Berlin 2026
Andere leiden am Trump-Derangement-Syndrome, ich dagegen leide am "die Achtziger waren so Scheiße"-Wahn.
Damals schwappte der NYC-Sprayer-Kram nach Europa. Fand ich toll. Und bin heute wirklich erschrocken, was für einen schlechten Geschmack ich damals hatte, wenn ich mir die plumpen, handwerklich schlechten Sachen ansehe, die man damals z.B. in den Fotos von Martha Cooper zu sehen bekam.
In Koblenz eröffneten zwei junge Juden in einer alten Billardhalle einen Laden, der "Graffiti" hieß, was mich Sprachpuristen schon nervte, weil es meiner Meinung nach "Sgraffito" hätte heißen müssen. Da saß man unter brutalem Metzger-Neonlicht an Tischen aus Chirurgen-Stahl und glotzte auf die Arbeiten von örtlichen Sprayern.
Nix für mich, den soziophoben Einzelgänger, der sich am liebsten in einer Blockhütte im Wald verkrochen hätte. Aber ich folgte natürlich meiner damaligen Freundin in diesen Laden und fühlte mich aus Liebe unwohl.
Dann zogen wir nach Bonn in die WG mit der schlechten Aura, in eine Wohnung, in der zuvor die Vertreter der Taliban/Mudschaheddin ihre Klüngeleien mit der deutschen Regierung angebahnt hatten. In deren ehem. "Informationsbüro." Jetzt unsere Wohnung.
Keine gute Zeit. Ich hatte meine Droge noch nicht gefunden, rauchte stattdessen diese Hasenscheiße von Haschisch und trank zuviel und nervte meine Mitbewohner mit Arvo Pärt. Tabula Rasa, immer wieder. Arvo Pärt, den ich damals entdeckte und auch heute noch toll finde. Die Uni dagegen fand ich unerträglich; meine damaligen Mitbewohner haben sich umgebracht oder arbeiten heute als angepaßte Doktor Phils im Wissenschaftsbetrieb und machen wahrscheinlich jeden Nazigender- und Links-Antisemitismus-Scheiß mit.
Mich rettete das Militär, das mir erstmals klarmachte, wie schwer es ist, anzustinken gegen die Macht, vor allem, wenn man vor Erschöpfung nur noch ans Schlafen und Essen denkt. Nochmal furchtbare Zeit, in der auch noch "You're in The Army Now" der große Sommerhit war. Was ich nicht bereue, ist, den Umgang mit Maschinengewehren, -pistolen und Panzerfäusten erlernt zu haben. Und zu sehen, wieviel Kraft in meinem dürren Marathon-Körper steckte, im Vergleich zu den Mitmenschen. Und wie schwer es für einen wie mich ist, sich einzufügen, selbst wenn er es aus Erschöpfung eigentl selber will. Aber ich komme halt nicht an gegen meine Individualisten-Gene.
Graffiti hatte ich weiter so im Vorbeigehen im Blick. Ich finde, ein Künstler muß nicht unbedingt ein neues kulturhistorisches Kapitel aufschlagen. Er soll gute Arbeiten abliefern. Aber der Scheiß, den die Zeitgenossen hier in Berlin hinterlassen, ist doch nicht auszuhalten.
Nur dieser eine Typ, dessen Arbeit man auf meinem Bild oben sieht, hat meiner Meinung nach eine Existenzberechtigung. Einfache Mittel, gut gemacht, ganz was Neues (soweit ich Berliner Provinzler das beurteilen kann.) Dagegen finde ich Banksy mit seinem vorgelutschten Schablonen-Käse und seinem angepaßt links-Nazi-Weltbild langweilig.
Arvo Pärt lege ich noch immer gerne auf. Meine Droge, tolles Zeug, (und meine innere Ruhe) habe ich gefunden, konsumiere sie aber nicht mehr. Na gut, dafür saufe ich mehr Kaffee als Balzac, in armes Suchtschwein und bin derart tabakabhängig, daß mir der Feinschnitt sogar aus der Unterhose fällt, wie ich immer wieder feststellen muß, wenn ich mal ein Steh-Pissoir benütze.
Und bin so froh, daß die Achtziger vorbei sind. Gott, bin ich froh.