Warum Liebe eine Entscheidung ist - und wahre Gemeinschaft auch...
Man kann sich über diesen Satz streiten: „Wahre Liebe ist eine Entscheidung und kein Gefühl.“ Ich glaube es ist beides. Wenn die Gefühle ganz weg sind, wird es schwierig. Aber eine Entscheidung, ob man bei jemandem bleiben will, nur von den Gefühlen abhängig zu machen, ist auch nicht der Weisheit letzter Schluss.
Letzte Woche auf dem Christival war ich in einem Seminar, in dem es um „Community“ und „Commitment“ (In etwa: Gemeinschaft und Engagement) ging. Das Seminar wurde von einem Mitarbeiter von der Offensive Junger Christen gehalten (Komischer Name; stammt noch aus der Vergangenheit, für mehr Interesse der Link).
Ich fand es spannend, wie eng Liebe und Gemeinschaft zusammengehören und nochmal darüber nachzudenken, warum zu beidem zwingend eine Entscheidung dazugehört.
Denn, von außen betrachtet durchlaufen Liebe und Gemeinschaft (Fast) immer die gleichen Phasen:
Bezauberung: Hach, wie ist der andere doch schön. Und so anders. Abenteuerlich. Und er/sie sieht gut aus. Da ist diese Bauchkribbeln. Verliebte Blicke hin- und her. Das Abchecken des anderen. Nummern austauschen, flirten. Einfach aufregend und schön.
Projektion: Wie gut der/die andere doch zu mir passt. So jemanden habe ich mir schon immer gewünscht. Alle meine Wünsche werden erfüllt. Der perfekte Partner. Er hat die gleichen Vorstellungen vom Leben, die gleichen Ideen und Gedanken. Unsere Zeiten zusammen laufen so harmonisch und so reibungslos. Mit diesem/dieser kann ich mir die Zukunft vorstellen.
Enttäuschung: Wir sind jetzt schon eine ganze Zeit zusammen. Irgendwie ist das gar nicht so perfekt! Er/Sie ist an manchen Punkten ganz schön anstrengend. Immer streiten wir uns über dieselben Themen! Manchmal hat er/sie schon ganz andere Vorstellungen vom Leben, Familie, Zukunft. So habe ich mir das nicht vorgestellt. Er/Sie ist auch nur ein Mensch, so…unperfekt. Ob ich den/die mein Leben lang will? Und jetzt?
Ich glaube jeder kennt diese drei ersten Punkte von Beziehung. Der erste Zauber, die Phase der Projektion, wo scheinbar alle Wünsche erfüllt werden und die Enttäuschung.
Hier ist der entscheidende Punkt, an dem Liebe zur Entscheidung wird. Ich sage mal provokant: An dem sich entscheidet, ob Verliebtsein zur Liebe reifen kann.
Die Entscheidung lautet: Dranbleiben, zueinander stehen, gemeinsam voneinander lernen oder abhauen, fliehen, etwas Neues suchen.
Ich merke an mir, meinem Freundeskreis und den Leuten die ich kenne, dass die häufigste Reaktion abhauen ist. Das ist auch einfacher. Ich selbst habe viele Beziehungen zu Mädchen gehabt, in denen es darauf hinauslief: Abhauen, sobald es „nicht mehr passt“. Und natürlich gibt es auch immer gute Gründe, so meint man zumindest (Und ja, es gibt wirklich gute Gründe: Gewalt in der Beziehung o.ä.). Aber ich bemerke wie wir es uns manchmal dann doch zu einfach machen. Weil wir nicht in Beziehungen investieren wollen. Und dann wundern wir uns, dass sie nicht tiefer wachsen.
Meine besten Freunde, meine Frau, dass sind Menschen, bei denen ich mich entschieden habe, nicht abzuhauen. Da- und dranzubleiben. Verletzungen zu riskieren und Enttäuschungen gemeinsam zu verarbeiten. Wie ist das bei dir?
Ich glaube, dass wir uns dem stellen müssen. Denn nur dann entsteht: Ergänzung und wahre Liebe/Freundschaft.
Was hat das ganze jetzt mit Gemeinde zu tun?
Hier könnten meine „Nicht-christlichen“ Leser jetzt aussteigen. Bitte tut das nicht, denn ihr lernt jetzt etwas über die Kirche!
Achtung: Kirche ist nicht perfekt, will und kann es auch gar nicht sein!
Ich sehe in letzter Zeit viele Christen, die unzufrieden mit ihrer Gemeinde sind. Und ich bin ganz ehrlich: Ich bin es manchmal auch. Und dann wechseln sie die Gemeinde und haben kurze Hochphasen (Hier ist alles besser und sowieso ganz anders, hier bin ich gut aufgehoben, hier werden meine Bedürfnisse gestillt,…). Merkt ihr was? Verliebtsein und Projektion, genau wie bei der Liebe/Freundschaften.
Und dann kommen die ersten Enttäuschungen: Das sind ja auch nur Menschen hier. Hier wird ja auch nur mit Wasser gekocht. Ich habe Konflikte mit x/y.
Ja, auch christliche Gemeinschaften sind keine perfekten Gemeinschaften.
Also wieder die Entscheidung: Dranbleiben oder fliehen. Die alte Gemeinde ertragen, mitbauen, gestalten, verändern oder wieder ein Neuanfang in einer anderen Gemeinde?
Ich bin der Überzeugung, dass Gemeinde/Gemeinschaft nur wachsen kann, wenn wir uns dafür entscheiden zu bleiben. Unsere Vorstellungen von Gemeinde korrigieren lassen, um wahre Gemeinschaft zu erleben.
Das heißt nicht das Träumen aufzugeben. Aber auch nicht zu fliehen, wenn Träume nur mühsam umzusetzen sind.
Oder wie Dietrich Bonhoeffer schreibt:
„Unzählige Male ist eine ganze christliche Gemeinschaft daran zerbrochen, dass sie aus einem Wunschbild heraus lebte. Gerade der ernsthafte Christ, der zum ersten Male in eine christliche Lebensgemeinschaft gestellt ist, wird oft ein sehr bestimmtes Bild von der Art des christlichen Zusammenlebens mitbringen und zu verwirklichen bestrebt sein. Es ist aber Gottes Gnade, die alle derartigen Träume rasch zum Scheitern bringt.
Die große Enttäuschung über die Andern, über die Christen im Allgemeinen und, wenn es gut geht, auch über uns selbst, muss uns überwältigen, so gewiss Gott uns zur Erkenntnis echter christlicher Gemeinschaft führen will. Gott lässt es aus lauter Gnade nicht zu, dass wir auch nur wenige Wochen in einem Traumbild leben, uns jenen beseligenden Erfahrungen und jener beglückenden Hochgestimmtheit hingeben, die wie ein Rausch über uns kommt. Denn Gott ist nicht ein Gott der Gemütsregungen, sondern der Wahrheit.
Erst die Gemeinschaft, die in die große Enttäuschung hineingerät mit all ihren unerfreulichen und bösen Erscheinungen, fängt an zu sein, was sie vor Gott sein soll, fängt an, die ihr gegebene Verheißung im Glauben zu ergreifen. Je bälder die Stunde dieser Enttäuschung über den Einzelnen und über die Gemeinschaft kommt, desto besser für beide. Eine Gemeinschaft aber, die eine solche Enttäuschung nicht ertragen und nicht überleben würde, die also an dem Wunschbild festhält, (…) verliert zur selben Stunde die Verheißung christlicher Gemeinschaft auf Bestand, sie muss früher oder später zerbrechen. Jedes menschliche Weltbild, das in die christliche Gemeinschaft eingebracht wird, hindert echte Gemeinschaft (…).
Wer seinen Traum von einer christlichen Gemeinschaft mehr liebt als die christliche Gemeinschaft selbst, der wird zum Zerstörer jeder christlichen Gemeinschaft, und ob er es persönlich noch so ehrlich, so ernsthaft und hingebend meinte. (…)“
So sind wir sowohl in der Liebe als auch in der Kirche/Gemeinde herausgefordert, uns für sie zu entscheiden. Es lohnt sich, weil Beziehungen und Gemeinschaft nicht nur iberflächlich bleibt, sondern in die Tiefe geht.
Warum Liebe eine Entscheidung ist – und wahre Gemeinschaft auch… was originally published on Der Theorist