Mittwoch, 30. November
Die ganze Nacht habe ich mir überlegt, ob der Mann gestern Claudius war oder nicht, aber ich vermute es stark. Ich bemerkte auch, dass er sich absichtlich zum Auto hinuntergebeugt hat, um mich nicht ansehen zu müssen. Aber ich kann mich auch täuschen. Ich liebe ihn trotzdem, ich liebte ihn trotzdem. Er hat mir so viel Glüci gegeben. Nein, er war es nicht! MEDEA war so, Jason das Schwein, ich hätte ihm die Haare ausgerissen. Und dann bin ich einfach an ihm vorbei gegangen. Habe nur die Stimme etwas erhoben, als ich NEIN sagte, weil ich mit Monika sprach. Claudius, zeig mir, wo du bist! Meine Füße gingen lieber aus der Zeit. Georg Büchner, LENZ. Sie bräuchten noch eine Rosetta, ich bin Rosetta.
Habe den Wecker um sieben Uhr wieder abgestellt und weiter geschlafen, als ich aufwachte, war es acht Uhr. Also zahlte es sich nicht mehr aus, zum Loewe zu fahren. Ging um neun in die Musiksammlung. Mein Buch war noch immer nicht da. Ich habe nämlich die Bandangabe vergessen. Die Bibliothekarin war sehr freundlich. Am Freitag bekomme ich es also, bin gespannt. In der Untergrund-Passage fragte ich wegen meinem Buch von Leonor Fini, es gibt noch ein paar Exemplare. Jetzt bin ich zu Hause. Immer noch Gustav Mahlers Dritte. Habe einen großen Hunger, mag aber nichts essen. Bircher Müsli gemacht, mit Tee, weil ich keine Milch mehr habe. Muss jetzt endlich aufräumen. Die Wohnung ist nur noch ein Chaos. Wenn Mama am 8. Dezember kommt, wird sie sicher sofort zu putzen anfangen. Im Postkasten war wieder nichts.
Habe das Geschirr gewaschen und die Bücher und Zeitungen weggeräumt, aber das nützt nichts, weil ich immer wieder neue Bücher herhole. Gustav Mahler LIEDER EINES FAHRENDEN GESELLEN und Joni Mitchell MINGUS gehört. Eine Erbsensuppe gekocht. DIE BAKCHEN zu lesen begonnen. In meinen Aufzeichnungen vom Sommer gelesen. Die werde ich mir als nächstes vornehmen! Die unglückliche Liebe zu Tristan. So etwas Tiefes gibt es nie wieder in mir. Glaubst du? Wenn es das einmal gegeben hat, wird es das auch später wieder geben. Was war mit dem Strauch? Wie habe ich ihn geliebt. Alle meine magischen Fähigkeiten, meine Zauberkräfte. Noch ein Jahr, dann sind drei Jahre um. Dann ist die First vorbei. Ich werde jetzt endlich die Artaud-Biographie weiterlesen. Artaud schaut mich immer noch an. Sein Selbstportrait hängt an der Türe. Denn alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit. Nietzsche. Schlußsätze mag ich nicht schreiben. Noch eine Seite, dann muss ich mit meinem alten Tagebuch weitermachen. Aber das wird auch bald voll sein. Nach 52 Seiten.
Dann fiel mir gestern ein, wie sehr ich gequält worden bin. Mitten durch die riesigen, ekligen Nacktschnecken bin ich nachts, als es stockdunkel war, hindurchgegangen, um zu seinem Haus zu gelangen, weil ich Angst hatte, ein Kind von ihm zu bekommen, weil ich nachschauen wollte, ob er noch da wohnt, weil ich hoffte, dass er fühlt, dass ich vorbeigehe an seinem Haus, weil ich es wieder nicht gewagt habe, (in ihn) einzutreten. Gestern wurde ich deshalb sehr zornig, weil wenn ich jetzt schwanger wäre, was leicht möglich gewesen wäre, da ginge es mir miserabel. Aber wie schön war der Beischlaf mit dem Herrlichen! Und er sähe sich mit einer anderen Frau, einer Frau mit langen, blonden Haaren, das Gegenteil von mir, die MEDEA an. DIE MEDEA. Sein Kind hätte ich ihm zum Fraß vorgeworfen! Aber das sollen Vermutungen bleiben. Er hat doch noch keine grauen Haare, größer ist er auch, viel größer. Daran kann ich mich festhalten. Und schwanger bin ich auch nicht. Aber ich könnte es umso leichter werden, wenn er hier wäre. Er hat gesagt: "Ich möchte dir nicht weh tun." Aber dann gelacht: "Jetzt musst du dann ruhig sein, jetzt kommt der Orgasmus." Das sind so Feinheiten. Desillusionierungseffekte. Alle meine Texte sind intime Texte, nein, intim ist kein Wort für mich. This is not the end. Ich werde dich lieben, solange ich noch lieben kann. Der Rest ist Lyrik.
Entwurf für ein Theaterstück: Eine Frau geht von Zimmer zu Zimmer, von Haus zu Haus, und will alle Menschen, denen sie begegnet, dazu bewegen, alles, was diese umgibt, zu verändern. Zuerst möchte sie nur, dass man einen Tisch von rechts nach links rückt, dann wird sie immer dreister, immer kühner und will, dass Häuser an den Waldrand transportiert werden.













