KrÀuterhexe Alpasaya - Chaschtebiel
Damit beginnen viele MĂ€rchen. Aber auch die ErzĂ€hlungen der Alten haben oftmals dieses âEs war einmalâ am Beginn. Vielleicht soll damit zum Ausdruck gebracht werden, dass ES eben Vergangenheit ist und möglicherweise nie wieder so geschieht. Und so erlebt jede Generation echte Geschichte, mit unerwarteten Geschehnissen, mit Wendungen und meist mit einem Ende zum Guten hin. Und wenn du heute noch jung bist und glaubst, in deinem Leben wĂŒrde nichts Aussergewöhnliches geschehen, dann lass dir sagen: Es wird Aussergewöhnliches geschehen. Du musst es nur erkennen und mit in dein Leben, in deine ganz eigene Erfahrung nehmen. Und dann kannst auch du eines nahen der fernen Tages deine ErzĂ€hlung beginnen mit : Es war einmal.
Es war einmal. Ja, auch ich beginne meine Geschichte genau so. Auch wenn ich weiss, dass meine besondere Geschichte gar nicht so lange her, wahrlich kein MĂ€rchen ist und weit in die Zukunft tragen wird. Es war einmal im Binntal, mitten im Wallis, eingebettet in den waldigen Berge des Goms. Hier habe ich schon vor vielen Jahren im zauberhaften Bergdorf Blitzingen meine neue Heimat gefunden, nachdem ich als geborener Ăsterreicher die Schweiz als meinen Wunsch- und Traumort zum Leben auserkoren hatte.
Von Berufs wegen betreibe ich als Koch und Hotelier mit meiner Frau Brigitte ein feines Hotel mit Restaurant, meine zweite Passion ist die JĂ€gerei. Bei der Pirsch auf Reh, Hirsch, Gams und Wildschwein geht es mir nicht ums Töten. Es geht mir um die besondere Verbindung zur Natur, um Wildhege, Tradition und natĂŒrlich auch darum, den GĂ€sten in meinem Restaurant in jedem Jahr zur Jagdsaison etwas Besonderes servieren zu dĂŒrfen.
Und so begebe ich mich in jedem Herbst, wenn die Tage kĂŒrzer und die NĂ€chte lĂ€nger werden, auf meinen Weg in die WĂ€lder des Binntals. Mittlerweile darf ich sagen, dass ich mich hier hervorragend auskenne. Jeden alten Baum, jede Weggabelung und jedes Haus kenne ich hier im Tal und auch im Dunkel der Nacht oder in der herbstlichen MorgendĂ€mmerung fĂŒhle ich mich hier am genau richtigen Ort.
Bis es eines Tages anders werden sollte. Es war gerade im letzten Herbst. Es sollte mein letzter Jagdausflug des Jahres werden und irgendwie wusste ich schon vor meinem Aufbruch in die Nacht, dass heute etwas Besonderes, etwas Anderes geschehen sollte. Eher unterbewusst war meine Aufmerksamkeit geschĂ€rft und ich horchte bei jedem Schritt auf das leise Knacken feiner Zweige, erkannte das leise Bellen des Rehs und spĂŒrte den Hirsch, wenn er irgendwo in der NĂ€he war. LĂ€ngst hatte ich die ausgetretenen Wege verlassen und bewegte mich sicher durch die starken StĂ€mme von BĂ€umen, die Ă€lter waren als ich selbst, schob mich vorsichtig durch das Unterholz oder kauerte mich aufmerksam lauschend hinter ein GebĂŒsch, wenn ich glaubte, der erhofften Beute nah zu sein. Was ich eigentlich wollte, war dieser grosse Hirsch, den ich schon seit ein paar Jahren beobachtete. Und manchmal hatte ich sogar das GefĂŒhl, auch er wĂŒrde mich beobachten, wohl wissend, dass sein Schicksal in meinen HĂ€nden lag. Nunmehr war die Zeit gekommen, dieser Verbindung eine besondere Tiefe zu geben, wenngleich diese Verbindung auch im Tod des Wildes liegen sollte.
Es war wohl gut nach Mitternacht. Der Mond blinzelte blass durch das letzte Laub der BĂ€ume und ab und an rief ein KĂ€uzchen aus der Finsternis. Eigentlich war alles wie immer um diese Jahreszeit und dennoch wusste ich, dass etwas anders war. Leise setzte ich meinen Weg fort, um plötzlich und völlig unvermittelt etwas wahrzunehmen, was ich so nicht einordnen konnte. In vielleicht fĂŒnfzig Metern Entfernung war Bewegung. Aber es war nicht der Hirsch. Es war auch kein Reh und kein Wildschwein. Was es wirklich war, wĂŒrde ich bald erkennen mĂŒssen.
Hexe Alpasaya
Das, was ich in der ersten Bewegung nicht erkennen konnte, verharrte urplötzlich. Aus der Erfahrung meiner vielen JagdausflĂŒge hier im Revier wusste ich, dass dieses Etws weder ein grosser Stein noch ein Baumstumpf sein konnte. Dieses Etwas hatte ich hier noch nie gesehen, weder bei Tag, noch tief in der Nacht. Und da ich auch nicht wusste, was es war, hatte ich auch keine Ahnung davon, wie es hierher gekommen sein könnte.
FĂŒr einige Minuten war ich zu keinerlei Bewegung fĂ€hig. Ich hatte sogar das GefĂŒhl, mein Atem wĂŒrde stocken. Das Einzige was blieb, war das Rufen des KĂ€uzchens und der fahle Schein eines blassen Mondes, der sich langsam hinter ein paar dunklen Wolken zu verstecken schien. Es wurde dunkler und dunkler und das, was da irgendwo vor mir war, schien sich immer mehr mit der Umgebung zu vermischen.
Nach einer gefĂŒhlten Ewigkeit fĂŒhlte ich mich in der Lage, ein leises âHalloâ ĂŒber die Lippen zu bringen. Was dann eher doch ein raues KrĂ€chzen wurde. Angestrengt starrte ich weiter in die Dunkelheit. Bis mir einfiel, dass ich mit dem Zielfernrohr an meinem Jagdgewehr auch bei Dunkelheit eine vergleichsweise gute Sicht hatte.Vorsichtig legte ich an. Mit dem ersten Blick durch das Glas huschte das Wesen zur Seite. Offenbar fĂŒhlte es sich bedroht. Und immer noch wusste ich nicht, was es war.
Mit der seitlichen Bewegung schien es weg zu sein. Alles was ich im Bruchteil dieser Sekunde erkennen konnte war so etwas wie ein blauschwarzer Umhang mit einer spitz zulaufenden Kapuze. Konnte sich hier im tiefen Wald, um diese Zeit, ein Mensch aufhalten? Und wenn ja, warum?
Noch bevor ich diesen Gedanken zu Ende denken konnte, hörte ich direkt hinter mir ein leises Knacken und spĂŒrte zugleich ein kĂŒhlen Luftzug. Das Gewehr fiel mir aus den HĂ€nden, erschrocken drehte ich mich in einer schnellen Bewegung um.
Da stand sie direkt vor mir. In der Finsternis konnte ich klar die Silhouette einer Frau erkennen, wenngleich der weite Umhang irgendwie mit der Dunkelheit zu verschwimmen schien. Ein sehr ebenmĂ€ssiges, porzellanes und recht blasses Gesicht war das, was mir zuerst auffiel. Von der Statur her schien die Frau eher schlank und zart. Besonders gross war sie wohl auch nicht. Was machte diese scheinbar junge Frau in diesem Aufzug hier mitten in der Nacht im Wald? Irgendwie hatte ich auch das GefĂŒhl, diese Person zu kennen oder zumindest schon einmal gesehen zu haben. Eine Ăhnlichkeit mit einer unserer Nachbarinnen konnte ich im ersten Augenblick nicht verleugnen. Blieb nur noch die Frage: Was jetzt?
Noch immer hatte ich einen so trockenen Mund, der sich wie raues Papier anfĂŒhlte und mir kaum das Sprechen erlaubte. Aber die ersten Worte eines folgenden Dialogs kamen auch nicht von mir. Mit einer ĂŒberraschend feinen Stimme hört eich die Frau fragen:
âNun Peter, was machst du hier mitten in der Nacht mit einem Gewehr auf der Schulter?â
âNun ja. Du musst keine Angst haben, ich bin auf der Jagd.â
âUnd was jagst du? Ist es der feine Geschmack des Besonderen, dem du schon seit Jahren hinterher bist oder ist es doch mehr die Freude am Töten und am wilden Fleisch der Natur?â
Woher wusste diese Frau, wie ich heisse? Und woher weiss sie, dass ich immer auf der Scuhe nach dem besonderen Geschmack bin? Offenbar kannte mich diese Frau besser, als ich sie.
âNein, es geht nicht um das Töten. Es geht tatsĂ€chlich um den besonderen Geschmack. Es geht um den Genuss und um Freude am Leben.â
Irgendwie hatte ich das GefĂŒhl, hier nicht die ganze Wahrheit zu sagen. Und eine Frage drĂ€ngte sich mir besonders auf:
âWer bist du und wie heisst du?â
Ein lĂ€cheln zog sich ĂŒber das blasse Gesicht der Frau. Wenngleich sie mit ihren wilden rotbraunen Locken unter der weiten Kapuze, der blassen Hautfarbe, dem eigenartigen Schimmern in den grossen Augen und der fein gezogenen Nase ĂŒber einem schönen Mund eine recht attraktive junge Frau zu sein schien, blieb bei mir dennoch dieses leichte Schaudern des Unerwarteten.
âNun ja, meinen Namen kann ich dir nennen. Man nennt mich Alpasaya. Und es sind nicht wenige Menschen, die mich nach einer ersten Begegnung eine Hexe nannten. Aber keine Angst, ich will dir nichts tun. Auch wenn das seit Jahrhunderten die Menschen glauben, bin ich keine böse Hexe.â
âAber was bis du dann?â
Alpasaya, die KrÀuterhexe vom Chaschtebiel
Hexe Alpasaya
Plötzlich wird es noch dunkler und kaum kann man noch die Hand vor Augen sehen. Nur das blasse Gesicht von Alpasaya schimmert aus der Finsternis. Dann kommt ein Wind auf, der sich sich stetig verstĂ€rkt und zum Wirbel zu werden scheint. Ich spĂŒre keine Boden mehr unter den FĂŒssen und unter mir scheint sich der Boden zu bewegen. Was passiert hier?
Noch ehe ich mir der bedrohlichen Situation wirklich bewusst werden kann, greift etwas nach meinem Arm und hĂ€lt mich mit einem klammerartigen griff fest. Nur Sekunden spĂ€ter ist die Welt um mich und Alpasaya herum eine andere. Aber ich kenne dieses Terrain. Wir mĂŒssen hier am Chaschtebiel sein. Dabei waren wir noch eben weit davon entfernt.
Eigentlich ist das Chaschtebiel eine alte Kapellenruine. Bis zu einem Erdbeben um 1837 stand hier eine kleine Kapelle direkt auf dem Berg. Gedient hat diese Kapelle meines Wissens nach als Wallfahrtsort beispielsweise fĂŒr die Zenden im Goms. Vielmehr weiss ich eigentlich nicht ĂŒber diesen Ort, der immer eine besondere Anziehungskraft vor allem fĂŒr die Einheimischen aber auch fĂŒr die Touristen im Goms hatte.
Der Baumbestand ist hier etwas lichter und auch der Mond scheint wieder hell und klar auf die eigenartige Szenerie. Was verwirrend scheint ist die Tatsache, dass jetzt hier keine brĂŒchige Ruine steht, sondern die Kapelle, so wie sie wohl um1700 erbaut worden ist. Im fahlen Mondlicht ist der helle Putz zu erkennen, das Areal ist eingezĂ€unt mit dem traditionellen Scharhag, wie er erst vor ein paar Jahren wieder um die Ruine gezogen wurde. Es ist ein mystischer Ort, dessen Geheimnis jedoch kaum gelĂŒftet scheint.
âHier ist mein Zuhauseâ, meint Alpasaya und weist mit ihrer blasshĂ€utigen Hand auf das, was eigentlich eine Ruine sein sollte. Mit sicherem Schritt geht sie auf die Kapelle zu, um kurz vor der hölzernen TĂŒr stehen zu bleiben.
âNein, hier solltest du nicht hinein gehen. Schon weil du das alles ganz anders kennst. Ich will dir keine Angst machen. Viel lieber zeige ich dir mein wahres Geheimnis.â
Mit diesen Worten greift Alpasaya wieder nach meiner Hand und zieht mich mit leichter NachdrĂŒcklichkeit seitlich an der Kapelle vorbei. Vielleicht bin ich kein besonders glĂ€ubiger Mensch, aber jetzt fĂ€llt mir nicht besseres ein, als im stillen Gedanken Gott um ein gutes Ende dieses Unterfangens zu bitten.
Wenige Meter hinter der Kapelle hÀlt Alpasaya plötzlich inne.
âHier ist es, ich kann es spĂŒren.â
âWas kannst du spĂŒren?â, frage ich verwirrt.
âIch spĂŒre, wie hier ein besonderes Kraut wĂ€chst. Genau das, was ich zur Vollendung meiner neuen KrĂ€utermischung brauche.â
Mit diesen Worten bĂŒckt sich Alpasaya nach einer eher unscheinbaren kleinen Pflanze, die sie liebevoll vom Boden trennt. Unter ihrem weiten Umhang holt sie einen grossen Flechtkorb hervor, der schon gut mit den unterschiedlichsten Pflanzen gefĂŒllt ist.
âJetzt ist es vollbracht.â
Was ist vollbracht, geht es mir durch den Kopf und eigentlich weiss ich gar nicht, was ich damit zu tun habe.
âDu fragst dich sicherlich, was du mit der ganzen Sache zu tun hast?â Alpasaya hat wohl meinen Gedankengang durchschaut.
âIch will es dir sagen. Ich bin keine Hexe, so wie es die Menschen verstehen. Eigentlich bin ich nur ein KrĂ€uterweib, dass schon seit ĂŒber dreihundert Jahren hierin den WĂ€ldern des Goms nach den besten KrĂ€utern sucht. Gefunden habe ich Vieles, aber noch nicht die perfekte Mischung fĂŒr den perfekten Geschmack. Dazu brauche ich dich.â
Jetzt weiss ich endlich, was Alpasaya von mir will. Als ambitionierter Koch bin auch ich immer auf der Suche nach dem besonderen Geschmack, nach dem Einzigartigen und eben der gewissen Perfektion. Stellt sich nur die Frage, wie ich einem einem KrÀuterweib helfen sollte, dass trotz seiner jugendlichen Ausstrahlung wohl schon seit hunderten von Jahren hier auf der Suche nach den besten KrÀutern der Alpen ist.
Der wahrlich besondere Geschmack
âJetzt komm her und zeig, was du kannst!â Fordernd aber nicht bösartig zitiert mich Alpasaya an so etwas wie einen grossen Opferstein, den hier hier noch nie gesehen habe. Sicherlich haben die Bauern aus dem Dorf nach dem grossen Erdbeben von 1837 diesen Stein hier weggeschleppt und zum Wiederaufbau ihrer HĂ€user oder StĂ€lle benutzt.
Alpasaya breitet die gesammelten KrĂ€uter aus dem Korb auf dem glatten Stein aus und sortiert sie nach Sorten. Da ist einiges dabei was ich bereits kenne, anderes erscheint mir fĂŒr den Moment völlig fremd.
Langsam beginne ich, unterschiedliche KrĂ€uter miteinander zu kombinieren. Einiges wird fein gezupft, anderes auf dem Stein fein zerrieben. Und immer wieder heisst es probieren, verwerfen, neu kombinieren und wieder probieren. Die ganze Geschmacksvielfalt der Alpennatur fĂ€llt ĂŒber mich und ich befinde mich in einem wahrlichen Rausch, der von Alpasaya mit immer wieder neuen KrĂ€utern befeuert wird. Auch Alpasaya probiert und zeigt mit unterschiedlichen GesichtszĂŒgen deutlich, was sie von den einzelnen Kombinationen hĂ€lt.
Die ganze Prozedur scheint Stunden zu dauern, wenngleich der Mond seine Position am Himmel nicht verÀndert und der Morgen immer noch weit entfernt scheint.
Dann plötzlich scheint es vollbracht. In meinem Mund entfaltet sich eine wahre Geschmacksexplosion und irgendwie wird jetzt alles klarer, weicher und aromatischer. Selbst die kalte Bergluft scheint etwas von einem besonderen Aroma zu bekommen, das ich so noch nie erlebt habe. Alpasaya spĂŒrt, das mit mir etwas passiert und kostet selbst von der letzten Mischung. Ihre GesichtszĂŒge werden noch weicher, sie schliesst die Augen und ein leiser Seufzer soll wohl bedeuten, dass wir am Zeil der schier endlosen Versuche angelangt sind.
âGenau das ist es! Das ist es, was ich seit Jahrhunderten suche und nie so gefunden habe. Was fehlt, ist noch etwas Salz und vielleicht die eine oder andere Zutat. Aber sonst ist es genau das, was die Menschen brauchen, um den wahren Genuss kennenzulernen. Lass alles so liegen, damit ich mir einprĂ€gen kann, was die perfekte Mischung ist!â
Irgendwie bin ich jetzt erleichtert. Vielleicht auch in dem Glauben, dass ich jetzt mein Werk vollbracht habe und schon bald nach Hause gehen kann. Weit ist der Weg ja nicht. Aber es sollte dann doch eben noch anders kommen.
Ein Vertrag wird geschlossen
âWenn du glaubst, du könntest jetzt einfach so gehen, dann muss ich dich leider enttĂ€uschenâ, wieder hat Alpasaya meine Gedanken durchschaut. Und wieder hat sie mir deutlich gemacht, dass es jetzt und hier keinen Weg fĂŒr mich nach Hause gibt.
âDu wirst jetzt weder dein Zuhause, noch deine Frau Brigitte dort treffen, wo du sie suchst. Wir sind nicht in deiner Zeit. Und Blitzingen ist noch lange nicht der Ort, den du kennst. Bis dahin werden noch Jahrhunderte vergehen, Kriege werden durch die Welt ziehen, Krankheiten werden die Menschen heimsuchen und Hoffnungslosigkeit wird sich breit machen. Aber am Ende wird alles gut werden. Schon weil du die besondere Mischung und damit auch den besonderen Geschmack gefunden hast.â
In mir breitet sich Verzweiflung aus. Ein erster Blick auf die scheinbar unbeschĂ€digte Kapelle und ein zweiter Blick in den Talkessel zeigt mir aber, dass Alpasaya wohl recht haben könnte. Dort, wo im Tal sonst in der Nacht das eine oder andere Licht in die Dunkelheit leuchtet, ist jetzt nichts zu sehen. Alles ist finster und nur ein paar Rauchfahnen zeigen, wo einzelne HĂŒtten stehen könnten. Ich bin wohl tatsĂ€chlich in einer lĂ€ngst vergangenen Zeit angekommen.
Eine tiefe Trauer steigt von meinem Magen her auf und nistet sich schmerzhaft n meinem Herzen ein. Nie wĂŒrde ich wohl meine geliebte Frau Brigitte wiedersehen, niemals mehr wĂŒrde ich mit den Menschen reden können, die mir lieb und teuer waren und niemals wieder wĂŒrde ich in meinem Hotel und Restaurant GĂ€ste begrĂŒssen dĂŒrfen. Mein Leben schien an einem Punkt angekommen zu sein, an dem es nur noch ein ZurĂŒck aber kein VorwĂ€rts mehr geben könnte.
âSei nicht traurig. Das Leben hier ist nicht so schlecht, wie es scheint. Die Menschen sind der Natur viel mehr zugewandt, als du es aus deinem Leben kennst. Sie sorgen fĂŒr sich selbst, sie bauen an und handeln und haben so immer das, was sie wirklich brauchen. In deiner Zeit ist doch sowieso fĂŒr alle alles gleich und kaum jemand weiss noch, was wirklich guter Geschmack ist.â
Damit hat Alpasaya vielleicht recht. Wer in meinem Leben weiss schon wirklich etwas von gutem Geschmack. Alle laufen da und das was auch andere genau dort in der gleichen Art kaufen können. Es gibt nur noch wenige besondere Dinge und es gibt auch nur noch wenige Menschen, die wissen, wie der wahre gute Geschmack funktioniert. Aber es gibt auch die Menschen, die diesen Geschmack suchen und die, die diesen guten Geschmack wieder neu fĂŒr sich entdecken. Ich will nach Hause, in meine Zeit, zu meinen Menschen. Und ich will diesen Geschmack,den ich hier mit Alpasaya in dieser aussergewöhnlichen Nacht entdeckt habe, auch in meine Zeit tragen. Aber dazu brauche ich wohl die besondere Idee.
Lange Zeit denke ich darĂŒber nach, wie ich Alpasaya davon ĂŒberzeugen könnte, mich wieder in meine Welt zurĂŒck zu lassen. Die eigentliche Idee dazu kommt von Alpasaya.
âSag Peter, kennt mich in deiner Welt noch jemand? Spricht man ĂŒber Alpasaya und ĂŒber den besonderen Geschmack, den ich in die Welt bringen kann?â
âNein, Alpasaya. Niemand kennt dich und auch ich habe deinen Namen nie gehört. Nicht einmal an der alten Kapellenruine hier am Chaschtebiel gibt es irgendeinen Hinweis dafĂŒr, dass es dich gegeben hat oder noch immer gibt. Und das, was wir hier in dieser Nacht aus deinen KrĂ€utern zusammengestellt haben, kennt auch noch keiner. Wenn es dich jemals wirklich gab, dann bist du vergessen. Tut mir leid!â
Im fahlen Gesicht von Alpasaya kann ich Verzweiflung erkennen: âAber ich bin doch nicht tot! Ich will nur nicht mit jedermann zusammentreffen, weil kaum jemand mich versteht. Du bist der erste Mensch seit Jahrhunderten, der mich sehen und mit mir sprechen durfte. Weil du besonders bist. Und ich will, dass man von mir spricht, dass man erkennt was wahrer Genuss ist und dass jeder weiss, dass ich das KrĂ€uterweib vom Chaschtebiel bin, das in dieser besonderen Nacht diese besondere KrĂ€utermischung zusammengestellt hat.â Diamantschillernde TrĂ€nen rinnen ĂŒber die Wangen von Alpasaya. Jetzt tut sie mir wirklich leid.
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