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Abgestaubt in "Willi will's wissen". Wer es einarbeitet, darf es behalten 😉
Abgestaubt: Kante - Die Tiere sind unruhig
Es gibt so ein paar Alben, die einfach den richtigen Anlass brauchen, damit sie ihre volle Wirkung entfalten. Bei Liebeskummer gibt es kaum etwas Besseres als Noah And The Whale mit „First Days of Spring“ aufzulegen, bei Trauer quält man sich am besten mit The Antlers auf den Ohren und beim Glas Rotwein vorm Kamin an einem ungemütlichen Novemberabend dürfen The National nicht fehlen. Weniger als Soundtrack zu ein bestimmtes Gefühl, sondern vielmehr zu einem bestimmten Wetter im Jahr passen Kante.
Das Album „Die Tiere sind unruhig“ ist meine erste Wahl im Hochsommer, wenn eine unangenehme Schwüle die Menschen ächzen lässt und abends ein Sommergewitter übers Land zieht. Während ich diese Zeile schreibe, ist es spät am Abend und in den vier Wänden so unerträglich heiß, dass an Schlaf nicht zu denken ist. Die Alternative: Genau diese Platte auflegen. Wie keine andere vermag sie, die Stimmung der drückenden Hitze einzufangen und in Schallwellen zu kleiden.
„Die Tiere sind unruhig“ erschien im August des Jahres 2006 und stellt für mich eines der drei besten deutschsprachigen Alben aller Zeiten dar. Für den Musikexpress war es die beste Platte jenen Jahres und das, obwohl mit Blumfeld, Tomte, Die Sterne, PeterLicht, Sport und Klez.e allein die heimische Konkurrenz irre gut aufgestellt war.
Das vierte Album von Kante ist ein majestätisches Meisterwerk. Ich mag den bildhaften, spannungsgeladenen Titel und die Tatsache, dass es nur sieben Tracks gibt, die alle zwischen fünf und neun Minuten lang sind. Dadurch gibt es viel Raum für Entwicklung in den Songs, viele Steigerungen, Tempowechsel und Instrumentalteile. Die Atmosphäre ist dicht und erinnert fast schon an ein veritables Konzeptalbum – keine bloße Ansammlung zusammenhangloser Stücke.
Kante – ohnehin die technisch versierte aller Gruppen, die gerne der Hamburger Schule zugeordnet werden – fahren auf „Die Tiere sind unruhig“ große Geschütze auf: Streicher, Saxofon, Hörner, Bongos, Steel Drum. Die Sound ist glasklar, schillernd, opulent. Der Titeltrack gleich zu Beginn wartet mit U2-Gitarren auf und zeigt auch textlich, wo es in den kommenden 48 Minuten thematisch hingeht: „Es ist heiß und es ist schwül“, lautet die erste Zeile.
Klingt, als hätten Queens Of The Stone Age Philosophie-Unterricht genommen, schreibt ein Rezensent bei Amazon. Das liest sich gut, ist in Wahrheit aber weit mehr als das. Neben für die Band ungewohnt satten Rock-Anleihen gibt es auch wieder Ausflüge in den Jazz. Das psychedelische Instrumental „Ducks and Daws“ und das Saxofon-Outro in „Die größte Party der Geschichte“ sind mehr als bloßes Schauen über den Tellerrand. Hier waren echte Komponisten am Werk. Dass im gleichen Song auch eine eher augenzwinkernden Rap-Einlage vorkommt, verdeutlicht die Vielseitigkeit von Kante, die einst als Postrock-Band und Nebenprojekt von Blumfeld von Peter Thiessen ins Leben gerufen wurden.
Eine besondere Erwähnung muss schließlich noch der flirrende Rausschmeißer „Die Hitze dauert an“ finden. Sagte ich Rausschmeißer? Ich meinte natürlich das elegische Kleinod, die postmoderne Sinfonie, der in Töne gegossene Hitzestich (Zutreffendes bitte ankreuzen). Allerspätestens hier wird klar, dass Kante mit Alternative/Indie/Diskurs-Pop á la Tocotronic nichts zu tun haben. Das ist Kunst. Zumindest ab dem Zeitpunkt, wo die Walgesänge einsetzen. Ja, richtig gelesen.
Neugierig geworden? Dann einfach abwarten, bis die Schwüle euch dahinsiechen lässt, ihr das nächste Sommergewitter riechen könnt und die Tiere unruhig werden. Kante liefern mit diesem Album den passenden Soundtrack zur Apokalypse. (Hendrik)
Abgestaubt
CDs
Nena: Nena die Band. Ich hatte bisher noch nicht die Songs: »99 Luftballons« und »Irgendwie, irgendwo, irgendwann«. Außerdem kannte ich von ihnen bloß die 2000-er-Tanz-Remixe. Und ich wusste auch nicht, dass Nena mal eine Band war, ich kannte immer nur die Frau. Und ich kannte früher nicht ihren Nachnamen. („Nena sind: Nena Kerner, Gesang/ Uwe Fahrenkrog-Petersen, Keyboards/ Jürgen Dehmel, Baß/ Rolf Brendel, Schlagzeug/ Carlo Karges, Gitarre“). Und auch das schon wieder eine Offenbarung an verknüpfbarem Wissen: Über Uwe Fahrenkrog-Petersen wusste ich bislang nur, dass er mal bei irgendeiner deutschen Castingshow in der Jury saß und kannte ihn als Komponist der Musik zu meinem Lieblingsfilm «Igby». Jetzt weiß ich, dass er mal in der Band von Nena war. So klein ist die Welt.
Justin Timberlake: Just Me Justin Timberlake mag ich eigentlich gar nicht und ich beschäftige mich auch nicht mit solcher Mädchenmusik. Ich weiß noch nicht mal, aus welcher von diesen Boygroups er seinerzeit geplumst kam. Und ich verbuche ihn immer als den Ben Affleck der Popmusik. Da wären allerdings ein, zwei Treffer, die er gelandet hat. »What goes around comes around« war, glaube ich, ganz gut und in meiner iTunes-Bibliothek findet sich »Bounce«, wo ihn Timbaland featuret. Schließlich scheint dieses Video (mit Lady Gaga) darauf hinzudeuten, dass er einiges an Selbstironie aufbringt, was ihn so gut wie rehabilitiert: http://www.youtube.com/watch?v=Pi7gwX7rjOw Ich dachte, ich gebe dieser CD mal eine Chance. Vielleicht komme ich auch nie dazu, sie anzuhören und sie wird ein Teil meines Schrottwichteln-Präsenteaufgebots.
The Cranberries: No Need To Argue Ein uneingeschränkt gutes Album, also natürlich musste ich es haben. Eigentlich habe ich es auch schon in MP3-Format. Und auf Kassette. Sogar zusammen mit Everybody Else is doing it, so why can’t we?, dem anderen Sofa-Album der Cranberries. Spätestens seit wir in Englisch in der Schule »Zombie« seziert haben, bin ich Anhänger. Und Anfang der Zweitausender brachten Dario G ihre fiese Version von »Dreaming my Dreams« ins Radio. http://www.youtube.com/watch?v=Jx4ZSvdxpKg Ich war ungefähr der einzige, der wusste, dass es ein Cranberries-Cover ist.
OST: Eiskalte Engel Der Soundtrack zu einem Film, den ich mit 16 und 17 ziemlich bedeutend fand. Verknüpft mit gewissen Urlaubserinnerungen entwickelte sogar das Soundtrack-Album seine eigene Bedeutungsträchtigkeit. Inzwischen höre ich es nicht mehr auf Kassette (von Freunden überspielt), sondern auf dem iPod. Und jetzt habe ich es auch noch auf CD! Soll einer sagen, ich wäre total unsentimental in Bezug auf haptische Kulturprodukte. Das Exemplar aus der Verschenken-Kiste kostete übrigens seinerzeit 29,99 DM, sagt sein Preisschild aus dem Müller.
Ich habe aber nicht nur Musik, der ich skeptisch gegenüber bin oder die ich eigentlich schon gehabt hätte, mitgehen lassen. Es gab auch Bücher zu verschenken, und nicht die schundigsten:
Bücher
Georges Simenon: Die Tür Ein Maigret-Roman, oder? Weiß ich nicht, Rückseite des Einbands fehlt schon. Sechzigerjahre-Taschenbuch aus holzigem Papier von Kiepenheuer & Witsch. Sollte schön zu lesen sein.
Martin Walser: Der Lebenslauf der Liebe Martin Walser kenne ich von «Ein fliehendes Pferd», das wir in der Schule gelesen haben. Jetzt habe ich also auch einen berühmten Roman von ihm. Und als Hardcover! (Wasserfleckiger Umschlag, aber naja.) Ich fürchte, dass ich mich damit langweilen werde. Ist ja scheinbar ein Sequel, dessen Vorgänger ich nicht kenne. Und zeitgenössische deutsche Literatur hat mich bisher noch nicht mitreißen können.
Harry Mulisch: Die Entdeckung des Himmels Irgendwie wichtig. Schon oft gehört. Weiß grad nicht, wer es mir zuletzt empfohlen hat. Ganz wichtiger Roman! Hab ich jedenfalls jetzt auch. Ich weiß weder, was für ein Landsmann Harry Mulisch ist, noch, worum es in dem Buch geht.
Isabel Allende: Der unendliche Plan (ebenfalls Hardcover!)An Isabel Allende habe ich hohe Erwartungen. «Von Liebe und Schatten» hat mich sehr mitgerissen, als ich es als Jugendlicher mal gelesen habe. Seitdem habe ich mich nicht wieder getraut, etwas von ihr zu lesen, weil ich Angst habe, dass die Mitgerissenheit von ihrem lateinamerikanischen Pathos ein einmaliger Zufall war. In meinem Regal steht jedenfalls auch ein Taschenbuch-Schuber mit den ungelesenen drei Teilen der Geisterhaus-Trilogie.
Nick Hornby: A long Way down Ich kenne die Nick-Hornby-Verfilmungen «High Fidelity» und «About a Boy». Jetzt werde ich ja bald feststellen, ob ich auch seine Schreibe mag. Der Vorbesitzer oder die Vorbesitzerin ist jedenfalls nicht so weit gekommen. Sie hat die Schutzumschlag-Klappe zwischen Seite 90 und Seite 91 (von 257) eingeklemmt. Ebenfalls als Beigabe im Buch belassen: Eine herausgerissene Anzeige aus einem Magazin (möglicherweise «DB mobil»?): „Schreiben Sie auch? Wir suchen neue Autorinnen und Autoren. Romane, Erzählungen, Biografien, Gedichte, Sach-, Tier und Kinderbücher …“ Vielleicht ist Nick Hornby in echt ja so inspirierend gewesen, dass der Vor-Leser sich Hals über Kopf an sein eigenes Manuskript machen musste.
Dieser Artikel erschien im September 2011 auf martinJost.eu.