Treffen mit der Organisation “ARMHC”
Am 10.09.2018 war ein Treffen mit der Organisation “Associació per a la recuperació de la memòria històrica de Catalunya” (ARMHC) geplant. Der Treffpunkt war die Institution Memorial Democràtic, dort wurden wir auch von den zuständigen Personen, Manel Perona, Pere Puig und Nuria Gallach freundlich empfangen. Diese hatten für uns einen sehr interessanten Vortrag vorbereitet, in dem sie ihre Organisation sehr ausführlich vorstellten. Dazu gehörten Informationen über die Arbeit, die Ziele, die Probleme beziehungsweise die Herausforderungen und die bisherigen Erfolge der Organisation. Am Ende der Präsentation wurde auch über die Finanzierung der Gruppe berichtet. Hauptredner war Herr Perona, der den Vortrag auf Spanisch hielt. Übersetzt wurde der Vortrag jedoch ins Englische von Herrn Puig, der dann auch einen sehr interessanten Vortrag über die menschliche DNA hielt. Mehr dazu gibt es weiter unten zu lesen.
Zunächst jedoch möchten wir aber erstmal über die allgemeinen Informationen, die uns gleich am Anfang des Vortrages ermittelt wurden, berichten. Was steckt hinter der Organisation, wie arbeitet sie und wie ist sie denn überhaupt entstanden? Die ARMHC ist eine eingetragene, gemeinnützige Nichtregierungsorganisation, deren Ziel die Suche nach verschwundenen Opfern der franquistischen Repression ist. D.h. nach den sterblichen Überreste der Personen, die von Falangisten ermordet und anonym beseitigt oder begraben worden sind. Sie führten jahrelang die Exhumierungen und Identifizierungen von den Verschwundenen durch. Inzwischen übernimmt die katalanische Regierung die Aufgabe der Exhumierungen und Identifizierungen in Katalonien, was in Spanien einmalig ist. Weiterhin sammelt die Organisation mündliche und schriftliche Zeugnisse bezüglich der Opfer der Franco-Diktatur (1939-1975). Herr Perona erklärte uns, dass die Arbeit der Organisation erst im Jahr 2007 so richtig anfing, als das 30-jährige Schweigen des Landes – was das Thema „Opfer der Franco-Diktatur“ angeht – durch die Einführung des „Ley de la Memoria Histórica“ (auf Deutsch: das historische Gedächtnisgesetz) gebrochen wurde. Dieses Gesetz enthält mehrere Artikel, um das vergangene Unrecht zu korrigieren und die letzten Spuren des Franquismus in der Nation zu beseitigen. Laut Regierung war es das Ziel die Würde der Opfer und die Erinnerung an die Menschen wiederherzustellen, die im Gefängnis waren, unter Repression gelitten haben oder getötet wurden. Ein Teil dieses Planes war, dass Familien die sterblichen Überreste ihrer Angehörigen ausfindig machen konnten, die sich in den hunderten von Massengräbern befinden, die im ganzen Land verstreut sind. Es handelt sich dabei ausschließlich um die vielen Tausende von Francos Opfern, die in Straßengräben, Feldern oder einfach von Klippen geworfen worden sind. Viele Familien dieser Opfer haben es vorgezogen, die schrecklichen Ereignisse der Vergangenheit zu vergessen, während andere sich geduldig für würdevolle Bestattungen eingesetzt haben. Es gibt bis heute keine endgültige Bestätigung über die genaue Zahl der Verschwundenen, diese wird aber jedoch ungefähr 140.000 geschätzt.
Neueste forensische Verfahren
Um die Arbeitsweise der Organisation und was für eine große Bedeutung, die menschliche DNA für ihre Arbeit hat, besser verstehen zu können, hatte Herr Puig – der ein Biologe und Wissenschaftler der Universität Barcelona ist – einen sehr interessanten Vortrag für uns vorbereitet. Darin hat er uns erklärt, wie die gefundenen sterblichen Überreste exhumiert, identifiziert und den zugehörigen Familienmitgliedern zugeordnet werden. Die Arbeitsschritte sind wie folgt: sobald die ARMHC von Angehörigen darauf aufmerksam gemacht wird, dass sie ein vermisstes Familienmitglied haben, unternimmt die Vereinigung eine Recherche in verschiedenen Archiven der militärischen, kommunalen und öffentlichen Verwaltung. Alle Informationen, die dem Verein zur Verfügung gestellt sind, werden gründlich klassifiziert, digitalisiert und aus verschiedenen Datenbanken gesammelt. Historiker, Forscher und Verwandte, die die schreckliche Unterdrückung dieser Personen seit Jahrzehnten miterlebt haben, konsultieren diese Archive. Durch die Zeugenaussagen und Informationen aus öffentlichen Aufzeichnungen wird es möglich einen wahrscheinlichen Ort des anonymen Massengrabes zu bestimmen. Der nächste Schritt ist eine archäologische Ausgrabung. Sobald die ersten Skelettreste entdeckt werden, kann damit begonnen werden die Form und Größe des Grabes zu definieren. Alle Beweise, einschließlich der Position der Skelette und aller Objekte in der Nähe, müssen sorgfältig gesammelt und dokumentiert werden. Die Hauptschwierigkeit besteht jedoch darin, die Überreste für die Identifizierung zu unterscheiden, da diese vermischt sind. Dies erfordert eine sorgfältige archäologische Methodik. Anhand von Frakturen kann die Todesursache festgestellt werden. Die Überreste werden extrahiert und getrennt und in eine Kiste gelegt. Die Kiste wird mit Informationen markiert, die das Grab und das Individuum identifizieren und dann weiter zur Überführung in das Labor zur forensischen Analyse und Identifizierung geschickt. Die forensischen Anthropologen, arbeiten freiwillig in dem Labor, um die Opfer zu identifizieren, da sie zu der Wiederherstellung des historischen Gedächtnisses beitragen möchten. Falls erforderlich, ordnet der Verband DNA-Tests an, um die Opfer zu identifizieren. Dies erfordert, dass ein Fragment des Femurs und zwei Molaren entfernt und zusammen mit dem Speichel eines lebenden Verwandten in ein privates Labor zur genetischen Analyse geschickt werden. Da diese Laboratorien ihre Arbeit in Rechnung stellen, übernimmt der Verband die Kosten für diese Tests.
Herr Puig (rechts im Bild) hat versucht die Präsentation über die menschliche DNA in Bezug auf die Verschwundenen auf eine ausführliche und sehr spannende Art und Weise zu halten, was ihm auch gelungen ist. Alle Teilnehmenden haben sehr aufmerksam zugehört und schienen sehr an dem Thema interessiert zu sein. Sogar am Ende der Veranstaltung wurde darüber noch diskutiert und Fragen dazu gestellt. Im Großen und Ganzen, könnte die Präsentation auch als das Highlight der Veranstaltung betrachtet werden.
Mehr als nur Archäologie
Der Rest des Vortrages ging dann weiter, in dem uns Herr Perona über die Wichtigkeit des Vereins informierte. Es ergaben sich drei wesentliche Punkte: Der erste Punkt war, sich an die Vergangenheit zu erinnern. Seit Jahren arbeitet die Organisation daran, die Würde der Opfer des Regimes wiederherzustellen und Gerechtigkeit für diejenigen zu fordern, die in Spanien bisher keine Stimme hatten. Ein weiterer Punkt war die Bekämpfung eines Klimas der Angst und Gleichgültigkeit. Durch das langsame Verschwinden der Zeitzeugen wurde die Suche nach den anonymen Massengräbern besonders schwierig, aber Dank der Bürger_innen, Forschungsarchive und Informationen, die von Verwandten und der ARMHC eingeholt wurden, ist es jetzt immer noch möglich die anonymen Gräber ausfindig zu machen und die Überreste mehr als siebzig Jahre nach den Exekutionen zu bergen. Die Existenz der Massengräber wurde vom Franco-Regime benutzt, um auf dem Land Angst zu verbreiten. Es ist eine Angst, die zum Teil noch bis heute anhält. Familienmitglieder wurde es verboten die sterblichen Überreste ihrer Verwandten zu bergen. Es ist dadurch eine Art Gleichgültigkeit entstanden, die auch die Einstellung der Gesellschaft gegenüber der Lokalisierung und Exhumierung von Massengräbern prägt. Der letzte Punkt waren die Ergebnisse, die die Organisation bisher erreicht hat. Darunter zählen die Aktivitäten, die in den Bereichen der historischen Forschung, Suche, Exhumierung und Identifizierung gemacht wurden, die dann schließlich die Rückgabe der sterblichen Überreste der Opfer an ihre Familien ermöglicht hat.
Finanzielle Unterstützung
Herr Perona erklärte uns auf die Nachfrage hin, wie die Organisation finanziert würde, dass ein Leitprinzip des Vereins ist, dass von Verwandten nicht erwartet werden sollte, dass sie die Kosten für das Auffinden, die Exhumierung oder Identifizierung der Überreste ihrer Angehörigen übernehmen. Obwohl die Vereinten Nationen die Exhumierungen als Aufgabe und Verantwortung des spanischen Staates erklärt haben, hat die Organisation jahrelang keine staatlichen Mittel erhalten. Mitgliedsbeiträge halfen, einige der laufenden Kosten der Aktivitäten zu decken. In Katalonien übernimmt aber inzwischen die Regionalregierung alle Kosten, die bei der Öffnung eines Massengrabes anfallen.
Forderungen an die Regierung
Auf die Frage, welche Forderungen die Organisation an die spanische Regierung gestellt hat, wurden u.a. folgende Punkte genannt:
Gewährleistung der Einhaltung nationaler und internationaler Rechtsrahmen für die Suche nach Verschwundenen, sowohl aus der Zeit des Bürgerkrieges als auch aus der Nachkriegszeit, um offiziell Untersuchungen, Exhumierungen und Identifizierungen von internationalen Archäologen, Anthropologen und forensische Spezialisten entwickelten Protokollen zu fördern.
Entwicklung einer Gruppe von Studien zur historischen Erinnerung an den Bürgerkrieg und die Diktatur durch das Medien- und Bildungssystem, von der Diktatur zur Demokratie.
Verabschiedung eines dringenden Dekrets, um alle Symbole des Franco-Regimes, einschließlich Monumenten, Gedenktafeln und offiziellen Logos, Straßennamen, so schnell wie möglich zu entfernen.
Digitalisierung von Militärarchive, um sie über das Internet für das Volk verfügbar und zugänglich zu machen. Es ist ein Grundrecht der Bürger, Zugang zu offiziellen Dokumenten zu bekommen, die notwendig sind, um ihre vermissten Verwandten ausfindig zu machen, was durch viele Jahre der Demokratie verhindert wurde.
Die öffentliche Anerkennung der Männer und Frauen, die sich für die Verteidigung von Demokratie und Freiheit eingesetzt haben.
Zusammenfassung
Das Thema „Erinnerungskultur“ und das Treffen mit der ARMHC war für mich eine sehr beeindruckende Erfahrung. Wir haben damit nicht nur viele interessante Fakten über die Vergangenheit erfahren, sondern auch allgemeine Informationen über die menschliche DNA dazu gelernt. Durch das langsame Verschwinden der Zeitzeug_innen stirbt die Erlebnisgeneration der Opfer und Täter_innen aus. Deshalb ist es meiner Meinung nach sehr wichtig, dass von überlebenden Opfern so viele Erlebnisberichte wie möglich auf Video festgehalten werden. Da heutzutage viele junge Spanier_innen in Schulen immer noch nicht über die Wahrheit ihrer eigenen Geschichte richtig informiert werden, ist das Öffnen eines Massengrabes aus der Zeit der Franco Diktatur eine wichtige Bildungsaufgabe. Die heutige Gesellschaft wird stark durch die Popularisierung, Kommerzialisierung und Verflüssigung der Erinnerungskultur geprägt. Diese erzeugt in uns eine Art Sehnsucht nach „der Wahrheit”, „Authentizität” und unumstößlichen Fakten. In vielen anderen Ländern werden die Anerkennung derjenigen, die im Krieg gefallen sind und der Schmerz der Zurückgebliebenen von Regierungen aller Überzeugungen unterstützt. Es gibt eine kollektive Trauer und Verpflichtung zum Erinnern, gefangen in dem Satz: „Damit wir es nicht vergessen”. In Spanien ist dieses Thema trotz des 1975 begonnenen Übergangs zur Demokratie jahrzehntelang tabu gewesen. Der spanische Übergang wurde als friedlich gepriesen, aber dies ging leider auf Kosten der Erinnerung. Organisationen wie die ARMHC versuchen diese „vergessene“ Erinnerung wiederherzustellen und machen dadurch tagtäglich immer weitere Fortschritte, was auch ein weiterer kleiner Schritt zur Erfüllung einer internationalen Verpflichtung ist. Ich möchte diesen Bericht mit einem Zitat von Yevgeny Yevtushenko beenden: „When truth is replaced by silence, the silence is a lie.” („Wenn die Wahrheit durch Stille ersetzt wird, dann ist die Stille eine Lüge“).
Text: Nazanin Baba Khani
















