„McCarthy war einer der ersten, die sich komplett als öffentliche Figur inszeniert haben“
Am kommenden Sonntag (15.12.) zeigt das Filmbüro NW in Köln in Gedenken an Lutz Hachmeister dessen Dokudrama „The Real American - Joe McCarthy“ von 2011. Ich habe die Ehre, hinterher an einer Podiumsdiskussion über diesen frappant aktuellen Film teilnehmen zu dürfen. Der als Kommunistenjäger zu fragwürdiger Berühmtheit gelangte US-Senator McCarthy erwies sich in den frühen 1950er-Jahren als einer der ersten populistischen Politiker, der begriffen hatte, wie sich das Fernsehen als Instrument der Propaganda und der Selbstinszenierung als Held der Nation nutzen lässt. Die Aktualität von „The Real American“ wird auch im folgenden Interview deutlich, das ich mit Lutz Hachmeister seinerzeit geführt habe und das zuerst am 20.1.2012 in der „Funkkorrespondenz“ (die später „Medienkorrespondenz“ hieß) erschienen ist.
Nach Joseph Goebbels, über den Sie 2005 die Dokumentation „Das Goebbels-Experiment“ gedreht haben, widmen Sie sich mit Joe McCarthy nun erneut einer propagandapolitisch einflussreichen Figur. Obwohl sich diese Personen politisch überhaupt nicht vergleichen lassen: War der Impuls, sich mit ihnen zu beschäftigen, ähnlich?
Was McCarthys historische Bedeutung angeht, muss man differenzieren: Sein Einfluss beschränkt sich letztlich auf die Zeit zwischen 1950 und 1954, danach hat er zwar bis zu seinem Tod 1957 noch im US-Senat gesessen, allerdings, ohne noch wahrgenommen zu werden. Bemerkenswert ist, dass sein Name auch für die Verfolgung Andersdenkender in Phasen steht, in denen er keinen Einfluss hatte, der Begriff McCarthyismus wird sogar rückwirkend für Vorgänge in der Zeit vor 1950 angewandt.
Insofern ist dieser weit verbreitete Begriff also eigentlich irreführend.
Ja, aber immerhin war McCarthys Wirkung in diesen vier Jahren so groß, dass er, wie es mal jemand formuliert hat, der einzige US-Politiker war, der es geschafft hat, einen „-ismus“ zu prägen. Von einem Nixonismus oder Kennedyismus ist beispielsweise nie die Rede gewesen. Bei Ronald Reagan hat es wenigstens zu „Reagonomics“ gereicht. Es gibt aber, um noch einmal auf das Stichwort Goebbels zurückzukommen, tatsächlich einen Link zwischen NS-Verbrechern und McCarthy. Eine meiner ersten Dokumentationen habe ich über das NS-Kriegsverbrechergefängnis im oberbayerischen Landsberg gedreht; der Film lief 2002 unter dem Titel „Das Gefängnis. Landsberg und die Entstehung der Republik“ in der ARD. Während der Recherchen las ich, dass McCarthy sich für ehemalige SS-Führer und andere inhaftierte NS-Leute eingesetzt hatte. Weil ich herausfinden wollte, was einen amerikanischen, wenn auch konservativen Senator dazu bewegt, habe ich überhaupt erst angefangen, mich für diese Person zu interessieren. Als ich mich mit seiner Biographie beschäftigt habe, habe ich erfahren, dass McCarthy sich mit 48 Jahren zu Tode getrunken hat. Diese Geschichte erschien mir wie eine Parabel über Populisten, und das mich gereizt.
War McCarthy ein medialer Pionier?
Er war sicher eine der ersten, der die Massenpresse und vor allem das frühe Schwarzweiß-Fernsehen als Instrument der Propaganda begriffen hat. Man sieht in dem Film ja beispielsweise, wie McCarthy Journalisten zu sich nach Hause einlädt, um für sie Spaghetti zu kochen. McCarthy war auch einer der ersten, die sich komplett als öffentliche Figur inszeniert haben. All das, was man heute in großer Potenz vielleicht dem Facebook-Zeitalter zuschreiben würde, also das sich selbst veröffentlichen in einem sehr starken Maße, hat er in den 1950er Jahren schon vorexerziert.
McCarthys Verhöre mutmaßlicher Kommunisten liefen im Fernsehen. Wurden sie live übertragen?
Es lief nicht alles live, weil das technisch natürlich sehr viel komplizierter war als heute, aber er war eine im Fernsehen schon sehr signifikant präsente Figur. Er hat da sehr viel von Richard Nixon gelernt. Der war ja ohnehin sein großes politisches Vorbild, und zwar in vielerlei Hinsicht - etwa, was den antikommunistischen Kreuzzug angeht und die taktisch geschickte Nutzung dieses Themas. Als Nixon kurzzeitig der Korruption verdächtigt wurde, hielt er im Fernsehen die sehr anrührende so genannte Checkers-Rede, benannt nach seinem Cocker Spaniel. Nixon sagt in dieser Rede, dieser Hund sei das einzige Geschenk gewesen, das er je angenommen habe. Bei ihm hat sich McCarthy sehr genau abgeschaut, wie man das Fernsehen nutzen kann und wie man einen direkten Kontakt zur Bevölkerung bekommt. Im Grunde fand er das noch viel faszinierender als die Presse, weil man da immer dazwischen geschaltete Agenten oder Gatekeeper hat. Im Fernsehen eröffneten sich ganz andere Möglichkeiten. Das ist ja auch etwas, was Gerhard Schröder immer wieder betont hat: Dass die Wahlkampfrede und das Fernsehen für populistische Politiker leichter zu handeln sind als publizistische Formen, bei denen jemand dazwischenfragt und dann auch noch schreibt, was er will.
Was war an den Verhören außergewöhnlich?
Im Film kommt ja raus, dass dafür sogar geprobt wurde. McCarthy hat nicht nur sich selbst inszeniert, er hat die Sitzungen inszeniert. Er hat zunächst mal Zeugen in nicht-öffentlicher Sitzung vernommen, um sie auf ihre Kameratauglichkeit zu prüfen. Die entscheidende Frage war: Gibt der etwas her für eine spektakuläre Anschuldigung? Erst dann wurde entschieden, welche Zeugen öffentlich vorgeführt und damit eventuell auch unter Kamerabeobachung gestellt werden. Das war strategisch schon sehr genau durchexerziert,
Obwohl das ZDF den Film coproduziert hat, ist von deutscher TV-Ästhetik nichts zu spüren. Der „Look“ mutet international an.
Das war das Ziel. Wir haben den Film an den Smithsonian Channel verkauft, ein Joint Venture zwischen CBS und dem Smithsonian Institute. Außerdem hat BBC Worldwide den Film gekauft. Offensichtlich ist uns der internationale Look gelungen, sonst wäre das nicht möglich gewesen. Natürlich hat das auch damit zu tun, dass wir den Film komplett auf Englisch gedreht haben und einige Schauspieler in Großbritannien bekannt sind.
Welche Ambitionen hatten Sie auf inhaltlicher Ebene?
Mir war es wichtig, tatsächlich die gesamte Geschichte zu erzählen, also mehr als das, was man aus den konventionellen 45-Minuten-Dokumentationen über McCarthy kennt. McCarthy hat die politischen Dimensionen seines Handelns komplett unterschätzt, er war ein Populist, der wie ein Komet aus dem Nichts kam, nur drei, vier Jahre die Öffentlichkeit geprägt hat und dann wieder verschwand. Während Populisten vom Schlage Hitlers - abgesehen davon, dass ein politischer Vergleich abwegig ist - einfach viel länger brauchen, ihr Vorhaben viel strategischer angehen und die Macht viel eindeutiger an sich reißen. Das sind schon zwei ganz unterschiedliche Klassen von Populisten. Wir können auch Berlusconi ins Feld führen, der sich wirklich lange gehalten hat. Populismus ist ja eine Spielart des Politischen, die durchaus ernst zu nehmen ist. Wenn er funktionieren soll, braucht man aber auch einen realpolitischen Unterbau, man muss auch auf klassisch politische beziehungsweise politisch-ökonomische Koalitionen achten. Das trifft auf Berlusconi sicherlich zu, das trifft auf Hitler zu, aber dafür war McCarthy weder intelligent noch radikal genug. Als er ab zirka 1953 begann, das eigene Lager gegen sich aufzubringen, weil er die Armee, die Regierung und die CIA als kommunistisch infiltriert bezeichnet hatte, hatte er keinerlei politischen Rückhalt. Insofern ist es nur zwangsläufig, dass er an seinem Populismus auch gescheitert ist.
Warum gab es bisher eigentlich keinen, wie Sie sagen, „abendfüllenden Film“ über McCarthy?
Ich kann darüber nur spekulieren. Henry Kissinger sagt ja im Film, dass RIchard Nixon viel gelesen und sich in Büchern Auszüge unterstrichen hat, während McCarthy kein einziges Buch zu Hause hatte. Nixon gilt möglicherweise deshalb als eine faszinierende intellektuelle Figur, während McCarthy als das reine amerikanische Böse wahrgenommen wird. Vielleicht verkörpert er das so signifikant, dass es Barrieren gab, sich dieser Person zu nähern.
In Ihrem Film behauptet die Bestsellerautorin und Kolumnistin Ann Coulter, die als Verfechterin rechter Positionen Dauergast in US-Talksendungen ist, das öffentliche Bild von McCarthy sei komplett falsch. Ist das eine Minderheitenposition?
Nicht nur Coulter sagt das. Bei den Republikanern gibt es einen Flügel, der ihn zu rehabilitieren versucht.
Der Watergate-Enthüller Carl Bernstein bezeichnet McCarthy in Ihrem Film als „Märchenonkel und Alkoholiker“. Wenn man heute die Archivbilder der öffentlichen Auftritte betrachtet, die Sie ausgewählt haben, sieht man McCarthy den Alkoholismus deutlich an. War es damals egal, wenn ein Politiker im Fernsehen einen verkaterten bis angetrunkenen und somit leicht derangierten Eindruck hinterließ, oder hat man das gar nicht wahrgenommen?
Ich glaube, das war stärker akzeptiert als heute. Es gab die Tradition des Two-drink-lunch, zu der gehörte, dass zum Mittagessen zwei harte Martinis getrunken wurden, was umgerechnet, glaube ich, acht bis zwölf Schnäpse sind. Da würden heute selbst hartgesottene Politiker den Nachmittag nicht überstehen.
Zum Ende des Films gibt es eine Szene, in der McCarthy sagt, sein Arzt habe ihm verboten, auch nur noch ein weiteres Glas Alkohol zu trinken, andernfalls würde er sterben. Dann trinkt er auf Ex ein Glas Wodka aus. Ist es erwiesen, dass McCarthy gezielt Suizid durch Alkohol begangen hat?
Ja. Das sagt in dem Film auch Thomas Reeves, der profilierteste McCarthy-Biograph. Übrigens kein linker, sondern ein liberal-konservativer Historiker.
War McCarthy depressiv?
Ich bin kein klinischer Psychologe, aber es gibt bei ihm sehr starke Anklänge an eine manisch-depressive Figur. Nach außen gibt er immer den fröhlichen, trinkfesten Kumpel, und dann merkt er auf einmal, wie ihm jegliche politische Basis entzogen wird und die eigene Partei und auch die Regierung mit harten Mitteln gegen ihn vorgehen. Die CIA wird ja richtiggehend eingespannt, um ihn zu erledigen, nachdem er angedroht hatte, die CIA ins Visier zu nehmen. Das war ein harter politischer Kampf, den McCarthy nicht bestanden hat. Dafür war er nicht ausgebufft genug.














