Heute geht es weiter mit meiner noch jungen Serie „Das erste Mal“. Seit meinem Text über die Fischstäbchen ist viel Zeit vergangen – Zeit, die ich brauchte, um das Neuerlebte zu verarbeiten. Ich hoffe nun auf den therapeutischen Effekt des Mitteilens.
Mir ist – und an dieser Stelle atme ich tief durch – zum ersten Mal im Bus ein Sitzplatz angeboten worden. Seitdem kann ich die verständnislose Empörung der Menschen nachvollziehen, denen ich in den vergangenen Jahrzehnten nichtsahnend meinen Sitzplatz angeboten habe. Für mich sahen die aus wie die älteren Geschwister von Johannes Heesters, und die schauten mich an, als hätte ich befohlen: „Machen Sie sich mal frei, und zwar unten `rum.“
Ich kann mir diesen Zwischenfall nur damit erklären, dass er in einem Berliner Bus passierte. Vermutlich war ich irgend etwas zwischen aschfahl und gelbgrün im Gesicht und wirkte um Jahre gealtert. Wer jemals in Berlin Bus gefahren ist, der weiß, wovon ich spreche.
Man muss den Eindruck haben, die Berliner Busfahrer wollten ursprünglich alle Selbstmordattentäter werden. Dann aber haben sie sich überlegt, dass man damit nur einen vergleichsweise geringen, weil nämlich lediglich einmaligen Schaden anrichten kann. Als Busfahrer hingegen hat man die Möglichkeit, jeden Tag aufs Neue acht Stunden lang hunderte von Unschuldigen erbarmungslos einer Nahtoderfahrung auszusetzen. In Kombination mit der vielgerühmten Berliner Schnauze lassen sich auf diesem Posten nachhaltig verheerende Wunden in die Herzen und Seelen der Mitbürger schlagen.
Der wartende Rollstuhlfahrer im Nieselregen wird angeschrien: „Kein Platz hier drin, nimm den nächsten! Zack, Tür zu, `rauf aufs Gas, links raus und mal eben einen AMG zur Vollbremsung zwingen, um dann selbst nach anderthalb Metern in die Eisen zu steigen: rot. Ganz nebenbei noch für die ein oder andere Traumatisierung gesorgt. So geht das in einer Tour. Kein Wunder, dass man da als untrainierter Passagier sitzbedürftig aussieht.
Ich erzähle die Geschichte meiner Freundin D., sie ist Lehrerin. Der Lehrerberuf genießt in Deutschland kein besonders hohes Ansehen. Bevor ein Eigentumsbesitzer seine Wohnung an ein Lehrerehepaar vermietet, stellt er sie eher einer Junkie-WG mit zehn Frettchen zur Verfügung, das verspricht weniger Schlamassel. Es wird andauernd von den vielen Ferien der Lehrer geredet, aber Leute, denkt doch mal nach! Diese Ferien finden immer in den Schulferien statt, ich meine, hey, wer will ernsthaft während der Schulferien Ferien haben? Alles voll, arschteuer, und sollte man als Lehrer davon träumen, vier Wochen durch Asien zu reisen, geht das nur im Sommer, wenn in Asien auch Sommer ist. Und diese Hitze dann da, die hält kein normaler Mensch aus.
Meine Freundin D. macht ihren Job aus tiefster Überzeugung und kämpft unermüdlich für das Überleben eines letzten Fitzels Allgemeinwissen und Herzensbildung. In ihrem persönlichen Paradies hätten Schüler keine Eltern, Lehrer keine Kollegen, Schulen keine Rektoren, und die großen Ferien fänden außerhalb der großen Ferien statt.
Besondere Vorteile sieht D. an diesem Beruf nicht – außer einem einzigen: das eigene Alter wird unwichtig. Völlig egal, ob 28 oder 58, Schüler denken so oder so, man sei mindestens hundert. Jugendliche können, das wissen wir, so manches noch nicht richtig einschätzen. Das Alter von Leuten, die fünf Jahre vor ihnen geboren wurden, gehört dazu. Seit sie die Uni verlassen hat, ist D. für die Menschen, mit denen sie die meiste Zeit zusammenarbeitet, älter als die Steine und bekommt permanent Sitzplätze angeboten.
„Genieße es“, lautet ihr Ratschlag an mich. „Nimm es dankend an, mach´ es dir gemütlich.“
Lehrer haben bekanntlich immer recht. Das muss ja gar nicht unbedingt schlimm sein.