Wenn das Auto zum Götzen wird, während die Welt brennt. Mein neuer Blogpost zu Ostern. 🚗🔥 #Spritpreise #Ostern
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„Es gilt nicht, eine Utopie zu verwirklichen, sondern das Programm der Abschaffungen.“ Joachim Bruhn
Mitten in den heiĂźesten Wochen des Jahres feiert Augsburg sein alljährliches Friedensfest mit einem groĂźen Rahmenprogramm.Â
„Niemand hat das Recht zu gehorchen“ lautet der provokante Plakatspruch, mit dem der Festivalleiter Timo Köster in diesem Jahr versucht die AugsburgerInnen auf das Festival und sein Thema, „Protest“ aufmerksam zu machen. Warum es sich lohnen könnte, sich die nächsten Tage lieber die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen und damit dem bunten Protestspektakel zu entziehen, versuchen die folgenden Seiten anzudeuten. Â
Aus dem Programmheft des Festivals wird schnell deutlich, dass es Timo Köster wirklich gelungen ist, den gesamten kritischen Geist Augsburgs in das Festival zu integrieren. Von den kritischen Street Art KĂĽnstlern, ĂĽber die kritischen Fahrradfahrern (Critical Mass) bis zu den kritischen Pfaffen erstreckt sich die Bandbreite der Beteiligten, die sich alle unter dem weltweit momentan recht angesagten Thema Protest vereinen. Und um den Begriff der Einheit war es dem Augsburger Friedensfest natĂĽrlich schon immer gelegen. So heiĂźt es bereits in den ersten Sätzen des AnkĂĽndigungstextes zum diesjährigen Festival: „Ob Arabischer FrĂĽhling, Occupy-Bewegung, Stuttgart 21, Protest gegen die Homo-Ehe in Frankreich oder Studentenproteste zur Abschaffung der StudiengebĂĽhren: Die Welt protestiert. Die kollektive, in der Ă–ffentlichkeit vorgebrachte Ă„uĂźerung von Widerspruch verbindet Menschen ĂĽber politische, geografische, kulturelle, religiöse und sprachliche Grenzen hinweg.“ Die Welt ist im Protest begriffen und schon dies verweist auf ihre (auch politisch!) Einheit, so die Eingangsfeststellung. Als gäbe es die realen WidersprĂĽche, welche die Menschen weltweit zu handfestem und zuweilen entgegengesetztem Protest motiviert, in Wahrheit gar nicht. Bei dieser imaginierten Einheit will Augsburg natĂĽrlich nicht fehlen was bedeutet, dass man WidersprĂĽchliches ausklammert um sich dem Thema Protest auf – selbstredend – rein intellektueller und kĂĽnstlerischer Ebene zu nähern. Ăśber das tatsächliche Verhältnis der AugsburgerInnen zum Thema Protest wird sich dann im gesamten Rahmenprogramm des Festivals konsequent ausgeschwiegen. So kritisch ist der Augsburger kritische Geist dann doch nicht, als dass er sich selbst in seine Kritik mit einbeziehen wĂĽrde. WĂĽrde er dies, könnten die markigen Werbeslogans des Festivals durchaus einen gewissen Sinn besitzen. Dann wäre Protest auf das verwiesen, was er einst beabsichtigte: die Kritik und die Verweigerung des Mitmachens an dem schlechten Bestehenden.Â
Bereits der erste verkorkste Satz des Programmheftes, welcher die Ausrichtung des Festivals recht gut umreist, verweist darauf, dass es nicht nur um die Welt, sondern auch um die kritische, bĂĽrgerliche Ă–ffentlichkeit – zumindest hierzulande – recht schlimm bestellt ist. Wie schlimm, soll im Folgenden beispielhaft an einem zentralen Kunstprojekt des Festivals, der sogenannten „Utopia Toolbox“ ausgefĂĽhrt werden.Â
Will man sich heute Gedanken zum Begriff der Utopie machen, lohnt es sich Ernst Bloch (1885–1977) Geist der Utopie aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts zur Hand nimmt. Der historische Kontext dieses Werkes ist die Vollendung des Imperialismus durch epochale Krisen: die Krise des mit wissenschaftlich-technischen Mitteln gefĂĽhrten Ersten Weltkriegs; die nachfolgende groĂźe Wirtschaftskrise, die zur Depression von 1929–33 fĂĽhrte; schlieĂźlich die „Krise des Marxismus“ und der Arbeiterbewegung wie sie unter anderem im scheitern der Oktoberrevolution in Erscheinung tritt. In diesen Krisen wurde nicht nur der irrational-rationale Geist des Imperialismus, sondern auch der Abschied der bĂĽrgerlichen Welt von den klassischen Utopien des revolutionären Liberalismus offenbar. Alle Utopie schien verloren, so dass die Aufgabe unabweisbar wurde: diese Dialektik der Aufklärung (Horkheimer/Adorno 1944/47) ĂĽber sich selbst aufzuklären und den Geist der Dialektik und Utopie in revolutionärer Absicht doch noch zu retten. Die Reflexionen Blochs in seinem ersten groĂźen Werk kreisten dabei um Themen der Utopie und des Wiederspruchsgeistes: „Die Utopie, so schien es Bloch, ist in der durch die einzelwissenschaftliche Rationalität grĂĽndlich entzauberten gesellschaftlichen Welt ausgetilgt, so daĂź es aus diesem rationalen »Gehäuse« (M.Weber), aus diesem »Zuchthaus« (Bloch), immanent keinen Ausweg mehr gibt, so daĂź es unmöglich ist, das »Zuchthaus« als »Zuchthaus« ĂĽberhaupt zu erfahren ...“ [1] Damals, vor rund 90 Jahren, war es kaum mehr möglich, an die radikalen Utopien anzuknĂĽpfen, wie sie einst von den klassischen Utopisten (Thomas Morus (1478-1535): Utopia, Francis Bacon (1561-1626): New Atlantis, etc. ) und später in der Tradition der FrĂĽhsozialisten (etwa im Konzept der Phalanstère bei CharlesFourier (1772–1836)) zum Ausdruck kamen. Selbst die vorsichtigen Bilder, in denen Marx das „ganz Andere“ zu fassen versuchte, etwa in der Bezeichnung des „Vereins freier Menschen“, hatten ihren utopischen Gehalt angesichts der Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges zur Gänze verloren. In dieser Situation versucht Bloch in seinem Werk, noch nicht ahnend, dass die nächste Katastrophe bereits ihren Lauf nimmt, eine konkrete Utopie zu rekonstruieren. Ein Vorhaben, das ihm nur mit groĂźer MĂĽhe gelang. In komplexen Reflexionen ĂĽber den Begriff der Musik und in Anlehnungen an den jĂĽdischen Messianismus versucht Bloch, eine utopische „Heimat“ zu denken, die jenseits der empirischen, natur- wissenschaftlich-technisch beherrschbaren Welt, jenseits des immer gleichen Begriffs sich nicht auf den Begriff bringen lassen wollte.Â
Gut 90 Jahre nach der Niederschrift von Ernst Blochs „Geist und Utopie“ und dessen Reflexionen zu Krise, Utopie und Gesellschaft wird im Zentrum des Augsburger Friedensfestes eine Utopia-Toolbox auf dem Rathausplatz errichtet. In einer AnkĂĽndigung zu dem Kunstprojekt heiĂźt es: „...Ihre Zukunftsträume dĂĽrfen die Besucher des Rathausplatzes ab 30. Juli in der „Utopia Tool Box“ aufschreiben. Die besten Gedanken schallen im Laufe des Tages vom Perlachturm.“ Was das fĂĽr Träume sein werden, darĂĽber darf spekuliert werden. Man möchte vermuten, dass sich diese dem Niveau der Beiträge auf den Augsburg BĂĽrgerversammlungen angleichen werden: „Reduzierung des Schilderwaldes in Augsburg“ und „sanfteres Anfahren und Bremsen der StraĂźenbahnen“ waren einige der Forderungen auf der letzten Versammlung. Wäre dem so, wĂĽrde lediglich ein wenig Papier und Zeit verschwendet. Viel mehr bleibt zu befĂĽrchten, dass gut gemeinte Allgemeinplätze, die um die Schlagworte „Frieden“, „Nachhaltigkeit“ und „Gerechtigkeit“ kreisen vom Perlachturm schallen werden. Farbige Bilder, die kaum etwas mit dem Begriff der Utopie gemein haben dĂĽrften. Dies schon allein, da sich der „Nicht-Ort“, der mit dem Begriff der Utopie umschrieben ist, vom heutigen Standpunkt aus nicht positiv bestimmen lässt. Schon diese einfache Einsicht, die Grundlage des marxistischen Bilderverbots [2], war bei den MacherInnen der Utopia-Toolbox, die gleichsam einem Werkzeugkoffer den Augsburgern ein Instrument an die Hand geben soll, um Utopisches zum Ausdruck zu bringen, wohl nicht bekannt. Das Problem liegt allerdings jenseits dieses Einwandes darin, dass die Geschichte das bĂĽrgerliche Subjekt in TrĂĽmmern zurĂĽckgelassen hat und es daher ein gehöriges MaĂź FingerspitzengefĂĽhl benötigt, um heute noch an Utopisches zu erinnern. Im RĂĽckblick auf die letzten 150 Jahre bleibt festzuhalten, dass es nicht allein der Schrecken des Krieges und der Shoah war, der die utopischen Vorstellungen und Hoffnungen nachhaltig beschädigt, sondern es das bĂĽrgerliche Individualität selbst ist, das sich seither im Verfall befindet. Die Wandlung des Begriffes der Utopie, von den radikalen Bildern der FrĂĽhsozialisten und Utopisten der bĂĽrgerlichen Epoche (etwa Fourier der davon sprach, dass der Ozean in der Zukunft seinen Salzgehalt verlieren und sich in Limonade verwandeln wĂĽrde) zu den Forderungen einer anderen Welt, wie sie heute im politischen artikuliert werden, zeugt davon. Heute ist der durchrationalisierte Arbeitskraftbehälter in seiner Warenförmigkeit in Produktion und Konsumtion, in produktiver Arbeit und Arbeit an der Freizeit, kaum mehr in der Lage, aus seiner selbst erschaffenen, zweiten Natur, auch nur ein StĂĽck weit auszubrechen. Es ist die Kulturindustrie, die Warenförmigkeit einer jeden intellektuellen Tätigkeit in unserer Gesellschaft, welche jeden kritischen Gedanken, jede Form von Protest sich zu eigen macht und fĂĽr ihre Zwecke in Beschlag nimmt. Die Situationistische Internationale erfand hierfĂĽr den Begriff der Rekuperation als ein Sammelsurium an Techniken, derer sich die Gesellschaft des Spektakels bedient: Klauen, Erbeuten, Banalisieren, Trennen, Isolieren und integratives Neuzusammensetzen ehemals subversiver, widerständiger Tendenzen oder Momente. Reintegration einstmals revolutionärer Ansätze in das Bestehende, in welchem diese entweder als bloĂź affirmierendes oder auch als modernisierendes Moment weiter existieren. Oder in unseren Fall:Â
Wer dagegen ist, sollte mitfeiern! (Werbespruch des Augsburger Friedensfestes 2013)
Wer solche SprĂĽche „werbe-textet“, macht sich schlicht zum Mitläufer der herrschenden Verhältnisse, die schon immer davon lebten, sich die kreativen Ideen der ganz Naiven zu eigen zu machen. Protest, Utopie und Widerspruch sind Dinge, die sich schon immer durch ein gewisses MaĂź an Negativität speisten, die kein weiter- und mitmachen dulden. Nichts davon ist im Programmheft des Augburger Friedensfestes zu spĂĽren. Oder in den Worten von Gribl und Grab: „Spannende und unterhaltsame drei Wochen stehen bevor: Wir freuen uns auf viele interessante, anregende Begegnungen und wĂĽnschen Ihnen allen ein friedliches und kreatives Protest-Fest!“ Dass sich selbst die Momente von Protest und Widerstand – in popkultureller Form – derart plump in das Bestehende integrieren lassen, muss traurig stimmen. Folgend dem Programm der Abschaffungen, wäre einzig utopisch, die Toolbox niederzureiĂźen. Â
[1] Gerhard Stapelfeldt. Ernst Bloch: Geist der Utopie, Leseprobe aus: Gerhard Stapelfeldt, Der Geist des Widerspruchs. Zweiter Band, ça ira 2013
[2] Marx hat an kaum einer Stelle seines Werkes in positiver Form eine kĂĽnftige Gesellschaft ausgemalt, sondern sie lediglich im Negativen, durch die Kritik des Bestehenden, versucht darzustellen. Diese Idee wird im Westlichen Marxismus des 20. Jahrhunderts noch einmal verschärft.Â
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