Wenigstens bin ich zufrieden, wenn sie mich zuweilen mit Interesse anhört, ob ich gleich nicht viel von ihr wieder erfahre. Aber von allem diesen ist nichts, wenn der ganze Haufen beisammen ist. Ein GesprĂ€ch kann man ihr sich durchkreuzendes GeschwĂ€tz nicht nennen. Wenn ein GesprĂ€ch gefĂŒhrt werden soll, so muĂ man bei dem Gegenstande desselben verweilen, denn nur dadurch gewinnt es Interesse; man muĂ ihn von allen Seiten betrachten, denn nur dadurch wird es mannigfaltig und anziehend. [...] Ich wollte Dir nur zeigen, daĂ das Interesse, das mir die Seele erfĂŒllt, schlecht mit dem Geiste harmoniert, der in dieser Gesellschaft weht; und daĂ die Beklommenheit, die mich zuweilen ergreift, hieraus sehr gut erklĂ€rt werden kann.
Ich sage mir zwar hĂ€ufig zu meinem Troste, daĂ es nicht die Bildung fĂŒr die Gesellschaft ist, die mein Zweck ist, daĂ diese Bildung, und mein Zweck, zwei ganz verschiedne Ziele sind, zu denen zwei ganz verschiedne Wege nach ganz verschiednen Richtungen fĂŒhren - denn wenn man z. B. durch hĂ€ufigen Umgang, vieles Plaudern, durch Dreistigkeit und OberflĂ€chlichkeit zu dem einen Ziele kommt, so erreicht man dagegen nur durch Einsamkeit, Denken, Behutsamkeit und GrĂŒndlichkeit das andere usw. [...] Und so muĂ man denn freilich zuweilen leer und gedankenlos erscheinen, ob man es gleich wohl nicht ist.
Der gröĂte Irrtum ist dann wohl noch der, wenn man glaubt, ein Gelehrter schweige aus Stolz, etwa, weil er die Gesellschaft nicht der Mitteilung seiner Weisheit wert erachtet. Ich wollte schwören, daĂ es meistens grade das Gegenteil ist, und daĂ es vielleicht grade der Ă€uĂerste Grad von Bescheidenheit ist, der ihm Stillschweigen auferlegt.
Heinrich von Kleist: Brief an Ulrike von Kleist, Frankfurt a.d. Oder, den 12. November 1799. In: Ders.: SĂ€mtliche Werke und Briefe. Hrsg. v. Helmut Sembdner. MĂŒnchen 2001. Zweiter Band. S. 496f.