Julia Behrens, 18. Juni 2016
Wir müssen was ändern. Ein großes Was. Der Erfolg der AfD zeigt es brodelt in Deutschland, Groß Britannien zeigt es brodelt in Europa, Syrien, Thailand, Nigeria,… zeigen es brodelt in der ganzen Welt. Ob sich dieses Jahr etwas entscheidet oder nicht- 2016 ist Teil der Geschichte. Hoffen wir, dass es eine Geschichte hinzu globaler sozial-ökologischer Gerechtigkeit ist.
2016 ist ein Jahr, das in der ersten Hälfte von Hass bestimmt war. Von den Trumps und Johnsons und Petrys, die es geschafft haben, Angst zu pflanzen und Tote zu ernten. Jo Cox, 50 Besucher*innen eines Nachtclubs, ungezählte Familien sind Opfer von gewaltbereiten Menschen und von einer gesellschaftlichen Aggression und medialen Hassrhetorik. Nebenher versuchen soziale Bewegungen weltweit dafür zu kämpfen, dass die Stimmung kippt. Hin zu einem positiven gesellschaftlichen Neuanfang, einem neuen System mit Gerechtigkeit für alle. Die Politik scheint gelähmt, und nicht zu wissen, wie sie mit Protest- und Hasswahlen umgehen soll, auf nationaler und internationaler Ebene. Das gilt nicht nur für den Umgang mit der AfD, auch im Klimabereich hat sich die Politik in sich selbst festgefahren und verhindert einen Wandel zu einer aktiven Umweltpolitik durch Denkmuster und Phrasen zu Wachstum und Entwicklung.
Der gesamte Klimaaktivismus arbeitete auf Paris hin, und ein großer Teil versucht seit dem Beschluss von Paris mit aller Kraft, das Positive in dem Entschluss zu sehen und ihn zu nutzen, um den Worten Taten folgen zu lassen. Durch Paris wird es besser, muss es doch, niemand kann rückwärts laufen, hoffentlich, hoffentlich auch nicht rückwärts springen. Oder sich um drehen und einfach aus Angst wieder zurück laufen? Ach, nein, es muss werden. Muss, muss, muss, auch von den Medien so transportiert, die die apokalyptischen Warnungen der wissenschaftliche Gemeinde zur Klimakatastrophe aufnehmen, um sie dann, ganz alternativ und investigativ, Studien entgegenzusetzen, die alles leugnen, eine rosa Brille aus Öl, finanziert von den großen Konzernen unserer Zeit. Paris ist wichtig, es stimmt schon, das jetzt oder nie, jetzt müssen wir Emissionen senken um unseren Lebensraum, wie wir ihn kennen, in ein paar Jahrzehnten noch wieder erkennen zu können. Aber Paris ist nicht alles. Denn was ist in Paris passiert? Staats- und Regierungschef haben darüber beraten, welche Zwischenziele möglich sind, um die Welt zu retten. Nur die Zwischenziele sind weder konkret genug noch ambitioniert genug. Teilweise fehlen Zahlen, teilweise fehlen die Worte.
Noch einmal kurz die Szene zum Schauspiel: Die globale Temperatur steigt und sie wird es weiter tun, die Frage ist, bis auf welche Gradzahl. Zwei Grad ist der existierende Konsens, vielleicht auch in ein paar Träumen 1,5°C. Mit zwei Grad mehr auf der Welt werden zwar bereits die Malediven verschwinden (kleines Opfer für die wohlhabenden Flitterwöchner, die jetzt um planen müssen), Kalifornien vertrocknet, Engländer müssen mehr Gummistiefel einkaufen und vielleicht ein Boot shoppen für jährliche Überschwemmungen (das können sie sich zum Glück noch leisten, da sieht es in Bangladesch schon schlechter bestellt aus, die Gummistiefelindustrie ist nicht so groß). Aber: das schlimmste kann vermieden werden. Ein paar Gletscher bleiben, wir können weiterhin weiße Flecke auf die Weltkarte für die Arktis zeichnen, wenn auch sehr, sehr viel kleinere, und auch England wird auf der Weltkarte erhalten bleiben. Menschenleben können gerettet werden, in dem Taifune, Dürren und Überschwemmungen vermieden werden, auch Lebensräume und blühende Landschaften können mit Veränderungen noch erhalten werden.
Zwei Grad sind aber keinesfalls umgesetzte Realität. Das haben wir vor allem den Jungs von einem ganz besonderen Industriezweig zu verdanken, die Firmen, die mit der Erwärmung ihren Lebensunterhalt und noch ein paar Millionen obendrauf verdien. Ölkonzerne, Kohlekonzerne, Industrie, Wirtschaft, Wachstumshörige. Die großen Firmen wie Shell haben Emissionen von 2795 Gigatonnen in ihren Reserven und geben trotzdem jeden Tag tausende von Dollar aus, um weitere Reserven zu erschließen. Soll das 2 Grad Ziel gehalten werden, dürfen nicht mehr als 565 Gigatonnen davon ausgestoßen werden. Das wissen wir unter anderem dank der Industrie selbst, die in ihrer Risikoanalyse dann aber das 2 Grad-Ziel abtut, denn die politischen Führungskräfte dieser Welt würden es eh nicht umsetzen. Wie haben Trickfilme versucht, das Böse in zu karikieren, um Kindern besonders viel Angst um die Helden zu machen. Doch Disney hat noch keinen Mineralölkonzern Boss gezeichnet. Oder animiert. Mister „ausgezeichnet“ Burns kommt dem aber schon nahe. Held*innen könnten wir alle sein.
Neben Staats- und Regierungschefs sitzen am Verhandlungstisch um die Zukunft noch viele mehr. Jene Wirtschaftsbosse zum Beispiel, die Lobbyarbeit betreiben, um ihre Festung aus Umsatz zu halten. Öffentlich sichtbar sind sie oft nicht, sie warten im Hintergrund. Auch die andere Seite betreibt Lobbying- Klimaaktivist*innen schrieben Berichte, organisieren Treffen. Doch was den Unterschied macht ist: sie tun dies transparenter. Und auf ihrer Seite ist die Währung nicht Dollar sondern Moral und Ethik. Um den Prozess transparent zu machen, brauchten wir einen riesen, riesen großen Tisch oder ganz viele kleine Tische. Speed-dating wär eine Idee, damit sichtbar wird, wer noch an den Verhandlungen beteiligt ist. Der finale Kampf zwischen Gut und Böse im Comicheft wär irgendwie auch langweilig, wenn zwei Personen im Anzug mit Stift und Papier bewaffnet sich gegenübersitzen und über 100 Seiten Vertrag diskutieren.
Paris war wichtig, weil eine klare poltische Aussage bezüglich des Klimawandels fehlte. Es ist aber auch überbewertet, weil schon viele Verhandlungen vorher liefen und jetzt wieder laufen. Denn Ziele, die beschlossen werden sollen, brauchen auch Wege, um sie zu erreichen. Und der Weg wurde nicht in Paris entschieden. Ob er mit dem Fahrrad, einem SUV oder zu Fuß beschritten wird, müssen konkrete Umsetzungen zeigen.
Ein weiterer wichtiger politischer Beschluss, der die Klimaziele begleitet, sind die Nachhaltigen Entwicklungsziele der UN. Sie geben Vokabular für Weltpolitik vor. Und diese Entwicklungsziele sind ein erstes schlechtes Zeichen im Kampf um Klimagerechtigkeit. Denn: es geht weiter um Wachstum und Entwicklung, die Dinge, die die Welt in das Schlamassel gebracht hat, in dem sie gerad steckt. Anstatt aufzuhören, sich das Grab tiefer zu schaufeln, wird fleißig weitergebuddelt, der Himmel ist schließlich noch sichtbar und blau.
Die Erde ist rund und sie ist trotzdem endlich. Wasser ist begrenzt, Platz ist begrenzt, Nahrungsmittel sind begrenzt. Trotzdem geht es immer noch um das magische Wachstum, das allen Menschen auf dieser Welt Glück und Freude verspricht. Nur sind die Grenzen des Wachstums bereits erreicht- Wasserknappheit, nicht genug Energie und nicht genug Nahrung für alle Teile der Welt. Im Moment lässt sich das Problem noch lösen. Nicht durch weiteres Wachstum in allen Regionen der Welt (wir erinnern uns, die Welt ist endlich), sondern durch Umverteilung. Wachstum hat dazu geführt, dass so viel Emissionen ausgestoßen wurden, dass Menschen in Peking nicht mehr ohne Maske atmen können
(denn wir kaufen die Produkte, die made in China sind und die Luftverschmutzung dort verursachen), dass Vietnam seine Reisanbauflächen durch Versalzung durch den Anstieg des Meerspiegels verliert und dadurch in Zukunft an Ernährungssicherheit und Nahrungsmitteln verliert. All das, obwohl wachsender Konsum nicht automatisch glücklich macht. Bis zu einem Level, bei dem man sich keine Sorgen mehr machen muss, überleben zu können, macht Wohlstand glücklich. Doch danach nicht mehr. Und dieses Level kann durch eine beständige, stabile Ökonomie, auch ohne Wachstum erreicht werden.
Wenn die Retter der Welt dann in Europa oder den USA in den Flieger steigen, um Nigeria, Indien, Bolivien zu sagen, sie müssen erstens Kredite von ihren Institutionen aufnehmen, um ihr Wachstum zu finanzieren und zweitens sie müssen ihre Umwelt schützen, wie wir es versäumt haben, wurden dabei zwei Dinge im Gedächtnis der Welt ganz hinten irgendwo weggeschlossen. Die Entwicklung und das Wachstum der westlichen Welt hat die weltweite Umwelt unumkehrbar verändert und zerstört. Unsere erworbenen Konsumgüter haben zur Abholzung des Regenwalds geführt und unser Müll von eben jenem Konsum landet in Ghana, unserer ganz besonderen Mülldeponie. Wenn wir also sagen: entwickelt euch, werdet so wie wir, sagen wir: Sucht euch Länder, die schwächer sind als ihr, um den Klimawandel auf deren Kosten zu verschlimmern. Denn glücklicherweise ist es nicht Mitteleuropa, die vom Klimawandel am schlimmsten betroffen sein werden. Es werden die armen Regionen sein, die sich nicht mit technischen Rettungsringen retten können, die keine Medikamente zahlen können, um die Ausbreitung von Malaria zu verhindern und die durch Ausbreitung von Wüsten (echten aus Sand und ständische Betonwüsten), am schwersten betroffen sein werden. Die westliche Welt ist kein Vorbild. In manchen Dingen ja (ich geh lieber in Berlin ins Krankenhaus als in der Provinz in Vietnam), aber nicht in allem. Davon abgesehen ist Bangkok, definiert man es wirtschaftlich, viel entwickelter als Brandenburg. Von Unterentwicklung auf national Ebene zu sprechen macht sowieso keinen Sinn.
Ein weiteres Problem mit der nicht so lieben Wirtschaft: Die Preisschilder. Und es hört sich so nach Einhornträumen an, aber wenn Schottland das Einhorn als nationales Tier haben kann, kann ich auch sagen: Wert statt Preis. Vor allem, wenn es um Umwelt geht. Warum wurde Raubbau an der Natur betrieben? Um wirtschaftlichen Profit zu machen. Abholzung vom Regenwald, um Palmölplantagen anzubauen, zum Beispiel. Wir kaufen Palmölprodukte weiter, weil auf ihnen ein Preis ist und wir mit Wert nicht mehr viel anfangen können. Ein weiter zentraler Punkt, der sich ändern muss. Denn, wenn wir jetzt weiter von natürlichen Ressourcen, natürlichen Dienstleistungen und Preise für Wälder reden, dann wird der Wert immer kleiner, ganz winzig. Um argumentieren zu können sind wirtschaftliche Argumente zwar wichtig, doch: Umwelt hat mehr als wirtschaftlichen Nutzen. Gesundheit zum Beispiel und Gesundheit ist unbezahlbar. Oder Zeit. Oder Frieden.
Entwicklung und Wachstum gilt es zu verabschieden. Wir begrüßen stattdessen auf der Bühne der weltweiten Werte: Stabilität und Veränderung. Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit, Menschlichkeit. Das bedeutete eine Menge Arbeit. Aber es ist möglich. Alternative Lösungen gibt es. Wirtschaftliche Stabilität statt Wachstum, qualitative Veränderung anstatt quantitativer Entwicklungsziele von Bruttosozialprodukten. Nachhaltige Solar-, Windenergie statt Kohle und Öl. Umverteilung statt Wohlstand der einen auf die Kosten von anderen (denn ja, die absolute Armut konnte zwar weltweit gesenkt werden, aber die relative Armut, also der Unterschied in Einkommen, ist gewachsen). Und: weniger kaufen, mehr lieben. Zu erkennen, wie viel Glück ein tiefer Atemzug von
frischer Luft, ein atemberaubender Ausblick auf Berge, ein Tag am Strand, eine Gartenparty mit Freunden anstelle von einem neuen T-Shirt bringen kann. Um das Ziel der Klimagerechtigkeit zu erreichen, müssen wir vor allem unser inneres Wertegleichgewicht wieder in Balance bringen. Eigeninteresse und Gemeinschaftsinteresse treffen sich und beschließen, mal was zusammen zu unternehmen, oder so. Die ständige Präsenz von Wachstum, kaufen, goldenen Statussymbolen hat vollkommene Arbeit geleistet, uns glauben zu lassen, sie wären, was uns glücklich macht. Eine gesamtgesellschaftliche neue Diskussion zu Zeit haben, Gesundheit, Familie kann das Gegenstück bilden.
Der Klimawandel ist kein Ökoding. Er betrifft die Gesundheit aller, globale Gerechtigkeit und andere aktuelle Phänomene, die sich in Zukunft durch ihn intensivieren können. Bereits jetzt ist das Geschrei in Deutschland (buh Pegida!) groß, doch was, wenn durch den Klimawandel Millionen mehr Menschen fliehen, weil es ihre Heimat nicht mehr gibt? Wenn Frauen durch sich ausbreitende Krankheiten durch eine Verschiebung von Klimazonen wieder öfter im Kindbett sterben? Wenn wir plötzlich da stehen, und die ganze Welt kämpft, um den letzten Tropfen Öl, um die letzte Wasserreserve. Das alles klingt so desaströs, nicht drüber nachdenken. Aber, wieder und wieder, Lösungen gibt es, genug Menschen, um sie umzusetzen auch. Yes, we can, I have a dream und Ja, wir schaffen das! Alle Technologie ist ganz futuristisch, Uhren mit denen wir telefonieren können, Fernseher, die unsere Gespräche mithören. Aber das Klima technisch beeinflussen, ohne dass unabsehbare Konsequenzen entstehen, nicht möglich. Und nicht möglich in der kurzen Zeit, in der wir handeln müssen. Also, auf eigene Kraft verlassen und Technologie so nutzen, wie sie helfen kann: Kommunikation, um die Bewegung zu stärken und klar zu machen wir sind bereit und #espassiert. Ziviler Ungehorsam, Petitionen, Demonstrationen, Gespräche, Schreiben und sich mit neuen Ideen und anderen Worten als Wachstum und Entwicklung und Geld in die Debatte einbringen - und ja nicht aufgeben.
Julia Behrens ist Initatorin vom Platz für Perspektiven und gerad voller Wut, Tatendrang und Liebe. Sie twitter unter @Julia_Behrens