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Das ElsÀssische SelbstverstÀndnis - Hunaniaeth Alsås
âDas Elsass ist ein von der Natur begnadetes, prosperierendes und vielseitiges Land. Aber seine Persönlichkeit ist tief geprĂ€gt von seiner Geographie, seiner Geschichte und seiner sprachlichen und kulturellen Besonderheit.â[1]
Aus dieser Aussage ergeben sich grundlegende Fragestellungen: In wie weit kann das Elsass, eine Region Frankreichs, ein tief geprĂ€gtes SelbstverstĂ€ndnis bestĂ€tigen, dessen Kultur ein Konglomerat der französischen und deutschen Welt ist? Ist es ĂŒberhaupt möglich, Franzose und Deutscher zugleich zu sein? In dieser Arbeit wird die elsĂ€ssische IdentitĂ€t in den Mittelpunkt gestellt und es soll gezeigt werden, dass das Elsass seine Besonderheit der geographischen Lage, der wechselvollen Geschichte und der sprachlichen IndividualitĂ€t verdankt.
In dieser Hinsicht soll die gegenwartige Situation des Elsass angesichts der EuropĂ€ischen Gemeinschaft und der deutschâfranzösischen Zusammenarbeit seit dem Jahr 1963 geschildert werden. Zum Schluss wird sich die Frage stellen, ob das Elsass noch eine sprachliche und kulturelle Zukunft hat und ob es im heutigen Europa seine Ausnahmestellung weiterhin bewahren können wird.
Der elsÀssische Sonderfall
Geographische Lage - Das Land zwischen Rhein und Vogesen
 Mit einer FlĂ€che von 8280 km2 und einer Bevölkerung von 1 735 145 Einwohnern[2] ist das Elsass die kleinste Region Frankreichs. Es grenzt im Norden und Osten an Deutschland, im SĂŒden an die Schweiz und im Westen an Lothringen an. Trotzdem beruht die Eigenart des Elsass in erster Linie auf seiner geographische Geschlossenheit. Es wird im Osten vom Rhein und im Westen von den Vogesen eingesĂ€umt und erstreckt sich im Norden von der Lauter bis zu Burgundischen Pforte im SĂŒden. AuĂerdem ist das Rheintal ein Durchgangsgebiet; es bildet einen natĂŒrlichen Korridor zwischen Nord- und SĂŒdeuropa und ist damit auch ein Schnittpunkt des Ost-Westverkehrs Europas. Der Regionalrat in StraĂburg, dessen Name âdie an der liegende StraĂe, befestigte Stadtâ[3] bedeutet, ist daher auch ein angemessender Sitz fĂŒr das europĂ€ische Parlament. Ungeachtet dessen zieht das Elsass nĂ€mlich seine Einzigartigkeit nicht nur aus seiner geographischen Besonderheit, sondern auch aus seiner bewegten Geschichte.
 Zur wechselvollen Geschichte der Alemannen
Normalerweise enthĂ€lt ein Volk seine geschichtliche IdentitĂ€t aus politischen Rahmenereignissen, was aber das Elsass anbelangt, ist dies gar nicht der Fall. Der Name âElsassâ wird auf das 7. Jahrhundert zurĂŒckgefĂŒhrt. Das elsĂ€ssische Gebiet wurde ab dem 4. Jahrhundert urprĂŒnglich von den âaus dem Norden eingewanderten germanischen Völkernâ[4] â den Alemannen - den Vorfahren der ElsĂ€sser - besetzt. Der alemannische Ansiedlungsraum erstreckte sich vom Elsass ĂŒber die heutige Schweiz, Bayern, Baden-WĂŒrttemberg und Italien. Ein Jahrhundert spĂ€ter lieĂen sich die Franken im Gebiet westlich der Vogesen nieder. AuĂer einer kurzer politischen UnabhĂ€ngigkeit durch die Schaffung eines Herzogtums Elsass im 7. Jahrhundert, hat das Elsass nie allein als politischer Staat gestanden. Ab 870 wurde es dem Heiligen Römischen Reich angegliedert. Nach mehreren Jahrhunderten unter deutscher Herrschaft, in dem der Zugang zum Rhein stĂ€ndig ein Streitthema zwischen Deutschland und Frankreich darstellte, wurde das Elsass im 17. Jahrhundert durch den westfĂ€lischen Friedensvertrag 1648 vom französischen König, Ludwig XIV, annekiert. Ab diesem Zeitpunkt wurde das Elsass zu einem Auflöser fĂŒr Auseinandersetzungen zwischen der französischen und der deutschen Welt, so dass die Zugehörigkeit des Elsass fĂŒnf Mal wechselte. 1870 wurde das Elsass aus dem französischen Staat herausgelöst und in das preuĂische Deutschland eingegliedert, wurde nach dem ersten Weltkrieg im Jahre 1918 aber wieder an Frankreich angeschlossen. Nachdem die Deutschen das Elsass wĂ€hrend des Zweiten Weltkrieges eingenommen hatten, wurde das Elsass nach dem Krieg 1945 ein letztes Mal zu Frankreich gegeben.
Scheinbar können die ElsÀsser also ihre IdentitÀt nicht aus einer historischen, politischen Einheit ziehen, vielmehr erlangen sie ihre IdentitÀt dadurch, dass sie an der Geschichte beider LÀnder (nÀmlich Deutschland und Frankreich) teilgenommen haben und zu beiden LÀndern gehörten. In diesem Zusammenhang unterscheidet sich nicht nur die Geschichte der ElsÀsser von der deutschen und der französischen Geschichte sondern auch das VerhÀltnis der ElsÀsser zu ihrer eigenen Geschichte.
Die alemannische Sprachvariante
In Hinblick auf diese wechelhafte Geschichte ist es kaum verwunderlich, dass die Vergangenheit des Elsass auch Spuren an ihrer sprachlichen IdentitĂ€t hinterlassen hat - das spezielle ElsĂ€ssische. Der elsĂ€ssische Dialekt ist aber keine moderne Entwicklung, sondern kann bis auf die alemannischen und frĂ€nkischen Mundarten zurĂŒckgefĂŒhrt werden. Der alemannische Sprachraum hat sich, im Vergleich zu den nationalen Grenzen des Elsass, kaum seit dem hohen Mittelalter verĂ€ndert. Heute werden die Varianten der alemannischen und frĂ€nkischen Dialektes auch in Baden, in der deutschen Schweiz, in Liechtenstein und im Vorarlberg in Ćsterreich gesprochen. Im 16. Jahrhundert wurde die Hochsprache unter dem EinflĂŒssen der Zentralverwaltung und der BibelƱbersetzung von Martin Luther zur gemeinsamen Sprache des deutschen Sprachraums, die das ElsĂ€ssische ebenso stark beeinflusst hat. Bis dahin entwickelte sich das ElsĂ€ssische wie die anderen deutschprachigen Dialekte. Auch bei der Annektierung Frankreichs wurde das ElsĂ€ssische fest in der deutschsprachigen Welt verankert, damit die Mehrheit der Menschen beim ElsĂ€sserditsch geblieben ist.[5]
Ausgehend von der Zweisprachigkeit des Elsass bezieht sich Schickele auf die besondere Persönlichkeit der ElsĂ€sser und hat immer auf âdie BlƱte zweier Traditionenâ hingewiesen. Zum einen ensteht den Eindruck, dass das Elsass eine Doppelkultur einnimmt, da besondere kĂŒnstlerische und literarische Stile des Elsass entweder aus dem französischen oder dem deutschen Kulturerbe hervorgegangen sind. Eine andere Meinung ist jedoch â hierfĂŒr tritt vor allem Philips ein, dass das Elsass nur eine einzige Kultur besitzt. Durch das ZusammenflieĂen der deutschen und der französischen Quelle, wird eine spezifische elsĂ€ssische Quelle geschaffen, die eine zusĂ€tzliche Dimension eröffnet.
Das 16. Jahrhundert wird âdas groĂe elsĂ€ssische Jahrhundertâ gennant, weil berĂŒhmte Schriftsteller wie Geiler von Kayserberg und Jakob Wimpfeling eine groĂe Rolle im Deutschen Reich gespielt haben. So wurde der französische Urpsrung bei der Annektierung StraĂburgs im 17. Jahrhundert in das elsĂ€ssische Kulturleben eingefƱhrt. Obwohl die einflussreiche französische Kultur von Versailles in dieser Epoche in Europa schon tonangebend war, markierte die französische Herrschaft die Schaffung der elsĂ€ssischen Kultur. Ungeachtet der französischen Assimilationspolitik entwickelte das Volk spezifische elsĂ€ssische ZƱge, nĂ€mlich die Koexistenz zweier Weltkultursprachen auf einem Boden.
FĂŒr Schickele, der den Begriff von âgeistigen ElsĂ€ssertumâ als Bezeichnung der Kultur geprĂ€gt hat, soll die privilegierte Kultur des Elsass sich nach Deutschland hinöffnen. Der jĂŒngere und optimistische Schickele, der an den elsĂ€ssischen Bewegungen âJĂŒngstes Elsassâ und âStĂŒmerkreisâ teilnahm, war vor 1914 davon ĂŒberzeugt, dass diese geistige ElssĂ€ssertum einen Beitrag an der deutschen Literatur leisten könnte wie es bereits im 16. Jahrhundert geschafft hatte. Vor alllem brĂ€chte der elsĂ€ssische Einfluss eine andere Dimension in die deutsche Literatur hinein, dadurch dass er der deutschen Sprache Impulse und Anregungen aus einer französischen Sichtweise vermitteln könnte. Schickele behaupete vor 1914, dass das Elsass âvon allen deutschen Provinzen die gröĂte und nĂ€chste Zukunftâ hĂ€tte und es âDeutschland eine moderne Freiheit gebenâ[12] könnte.
Dieser Traum wurde nicht erfĂŒllt, da das Elssas ab 1914 wieder in den ewigen Kreislauf seiner Geschichte einging und im Folgenden noch einmal seine Heimat verlor. Philips zufolge stoĂen die Kultur und Sprache im Elsass wegen der Weltkriegsjahre heute auf groĂe Schwierigkeiten. In diesem Zusammenhang möchte ich zunĂ€cht dieses Problem genauer betrachten, das Philips zufolge die Einzigartigkeit der ElsĂ€sser bedroht.
 Die elsÀssische Problematik
Heimat als Problem - Der wunde Punkt zwischen Deutschland und Frankreich
Schon immer stehen Frankreich und Deutschland in einem schwierigen VerhÀltnis zueinander. Wie zuvor bemerkt wurde das Elsass aus Konflikt gezeugt. Obgleich die ElsÀsser sich entweder auf die Seite der Franzosen oder auf die der Deutschen stellen mussten, hatten sie im 20. Jahrhudert eine eigene IdentitÀt gefunden.
Die IdentitĂ€tskrise der ElsĂ€sser entstand hauptsĂ€chlich nach dem Zweiten Weltkrieg. Trotzdem wird âdie elsĂ€ssische Problematikâ auf die zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zurĂŒckgefĂŒhrt, wie Schickele die Zerrissenheit seiner Heimat nach dem Ersten Weltkrieg in seinen BĂŒcher bezeugte. Im Jahre 1918 wurde das Elsass wieder in Frankreich eingegliedert, mit dem Ziel dieses Land, das den wunden Punkt zwischen Deutschland und Frankreich darstellte, sowohl politisch als auch kulturell vollkommen durch Frankreich aufzunehmen.
Bedenkt man alle Konsequenzen dieser Entwicklung, ergeben sich folgende Fragen: In wie weit haben die ElsÀsser ihre IdentitÀt geopfert und in wie weit wurden die ElsÀsser gezwungen ihre Besonderheit aufzugeben?
Die Tragödie des Elsass nach den Weltkriegen
Viel politischer Druck wurde auf die ElsĂ€sser wĂ€hrend der Weltkriegen ausgeĂŒbt aber am Ende des Zweiten Weltkrieges setzte die ElsĂ€sser dann unter psychologischen Druck auch noch ihre IdentitĂ€t aufzuopfern. Die besondere Tragödie des Elsass ist die Tatsache, dass die ElsĂ€sser von zwei Seiten verdĂ€chtigt wurden, nĂ€mlich zum einem dadurch dass sie an der Naziregime teilnahmen und zum anderen, dass sie fĂŒr niemanden getötet wurden. In Anbetracht der Tatsache, dass sie keine Wahl hatten, ob sie am Krieg teilnehmen wollten oder nicht, lĂ€sst sich hierbei vermuten, dass sie auch kein Wahl hatten, ihre elsĂ€ssischen ZĂŒgen aufzugeben. Sie wurden geschwĂ€cht, als sie auf ihre IdentitĂ€t beharrten, da sie auch immer an ihre Mitschuld wĂ€hrend des Naziregimes erinnerte. Eigentlich mussten sich die ElsĂ€sser an dieser Wendung der Geschichte jedoch keine Schuld geben. Aber wie hĂ€tten die ElsĂ€sser ihre Persönlichkeit bejahen können, wie sie vorher getan hatten? Philips ist der Ansicht, dass die ElsĂ€sser keine Hoffnung hatten, ihre IdentitĂ€t bewahren zu können, ohne Erinnnerungen an das Naziregime hervorzurufen. Er argumentiert weiter, dass sie âvor allem Angst davor [hatten], fƱr etwas gehalten zu werden, was sie nicht waren.â[16] Die Lage war noch nie so gƱnstig gewesen, um den elsĂ€ssischen âProblemfallâ zum Schweigen bringen und das Jakobinische Gesetz einzufĂŒhren. In der Tat wurden viele ElsĂ€sser zu gröĂeren âPatriotenâ fĂŒr ihr neues französisches Vaterland als die Mehrheit der anderen Franzosen selbst.
Das ElsÀssische im VerhÀltnis zum Französischen als Sprachnorm
Man darf daher voraussetzen, dass der RĂŒckgang des elsĂ€ssischen Dialekts auf die beiden Weltkriege zurĂŒckzufĂŒhren ist. Trotzdem muss es noch einen weiteren Grund geben, da der RĂŒckgang nicht im Jahr 1945 begann, sondern schon im 17. Jahrhundert nach der französischen Revolution anfing. FĂŒr die französische Staatsgemeinschaft von fĂŒnzig Millionen Menschen nach der Revolution war die Identifitzierung mit Sprache und Nation nötig, um eine sprachliche und damit eine emotionale Einheit zu erzielen. So wurde das Französische ein wesentliches Element der französischen Einheit und daher die einzige rechtmĂ€ÎČige Sprache der Republik. Von einem französischen Standpunkt wird das ElsĂ€ssische als negativer Einfluss auf die Französische, was der Grund fĂŒr die NiederdrĂŒckung aller regionalen IdentitĂ€ten in Frankreich war. Das Ende des Zweiten Weltkrieges beschleunigte nur den Verfall des Dialekts, da die ElsĂ€sser nicht in der Lage waren, sich an ihre elsĂ€ssische oder ihre deutsche IdentitĂ€t zu klammern und damit der französischen Regierung ermöglichten direkt in der Sprachpolitk des Elsass einzugreifen.
Das Eingreifen des Staates hatte die gröÎČte Wirkung auf die Schule. Das Jahr 1945 markiert das erstes Mal, dass die deutsche Sprache aus den elsĂ€ssischen Schulen verbannt wurde und alle die ElsĂ€ssisch sprachen betraft wurden. Weitere Wandlungen wurden in der Presse, den Medien und in der Verwaltung durchgefĂŒhrt um die Vorherrschaft des Französischen zu betonen. GröĂte MƱhe gab man sich, damit die Stellung des Französisches im Elsass erhöht wĂŒrde. Eine bekannte Werbung, die Ungerer damals skizzierte, hatte den Slogan âcâest chic de parler françaisâ ist damit ein gutes Beispiel des psychologischen Einflusses der Assimilationspolitik auf die ElsĂ€sser.[17] Nur auf religiöser Ebene wurde das Deutsche besser erhalten, da das Elsass sehr religiös war, obwohl auch hier die deutsche Sprache nach und nach durch den Französisch ersetzt.
Eine Sprache ohne Nutzen
Es steht nicht zur Debatte, dass ein Volk dem es verboten ist, seine eigene Sprache zu sprechen, dessen Sprache als minderwertig bertracht wird, sich dieses Volk so schnell wie möglich eine neue, stĂ€rkere IdentitĂ€t zu finden. Der âMinderwertigkeitskomplexâ, den die ElsĂ€sser folglich in der Nachkriegszeit besaĂen war ein Grund dafĂŒr, dass die Eltern die elsĂ€ssische Sprache nicht mehr an ihre Kinder weitergaben. Die jĂŒngere Generation nach dem Krieg werden manchmal als sprachenlose Generation bezeichnet, da sie das Französische nicht richtig beherrschten und das Hochdeutsch nicht richtig schreiben konnten und der minderwertige Dialekt auch nicht gefördert wurde.[18] Auf der Grundlage dieser These, behaupte ich, dass die ElsĂ€sser von ihrer Vergangenheit entwurzelt wurden.
Die sich ihrer Herkunft bewussten ElsĂ€sser wurden daher sowohl von den Deutschen als von den Franzosen unterdrĂŒckt. Im Buch von Emile Baas âLa Situation de lâAlsaceâ behauptet der Autor, dass das Elsass âin der Lage einer Kolonieâ[19] ist. VordergrĂŒndlich hat die Nachkriegsjahre eine freiwillige Integration in die französische Welt hervorgerufen, betrachtet man jedoch die andere Seite der Medaille, so haben die Mehrheit der ElsĂ€sser einen Teil ihrer IdentitĂ€t verloren, weil sie nicht nur ihre besondere Sprache aufopfern mussten, sondern auch ihre Gedanken, ihre Bestrebungen und ihre tiefe GefĂŒhle. Der Begriff âElsaĂâ beschrĂ€nkte sich seit dem auf die geographische Bedeutung der Departements Bas-Rhin und Haut-Rhin und die ElsĂ€sser wurden eher nur Bas-Rhinois (âUnterrheinerâ) und Haut-Rhinois (âHautrrheinerâ) und nicht Alsaciens.[20]
Allerdings Ànderte sich der Kreislauf der Geschichte im letzten Teil des 20. Jahrhundert und den ElsÀssern eröffnete sich eine neue Wende ihres Schicksals.
 Das elsÀssische Schicksal
Das heutige Elsass - EuropÀische oder eigenstÀndige Region?
âDas Elsass ist fƱr mich keine provinzielle Angelegenheit, sondern der PrƱfstein fƱr die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich, die meiner Ansicht nach â besonders kulturell â das Schicksal Europas bestimmen.â[21]
Diese vorausschauende Aussage von Schickele ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass der elsÀssische Autor weder die Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland noch den Aufbau eines gemeinsamen Europa erlebt hat, die dem Elsass ein neues Selbstbewusstsein schenkten.
Die elsĂ€ssische Geschichte kann als eine Art Labor fĂŒr Europa angesehen werden, da es jetzt sein Ziel als eine harmonische europĂ€ische Region erreicht hat. Dabei ergeben sich trotzdem aus meiner Sicht immer noch folgende Probleme: In wie weit steht ein gemeinsames Europa im Widerspruch zum elsĂ€ssischen Partikularismus? Gehören sie nicht vor allem zur elsĂ€ssischen Heimat und nicht zu Europa?
Es scheint deshalb angebracht, sich auf das Heimat-Empfinden von Schickele zu beziehen, das hĂ€ufig als eine provinzielle und verengte Konzeption missverstanden wurde. In der Tat ist dieses deutsch-französische Heimatbild im kleineren Rahmen das âAbbildâ eines gemeinsames Europas, das nicht an geographische oder sprachliche Grenze gebunden ist. Dabei geht es um eine multinationale Heimat, die nicht mit einer nationaler IdentitĂ€t zu vergleichen ist, sondern Freiheit, Gemeinschaft und Gleichheit aller europĂ€ischen Völker zu bestĂ€rken versucht.[25] Dies ist genau das Ziel des heutigen Europas und mit seiner sechzigjĂ€hrigen friedlichen Einheit wird die Organisation stĂ€rker und nimmt immer mehr an Ansehen zu.
Wie bereits erwĂ€hnt vertrat die elsĂ€ssische Bevölkerung jeweils nicht die europĂ€ische Heimat-Konzeption von Schickele. In wie weit halten die ElsĂ€sser sich fĂŒr EuropĂ€er? Beim Referendum 1992 haben 65% der ElsĂ€sser fĂŒr den Maastricht Vertrag gestimmt, (mit einer Mehrheit von 72% in StraĂburg), wĂ€hrend die Franzosen nur zu 51% insgesamt zugestimmt haben. DarĂŒberhinaus wird das Elsass nicht nur als ein kulturell fĂŒhrender Raum Europas bezeichnet, sondern schĂ€tzt seine Partnerschaft am Oberrhein, in dem 90% der ElsĂ€sser von den 100 000 Berufspendler am Oberrhein, in Deutschland oder in der Schweiz arbeiten.[26]Â
Auf der einen Seite befindet Frankreich sich in einer IdentitĂ€tskrise, dessen republikanische Ideologie im Widerspruch zu einem vereinten Europa steht. An der anderen Seite deckt die Werbeslogan Europas âIdentitĂ€t in Vielfaltâ mit der vielschichtigen IdentitĂ€t des Elsass. Angesichts dessen, was die Forschung zu dieser Frage bereit gestellt hat, liegt die Vermutung nahe, dass die ElsĂ€sser hierbei als ursprĂŒngliche EuropĂ€er bezeichnet werden können.
Die EuropĂ€ische Union wird trotzdem kritisiert, da eine multikulturelle Gesellschaft von unterschiedlichen persönlichen und politischen Interesse nicht immer erfolgreich ist. GleichermaĂen ist es fraglich ob das friedliche Zusammenleben zweier verschiedener Kulturen heute im Elsass möglich ist. Auch bei der ưbersetzung des Wortes âHeimatâ werden wir in Schwierigkeiten kommen. âHeimatâ, ein Wort das es im Französischen wie in anderen Sprachen einfach nicht gibt, verliert, wenn es ĂŒbersetzt wird, schnell Nuancen seiner sehr umfassenden Bedeutung.
 Zunkunftsaussichten - die Bewahrung der kulturellen Besonderheit
 Wenngleich ein neuer europĂ€ischer Geist im Elsass seit einigen Jahren belebt wird, ist die sprachliche und kulturelle Besonderheit des Elsass heute immer noch dringend zu fördern. Das Elsass steht heute noch im Widerspruch zweier Verwaltungswelten â die der EuropĂ€ischen Gemeinschaft und die des französischen Staates - die letztere, die immer noch zentrale MaĂnahmen durch die Regierung in Paris ergreift.
Die europĂ€ische Charta der Regional - oder Minderheitensprachen des Jahres 1992, die von allen europĂ€ischen LĂ€nder ratifiziert wurde, wurde trotzdem von Frankreich abgelehnt. Das Deutsche und daher das ElsĂ€ssische haben keinen offiziellen Status. Frankreich beeinflusst nachhaltig das elsĂ€ssische Kulturschaffen und das ElsĂ€ssische ist also auf die PrivatsphĂ€re reduziert. Anhand von Untersuchung wurde nachgewiesen, dass die Mehrheit nur eine âbegrenzteâ Zweisprachigkeit besitzt.[27] Wenn auch 61% sich als ElsĂ€ssisch sprechend bezeichnen, ist die Weitergabe der Regionalsprache durch das Elternhaus heute bei nur noch 15%.[28] Diese Untersuchung zeigt ebenfalls dass die Zahl der Dialektsprecher in der groĂen Mehrheit alt sind. Experten warnten vor dĂŒsteren Zukunftsprognosen und schĂ€tzen voraus, dass die Bevölkerung des Elsass in 30 Jahren einsprachig geworden sein wird.[29]
Scheinbar mag das elsÀssische SelbstverstÀndnis in dieser Zeit der heutigen Globalisierung und des Terrorismus utopisch klingen.
Im Vergleich zu allen anderen Minderheiten in Frankreich kann das elsĂ€ssische SelbstverstĂ€ndnis heute als eine Art von neuem Humanismus angesehen werden. WĂ€hrend die Minderheiten der Welt versuchen ihre Gebiete zu bestimmen, damit sie ihre IdentitĂ€t nicht verlieren, bestimmen die ElsĂ€sser ihre IdentitĂ€t durch ein grenzenloses Zusammenleben. Das Elsass ist daher nicht nur ein positives Beispiel fĂŒr die Bevölkerung Frankreichs, Deutschlands und Europas, sondern fĂŒr die ganze Weltbevölkerung. Was der deutsche Romantiker Friedrich Schlegel bereits im Jahr 1803 ĂŒber das Elsass sagte, sei hier zitiert: âHier an den Ufern des Rheins ist der Ort, von dem aus das Schicksal einer ganzen Welt zu hohen Zielen hin gestaltet und gefĂŒhrt werden könnte...â[33]
 Germin, Tanja.: Das Aussterben des ElsĂ€ssisch â die Entwicklung des Dialektes im bilingualen Elsass. UniversitĂ€t Trier: Grin, 2001.
 Görner, RĂŒdiger.: Heimat im Wort. Die Problematik eines Begriffs im 19. und 20. Jahrhundert, MĂŒnchen : Iudicium, 1992.
 GrĂŒder, Karlfried.: Reflexion der KontinuitĂ€ten. Zum Geschichtsdenken der letzten Jahrzehnte, Göttingen: Vandenhoeck & Rupercht, 1982.
 Kircher, Walter-Siegfried.: ElsaĂ â EuropĂ€ische Region in Geschichte und Gegenwart, Stuttgart: Landeszentrale fĂŒr politische Bildung Baden-WĂŒrttemberg, 1996.
 Philips, EugĂšne.: Schicksal ElsaĂ: Krise einer Kultur und einer Sprache, Karlsruhe: MĂŒller, 1980.
 Ungerer, Tomi.: Die Gedanken sind Frei. Meine Kindheit im Elsass, ZĂŒrich: Diogenes, 1993.
 [2] http://de.olsace.org/cgi/index.php?wpage=chiffres
[3]Kircher, Walter-Siegfried.: ElsaĂ â EuropĂ€ische Region in Geschichte und Gegenwart, Stuttgart: Landeszentrale fĂŒr politische Bildung Baden-WĂŒrttemberg, 1996, S.7.
[14] Ungerer, Tomi.: Die Gedanken sind Frei. Meine Kindheit im Elsass, ZĂŒrich: Diogenes, 1993, S.17.
[15] ebda.
[16] Philips, EugĂšne.: Schicksal ElsaĂ: Krise einer Kultur und einer Sprache, Karlsruhe: MĂŒller, 1980. S.79
[17] Kircher, Walter-Siegfried.: ElsaĂ â EuropĂ€ische Region in Geschichte und Gegenwart, Stuttgart: Landeszentrale fĂŒr politische Bildung Baden-WĂŒrttemberg, 1996, S.5
[19] Philips, EugĂšne.: Schicksal ElsaĂ: Krise einer Kultur und einer Sprache, Karlsruhe: MĂŒller, 1980, S.116
[20] ebda.
[21] Kircher,Walter-Siegfried.: ElsaĂ â EuropĂ€ische Region in Geschichte und Gegenwart, Stuttgart: Landeszentrale fĂŒr politische Bildung, Baden-WĂŒrttemberg, 1996, S.15
[22] ebda. S.15
[23] ebda. S.15
[24] Kircher, Walter-Siegfried.: ElsaĂ â EuropĂ€ische Region in Geschichte und Gegenwart, Stuttgart: Landeszentrale fĂŒr politische Bildung Baden-WĂŒrttemberg, 1996. S.1
 [26] Kircher, Walter-Siegfried.: ElsaĂ â EuropĂ€ische Region in Geschichte und Gegenwart, Stuttgart: Landeszentrale fĂŒr politische Bildung Baden-WĂŒrttemberg, 1996, S.22.
 [27] Kircher, Walter-Siegfried.: ElsaĂ â EuropĂ€ische Region in Geschichte und Gegenwart, Stuttgart: Landeszentrale fĂŒr politische Bildung Baden-WĂŒrttemberg, 1996. S.5.
[29] Kircher, Walter-Siegfried.: ElsaĂ â EuropĂ€ische Region in Geschichte und Gegenwart, Stuttgart: Landeszentrale fĂŒr politische Bildung Baden-WĂŒrttemberg, 1996. S.5.
[32] Kircher, Walter-Siegfried.: ElsaĂ â EuropĂ€ische Region in Geschichte und Gegenwart, Stuttgart: Landeszentrale fĂŒr politische Bildung Baden-WĂŒrttemberg, 1996. S.3.