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30.September
Als ich heute Nachmittag zum Joggen ging, testete ich die Playlist, die T. mir erstellt hatte. Ich lief meine übliche Route und mein Herz blieb fast stehen, als ich Adam am Wasser sah. Ich fragte mich, ob ich wirklich überrasche sein konnte. Jedes Mal, wenn ich diese Strecke lief, dachte ich an ihn und daran, dass wir schon zusammen hier waren.
Ich hatte keine Ahnung, was ich jetzt tun sollte und deswegen ging ich auf ihn zu. Ich konnte mich ja nicht umdrehen und vorgeben, ich hätte ihn nicht gesehen ... Obwohl ich daran gedacht hatte. Er kam mir entgegen und ließ mich dabei nicht aus den Augen. Er sagte kein Wort. Ich ging auf ihn zu und umarmte ihn. Er hielt mich fest.
[Das ist alles.]
Nach einer Weile sagte ich, dass ich gehen müsse, und ich hoffte, dass er mich überhaupt hören konnte. Ich ging. Er sagte nichts.
Ich weiß nicht, warum er da war, und ich weiß auch nicht, warum ich das getan habe.
Und ich habe keine Ahnung, was mich morgen erwartet.
- Ende Teil 1 -
28. September
Adam hatte uns beim Lizard-Treffen letzte Woche erzählt, und das wusste ich ja schon von B., dass er mit der Leiterin der Theatergruppe geplant hatte, die Lizards mit dem Schreiben des diesjährigen Stücks zu betrauen. Er fragte uns, wer gern daran mitarbeiten wollte und niemand war überrascht, als Kronos' Hand nach oben schoss. (Die fast übermenschliche Geschwindigkeit war aber durchaus bemerkenswert.)
Aber nicht alle hatten Interesse daran, was ich mir schon gedacht hatte. Dideldei und Dideldum zum Beispiel waren, wie ich vermute, sowieso nur Adams wegen zum Club gekommen und hatten bereits geäußert, dass sie demnächst wahrscheinlich nur noch den Kunstkurs am Freitag besuchen würden.
Er schlug uns also vor, dass die Theater-Lizards, ja das hat er tatsächlich gesagt, sich besprechen und wann immer sie wollten, im Atelier arbeiten könnten. B. sah mich mit so großen Augen an, dass ich nicht anders konnte als ja zu sagen. T. macht natürlich auch mit. Es ist ein Projekt, bei dem er für andere schreiben kann und die Texte dann nicht einmal laut vorlesen muss, es spielt ihm in die Karten. Ich muss zugeben, dass ich mich darauf freue. Ich bin froh, dass es unabhängig von den Lizards stattfindet und ich mit B. und T. zusammenarbeiten kann.
Also saß ich heute im Atelier und versuchte, mir Charaktere auszudenken. Ich hatte bei der Auslosung der Aufgaben (was ich nach wie vor für eine fragwürdige Methode halte) die Figurencharakterisierung für das Stück gezogen. Allerdings konnte ich mich nicht konzentrieren. Adam arbeitete im Atelier noch an einer Art Medusenhaupt.
24. September
Adam wollte heute schon wieder mit mir reden. Eigentlich waren die letzten Tage ganz gut und alle schienen zufrieden, die Lizards schrieben motiviert vor sich hin und ich hatte mich zumindest weitestgehend an die neue Situation gewöhnt. Er bat mich, nach seinem Kurs ins Atelier zu kommen. Als ich den Raum betrat, war er gerade dabei, die benutzten Utensilien zu reinigen. Er trug sein Haar zu einem Zopf, locker im Nacken zusammen gebunden und natürlich hatte sich eine Strähne gelöst. Wenn er das nicht sogar selbst war. Wahrscheinlich nur um mich zu ...
Wie immer fragte er mich zuerst, wie es mir ginge. Ich log. Auch wie immer. Er erzählte mir, dass er sich sorge. Ich sagte nichts, es war ja keine Frage. Außerdem wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Oder überhaupt hätte sagen können. „Es gibt Schlimmeres, als unglücklich verliebt zu sein“, sagte er plötzlich. „Das stimmt aber warum sagen sie mir das?“, fragte ich und bemerkte zu spät, dass ich ihn gesiezt hatte. Dementsprechend sah er mich auch an. „Wie kommst du denn darauf, dass ich verliebt bin und noch dazu unglücklich?", fragte ich und korrigierte meinen Fehler. „Na ja du wirkst unglücklich auf mich. Und ich kenne deine Texte...“ „Und dafür kann es natürlich nur einen Grund geben. Backfischhaftes Verhalten, ausgelöst durch eine unglückliche Liebe? Das ist doch nicht dein Ernst, oder?“, unterbrach ich ihn. "Und wofür ist das überhaupt wichtig?“
Ich will nicht weiter darüber nachdenken. Und ich muss mir irgendwie diese Gespräche vom Hals schaffen.

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17. September
Heute Nachmittag arbeitete ich in der Bibliothek noch an der Figurenentwicklung für unser Stück. Aus irgendeinem Grund war ich nicht einmal überrascht, dass er plötzlich vor mir stand.
Er wollte wissen, wo er das Buch finden konnte, von dem ich am Wochenende gesprochen hatte. Ich bot an, ihm den Band zu zeigen. Als wir vor dem Regal standen und er die historischen botanischen Illustrationen betrachte, war sein sonst so offenes Gesicht ernst. Sein Blick konzentriert. Ich hatte noch nie bewusst wahrgenommen, wie schön sein Gesicht war. Die feinen Züge. Er wirkte immer aufmerksam und überzeugt von dem, was er gerade tat oder sagte, doch jetzt kam er mir anders vor, sein Ausdruck lag zwischen Sentimentalität und Unsicherheit.
Schon im Wald – und ich weigerte mich, diesen Vormittag unseren Waldspaziergang zu nennen – hatte er feinfühlig und fast besorgt gewirkt. Er sah auf, der mir geheimnisvolle Blick, mit dem er die Abbildungen bedacht hatte noch immer in seinen grünen Augen, deren außergewöhnliche Farbe mir schon neulich im Museum aufgefallen war. Seine Iris umgeben von einem bernsteinfarbenen Ring, der jeden Blick mit einer Dringlichkeit versetzte. Ich wollte diesen Moment festhalten, die Erinnerung für immer in mir einschließen. Wie in Bernstein.
5. September
Wie wir es am Freitag geplant hatten, verbrachten T. und ich das ganze Wochenende zusammen bei ihm, da seine Mutter weggefahren war. Wir verbrachten seit langen mal wieder ganz viel Zeit miteinander, ohne Pläne und nur für uns. Wir arbeiteten an einem Plot für eine Geschichte, die wir gemeinsam schreiben wollten, sahen uns Harold und Maude an und hörten gefühlt T.s gesamte Plattensammlung.
Wir sprachen über einen Typen, den T. neulich kennengelernt hatte. Und er erzählte mir, wie er ihn vollständig in seinen Bann gezogen hatte und dass er eine Ähnlichkeit zu B. festgestellt hatte. „Findest du B. schön?“, fragte ich ihn. „Nee, so meinte ich das nicht. Also doch, schön irgendwie schon, aber nicht ...“ „Ach so, ja, versteh schon. Merkwürdige Sache mit der Anziehung, oder? Manche Menschen stehen halb nackt vor dir und du fühlst nichts und andere beobachtest du nur dabei, wie sie einen Pfirsich essen und du ...“ „Wer stand denn in letzter Zeit halb nackt ... warte mal, einen was essen?“, unterbrach er mich. Ich fühlte mich ertappt.
„Ja, oder was anderes. Das war ja nur ein Beispiel“, fügte ich schnell hinzu. Mir fiel wieder ein, dass auch T. gestern gesehen haben musste, wie Adam vor unserer Kunststunde im Atelier einen Pfirsich gegessen hatte. B. rettete mich mit seinem Auftauchen. Er war mit N. unterwegs gewesen, was uns wenig überraschte. Später las er uns vor... Adonais, was sonst. Shelleys Elegie auf den Tod von Keats war so etwas wie seine Heilige Schrift. Seine Stimme klingt anders, wenn er diese Worte liest. So als fände er Antworten und Trost, aber auch Rat. Gerade so, als besäßen diese Worte die Kraft, ihn zu stützen und zu leiten, vielleicht sogar zu heilen.
In der Nacht hörten wir plötzlich ein Geräusch vor dem Fenster. In Erwartung einer spannenden Szene schlich ich mit T. zum Fenster und zog die schweren Vorhänge zur Seite. Allerdings entdeckten wir nur ein Paar, dass sich „wahrscheinlich im Zuge einer durch Alkohol verschuldeten Zügellosigkeit seiner leidenschaftlichen Liebe hingab“, wie T. die Szenerie beschrieb. Ich musste wieder an seinen Aufsatz denken. „Ich kann gar nicht wegsehen“, flüsterte ich ihm zu und hörte sein klingendes Lachen in der Dunkelheit des Zimmers.
2. September
Letzte Woche haben wir den obligatorischen „Mein schönstes Ferienerlebnis“- Aufsatz schreiben müssen. Natürlich war dieses schnöde Thema nicht gut genug für Adam und als wir den Raum betraten, hatte er bereits „Ein Moment des Sommers“ an die Tafel geschrieben. Wir sollten über einen Augenblick, ein Gefühl oder ein Bild berichten, das uns diesen Sommer unwiederbringlich schien.
Ich hatte schnell mit der Arbeit begonnen, ehe ich zu lange darüber nachdenken konnte, dass ich die Idee im Grunde sehr schön fand. Ich hatte über die Briefe van Goghs geschrieben und B., dessen Aufsatz ich heute lesen durfte, hatte einen Reisebericht über Zypern verfasst, der mich sehr an seine Briefe im Sommer erinnerte. Er berichtete von der schroffen Landschaft am Meer. B. schreibt wunderschön; realistisch, beobachtend und doch immer auch emotional fesselnd, aber er würde niemals über etwas zwei verschiedene Texte schreiben. Und für die Texte, die er gezwungen ist zu schreiben, wie diesen Aufsatz, verwendet er sowieso nicht mehr Energie, als er muss. In seinen Worten erkennt man, dass er Kerouac liebt und George Johnston nacheifert. T. habe ich nicht nach seinem Aufsatz gefragt, er hatte die erstaunliche Anzahl Blätter schnell in seinen Rucksack gesteckt, nachdem er sie von Adam zurückbekam, und ich wollte ihn nicht in eine komische Situation bringen. In letzter Zeit ist die Stimmung zwischen uns sowieso etwas befremdlich. Ich glaube, wir haben beide ein schlechtes Gewissen. Er (zu Unrecht), weil er die Gruppe und Adam so mag und ich (und ich verdiene es), weil ich ihn dazu bringe, ein schlechtes Gewissen zu haben, nur weil er nicht so griesgrämig und negativ ist wie ich.
Nach dem Ende der Stunde wollte Adam mit T. und mir sprechen. Ich wartete draußen, als die beiden miteinander sprachen. Eigentlich hatte ich schnell nach Hause gewollt und nun stand ich in diesem langen, dunklen Korridor und wartete ungeduldig auf meine Audienz.
Als T. aus dem Zimmer kam, sah er mich mit einem Lächeln an, dass mir das Gefühl gab, wir werden uns fremd. Er wirkte fast schüchtern. Adam lobte meinen strukturierten Aufbau, die sensible Haltung, die ich eingenommen hatte und mein offensichtliches Verständnis für van Gogh. Kurz überlegte ich, anzusprechen, von wem ich das gelernt hatte, aber ich wollte nicht kleinlich sein. Er fuhr fort und fragte mich plötzlich, ob es mir gut gehe und begründete seine Frage mit ebendiesem Verständnis für die von Selbstzweifeln geprägten Gedanken des Künstlers.
Und natürlich fragte er mich auch, warum ich nicht mehr zu den Lizards kam. Die anderen hatten ihm erzählt, wie begeistert ich letztes Jahr versucht hatte, sie zum Mitmachen zu bewegen, wie viel Geduld und Energie ich darauf verwendet hatte, sie zu überzeugen, Zeit für das Schreiben aufzubringen und Interesse daran zu finden, selbst zu schreiben.
Er hatte beim ersten Treffen den Eindruck bekommen, sie waren nur meinetwegen in die Gruppe gekommen. Wohl eher, damit ich aufhörte, sie zu fragen, dachte ich. Mich hatte bereits jedes der gerade mal 3 Mitglieder (er sollte bloß nicht übertreiben), die letztes Jahr neben B., T. und mir bei den Lizards waren mindestens einmal gefragt, warum ich nicht mehr zu den Treffen kam. Ich sagte ihm, dass ich am Mittwoch wirklich keine Zeit hatte und mein Wegbleiben nicht unbedingt zulasten meines Stils ging, wie er mir gerade selbst bestätigt hatte. Ich ließ ihn wissen, dass ich darüber hinaus gehört hatte, dass die Stimmung auch ohne mich ziemlich gut war. Alle waren doch sehr begeistert von der ersten Sitzung gewesen.
Ja, und genau das seien die Gründe, aus denen er mich fragte. Er würde gerne mehr von mir lesen und sei sich sicher, dass ich eine Bereicherung für die Gruppe sei. Er hatte auch auf alles eine Antwort. „Ich wollte dich nicht verletzen“, sagte er, als er meinen Blick sah. „Ich hätte die Gründerin der Lizards nur gerne mit an Bord.“ Plötzlich kam er mir verändert vor. Sein sonst so selbstsicheres Auftreten, das ich manchmal fast als abgeklärt empfand, wirkte jetzt irgendwie aufgesetzt. „Vielleicht liegt es ja auch an mir. Ich habe das Gefühl, ich könnte dich vertrieben haben. Ich glaube, das Schreiben ist dir wirklich wichtig und ich will dich nicht ... Also ich meine, es ist okay, wenn du mich nicht magst. Natürlich würde ich das gerne ändern, ab so etwas kann man ja nicht erzwingen. Jedenfalls sollte dich das nicht davon abhalte, zu den Treffen zu kommen.“ Erwischt!