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Die deutsche EM-Heldin sagt: «Wenn man den Mund nicht aufmacht, bekommt man nichts»
Ann-Katrin Berger ist eine der besten Torhüterinnen der Welt. Doch in Deutschland wurde sie lange übersehen. Bis sie in diesem Sommer an der EM dank einer unglaublichen Parade zur Legende wurde. Härter als ihr Kampf um Anerkennung war derjenige gegen den Krebs.
«Würde ich mit Angst leben, wäre ich nicht so erfolgreich im Fussball»: Ann-Katrin Berger über ihre Krebserkrankung.
NZZ am Sonntag: Ann-Katrin Berger, als Torhüterin scheinen Sie die Ruhe in Person zu sein. Ist diese Ruhe echt oder gespielt?
Ann-Katrin Berger: Die Ausstrahlung war eine Sache, die für meinen Opa immer wichtig war. Meine Mutter achtet auch sehr auf diese Dinge, sie sieht etwa, wenn ich beim Abspielen der Nationalhymne etwas steifer dastehe. Dass in meiner Familie Wert darauf gelegt wurde, wie man auftritt, mit welcher Körperhaltung, war die beste Vorbereitung auf meinen Beruf. Solange meine Mannschaft, mein Torwarttrainer, mein Trainer und meine Familie mir den Rücken stärken, habe ich die Ruhe in mir.
Sie sehen selbst bei Elfmeterschiessen aus, als hätten Sie Spass.
Elfmeterschiessen sind das Schönste, was einem Torwart passieren kann. Der Schütze muss das Tor treffen. In ein Tor würden auf einer Linie 300 Bälle hineinpassen. Der Druck ist bei ihm. Deswegen macht es mir unheimlich Spass. Ich lese und analysiere auch sehr gerne Menschen. Und in dem Moment, wenn sie vor einem stehen, wenn nur die Schützin und ich da sind, dann kann ich das am besten.
Kann man die Fähigkeit, Personen zu lesen, mit der Zeit verfeinern?
Auf jeden Fall. Ich sehe den Schützen an, wie sie sich fühlen, wenn sie Stress haben. Dann machen sie vielleicht einen kleinen Fehler. Für ein normales Auge mag das nicht erkennbar sein.
Können Sie die Fähigkeit auch im Alltag anwenden?
Ich sehe den Leuten an, wie es ihnen geht, bevor wir darüber sprechen. Ich sehe, wenn jemand gestresst ist, ob ich der Person auf die Nerven gehen kann oder eher nicht. Kommunikation über den Körper war für mich immer wichtig. Eine meiner Schwestern ist schwerhörig, sie konnte ihre Gefühle nicht so gut mit Worten ausdrücken, sie hat das über ihren Körper gemacht, ich musste lernen, sie zu verstehen.
«Ich versuche mit meinem Stil, bei den Leuten etwas Spannung zu erzeugen, aber gleichzeitig Spass zu haben»:
Sie erwähnen Ihre Familienmitglieder oft. Wie hat Ihre Familie Sie geprägt?
Die Antwort wäre wesentlich kürzer, wenn Sie mich fragen würden, in welcher Art mich meine Familie nicht geprägt hat. Ich bin geworden, wer ich bin, weil sie mich unterstützt und manchmal auch kritisiert haben. Dadurch bin ich bodenständig geblieben. Ehrlichkeit war wichtig und Selbständigkeit. Auch wenn es sich wie ein Klischee anhört: Die unendliche Liebe meiner Familie hat mich dahin gebracht, wo ich bin.
Gibt Ihnen diese Liebe die Sicherheit, die Sie als Torhüterin auszeichnet?
Ich habe schon sehr früh gemerkt, dass ich alles Negative ausschalten kann, solange ich die Unterstützung derer habe, die ich liebe. Wenn ich ein gutes System hinter mir habe, macht mir die Aussenwelt überhaupt keine Angst.
Sie haben ein Buch über Ihr Leben geschrieben. Warum haben Sie sich dafür entschieden?
Als der Verlag meinen Manager anfragte, war ich erst einmal wenig begeistert. Ich dachte: Wer will denn meine Geschichte lesen, mein Leben ist doch ganz normal. Doch in den letzten zwei Jahren ist viel passiert. Und meine Familie hat mir verdeutlicht, dass meine Lebensgeschichte nicht so normal ist. Mein Opa hat auch einmal ein Buch geschrieben über sein Leben. Er hat mir gesagt, dass ich während des Schreibens viele Dinge besser verstehen und abhaken könne. Wie es bei Opas so ist, hatte er recht. Opas sind sehr weise.
Haben Sie das Buch mehr für sich gemacht oder mehr für das Publikum?
Anfangs dachte ich, es sei für die anderen. Aber Geschichten noch einmal zu erleben, bei denen ich in dem Moment gar nicht verstanden habe, wie gravierend sie sind, war bereichernd. Ich war nie gut darin, Gefühle auszudrücken, weil ich immer einfach nur gemacht habe. Meine Natur ist, Dinge zu tun, ohne viel darüber nachzudenken. Ich dachte beim Erzählen oft: «Krass, das habe ich damals nicht so empfunden.»
Als Torhüterin haben Sie einen eigenen Stil entwickelt. Wie würden Sie ihn beschreiben?
Ich versuche, Spass zu haben, mir eine gewisse Gelassenheit zu bewahren. Mein Stil wird als riskant beschrieben, aber für mich bedeutet es Leichtigkeit, in einem Geschäft, das wächst und in dem Geld eine immer grössere Rolle spielt. Der Druck im Frauenfussball wird grösser, deshalb versuche ich mit meinem Stil, bei den Leuten etwas Spannung zu erzeugen, aber gleichzeitig Spass zu haben.
Sie haben an der EM auch Ihrem Trainer Spannung verschafft, am Anfang sagte er, er werde nicht alt, wenn Sie weiter gegnerische Spielerinnen ausdribbelten. Nach Ihrer Wahnsinnsparade im Viertelfinal gegen Frankreich waren Sie dann die Heldin. Wie haben Sie die Achterbahnfahrt erlebt?
Für mich war es keine. Ich habe nicht gelesen, was geschrieben wurde. Meine Mannschaft hat mir gesagt, dass sie mir vertraue, das war für mich wichtig. Ich hatte ein Gespräch mit dem Trainer, er fand, die Medien würden die Geschichte aufblähen. Das war’s dann für mich.
Sie haben Ihre Karriere ausserhalb der Strukturen des Verbands gemacht. Hat Ihnen auch das die Freiheit gegeben, Ihren eigenen Stil zu entwickeln?
Ich habe es geliebt, Männerfussball zu gucken, und habe gesehen, dass ein Torwart in jeder Liga anders agiert. Darum bin ich auch ins Ausland gegangen. Diese Erfahrungen wollte ich machen. Ich wollte zwar immer in der Nationalmannschaft spielen, aber mein noch grösserer Wunsch war, anders zu sein als andere Torhüterinnen. Mein Stil ist wie ein Patchworkteppich. Ich habe mir überall geholt, was ich mag, was mich weiterbringen konnte. Ich liebe es, immer besser zu werden.
Wer Sie vorher nicht gekannt hat, kennt Sie spätestens seit der berühmten Parade an der EM. Schildern Sie sie uns aus Ihrer Sicht.
Ich habe keine Ahnung, was ich da gemacht habe. Ich habe mir einfach nur gedacht, es kann nicht sein, dass wir uns so lange durch das Spiel schleppen und es mit einem Eigentor endet. Das kann ich nicht zulassen.
Das alles haben Sie in so kurzer Zeit gedacht?
Man kann in Millisekunden sehr viel denken. Ich fragte mich auch, warum die Spielerin überhaupt noch an den Ball gekommen ist. Beim Absprung habe ich gemerkt, dass der Ball länger und länger wird. Ich dachte: «Der Ball kommt einfach nicht runter.» Und ich wusste nicht, wie lang mein Arm ist! Alles hat sich sehr langsam ereignet.
Der Arm war genug lang. Wann haben Sie sich Ihre Heldentat erstmals angeschaut?
Meine Mannschaft hat mir sofort Bilder geschickt, es gab witzige Memes, etwa wie man den Lichtschalter hinter sich ausmachen kann. Ich anerkenne, dass es spektakulär aussieht, so angefühlt hat es sich aber nicht. Für mich war es eine ganz normale Parade.
2017 wurde bei Ihnen Schilddrüsenkrebs diagnostiziert. Sie sprechen sehr offen darüber. Wie hat die Krankheit Sie verändert?
Als junge Sportlerin denkt man, man sei unantastbar. Man macht Sport, ernährt sich gesund. Trotzdem ist es mir passiert. Ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht. Die Krankheit relativiert den Sport, ich sehe jetzt noch mehr die Leichtigkeit darin. Häufig denke ich: «Es ist nur ein Fussballspiel.» Für mich war Fussball immer alles, am liebsten würde ich bis 50 spielen. Durch die Erkrankung und die Relativierung habe ich diese Liebe für den Fussball nicht mehr ganz so intensiv. Fussball steht nicht mehr über allem. Ich muss an andere wichtige Dinge denken, die mich durch mein Leben begleiten.
Die Familie ist noch präsenter. Das Leben als Mensch. Ich hatte lange das Gefühl, dass ich nur Sportlerin sei. Ich war Athletin statt Person. Ich musste mir deutlich machen, dass ich ein Leben ausserhalb des Fussballs habe und dass das in Ordnung sei. Die Balance zu finden zwischen der Athletin und der Person, war wichtig. Dafür hat mir die Krankheit die Augen geöffnet.
Die Krankheit ist 2022 zurückgekommen. Leben Sie mit der Angst, dass dies wieder passiert?
Manche Dinge kann man beeinflussen, andere nicht. Diese Krankheit kann ich nicht beeinflussen. Würde ich mit Angst leben, wäre ich nicht so erfolgreich im Fussball. Und ich wäre nicht so glücklich. Ich versuche, Tag für Tag dankbar zu sein, dass ich hier bin und gesund.
Hat Ihnen Ihre Persönlichkeit als Spitzensportlerin geholfen bei der Bewältigung der Krankheit?
Auf jeden Fall. Für eine Athletin ist es wichtig, immer ein Ziel vor Augen zu haben. Mein Ziel war, dass die Krankheit mich nicht vom Fussballspielen abhält. Dann bin ich Schritt für Schritt durch den Prozess gegangen, natürlich in Absprache mit den Ärzten. So ging es eigentlich von alleine. Es hört sich vielleicht blöd an, aber ich ging damit um wie mit einer Verletzung. Ich bin nicht naiv, ich weiss, dass viele Dinge passieren können. Aber ich habe gemacht, was ich gewohnt war: auf das reagieren, was auf mich zukam. Diesmal war es kein Ball.
Ein Satz in Ihrem Buch sticht hervor. Sie schreiben, introvertierte Menschen hätten es im Fussball schwer. Warum ist das so?
Ich habe das erfahren müssen. Wenn man den Mund nicht aufmacht, bekommt man nichts. Ich dachte immer, ich arbeite so hart wie möglich, dann ergeben sich die Dinge. Aber es hat mich nirgends hingebracht. Manchmal müssen auch Worte sprechen, nicht nur Taten. Jetzt, wo der Frauensport immer grösser wird, muss man sich hörbar machen. Ich bin in meinem Job nicht plötzlich gut geworden. Ich war schon länger auf diesem Niveau. Aber ich wurde nicht gesehen. Weil ich nicht darüber geredet habe.
Die Biografie von Ann-Katrin Berger, «Das Spiel meines Lebens», erscheint im Verlag Riva und ist ab 18. November erhältlich.
Thank you! Very interesting interview. My highlight:
Q: One sentence in your book stands out. You write that introverts have a hard time in football. Why is that?
AKB: I've had to learn this. If you don't speak up, you won't get anything. I always thought that if I'd work as hard as I could, things would just happen. But that didn't get me anywhere. Sometimes words have to speak, not just actions. Now that women's sport is growing, you have to make your voice heard. I didn't suddenly become good at my job. I'd been at that level for a while. But people didn't notice me. Because I didn't talk about it.