Brief an eine Fremde
Liebe Fremde, die mich heute im Oberhausener Centro als "Unmöglich" betitelt hat. Danke für deine ungefragte Meinung basierend auf ca. 10 Minuten die du mich beobachtet hast.
Ja, ich habe mit meinem Handy herumgespielt während mir mein Partner von 9 Jahren (das hast du nicht gedacht, oder?) gegenüber saß. Und ja, er hat geduldig gewartet bis ich fertig war. Was du nicht weißt, heute war der erste Tag meines Urlaubs und meine Kollegen hatten bezüglich eines Projektes noch eine Frage. Das kam das erste Mal in den über 6 Jahren die ich bin dort bin vor, und konnte leider nicht bis nach meinem Urlaub warten, da es sich um ein globales Projekt handelte. Und mein Partner hatte kein Problem damit. Es war sogar sein Vorschlag sich in das Cafe zu setzen, damit ich die Mail nicht im Stehen schreiben muss. Nebenbei bemerkt, habe ich mich während des Schreibens schon bei ihm entschuldigt, aber das haben du und deine Nachbarin wahrscheinlich nicht mitbekommen weil ihr über mich gelästert habt. Aber dann aufzustehen und sich die Dreistigkeit herauszunehmen mir zu sagen "Ich habe heute etwas gelernt. Er ist der Liebe und Sie sind die Unmögliche. Unmöglich." bevor man geht, weißt meines Erachtens auf fehlende Umgangsformen hin, meine Gute.
Weißt du was ich täglich leiste? Oder was in den 9 Jahren meiner Beziehung alles vorgefallen ist? Nein, du hattest 10 Minuten Einblick in eine einvernehmliche Situation zu deren Kommentierung du dich, warum auch immer, gerechtfertigt sahst. Aber gut. Das scheint ein Generationenproblem zu sein. Ich persönlich halte nichts davon Fremden meine Meinung über ihre Beziehung barsch und ungefragt einfach unter die Nase zu reiben. Vor allem, wenn ich die Sachverhalte nicht kenne, oder die Situation friedlich ist. Aber von Personen deines Alters bekomme ich so etwas häufiger mit. Ob es die ungefragte Meinung zum Popcorn in einer Opernübertragung im Kino ist (ich unkultiviertes Monster esse leise ein oder zwei Popkörner wenn in Surround Sound Puccini läuft. Man sollte mich erschießen.) oder die Bemerkungen zur Art und Weise wie "junge" Menschen sich anziehen oder ihren Körper schmücken (Stichwort: Tattoos und Piercings). Hauptsache man kann im Kino seinen Champagner schlürfen und andere verbal demütigen. Genau das ist der Inbegriff von Klasse.
Aber wo wir dabei sind:
Ich habe heute auch etwas gelernt.
Und zwar, wo ich (und mein Partner nebenbei bemerkt, der leider zu Baff war um dir die Antwort zu geben die du verdient hättest) in 10 Jahren sein werde, und wo sich eine Person deines Alters in 10 Jahres vorraussichtlich befinden wird. Spoileralarm: Wir sind dann noch glücklich verheiratet.











