al-Hitar. Islamisten hĂ€tten lediglich ein paar Dinge im Islam falsch verstanden, daher ihre radikalen Ansichten.
WĂ€hrend der etwa acht Monate dauernden Dialogrunden treffen sich Gelehrte und Gefangene fast tĂ€glich zu GesprĂ€chen. Meist geht es dabei um drei Themen: das Konzept des Dschihad (des heiligen Krieges), den Umgang mit Nichtmuslimen und die Vorstellungen von einem islamischen Staat. Beide Seiten argumentieren mit Koransuren sowie den AussprĂŒchen und Taten des Propheten Mohammed. Die Imame bekĂ€mpfen die Islamisten also mit ihren eigenen Waffen: dem Koran und seiner Auslegung.
"Wir begegnen einander mit Respekt", sagt al-Hitar. "Wir hören einander zu und nehmen den anderen ernst." Das Ergebnis ist offen. Wer in der Argumentation unterliegt, muss die Ăberzeugungen der Gegenseite annehmen, so lautet die Abmachung. Al-Hitar bezeichnet das als "Dialog auf Augenhöhe".
Kritiker sehen das anders. "Wie kann zwischen jemandem, der unschuldig im GefÀngnis sitzt, und einem Richter, der ihn freilassen kann oder nicht, ein gleichberechtigtes GesprÀch stattfinden?", fragt Mohammed Naji Allaw von der jemenitischen Menschenrechtsorganisation Hood.
TatsĂ€chlich haben die Teilnehmer des Dialogprogramms in der Regel keine Straftaten begangen, sondern sitzen "prĂ€ventiv" wegen ihrer religiösen Ăberzeugung im GefĂ€ngnis. FĂŒr eine Verurteilung fehlt jede gesetzliche Grundlage. Al-Hitar hilft dem jemenitischen Staat also aus der Klemme: Statt die Extremisten aus Mangel an Beweisen freizulassen - womöglich weiter radikalisiert durch die unrechtmĂ€Ăige Inhaftierung -, werden sie zuvor "gedanklich unschĂ€dlich" gemacht.
Woher aber wollen die Propagandagelehrten wissen, dass die Islamisten tatsĂ€chlich ihre Meinung geĂ€ndert haben? "Viele tun nur so, um entlassen zu werden", vermutet Menschenrechtsanwalt Allaw. Al-Hitar hingegen ist sich sicher, dass die Gefangenen ihre Ansichten aus Ăberzeugung widerrufen und nicht, um freizukommen. Denn als glĂ€ubige Muslime fĂŒhlten sie sich vor Gott verantwortlich, und der lĂ€sst sich nicht tĂ€uschen.
364 Inhaftierte seien inzwischen auf BewĂ€hrung freigekommen, sagt Richter al-Hitar. Bevor sie das GefĂ€ngnis verlassen dĂŒrfen, schwören sie einen Eid auf ihre neuen Ansichten und unterschreiben eine Vereinbarung. AnschlieĂend wird jeder Freigelassene doppelt ĂŒberwacht: vom Geheimdienst und von den Gelehrten. "Unsere Leute treffen ihre Klienten weiter regelmĂ€Ăig, um ihre Ansichten zu ĂŒberprĂŒfen und, wenn nötig, zu korrigieren", erklĂ€rt al-Hitar, "und der Geheimdienst kontrolliert, ob sie sich an die Gesetze halten." Bis heute habe keiner der Entlassenen gegen die getroffenen Vereinbarungen verstoĂen.
Die entscheidende Frage bleibt jedoch: Wie kann ein Umerziehungsprogramm mit festgelegtem Ziel ein offenes Ergebnis haben? Was ist, wenn die Islamisten irgendwann besser argumentieren als die Gelehrten? Al-Hitar lacht. Seine Mitarbeiter wĂŒssten, dass ihre Sichtweise des Islam richtig und die Al-Qaida-Ideologie falsch sei. "Die Islamisten sollen uns ĂŒberzeugen? Unmöglich!"