BrosowskiTRASH Paket #28
Herzlich Willkommen zum 28. TRASH-Paket der Vollperversion!
Wie in den sozialen Netzwerken berichtet, hat sich der Kurier mit dem hiesigen Paket verfahren und deshalb gibt es nun eine verspätete Version: Die Reste, die vom Laster gefallen sind und wiedergefunden wurden.
Mit dabei ein Nachruf und eine Ode an die Science Fiction der 70er-Jahre.
Viel Spaß!
COSMODRAMA
Die Evolution der Physik und Geisteswissenschaft in 14 Kapiteln. Von einem Franzosen auch noch. Also verlabert, weinschwanger und furchtbar arrogant und sophisticated.
„Die Figuren stehen für intellektuelle Zugänge zum Universum, zur Realität, nicht für tatsächliche Charaktere“. „Die Ästhetik der 60er & 70er als Verfremdungseffekt, wir sind nicht im Hier und Jetzt, können uns aber dennoch identifizieren“. Uuuuh.
Natürlich ist Freud auch einer der ominösen Figuren in diesem ominösen Raumschiff, das dem Film optisch irgendwie einen Rahmen geben soll.
Und ein Jornalist, der eine Talkhow veranstaltet gegen die das Literarische Quartett als Sinnbild der 68er-Bewegung locker durchgeht.
Das klingt alles schrecklich. ABER: Das Machwerk des Künstlers und Dozenten für visual arts Philippe Fernandez ist brilliant. Wie auf dem nun folgenden Bildmaterial nachzuempfinden ist, hat Fernandez sich trotz seiner Abneigung gegen das Science Ficton Genre genial seiner ästhetischen Topoi bedient, lange hat ein Retrofuturemonster irgendwo zwischen stocksteifen Schauspiel der 60er/70er und absurdem Aushalten peinlicher Stille nicht mehr so begeistern können, wir rasten aus:
Und nicht nur optisch kann der Streifen einiges. Denn was als urfranzösisch-philosophisch-dilaektisches-Gebrabbel irgendwo zwischen Existenzialismus und Astrophysik daherkommt, steht gleichzeitig wie nichts anderes für die klassischen Inhalte der ersten Scienc-Fiction-Serien: Bewusstseinserweiterungen durch Grenzerfahrungen am Rande des Menschlichen, verrückt klingende Theorien, der ständige Zweifel an Selbigen, die Frage nach dem Warum, getreu dem Motto:
Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, das mit seiner 400 Mann starken Besatzung 5 Jahre unterwegs ist, um fremde Galaxien zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt dringt die Enterprise in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.
Gleichzeitig wird der ganze Haufen an absurdem Gedankenspiel auf die nächste Ebene gebracht: Die Theorien sind nicht verrückt, sondern allesamt anerkannt und in mehr oder wneiger chronologischer Weise im Film vorgetragen, es gibt nur das Gedankenspiel und lediglich in der Art der Präsentation Anleihen an ein intellektuelles Fernsehen der 60er und 70er, keine heroischen und ethisch meist höchst fragwürdig handelnden Kirk-Übermenschen; es gibt lediglich einen Hausmeister, der leicht an Andy Pipkin erinnert und eigentlich malt. peintures médiumniques.
Nicht zu vergessen an dieser Stelle: der Soundtrack. Nicht nur dem Bild angepasst ein wenig hier, ein wenig da Seventies-Feeling, sondern originalgetreu aner der Elektroorgel komponiert und nicht nur in der einen oder anderen Hinsicht an die legendären Sounds aus Raumpatrouille Orion oder Space:1999 erinnert.
Nicht nur ein BrosowskiTIPP, sondern zwei bis drei.
Ein Mann – 100 schlecht sitzende Pointen
Die Liebe zu ihm, dem Grand Master deutscher Literaturkunst, begann vor nur wenigen Jahren. Mit Scham, Belustigung und unendlichen Schmerzen entdeckten wir eine 90-minütige Lachparade der niedrigsten aller Schubladen. Die, in der sich normalerweise Fips Asmussen seit 300 Jahren eingemietet hat. Da dieser zu der Zeit aber kurz im Mallorca-Urlaub war, heckte die ARD einen Wahnsinns-Plan aus: Wir setzen Hellmuth Karasek und Dr. Eckart von Hirschhausen auf eine Bühne und lassen sie die in der Schublade noch übrig gebliebenen Restbestände von Asmussen vortragen. Anderthalb Stunden also schmeißen sich die privaten Gag-Jäger Pointen, Zoten und Klopper falscher Gravitationskraft an die jeweils andere Birne. Karasek scheint mit seinen 1000 Jahren wohl kaum noch Schmerzen spüren zu können und Hirschhausens privates Arnzei-Arsenal hilft ihm, das durchzustehen.
Übrigens momentan wieder in der ARD-Mediathek abrufbar. Hier klicken.
Nach jenem TV-Event, was uns einen neuen Fernseher kostete, blickten wir retrospektiv auf einen ganz eigenwilligen Hellmuth Karasek zurück.
Mit dem Reich-Ranicki hatte er mal mundgerecht über gedruckte Literatur gesprochen. Sonst schrieb er sehr viel. Viel auch für Axel Springer, die großen Medienhäuser und nicht nur den Einrichtungskatalog. Sein Alter stieg. Sein Bedarf schrumpfte. Er entwickelte sich zu einer Art medialem Kaugummi, was am Schuh klebt, aber immer noch verdammt lecker aussieht. Versucht man, es zu essen, erschüttert einen der sauer beißende Geschmack. So in etwa waren in den letzten Jahren die Aufritte von Hellmuth Karasek. Er hatte wirklich nichts mehr zu erzählen. Er hatte Bücher geschrieben. Er hatte auch Theaterstücke geschrieben.
Die Nachricht um den Tod des Hellmuth Karasek traf uns um so mehr, als dass wir persönliche Erfahrungen mit ihm machen durften. Es war vielleicht kein direkter Kontakt, aber Blickkontakt herrschte allemal. Auf einer Premierenfeier eines großen Theaterhauses beobachteten wir sein Dasein. Er saß still ruhig am Tisch und trank seine Gläschen Wein glücklich und munter. Getragen hat er Sneaker zum Sakko. Die wohl größte Überraschung, die er bereiten konnte. Genau so überraschend, wie ein fieses Gallengangskarzinom, das Karasek die Lebens-Miete erheblich kürzte.
Lieber Hellmuth, auch für uns bleibst du unforgettable!
In stiller Trauer
Brosowski













