Gerd Conradt
- Color Test: The Red Flag / Farbtest – Die rote Fahne
(1968)

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Gerd Conradt
- Color Test: The Red Flag / Farbtest – Die rote Fahne
(1968)

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Ulrich Knaudt, Helke Sander, Harun Farocki
Helke Sander
- Break the Power of the Manipulators / Brecht die Macht der Manipulateure
(1967)
weit entfernt, angela schanelec 1992
prag, märz 1992, angela schanelec 1992
ich bin den sommer über in berlin geblieben, angela schanelec 1993

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Glück1
1990. Ein junge Regisseurin denkt über die Zukunft nach. Und sieht Anzeichen von Vereinzelung. Sieht, Individualisierung. Sieht die Uniformierung durch Individualisierung. Und ganz viel Coolness. Soviel Coolness. Coolness befeuert die Vereinzelung. Coolness scheint Lachen verboten zu haben. Die Gefühle werden verpackt und Erfolg oder erfolgreich scheinen, wird die neue Währung. Arbeit, Erfolg, individuelle Angepasstheit oder angepasste Individualisierung? Freiwillige Uniformierung?
Das erste Bild, statische Einstellung: Eine junge Frau kommt mit einem bunten Blumenstrauß aus einem Portal und geht mit dem Blumenstraße aus dem Bild. Die Kamera folgt ihr zu einem Aufzug. So ein Innenaufzug, der von allen Seiten einsehbar ist, runde Bullaugen-Fenster. Sie geht in ihre Wohnung, stellt den Blumenstrauß, mit den sehr langen Blumen, in eine Vase auf den Küchentisch. Die Wohnung: sehr steril und kühl. Wasser tropft auf den Boden. Die Blumen sind umgekippt, Wasser tropft auf den Boden. Die junge Frau nimmt die Blumen und stellt sie, statt in die Vase, in einen Eimer.
So folgen wir der jungen Frau durch ihr Leben. Sie arbeitet in einem Architekturbüro. Projektskizzen liegen auf ihrem Schreibtisch: Bleistift/Kohlzeichnungen. Und Folien. Das Gebäude, das sie plant, hat die Form einer riesigen Faust. Die junge Frau stellt das Projekt vor. In der Gebäude-Faust soll ein “Zerstörungsvergnügungspark” entstehen. Im Zerstörungsvergnügungspark wird im obersten Geschoss zerstört. Zerschlagen, verdroschen, zerschmettert. Die kaputten Materialien werden einen Stock tiefer transportiert. Dort werden diese sortiert, selektiert und weitergeleitet. In das Erdgeschoß. Im Erdgeschoß nehmen dann die Künstler die sortierten Bruchstücke und bauen daraus ihre Kunstwerke. Die Werke werden in der Galerie im Erdgeschoß verkauft. So schließt sich der Kreis. Die Verwertungskette. Ironischerweise hat das Gebäude des Projekts “Vergnügungspark” die Faust: Rebellion. Protest? Oder Propaganda? Also in GANZ RIESIG als Gebäude, ein verwertbare Protest-Aktion als Zerstörungsvergnügungspark. Das Geschäft mit dem scheinbaren Protest, der natürlich keiner ist. Ist nur perfekt eingepasst in die Verwertbarkeit der Individualisierung. Es scheint zu verführerisch, um nicht dabei sein zu wollen. Sie erntet Applaus für die Projektvorstellung.
Der Platz dafür ist schon gefunden. Dafür muss ein altes Haus weg. Das steht fast leer, nur noch eine Frau lebt im Untergeschoß. Es wird also bald losgehen können, versichern ihr die Kollegen und die Stadträtin. Für ihren Erfolg wird die junge Frau skrupellos. Das stört aber niemanden. Fast alle sind so.
Die vollkommene, freiwillige Unterwerfung durch Erfolgsversprechen. Alle haben diese T-Shirts an. Mit Ikons oder Sprüchen drauf an. “ME”, “Migräne ist kopflos”, “Unterwerfung”, “Egal” oder “Love”. Jeder hat solche weißen T-Shirts, mit schwarzen Buchstaben. Mottosprüche. Unterschiedliche zwar, trotzdem sehen alle gleich aus. Schwarze Schrift auf weißem Grund. Nur bei zwei Personen, da ist die Schrift verblasst. Da ist der Spruch kaum mehr zu entziffern. Aber da war mal einer. Die T-Shirts kauft die junge Frau über eine Tastatur. Sie tippt den Spruch ein und eine Säule in einer Einkaufsfußgängerzone spuckt die T-Shirts, gefaltet im 5-er-Paket, heraus. Dazu kommt noch eine Packung Klopapier. Auf Knopfdruck, fast wie Online-Bestellung. Nur nicht direkt an die Haustüre geliefert, sondern an Säulen abrufbar.
Die junge Frau holt ihre T-Shirts ab, die alten fliegen in die Müllklappe. Praktisch und direkt im Badezimmer in der Wand eingelassen. Es wird nichts gewaschen. Einmal benutzt und ab in die Tonne. Sie passt sie sich an, will mitmachen, erfolgreich sein. Wie könnte man auch anders? Alle anderen machen es ja auch so. In diesem Film gibt es keinen anderen Raum, kein anderes Leben, keine Hoffnung. Und wenn mal einer auf der Straße sitzt, so einer ohne Motto auf dem T-Shirt, dann kommt der Ordnungsdienst. Vielleicht versteckt der sich schnell unter einer Bank. Ein Auto, in 1990, und da steht wirklich Ortungsdienst drauf.
Beziehungen werden nur noch auf Mattscheiben gelebt, aber nicht im eigenen Leben. Love Partner TV. Auf einem sehr alten Fernseher. Mit der Fernbedienung sucht sie sich aus der Bildvorschau einen Mann aus. Diese kurzen Videotrailer zu den Männern, JESUS. Frauen gibt es natürlich auch. Sie sucht sich ihren Lieblingsmann aus. Er ist Schauspieler und sie liebt ihn. Sie liebt ihn wie er seine Rolle in den Filmen spielt. Sie liebt ihre Projektion von ihm, die Inszenierung von Liebesbeziehungen im Fernsehen. Sie fährt am Bildschirm die Linien seines Gesichts nach. Über Love Partner TV können sie sich direkt unterhalten, aber nur sie sieht ihn. Er sieht sie nicht. Die beiden sprechen miteinander. Aber nur 5 Minuten. Dann ist die Zeit abgelaufen. Die Warteliste war lang bei ihm. Sie hat Wochen gewartet. Diese Unterbrecher-Einspieler “Ihre Zeit ist abgelaufen” wird von einer Art Fernsehansagerin über den Bildschirm kommuniziert. “Wir freuen uns Sie bald wieder begrüßen zu dürfen.” Natürlich nur gegen Kohle. Wenn die Fünf-Minuten-Gespräche vor dem Fernseher ihr nicht ausreichen, dann geht sie in eine Art, also Bar würde ich das nicht nennen. Club auch nicht. Es spielt dort keine Musik. Sie geht in einen Raum, mit einem Tresen. Dort stehen Leute rum und trinken etwas. Ansonsten steht sie rum und schaut sich die Leute an. Betrachtet. Taxiert. Sehr cool natürlich. Super cool. Geredet wird nichts. Und da kommen die schwarzen Buchstaben der Mottosprüche auf den weißen T-Shirts unfassbar mehr zum Ausdruck. Also, geredet wird eigentlich nur im Beruf und vor dem Fernseher mit dem Love TV Partner, fällt mir jetzt auf. In diesem komischen Raum, wo die Leute mit ihren weißen T-Shirts stehen, sprechen also nur die Mottosprüche. Sonst niemand. Sie geht herum, inspiziert, macht einen Bewegung mit dem Kopf, der oder die Auserwählte folgt ihr in einen kleine Kabine.
Sex holt sie sich also anonym. Sie gehen in eine Art aseptische Kabine. Oben, in zwei Deckenecken, hängen zwei Fernsehbildschirme, dort laufen Pornografie-Filme. Nahaufnahmen des Geschlechtsaktes. Das Bett, eine Krankenliege mit Wegwerfpapier. Klinisch, kühl, stilisiert. Irgendwie habe ich mir gedacht, die sprühen sich gleich noch mit Desinfektionsmittel ab, das ist aber nicht passiert. Sie ziehen sich aus. Umarmen sich unbeholfen. Die Kamera fährt jetzt eine Neonröhre nach oben ab. Und wieder nach unten. Und wieder nach oben. Bleibt dort stehen. Jetzt liegen die beiden nackt und eng umschlungen auf dieser Krankenliege. Überraschend ist, dass in diesem Moment, in dieser Kabine, auf dieser Krankenliege, einer der wenigen Augenblicke von Nähe gelingt. Das schockt einen ganz kurz. Nähe, Verbundenheit. Hier! Aber nur ganz kurz. Sie verlassen den Raum und sie geht nach Hause. Auf dem Weg sieht sie den Ordnungsdienst, wie der einen Mann von der Straße aufsammelt.
Die junge Frau ist wieder im Architekturbüro. Es gibt Probleme mit der Umsetzung des Projekts. Die alte Frau will aus dem Haus nicht ausziehen.
Ein Mann mit Tragetüte geht auf ihren Hauseingang zu. Er trägt ein T-Shirt mit verblassten Buchstaben. Er steigt in ihren Aufzug und fährt nach oben. Er klingelt an ihrer Wohnungstüre. Sie ist nicht da. Er setzt sich mit seiner Tüte vor ihre Wohnungstüre und wartet.
Die Frau kommt nach Hause. Sie ist überrascht als sie den Mann vor ihrer Türe sieht. Sie kennen sich von früher. Sie waren in der gleichen Klasse. Er hat ihr Halt gegeben als ihre Eltern gestorben sind. Sie hat aber nicht gerne Leute in ihrer Wohnung. Obwohl sie Besuch hat, hält sie ihren Termin mit Lover TV Partner ein. Ihr Besuch beobachtet die Frau, wie sie mit dem Mann im Fernseher spricht. Über Träume und Lebenspläne. Der alte Freund ärgert sich. Sie lässt ihn übernachten, in einem kleinen Bett im Wohnzimmer. Am nächsten Tag geht sie arbeiten. Er lungert in der Wohnung rum, schaut ihre alten Fotos an, trinkt, raucht, lässt überall alles stehen. Auf dem Nachhauseweg sehen wir, wie die junge Frau neue T-Shirts besorgt. Sie schenkt sie ihrem ehemaligen Freund. Sie spricht wieder mit ihrem Love TV Partner und lädt ihren Ex-Freund ein, sich doch auch eine Frau aus dem Fernsehen auszusuchen. Auf dem Bildschirm erscheint der Frauenkatalog mit Vorschaubildern und Video-Trailer pro Frau. Er ist sehr direkt zu seiner Wahl und will das sie ihre T-Shirt auszieht, die Frau im Fernseher schickt ihn zu den Kabinen, das ist nicht ihre Aufgabe, sie ist zum Reden da. Die junge Frau geht mit ihrem Ex-Freund daraufhin in den Raum mit den Kabinen. Wieder eine so furchtbar sterile Stimmung. Alle stehen mit ihren T-Shirts rum und glotzen. Eine Frau sucht sich den Ex-Freund aus, die beiden verschwinden. Er bekommt aber mit, wie die junge Frau mit einer anderen Frau in die Kabine geht. Die Türen gehen zu. Der Barkeeper türmt leere Gläser auf. Die beiden kommen wieder aus den Kabinen. Sehen sich an und nehmen sich in den Arm und tanzen langsam, ganz ohne Musik. Das ist die zweite Szene, wo ein Moment der Nähe entsteht, nachvollziehbar ist. Eine Nähe, mit einem Hauch der Verzweiflung. Sie holen zusammen Bio Wasser in einem Bio Wasserladen, wo alle mit ihren Kannen anstehen. Sie parken mit dem Auto vor einem Park, dort laufen alte Frauen in Jogginganzügen hinter einem Gitter immer im Kreise.
Zu Hause in der Wohnung ist sie genervt, weil alles von ihm überall rumliegt. Sie räumt auf. Im Badezimmer stört sie sein Rasierzeug und seine Zahnpasta. Sie mag ihren Raum nicht mit seinen Sachen teilen. Sie schaut Fernsehen, wieder ein Film mit ihrem Love TV Partner Schauspieler. Sie liebt die gespielte Liebe im Fernsehen. Es kommen Nachrichten. Ein Haus ist abgebrannt. Er erkennt das Haus. Es ist das Haus mit der alten Frau, was sie für ihr Projekt braucht. Er schimpft. Da wird einer alten Frau das Haus unter dem Arsch abgefackelt. Aber, hey, das Projekt! Ihr Projekt: Zerstörungs-Vergnügungspark! Das kann deswegen umgesetzt werden. Verdammt! Was für ein Glück! Des einen Glück, des anderen Unglück. Scheißegal. Sie streiten. Sie sagt, sie braucht ihren Raum. Er soll sich etwas anderes suchen. Er will sie küssen, sie drückt ihn weg. Er darf noch eine Nacht bleiben. Er klaut in der Nacht Geld aus ihrem Geldbeutel. Am nächsten Tag kauft er ein und kocht. Er gibt sich Mühe. Er wartet, reißt dabei die Papiertischdecke an einer Ecke in kleine Streifen, aber sie kommt nicht. Sie feiert im Architekturbüro den Startschuss für ihr Projekt. Sie kommt nach Hause. Die Kerzen auf dem gedeckten Tisch sind fast niedergebrannt, er schläft im Bett. Sie geht auch zu Bett.
GLÜCK1, 1990, Sci-Fi, 16mm/Farbe/74mm. Regie: Li Kamera: Eveline Stähelin. Musik/Komposition: Peer Raben GLÜCK1 war 1990 eine Phantasie über eine zunehmende postmodernen Realität. Es wurde das Bild einer Gesellschaft entworfen, die zwar simuliert war, aber dennoch vertraut erschien.
Spannend ist die Frage, ob wir heute die Ikonographie der Lieblosigkeit, die in GLÜCK1 für die Zukunft entworfen wurde, tatsächlich erleben.