Auf der Entschleunigungsspur in Bad Essen: Das FachwerkstÀdtchen ist Niedersachsens erste Cittaslow
Zum Tintenpoeten werden, unter freiem Himmel bei dampfender Sole meditieren, einen frischen Holundersaft aus der nahen Mosterei genieĂen und ganz entspannt dem Markttreiben auf dem Kirchplatz zugucken: Im gemĂŒtlichen FachwerkstĂ€dtchen Bad Essen schĂ€tzt man Achtsamkeit und die Leichtigkeit des Lebens. Neben Urmeersalz und Holunder-Bonbons wollen wir auch von dieser Cittaslow-Philosophie unbedingt etwas mit nach Hause nehmen.
Schon bei der Anfahrt durchs abenddĂ€mmrige OsnabrĂŒcker Land fĂ€llt die Hamburger Hektik von uns ab. Beim Anblick der FachwerkhĂ€user, die sich ins satte GrĂŒn kuscheln und aufsteigendem Nebel in kleinen Lichtungen fĂŒhlen wir uns, als hĂ€tte hier jemand  das Mittelalter-Brettspiel Carcassonne gespielt.
Eingebettet vom Wiehengebirge und Mittellandkanal zeigt die Turmuhr von Bad Essen am Kirchplatz zwar die genaue Zeit an, aber langsamer scheint sie trotzdem zu ticken. Zwischen den weiĂ getĂŒnchten FachwerkhĂ€usern hat man sich in dem 941 Jahre alten StĂ€dtchen fĂŒr die Entschleunigungsspur entschieden. Rund um den Kirchplatz bieten Goldschmiede und GeschĂ€fte fĂŒr Feinkost und Wohnaccessoires ihre oft selbst gefertigten Produkte an und wir staunen ĂŒber die hohe Anzahl von Yoga-Lehrern fĂŒr die nur rund 15.000 Einwohner.
Eine Begegnung der besonderen Art machen wir im Kurpark: Hier scheint ein riesiges Ufo gelandet zu sein. Was aussieht wie das Flugobjekt von ökologisch-korrekten Aliens entpuppt sich als Sole Arena aus Holz und Schwarzdorn. Das Gradierwerk hat unter freiem Himmel einen an drei Seiten zugĂ€nglichen Innenraum, in dem Bad Essener Sole vernebelt hat. Eine rundum gesunde Sache, denn sie kommt direkt aus Europas mineralreichster Solequelle. 800 Meter tief in der Erde lagert hier geschĂŒtzt vor UmwelteinflĂŒssen 220 Millionen Jahre altes Urmeerwasser. Wir saugen die Sole tief in die Lungen, spĂŒren, wie sich der feine Salznebel aufs Gesicht legt und lauschen dem sanften GeplĂ€tscher in unserem Open-Air-Dampfbad.
Das Urmeersalz aus Bad Essen ist nicht nur ein wohltuender Kick fĂŒr Haut und Atemwege sondern auch fĂŒr die KĂŒche. Wilhelm Grönemeyer, Cousin von Herbert und Dietrich, und sein Sohn Boris liefern es aus ihrer kleinen Familien-Manufaktur als âKing of Saltâ weltweit an Spitzenköche.
âDas mehr als 200 Millionen Jahre alte Meerwasser hat die Mineralzusammensetzung des Urmeeres, die sich mittlerweile sehr von der heutiger Meere unterscheidet. In den heutigen Meeren sind Sedimentablagerungen der groĂen FlĂŒsse aus den letzten Jahrmillionen enthalten, sowie Altöle, Schwermetalle und Mikroplastik aus der jĂŒngeren Zeitgeschichteâ, erklĂ€rt Wilhelm Grönemeyer. Auch Calcium, Magnesium und Schwefel sind im Urmeersalz noch komplett enthalten, da es nicht auskristallisiert ist. Den kristallinen Zustand des Urmeerwassers erreichen die Grönemeyers durch ein spezielles Verfahren: âBei der besonderen Kristallbildung sind farbiges Licht und Musik behilflich. Je nach Art der Musik entstehen verschieden groĂe beziehungsweise unterschiedlich geformte Kristalle.â Bei den Grönemeyers, deren Stammbaum in Bad Essen ins 15. Jahrhundert zurĂŒckgeht, wird alles per Hand produziert und abgefĂŒllt.Â
Ein echtes Slow-Food-Produkt, wie uns Dr. Edgar Klinger, Leiter von Slow Food OsnabrĂŒck, beim Strandkorb Schnack auf dem Kirchplatz verrĂ€t. Der Erhalt regionaler Produkte und Speisen, die WertschĂ€tzung und artgerechte Haltung der tierischen Lieferanten und die Geschmacksschulungen liegen ihm gemÀà der Slow-Food-Philosophie am Herzen. Ins SchwĂ€rmen gerĂ€t er fĂŒr Rhabarber-, Johannisbeer- und Apfelsaft aus der Mosterei Lammersiek in Bad Essen und fĂŒr Holunder-MenĂŒs, die sich aus der typisch Bad Essener Frucht zaubern lassen: âDer Holunder-Reichtum hier ist besonders, die Traditionen rund um den Holunder wurden mit vielen neuen Ideen wieder wachgekĂŒsst.â Auch die Schlachterei Schlacke, die ihr Fleisch von lokalen Landwirten bezieht, genau auf die Haltung schaut und auch noch selbst schlachtet, empfiehlt Klinger wĂ€rmstes. FĂŒr die hausgemachte MĂŒhlen-Salami können wir uns sofort begeistern, mit âSpeisen, bei denen Blutwurst gebraten eine Rolle spieltâ kann er uns dann aber doch nicht ĂŒberzeugen.
Die Slow-Food-Bewegung war auch der kulinarische Kern fĂŒr den Anschluss Bad Essens an die Cittaslow-Vereinigung. Erholung, Ruhe, Genuss und die Bewahrung der historisch gewachsenen IdentitĂ€t waren in dem gemĂŒtlichen StĂ€dtchen ja sowieso schon als Basis vorhanden. Eine Marketing-Strategie, um hektische GroĂstĂ€dter anzulocken, ist das aber nicht: âDas mĂŒssen alle BĂŒrger mittragen, die Voraussetzung ist ein Gemeinderatsentschluss. Man muss diese Philosophie leben und authentisch erfĂŒllenâ, betont Annette Ludzay vom Kur- und Verkehrsverein Bad Essen.
Wir lassen die Ruhe bei einem Snack vor dem âKleinen Hausâ am Kirchplatz auf uns wirken. Das FachwerkhĂ€usschen ist tatsĂ€chlich das Kleinste am Platz â und das Ălteste. Der ehemalige Speicher aus dem Jahr 1663 hat als einziges GebĂ€ude den verheerenden Brand von 1668 ĂŒberstanden und ist heute ein CafĂ©-Restaurant. ZugĂ€nglich fĂŒr Rollifahrer ist das âKleine Hausâ leider nicht, dafĂŒr aber das zugehörige âHaus nebenanâ, das sogar ĂŒber einen Lift in die erste Etage verfĂŒgt. Auch die St. Nikolai Kirche aus der zweiten HĂ€lfte des 15. Jahrhunderts ist befahrbar und mit Altar-Bild, Renaissance-Balustrade, Epiphanien-Tafeln und mittelalterlichen Decken-GemĂ€lden eine ungewöhnlich reich geschmĂŒckte und fĂŒr die Gegend frĂŒh reformierte Kirche. Leicht wird das Sightseeing Rollifahrern mit Kopfsteinpflaster und historischen Bauten leider nicht gemacht. Wenige Meter weiter gibt es rund um den Meierhof, der Keimzelle des HandwerkerstĂ€dtchens, aber einen asphaltierten, allerdings leicht ansteigenden Weg zu fachwerklicher Baukunst. Die gemĂŒtlich plĂ€tschernde WassermĂŒhle des Meierhofes ist nach ihrer Restaurierung wieder in Betrieb und im unteren Bereich zugĂ€nglich. Hier wird zwischen Ostern und Oktober gemahlen, das Korn landet zum Teil im MĂŒhlenbrot der umliegenden BĂ€cker.
Kleine, feine Kulturveranstaltungen, Ausstellungen und Konzerte können im benachbarten Schafstall genossen werden. Der Ausstellungsraum ist barrierefrei erreichbar, fĂŒr Konzerte mĂŒssen zwei Stufen ĂŒberwunden werden.
Als passionierte Handschreiber gefĂ€llt es uns auĂerdem ganz besonders, dass in Bad Essen jeder zum Tintenpoeten werden kann: Postkarten, gestaltet von 16 KĂŒnstlern aus der Region, laden zum klassischen Schreiben mit FĂŒller oder Kuli ein. Vor so einem kleinen Kunstwerk zu sitzen und sich Gedanken darĂŒber zu machen, welche EindrĂŒcke man auf den Postweg schicken möchte, ist fast eine ganz neue Erfahrung nach den schnell ins Smartphone getippten Whats-Apps.
In Sachen Unterkunft waren wir etwas zu schnell fĂŒr die Cittaslow: Die Suche nach barrierefreien Hotelzimmern gestaltete sich schwierig, aktuell gibt es nur eines im Hotel Deutsch Krone. Das stilvoll-gemĂŒtliche Hotel Högers am Kirchplatz baut aber derzeit einen Anbau mit rollstuhlgerechtem Zimmer und in der Alten Apotheke, 1726 als âTanz- und Gesellschaftshausâ erbaut, entsteht gerade ein kleines Hotel mit Zimmer fĂŒr mobilitĂ€tseingeschrĂ€nkte GĂ€ste. Gute GrĂŒnde fĂŒrs Wiederkommen, finden wir.
Infos rund um Bad Essen bei der Tourist-Info Bad Essen, LindenstraĂe 25, 49152 Bad Essen, Tel. 05472 â 94920, [email protected], www.badessen.info. Unterkunft im Hotel Deutsch Krone, www.haus-deutsch-krone.de. Im Bau auĂerdem Högers Hotel, www.hoegers.de und Alte Apotheke, [email protected]

















