Wir mĂŒssen aus einem hohen Baum einen groĂen, toten Ast entfernen, der aus der Krone gebrochen ist und in ca. 8 Meter Höhe auf anderen Ăsten liegt und auch durch die Herbst- und WinterstĂŒrme nicht herunterfĂ€llt. Da darunter ein Pfad verlĂ€uft, besteht die Gefahr, dass der Ast im Sommer, wenn er genug vermodert ist, in schweren BruchstĂŒcken herunter kommt.
Wir haben folgende Möglichkeiten erwogen:
Einen Steiger zu mieten, auch Giraffe genannt, das ist eine einarmige hydraulische HubbĂŒhne. Die ist teuer, der Untergrund unter dem Baum ist nicht eben und sehr nachgiebig. Das verwerfen wir.
Einen Baumpfleger/Industriekletterer beauftragen, der sich anseilt und hochsteigt. Wir kennen sogar Leute, die das tun, sie haben nur nie Zeit und das Arbeitsvolumen ist fĂŒr die Anreise ziemlich gering. Das verwerfen wir auch.
Uns schwebte ein vages Bild von âmit Armbrust oder Bogen ein Seil hochschieĂenâ vor den Augen. Wir fragen eine Freundin, die fĂŒr eine Spezialbaufirma Leute an KirchtĂŒrmen arbeiten lĂ€Ăt, ob sie nicht eine Idee hat. Hat sie. Ihre Mitarbeiter schieĂen mit einer Zwille eine Schnur ĂŒber KirchendĂ€cher, um dann daran ein Seil nachzuziehen.
Wir borgen uns das GerĂ€t, das sie als Katapult bezeichnet, mit Zubehör (Schussschnur, Gewicht, Kletterseil). Ein Katapult ist aber eine groĂe stationĂ€re Waffe, bei der die gespannten Teile fixiert werden, bevor die Munition verschossen wird. Das hier ist eine groĂe Zwille aus Metall: Ein ĂŒber zwei Meter langes Aluminiumrohr, das in eine fĂŒnfzig Zentimeter groĂe Gabel ĂŒbergeht. Am Ende der Gabel ist eine ein Meter lange Vollgummischlinge, die in der Mitte ein NylonkĂ€ppchen hat, Ă€hnlich wie eine Sockenferse. Dort kommt die Munition rein. Im speziellen Fall ist das ein NylonsĂ€ckchen mit Stahlkugeln, an das eine lange, leichte Schnur gebunden ist.
Wir haben viele Fehlversuche, bis wir wissen, wie es funktioniert. Die Zwille muss zu zweit bedient werden. Eine Person muss sie festhalten, eine muss den Gummi spannen. Der Gummi muss mindestens einen Meter ausgezogen werden, um genĂŒgend Schusshöhe zu bekommen, was viel Kraft braucht. Die Windrichtung muss beachtet werden. Die Zwille muss so unter dem Baum positioniert sein, dass die Schnur sich nicht schon in den unteren Ăsten verfĂ€ngt. Die Schnur darf sich nicht verknoten, sondern muss schnell und leicht nachlaufen. Deshalb muss auch die Katze weggescheucht werden, die sich immer wieder auf die Schnur stĂŒrzt und mit ihr kĂ€mpft. (Hier das innere Bild einer fliegenden kleinen GlĂŒckskatze einfĂŒgen.)
Am ersten Tag schaffen wir es, die Schnur um einen der Ăste zu legen, auf dem das Totholz liegt und ein Kletterseil nachzuziehen. Von unten sieht dieser Ast so aus, als wĂŒrde er brechen, wenn wir daran ziehen. Aber durch die Höhe wirkt er dĂŒnner, als er ist. AuĂerdem ist er zĂ€h und saftig. Wir zerren und rĂŒtteln eine Stunde lang, bis wir entkrĂ€ftet sind. Der tote Ast hat sich nur etwas bewegt und liegt sogar noch fester auf. Er ist gegabelt und fixiert sich daher immer wieder in den anderen Ăsten.
Am zweiten Tag schieĂen wir die Schnur noch einmal hoch und schaffen es, sie um den toten Ast zu schlingen. Wir ziehen und rĂŒtteln daran und er bewegt sich, die Schnur ist kurz vor dem ZerreiĂen, als er aus dem Gleichgewicht kommt, mit lautem Krachen auf dem Erdboden aufschlĂ€gt und in mehrere Teile zerbricht.
Als wir sie wegschaffen, können wir das Gewicht der BruchstĂŒcke auf knapp hundert Kilo aufsummieren.
Archaische Technik, tausende von Jahren alt, die ohne groĂen Aufwand, aber mit viel Körpereinsatz, ein Problem löst.