Das Fahrwerk brennt ... nicht
Am frĂŒhen Donnerstagmorgen legen wir wieder die Schusswesten an. Ein malischer Reisebus fĂ€hrt uns zum Flughafen. Begleitet werden wir von einem Kleinbus aus dem Bundeswehrfuhrpark, in dem zwei bewaffnete Soldaten sitzen. Wir mĂŒssen einmal um den Flughafen herum. Auf den malischen StraĂen dauert das ungefĂ€hr eine halbe Stunde, vorbei an Checkpoints der malischen Armee, selbstgebauten HĂŒtten in denen von Zigaretten und Benzin in Schnapsflaschen bis hin zu Möbeln und Autos alles verkauft wird. Auf den weiten BrachflĂ€chen liegt ĂŒberall MĂŒll und die schwarzen PlastiktĂŒten sind wohl das Tumblewheed Malis.
Im Wartebereich der Fluggesellschaft SAS (Sahel Aviation Service), in einem kleinen NebengebĂ€ude des Flughafens, haben wir endlich wieder Internet (punktuell) und warten darauf in den Airbus A-310 August Euler einzusteigen. Wir treten unsere letzte Reise nach Köln an. Der Schub der startenden Maschine drĂŒckt uns in die Sitze und es dröhnt wegen der ausgefahrenen Fahrwerke. Wir steigen nicht und drehen eine Schleife ĂŒber Bamako. Mit dem Niger unter uns machen wir Bilder aus dem Fenster  und wundern uns warum wir nicht an Höhe gewinnen. Nach dem dritten NigerĂŒberflug krĂ€chzen die Lautsprecher des alten Airbus der Luftwaffe. Der Kommandant berichtet, dass beim Start vermutlich ein Reifen geplatzt ist und sich deshalb das Fahrwerk nicht einfahren lĂ€sst. Er dreht in Richtung Flughafen ab und fliegt, fĂŒr einen Check, im Tiefflug ĂŒber die Landebahn. Der Tower und die Flughafenfeuerwehr bestĂ€tigen den geplatzten Reifen nicht. Wir setzen zur Landung an, weil das Problem am Boden behoben werden muss.
Es wird vom LFZ (Luftfahrzeug) abgesessen und auf den Bus aufgesessen. Ohne nĂ€here Informationen bringt er uns zurĂŒck zum Wartebereich. Der Oberstleutnant B. tritt mit seiner hĂŒnenhaften Statur und den ergrauten Haaren, wie schon so oft, vor uns, macht eine VollzĂ€hligkeitsprĂŒfung und verkĂŒndet mit durchdringender Stimme, dass wir hier erst einmal warten sollen bis neue Lageinformationen vorliegen. Wir sitzen in der Sonne rauchen, trinken Cola und der Magen schmerzt vor Hunger. Ein lauter Pfiff. Der Oberstleutnant ruft alle zu sich. In zehn Minuten wird wieder zum Airbus geshuttelt, ohne GepĂ€ck. Er kann uns nicht sagen wann es weitergeht die aber die Crew hat noch das Essen an Bord und der Kommandant lĂ€dt zum Lunch. Er möchte sich auch noch einmal erklĂ€ren. Nach vier Minuten stehen die Busse bereit und es geht los. Unser ist ĂŒberfĂŒllt, stickig und heiĂ, die Chance in den anderen Bus zu wechseln nehmen wir sofort wahr. Vor der August Euler bleiben wir stehen. Der Kommandant diskutiert mit einem Mitarbeiter der Flughafens mit FunkgerĂ€t, Warnweste und Anzug. Wir dĂŒrfen noch nicht aussteigen, weil der Airbus erst umgeparkt werden muss damit Platz fĂŒr die neu eintreffenden Flugzeuge ist.
Dreihundert Meter weiter und warten wir abermals. Die August Euler bewegt sich nicht und anscheinend werden die zwei, von den drei Bussen des Airports, fĂŒr andere Zwecke gebraucht, als als Warteraum fĂŒr Soldaten der Bundeswehr zu dienen. Wir steigen aus dem Bus und laufen zwanzig Meter in den Schatten. Minuten spĂ€ter bewegt sich der Airbus an seine neue Parkposition und wir werden erneut mit den Bussen fĂŒnfzig Meter zur Gangway geshuttelt. Jeder nimmt wieder seinen Platz ein und Christoph kann seine Kappe holen, die er vergessen hatte. ÂDer Kommandant betritt in seinem grĂŒnen Fliegeroverall die BĂŒhne (eine Telefonsprechanlage an der Wand) und erklĂ€rt sich. Mehrere Systeme hĂ€tten falsche Werte angezeigt und ein brennendes Fahrwerk gemeldet. Nach dem Tiefflug ĂŒber die Landebahn hĂ€tten der Tower und die Flughafenfeuerwehr Entwarnung gegeben. Danach habe er zur Overweight Landing angesetzt. Nach einer Landung mit annĂ€hernd Startgewicht mĂŒsse ein Spezialist den Check durchfĂŒhren, um die weitere Flugsicherheit zu gewĂ€hrleisten. Diese seien aus Köln aber bereits auf dem Weg nach Bamako.
Uns wird klar, dass wir lĂ€nger zu Gast bei den Schweden in Camp Midgard sein werden. Die Soldaten erzĂ€hlen sich Geschichten von Kameraden, die in das Camp Castor zurĂŒckverlegt wurden und eine weitere Woche auf ihren Heimflug warten mussten. Im Wartebereich legen wir unsere Westen wieder an und werden, wie es militĂ€risch heiĂt, zurĂŒckverlegt. ZurĂŒck im Camp macht sich Frustration breit. Ein Soldat formt mit seinen Fingern ein L auf der Stirn, er scherzt ĂŒber das taktische Zeichen fĂŒr Luftwaffe. Zur Freude aller hat der englische KĂŒchenchef es geschafft fĂŒr uns noch Essen zu bereiten und begrĂŒĂt uns mit einem freundlichen âwelcome to another day in paradiseâ. Nach dem Essen ertönt die lautstarke Stimme des Oberstleutnant, die ZurĂŒckgebliebenen versammeln sich und die Information, dass wir heute nicht mehr Fliegen, bleibt allen sichtbar im Hals stecken. Ein Raunen geht durch die Truppe. NĂ€here Informationen bekommen wir um neun Uhr am nĂ€chsten Morgen. Bis dahin wissen wir nicht wie es weitergeht. Wir versuchen vergeblich uns Internet zu besorgen, was aber nicht möglich ist, da man dafĂŒr eine Nummer im System braucht/sein muss. Das sind wir nicht. Ein kleiner Wermutstropfen ist, dass wir unser AufgabegepĂ€ck ins Camp geliefert bekommen. Wir kommen an frische Unterhosen und fragen uns, wie lange wir noch im Paradies bleiben werden. Der Abend schreitet voran und wir sitzen vor unseren Zelten und schmieden PlĂ€ne. Privat nach Deutschland zu kommen ist fĂŒr uns bei Flugpreisen jenseits der 1000⏠keine Option. Also heiĂt es sich weiter in den Schoss der Bundeswehr zu legen. FrĂŒh gehtÂŽs ab ins Feldbett. Wir bilden uns die ersten MĂŒckenstiche ein. Deshalb wird der MĂŒckenschutz um unsere Betten sorgfĂ€ltig geschlossen.














