Es muss 2011 gewesen sein, ein Frühlingstag, als mich ein Bekannter, mit dem ich mich ab und zu austausche über Computerspiele, aufgeregt zu seinem Rechner zog, um mir das Neueste, das wirklich Allertollste, Bahnbrechendste zu zeigen: die Alpha von Minecraft. Leuchtende Augen seinerseits, Vorfreude auf meine Reaktion, nicht missinterpretierbar.
Zuerst dachte ich, seine Grafikkarte sei kaputt, dann dachte ich, ich hätte meine Brille verkehrt herum auf, Kontaktlinsen vertauscht. Sowas.
Nun habe ich ein paar Jahre aktiv und passiv mit Computerspielen verbracht, mit Wintergames, Maniac Mansion und all dem, mit Lands of Lore natürlich (auf Disketten!), Ishar, allen möglichen Aufbauspielen (außer Siedler!), Doom 1 in einem Tag und einer Nacht abgeschlossen, später mit Max Payne gelitten, die Musik immer noch im Ohr, die Bullet-Time kann ich nach wie vor nicht bedienen. Deus Ex 1, ein Meisterwerk.
Heute bin ich für den dritten Teil von Deus Ex nicht schlau genug, ich beherrsche die Bedienung nicht, ebenso wenig wie ich mit Prince of Persia zurechtgekommen bin. Alles mit Autos war mir zu komplex, GTA hat sich mir nie erschlossen, und irgendwann war ich zu arm, um mir ständig neue Systeme zu kaufen, nur damit ich den zweiten oder dritten Part einer Serie überhaupt starten kann.
Außerdem kann ich keine Shooter mehr spielen. Ich bringe es nicht mehr über mich, in meiner Freizeit Leuten in den Kopf zu schießen, das war irgendwann einfach vorbei.
Eine Zeit lang davor habe ich mich beruflich befasst mit Games, mehr mit storytelling, und weniger mit Grafik. Dennoch ist auch mir nicht entgangen, dass sich die Industrie viele Jahre lang darauf konzentriert hat, Games “schöner” zu machen. Schöner = realistischer. Wir Spieler haben stets als erstes auf das Wasser geachtet. “Okay, schon wieder Drachen. Aber das WASSER!”
Oder Vegetation. Unvergessen die ersten Schritte in Gothic 3, der Wald hinter Ardea, kurz vor dem Rebellenlager. All die Blumen. Gräser, Moose.
Im Shootermarkt hingegen sollte es dauern bis FarCry, da gab es keine Schlauchlevel mehr, sondern Landschaft mit lebensechten Bäume. Und wie schön die erst in Crysis waren (Hallo Tom)! Dabei ging es in FarCry überhaupt nicht um Bäume.
Und jetzt also Minecraft. Bäume, Gras, Erde. Bruchstein. Diorit. Andesit. Kohle. Eisenerz. Wasser. Ja, auch Wasser. Sogar Sand, aus dem man Glas brennen kann, das wiederum eingefärbt werden kann, für getönte Scheiben im selbstgebauten Loft. Tagsüber wandert die Sonne über den Himmel, nachts die Sterne, Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge: Screenshotmotive.
Das wusste ich aber noch nicht, als ich 2011 vor der Alpha stand, ratlos auf Holz klopfte, mit einem eckigen Stecken, der mein Arm war. Aha. “Du musst dir eine Werkbank machen”, so mein Bekannter fröhlich, meine Irritation konnte ihm nicht entgangen sein. Ich begriff gar nichts. Ein Neunerfeld, Holz irgendwie angeordnet, meine Spielfigur beäugt meinen Mauszeiger. Und das sollte – spannend sein?
“Ja! Nachts kommen Zombies, da brauchst du ein Haus!”, aber spätestens da war ich bedient. Und legte das “Spiel” zu den Akten.
Bis es Einzug hielt in unser Kinderzimmer. (Metaphorisch! Selbstredend haben die Kinder keinen eigenen PC, schon gar nicht im Kinderzimmer).
Etwa im Dezember 2014 begriff ich, dass das Minecraft von heute mit dem von 2011 nichts mehr gemein hat. Immerhin gibt es seit der 1.8 auch Kaninchen! Darüber hinaus aber wurde mir klar, dass ich inzwischen das Aussehen dank reichlich vorhandener Ressourcepacks einfach verändern kann, und da war es dann vorbei mit “ihgitt, was für eine Grafik.”
Seither habe ich dort mehr Diamanten gefunden als Eier an allen Ostern meines Lebens zusammen, mehr Kartoffeln angebaut als im real life je gegessen, und mehr Redstone-Mechanismen für effektives Farming (nach-)gebaut als Modelleisenbahnkopfbahnhöfe auf dem elterlichen Dachboden.
Und wer in seiner zehnten Welt einmal ein ganzes Haus in der Wüste errichtet hat, aus Sandstein, gemeißeltem Sandstein, mit Schwarzeichentreppen und Akazienholztüren, wird die Minecraft-Vegetation für ihre Vielfalt lieben. Inklusive der Bäume.