DER BAUMKULT
Bevor die Griechen an den Bau ihrer berühmten Tempelanlagen gingen, besaßen sie ausgedehnte und umfriedete Wälder, welche den Göttern geweiht waren. ,,Natürlich gewachsene oder künstlich angepflanzte Haine von Bäumen, wie die Gegend sie hervorbrachte, verliehen dem heiligen Temenos besonderen Wert und umgaben es mit dem geheimnisvollen Zauber" göttlicher Kraft, schreibt Ludwig Weniger und verweist auf das Waldheiligtum von Dodona. Das Orakelheiligtum von Dodona gilt als das älteste Orakel Griechenlands. Ein riesiger Hain aus mächtigen Eichen bildete das Zentrum des Heiligtums. Die größte Verehrung wurde einer prachtvollen, alten Eiche zuteil, die durch eine besondere Umhegung (Hag) aus ihrer Umgebung hervorgehoben wurde. In den Wipfeln dieser Eiche nisteten wilde Tauben, eine klare Quelle sprudelte zu ihren Füßen. Herodot berichtet, daß drei Frauen (Promeneia, Timarete, Nikandra) dort ihren priesterlichen Dienst versahen. Den drei Frauen sprach man Seherkraft, Weisheit und rituelle Kraft zu. Der Hain von Dodona war URsprünglich der Erdgöttin Gaea geweiht, erst später, wahrscheinlich im Zuge einer aggressiveren Patriarchalisierung, erweiterte sich seine Funktion auf den Göttervater Zeus.
Der nordische Mythos von der Weltenesche Yggdrasil scheint die indoeuropäischen Erscheinungsformen des Baum- und Hainkultes in einem Bild zusammenzufassen. Die gewaltige Esche steht im Mittelpunkt der Welt, ihre drei Wurzeln reichen tief in den Boden bzw. in die Reiche der Asen, der Reifriesen und von Hel. Die Äste von Yggdrasil verlieren sich in den Weiten des Himmels, in der Krone des Baumes sitzt ein Adler, an den Wurzeln nagen Schlangen. Mehrere Quellen entspringen am Fuße des Baumes. Drei Nornen (Urd, Werdandi, Skuld) sitzen an diesen Quellen, weben das Schicksal der Dinge und schöpfen eine helle glänzende Flüssigkeit aus der Quelle der Urd, mit der sie die Esche immerfort übergießen und dadurch die ununterbrochene Lebenskraft des Baumes erhalten. Vieles spricht dafür, daß es sich bei dieser Flüssigkeit um Met, das göttliche Rauschgetränk handelt.
Mythologische Analogien zu Yggdrasil finden wir vor allem in den heidnischen Religionen Vorder- und Zentralasiens. Die Perser nennen den Weltenbaum Baum des Adlers, der Haomabaum entsprießt der Quelle Ardwi Sura, eine Vasenmalerei zeigt, wie aus den Wurzeln des Hesperidenbaumes Quellwasser sprudelt, Drachen nagen an den Wurzeln des kosmischen Baumes in den Mythen der Sibirier. Nach Plato (Der Staat, 10. Buch) sitzt die Göttin Ananka neben der Weltachse, die er die Spindel der Notwendigkeit nennt und überwacht deren Drehung.
Der Weltenbaum ist somit nicht nur Baum der Ewigkeit, sondern vor allem Schicksals- und Lebensbaum. Man hat lange über die Parallelen der heidnischen und christlichen Mythe diskutiert und die eine aus der jeweils anderen ableiten wollen. Wenn wir uns die offensichtliche Übereinstimmung z.B. des Baumheiligtums in Uppsala mit der Weltesche Yggdrasil vergegenwärtigen, so wird der heidnische Charakter der Mythe klar. De Vries erläutert dies: ,,Man könnte sich nun denken, das Yggdrasil das himmlische Abbild ist von dem Baum, der bei dem heidnischen Tempel gestanden haben soll und dabei daran erinnern, daß sogar jedes Bauerngehöft seinen Schutzbaum hatte. Aber es läßt sich auch umgekehrt denken, daß die Bäume beim Tempel oder bei der Wohnung URsprünglich eine in menschliche Nähe gerückte Reproduktion des Weltenbaumes gewesen sind."
Doch kehren wir noch einmal in den Mythos zurück. Urd ist die Norne der Vergangenheit, und wenn aus ihrem Brunnen (Urdarbrunnr) Yggdrasil mit der lebens- und wachstumsfördernden Flüssigkeit benetzt wird, so können wir daraus die Symbolik des kosmischen Kreislaufs erahnen. Aus dem Brunnen der Vergangenheit erhält sich die Fruchtbarkeit der Gegenwart und die Keimkraft der Zukunft. Der Lebenslauf des Laubbaumes steht in gewisser Parallelität zum Jahreslauf der Sonne. Die erwärmende Kraft der Frühlingssonne wird auch heute noch symbolisch im frischen Blattwerk und in klebrigen Knospen ins Bild gesetzt. Damit erweitert sich der Weltenbaum in einen Lebensbaum, der in direktem Bezug zum Sonnenkult gesehen werden muß.














