Mum, ich weiß noch, wie wir vor 5 Jahren hier auf dieser alten Holzbank saßen, nahe des Flussufers.
Mum, ich weiß noch, wie wir vor 5 Jahren hier auf dieser alten Holzbank saßen, nahe des Flussufers. Die Farbe blättert bereits ab und ich frage mich, ob es auch schon so war, als wir hier zusammen saßen.
Zwei Menschen mit ihren eigenen Dämonen. Ich weiß noch, dass du nach Rauch und Zigaretten gerochen hast. Ein blau-schwarz kariertes Baumwollhemd und eine schwarze Jacke. Es war windig an dem Tag. Die Luft brauste uns um die Ohren und du hast deine Kippe im Schutz deiner Jacke entzündet. Wir haben viel geredet, doch gleichzeitig über nichts – jedenfalls nichts von Bedeutung. Wie zwei Statuen saßen wir uns gegenüber. Zwei Menschen, die versuchten, ein normales Gespräch zu führen.
Dein Gesicht war abgekämpft, das Leben hat dich zu schnell altern lassen.
Du hattest ein Rätselheft dabei.
Damals hast du so etwas gerne gemacht.
Eine Beschäftigung, die die Dunkelheit für einen Moment ausschließt.
Machst du immer noch Rätsel?
Ich habe mich damals wie heute gefragt, ob du nicht lieber jemand anderen auf der Bank hättest sitzen haben wollen.
Es ist kein Geheimnis, dass deine Liebe nach vier Kindern nicht für mich gereicht hat.
Viele sagen, dass das jüngste Kind das meiste abbekommt. Nur ich war eine Ausnahme. Du hast alles behalten, gesammelt wie kleine Trophäen.
Die ersten Haare, die ersten Schnuller.
Nur meine fehlten immer.
Selbst mein Geburtsdatum ging in deinem Verstand unter, vielleicht vom Alkohol vertrieben, vielleicht von fehlender Bedeutung.
Jetzt, 5 Jahre später, sitze ich wieder auf der Bank. Jedoch alleine. Ich habe dich seitdem nicht mehr gesehen.
Wenige Wochen nach unserem letzten Treffen hast du alle Stränge gekappt.
Telefonate weggedrückt.
Ich weiß mittlerweile, dass du es nur gemacht hast, um mich zu schützen – um deine Tochter nicht beim Abstürzen zusehen zu müssen. Jedoch hast du nicht bedacht, dass du mich damit ein Stück weiter in den Abgrund getrieben hast, in dem ich mich schon seit meiner Geburt befinde.
Ich bin nicht sauer auf dich.
Ich hätte mir damals nur eine Erklärung gewünscht.
Alles ist besser als Unwissenheit.
Der erste Kontakt seitdem war ein Brief, der urplötzlich auf dem Küchentisch lag.
Entschuldigungen, die ich nur zu gut kannte. Gründe, die sich immer wieder auf dem Briefpapier wiederholten. Alles wie immer.
Ich habe lange gebraucht, um die richtigen Worte zu finden, und wahrscheinlich habe ich sie auch nicht gefunden. Dennoch schickte ich dir einen Brief zurück. Monate später kam schließlich die Antwort.
Nach 5 Jahren mit nichts wolltest du plötzlich alles: mich sehen, Fotos, telefonieren. Ich habe bis heute nicht auf den Brief geantwortet. Mir fehlen einfach die Worte für meinen Standpunkt in einem Chaos, das schon vor meiner Zeit entstand.
Ich weiß nicht, was und wann ich antworten werde. Ich weiß, ich sollte dir sofort antworten, weil das Leben manchmal sehr kurz sein kann. Weil das Leben unvorbereitet enden kann.
Du warst bereits mehr als einmal kurz davor.
Dein Körper vergiftet.
Und trotzdem kriege ich es nicht hin.
Und es tut mir leid.














