Der Projektleiter fĂŒhlt sich degradiert, die Fachabteilung lehnt das Projekt ab, die Entwickler haben keine Lust auf AgilitĂ€t: agile Entwicklungsprojekte können viele Gegner haben. Avision zeigt auf, wie sie vorgehen, um ein Projekt zu kippen.
Illustration: Geralt Absmeier
»Das kleine Handbuch fĂŒr den Projektsaboteur« ist inzwischen eine Art Klassiker. Kein Wunder, demonstriert es doch anschaulich, wie Projekte von ihren Gegnern manipuliert werden â und gibt Unternehmen damit eine Art Gebrauchsanweisung an die Hand, um sich davor zu schĂŒtzen. Dabei bezieht sich das Buch allerdings ausschlieĂlich auf das klassische Projektmanagement. Doch was hier gilt, gilt auch fĂŒr agile Softwareprojekte: Oft gibt es Akteure, denen das Projekt ein Dorn im Auge ist und die deshalb höchst daran interessiert sind, dass es gegen die Wand fĂ€hrt.
Das kann das Management der Fach- oder IT-Abteilung sein, dem vom Top-Management oder dem Betriebsrat des Unternehmens ein Projekt aufs Auge gedrĂŒckt wurde, dass sie eigentlich gar nicht umsetzen möchten. Oder der bisherige Projektleiter hat durch den Umstieg auf agile Methoden die neue Rolle des Product Owner erhalten, fĂŒhlt sich dadurch degradiert und fĂŒrchtet einen Machtverlust. Aber auch Entwickler können agile Methoden per se oder das konkrete Projekt als solches ablehnen.
Handelt es sich bei dem Projekt um die Modernisierung einer Legacy-Software, wÀchst der Kreis der VerdÀchtigen weiter an. Personen, die mit der Anwendung seit Jahren oder vielleicht sogar Jahrzehnten arbeiten, haben dadurch im Lauf der Zeit oft Exklusivwissen angehÀuft und sich einen Expertenstatus im Unternehmen aufgebaut; und darauf will nicht unbedingt jeder einfach wieder verzichten.
Avision, Spezialist fĂŒr Software Revivals, zeigt auf, wie diese Akteure vorgehen, um ein agiles Projekt abzuschieĂen:
Management
Ein sicherer Weg fĂŒr das Management einer Fach- oder IT-Abteilung ist, zusĂ€tzlich zum Product Owner und Scrum Master einen Projektleiter zu installieren, obwohl diese Rolle gar nicht mehr vorgesehen ist. Um ganz sicher zu gehen, wĂ€hlen sie dafĂŒr ein möglichst dominantes Alphatier aus und grenzen seine Aufgaben gegenĂŒber Product Owner und Scrum Master so unscharf wie möglich ab. Dadurch ist Unordnung vorprogrammiert â und damit auch das Ende eines erfolgreichen agilen Projekts, bevor es ĂŒberhaupt richtig angefangen hat.
Product Owner
Will er das Projekt sabotieren, hat es fĂŒr ihn oberste PrioritĂ€t, dass die Entwicklungssprints keine zufriedenstellenden Ergebnisse liefern. Das kann er unter anderem so erreichen: sich bewusst vor wichtigen Entscheidungen drĂŒcken; gestartete Sprints nicht laufen lassen, sondern sich einmischen und kurzfristige Ănderungen verlangen; oder stĂ€ndig auf immer detailliertere Dokumentationen bestehen. Die Tatsache, dass Scrum dem Product Owner keine Anwesenheitspflicht fĂŒr Meetings auferlegt, lĂ€sst sich prima dafĂŒr missbrauchen, einige Zeit abzutauchen; nur um dann hinterher zu sagen: »So habâ ich mir das aber nicht vorgestellt.«
Entwickler
Einer der effektivsten Hebel fĂŒr die Entwickler, ein agiles Projekt zu kippen, ist die SchĂ€tzung der Story Points, die pro Sprint umgesetzt werden, da sich daraus die Geschwindigkeit eines Sprints ergibt. Werden diese Story Points vor dem ersten Sprint bewusst hoch angesetzt und in den folgenden Sprints immer niedriger, sieht es so aus, als ob die Geschwindigkeit kontinuierlich abnimmt; und beim Management muss zwangslĂ€ufig der Eindruck entstehen, dass das Projekt in Schieflage gerĂ€t.
Fachabteilung
FĂŒr das Backlog, das die zu erledigenden Aufgaben enthĂ€lt, ist zwar nominell der Product Owner zustĂ€ndig. Ăber ihn hat die Fachabteilung aber die Möglichkeit, dort absichtlich immer mehr fachliche Anforderungen einflieĂen zu lassen. Dasselbe gilt ĂŒbrigens auch fĂŒr die Entwickler und ihre technischen Anforderungen. So oder so wĂ€chst die Zahl der Backlog-Items dann kontinuierlich an, statt zurĂŒckzugehen. Damit lĂ€sst sich dem Management signalisieren, dass das Projekt komplett aus dem Ruder lĂ€uft und gegen die Wand fahren wird.
Â
»Diese Tricks erheben natĂŒrlich keinen Anspruch auf VollstĂ€ndigkeit. Will jemand ein agiles Projekt scheitern lassen, kann er dafĂŒr viele Ansatzpunkte finden«, sagt Nadine Riederer, CEO bei Avision. »Um mögliche Motive fĂŒr eine Projektsabotage abzuschwĂ€chen, sollten Unternehmen sĂ€mtliche Beteiligte von Anfang an einbinden und ihnen Perspektiven aufzeigen. Ist erkennbar, dass jemand ein Projekt partout nicht unterstĂŒtzen möchte, hilft alles nichts: er muss dann davon ferngehalten werden. Nur wer eine Rolle in einem Projekt innehat, kann es auch sabotieren.«
Â
Â
https://ap-verlag.de/kulturwandel-und-neue-organisationsstrukturen-praegen-das-projektmanagement-2019/49389/
https://ap-verlag.de/projektmanagement-fuer-fuehrungskraefte-positive-rahmenbedingungen-fuer-erfolgreiche-projekte-schaffen/48807/
https://ap-verlag.de/projektmanagement-4-0-warum-die-digitalisierung-mehr-chancen-als-risiken-birgt/48360/
https://ap-verlag.de/warum-gutes-it-projektmanagement-so-wichtig-ist/46406/
https://ap-verlag.de/it-projektmanagement-und-requirements-engineering-ermittlung-von-anforderungen-in-projekten/46296/
https://ap-verlag.de/digitalisierung-erfordert-agilitaet-so-treibt-agiles-projektmanagement-innovationen-voran/46289/
Read the full article