Wieviel Roben da wieder sterben mussten! (Michael Reinold)
Nächste Woche, am 8. und am 9. Mai, werden Laurent de Sutter und Joao Freitas Mendes an der VUB in Brüssel einen Workshop über Law without Lawyers veranstalten. Ich werde dort das Projekt über Warburgs Staatstafeln vorstellen. Auf diesen Tafel taucht ein Anwalt mit seinem Bruder auf. Warburg nimmt Bilder der beiden Pacellis auf die Tafel. Den Anwalt Francesco Pacelli sieht man auf Tafel 78 wiederholt.
Auf Tafel 79 sieht man seinen Bruder Eugenio, das ist der spätere Papst Pius XII. Den lädt Aby Warburg aus Anlass dessen Besuches in Hamburg in die Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg ein, um ihm die Staatstafeln vorzuführen. Zu dem Besuch kommt es nicht, aber: nice try, Aby, selbstverständlich!
Warburg suchte das Gespräch. Er wird 1896 im Verlaufe eines Gespräches mit Sally George Melchior, dem Bruder von Carl Melchior (dem Justitiar und ersten familienfremden Mitgesellschafter der Warburg Bank) Bild- und Rechtswissenschaftler. Seine Beschäftigung mit den Brüder Pacelli ist Summe und Manual der Beschäftigung mit den Brüdern Melchior. Warburg kann die Gebrüder Pacelli von den Gebrüdern Melchior sicher unterscheiden. Ein Witz seiner Bild- und Rechtswissenschaft liegt aber darin, jedes Detail als Detail einer Referenz- und Infrastruktur zu sehen, mit dem eigene Graphien (und die eigene Biographie) auf fremde Graphien beziehen zu können. Warburg ist das Beispiel eines Polarforschers, dessen melancholisches Talent nicht darin aufgeht, der "entfremdete Charakter schlechthin" (Thomas Melle) zu ein. Warburg ist ein erstaunlich metabolisierender, metaphorisierender, übertragender, überlegender und übersetzender Charakter. Wenn so etwas Entfremdung sein soll, dann ist er entfremdet. Warburg kann alles auf sich beziehen und sich auf alles, kann mit jedem Ereignis sich gemeint wissen. Warburg kann in den Pacellis andere Melchiors sehen und in den Melchiors andere Pacellis. Wenn der liebe Gott im Detail steckt, dann unter anderem deswegen, weil jedes Detail für ein Anderes steht.
Auf Tafel 78 bildet Pietro Gasparri die Hauptfigur, der Kardinal Staatssekretär ist der Protagonist dieser Tafel, die mit ihrer aristolischen Einheit und dem streng kalendarischen Protokoll für Aby Warburgs Methode zwar eher untypisch, aber als Pol (und Gegenpol zu Tafel 79) doch wichtig ist. Francesco Pacelli taucht in der ersten Kolumne oder Spalte, die dem 11. Februar und der Unterzeichnung der Lateranverträge gewidmet ist, mehrfach auf. In der dritten Spalte, die sich auf den Austausch der Ratifikationsurkunden im Juni bezieht, taucht Pacelli wieder zweimal auf.
Die Kurie ist ein juridischer Apparat, die römische Kirche eine alte Büro- und Studiokratie der Gläubigen. Die Sekretäre, zumal der Kardinal Staatssekretär, sind Personen, die wie Juristen und wie Anwälte sind, schon weil die Person selbst eine juristische und juridische Menschenfassung und Subjektivierung ist. Francesco Pacelli ist der Anwalt von Tafel 78 und sein Bruder Eugenio ist dann der Bruder von Tafel 79. Der Workshop von Sutter und Freitas Mendes ist ein Workshop zu einem ohne, nämlich einem Recht, das ohne Anwälte oder Juristen sein soll. Das ist der Workshop zu einer Art cum ex, eventuell auch zur permanenten Reformation, man wird sehen. Ich stelle Warburgs Tafel vor, um ihn als Vorbild einer Forschung zur Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken zu präsentieren, die nicht am Dogma der großen Trennung hängt. Weil die Unterscheidungen, die das Recht macht und die mit dem Recht gemacht werden, Trennungen, Assoziationen und Austauschmanöver sind, ist das, was ein Anwalt ist und das, was er nicht ist nicht nur in der Form identisch. Die Affirmation des Anwalts (sagen wir so: seine Beauftragung) verdichtet auch nichts und die Negation (sagen wir so: die Kündigung) leert nichts. Es gilt, Anwälte zu übersetzen und ihre Übersetzung mitzumachen. Eine Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechnik, die sich Aby Warburg zum Vorbild nimmt, die hängt nicht an der Funktion, Abwesenheiten zu überbrücken und Abgründe zu meistern. Sie muss nichts enthaupten, muss nichts entlauben, nichts entsetzen und nichts entwerken, nichts entwerfen. Alles geht schon vor, alles Gemachte ist schon satt gemacht und man kann nur mitmachen und nur vom mitmachen wissen und nur Wissen mitmachen und nur das Mitmachen wissen. So eine Geschichte und Theorie soll Regungen und Bewegungen händelbar machen, nichts abschaffen, nichts beseitigen, nichts in die Welt setzen. Sie soll weder vom Nichts ins Sein springen noch vom Sein ins Nichts, denn nicht zuletzt soll man dem Tod keine Gründe geben. Der Antijuridismus ist so alt ist wie der Juridismus. Man muss die Juristen und Anwälte nicht loswerden, es sei denn, man will sie effektiver machen. "Und...bla bla bla" (JFM).
9.30h Laurent de Sutter - The Problem Is Law: Why Lawyers Have to Reclaim the Operationality of the Juridical
10.30h JoĂŁo Marcelo Brito da Silva - Human Emancipation between Possibilities and Difficulties
14h Ricardo Spindola Diniz - The irradiating and explosive light of fundamental rights: Paul Baumgarten, the Rote Zora, and the history of the building of the Bundesverfassungsgericht
15h Konstantinos Tsioutras: Democratizing Justice: Reimaniging Law Without Lawyers Through a Critical Race Lens
9.30 Paul de Hert/ Bárbara da Rosa Lazarotto - Lawyers, Law and Smart Governments: Analyzing the role of lawyers
10.30 Victoria L. Ridler - Ethics against hubris
11.30 JoĂŁo Freitas Mendes - Not Rome, but Greece
14h Adam Gearey - Robert Duncan's Lawful Anarchy
15h Fabian Steinhauer - Lawn and layers of lurking lawyers: Aby Warburg's rationality-cum-ex