Ein -ling fßr alle Fälle
Manchmal wundere ich mich und Ăźberlege, wie die Welt und die Sprache wohl frĂźher war. Vor einem Jahrhundert, vor zwei Jahrhunderten und so weiter. Dummer Weise fange ich dann an zu lesen und dann geht mein Leben meistens den Bach hinunter.Â
Ein Beispiel:
Wir haben vier Jahreszeiten. FrĂźhling, Sommer, Herbst und Winter. Drei dieser Namen wirken alt, ein Name wirkt ein wenig merkwĂźrdig in dieser Liste. Also habe ich mal nachgeschaut, was Wiktionary mir so Ăźber die Jahrhunderte sagen kann, seitdem die Namen benutzt werden.
FrĂźhling:Â seit dem 15. Jahrhundert
Sommer/Herbst/Winter:Â seit dem 8. Jahrhundert
Ich stelle mir das also so vor: Ăber viele Jahrhunderte hatten wir Namen fĂźr drei von den vier heute bekannten Jahreszeiten und irgendwann musste ein neuer Name her, weil zwischen Sommer und Winter eine auffällig lange und ereignisreiche Periode liegt. Doch wie sollte man diese Jahreszeit nennen?Â
Diese vierte, neue, Jahreszeit wĂźrde vor dem Sommer positioniert werden und wäre damit die erste neu-beginnende Jahreszeit im Jahr. Sie wäre im Vergleich zu den anderen Jahreszeiten also âŚanfänglich,  vorzeitg, eher oder auch bevor ihnen. Diese super-moderne und neue Jahreszeit bräuchte einen Namen, der sich nicht Ăźber Jahrhunderte entwickelt und etabliert hat, sondern einen Namen, der anders ist. Einen Name, der die Jahreszeit beschreibt.
Wie allerdings beschreibt man am besten diese unbenannte, neue Jahreszeit? In manchen Jahren ist sie wärmer als in anderen. Das einzige, was immer konstant ist, ist ihre relative Position im Kalender zu den anderen Jahreszeiten. Sie ist frßh!
Doch "frßh" gibt es schon als Wort. Das Adjektiv ist in etwa so lange im Gebrauch wie die Worte Sommer, Herbst und Winter. Man mßsste also ein neues Wort dafßr erfinden ODER man nimmt das Wort, erweitert es, aber ohne die allgemeine Bedeutung zu verändern und schafft ein neues Wort.
Zum Glßck gibt es da ein sehr praktisches Suffix, welches an eine Eigenschaft gehängt wird, um daraus ein Substantiv zu machen, dessen Beschreibung bedeutet, dass es ein Gegenstand oder eine Person ist, welche sich, dort die Eigenschaft vor dem Suffix auszeichnet.
F R Ă H L I N G !
Geboren war ein Wort, welches meisterlich seinen Zweck des beschreibenden Namens erfĂźllt.
Dank der Wunderwaffe fĂźr Gegenstands-Namen: -ling.Â
Wieso sollte man den umständlichen und komplizierten Begriff des âGefängnisinsassenâ benutzen, wenn man auch einfach von einem âHäftlingâ reden kann? Und wieso sollte man auch einen genau auf die Person zugeschnitten und damit viel zu persĂśnlichen Kosenamen fĂźr seinem romantischen Beziehungspartner benutzen, wenn man die Person auch einfach seinen âLieblingâ nennen kann?
Wo wäre die deutsche Sprache nur ohne ihr -ling? Ich wage es kaum, es mir vorzustellen!










