Diverse MissverstÀndnisse
FĂŒr Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau definieren, gibt es das "dritte Geschlecht". ZEIT-Recherchen zeigen, es sind viel weniger als angenommen. Sind fĂŒr sie eigene Toiletten, Sportwettbewerbe und das Gender-Sternchen nötig?Eine Analyse von Martin Spiewak
Dieser Entscheid des Bundesverfassungsgerichts war mutig, die Bedeutung des Urteils historisch, seine Reichweite bemerkenswert. Bis zum 10. Oktober 2017 gab es in Deutschland zwei Geschlechter, seither gibt es offiziell eine dritte Option. Denn die Richter in Karlsruhe beschlossen: Menschen, die sich dauerhaft weder als Mann noch als Frau definieren, haben das Recht, sich dies amtlich beglaubigen zu lassen. Rund 160.000 Menschen, schĂ€tzten die HĂŒter der Verfassung, könnten von ihrem Spruch betroffen sein.
Seitdem fragen sich viele Behörden, Unternehmen und Vereine, welche Konsequenzen das Urteil nach sich zieht. Ăberraschend viele haben darauf schon eine Antwort:
âą Die bayerischen Gemeinden Pullach, Garching und Taufkirchen erwĂ€gen, neu zu bauende Grundschulen mit drei Toilettenarten auszustatten. SchlieĂlich werde es in Zukunft, argumentierte eine Schulberaterin, Kinder geben, "die sich stolz mit dem dritten Geschlecht identifizieren werden".
âą Um Diskriminierungsklagen abzuwenden sowie neue Mitarbeiter zu gewinnen, empfehlen Personalberatungen, fĂŒr neue Stellen neben mĂ€nnlichen und weiblichen auch geschlechtlich "diverse" Mitarbeiter zu umwerben. Viele Unternehmen und Behörden folgen dem Rat. So sucht die MĂŒllabfuhr in GieĂen per Anzeige eine "MĂŒlllader*in", Siemens wirbt fĂŒr seinen Betriebsnachwuchs genderneutral um Elektroniker (m/w/d).
âą Die Stadt Hannover rĂ€t ihren Mitarbeitern per Sprachleitfaden dringlich dazu, möglichst "geschlechtsumfassend" zu formulieren ("Redepult" statt "Rednerpult"). Ist das nicht möglich, sollen die Beamten in Vordrucken und Rundschreiben das Gender-Sternchen ("WĂ€hler*innen") verwenden fĂŒr alle, die sich durch die bisherige binĂ€re Geschlechtszuweisung nicht angesprochen fĂŒhlen.
Konsequent gedacht, lassen sich die AnwendungsfĂ€lle der neuen Geschlechtergerechtigkeit betrĂ€chtlich ausweiten: Welche Polizisten dĂŒrfen eine intersexuelle Person durchsuchen? Wie sieht es mit Obdachlosenhilfe aus, wo es bloĂ UnterkĂŒnfte fĂŒr MĂ€nner oder Frauen gibt? Und braucht es fĂŒr Förderpreise, Sportwettbewerbe und paritĂ€tisch besetzte Gremien nicht ebenso drei Kategorien?
Im Prinzip vielleicht â praktisch eher nicht. Denn mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit werden sich keine Kandidat*innen eines dritten Geschlechtes melden. Auch die Toiletten fĂŒr intersexuelle Nutzer werden so gut wie immer ungenutzt bleiben. Und das Wetteifern vieler Firmen um "diverse" Bewerber dĂŒrfte meist ins Leere laufen â Ă€hnlich wie alle gut gemeinten BemĂŒhungen, in Reden und Schreiben per Gender-Sternchen auch ein zwischengeschlechtliches Publikum anzusprechen.
Der Grund: Die Zahl der intersexuellen Menschen, die sich weder dem einen noch dem anderen Geschlecht zuordnen, ist sehr viel geringer, als allgemein angenommen wird. Weder handelt es sich um 160.000 noch um 16.000 Personen: Womöglich sind es nicht einmal 1600 â in ganz Deutschland.
Rund 150 FĂ€lle in ganz Deutschland
Konkrete Hinweise dazu liefern die StandesĂ€mter. Sie sind fĂŒr den Geschlechtseintrag zustĂ€ndig. In seiner Entscheidung 2017 verpflichtete das Verfassungsgericht den Gesetzgeber, im Geburtsregister eine neue Kategorie zu schaffen. Bis dahin gab es nur die EintrĂ€ge "mĂ€nnlich", "weiblich" sowie "offen". Geklagt hatte Vanja, eine intersexuelle Person, die sich weder als Mann noch als Frau fĂŒhlt und das unbestimmte "offen" als diskriminierend empfand. Die Richter gaben Vanja recht und forderten eine "positive" Bezeichnung. Seit Ende 2018 gibt es sie. Menschen wie Vanja können sich nun als "divers" eintragen lassen; auch Eltern, deren Kinder mit unbestimmtem Geschlecht geboren werden, können diese Kategorie nutzen.
Nach gut vier Monaten lĂ€sst sich sagen: Es gibt nur sehr wenige Vanjas. Eine Nachfrage der ZEIT bei den StandesĂ€mtern der elf gröĂten deutschen StĂ€dte ergibt: Insgesamt haben 20 Personen beantragt, ihren Geschlechtseintrag auf "divers" Ă€ndern zu lassen (Stand Mitte April). Neun von ihnen leben in Berlin, zwei in MĂŒnchen. Rechnet man die Zahlen, die von Ă€hnlichen Umfragen bestĂ€tigt werden, auf ganz Deutschland hoch, sind es rund 150 FĂ€lle. Eltern intersexueller Neugeborener, die ihr Kind als divers eintragen lieĂen, gibt es in den befragten StĂ€dten bislang keine.
Gewiss könnten sich in Zukunft mehr Intersexuelle entscheiden, das neue Gesetz zu nutzen. SchlieĂlich benötigen die Betroffenen ein medizinisches Gutachten, das ihnen eine "Variante der Geschlechtsentwicklung" bescheinigt. Das Thema galt zudem lange Zeit als tabu, einige Betroffene könnten sich noch scheuen, ihre IntersexualitĂ€t öffentlich zu machen. Doch selbst wenn man all dies mitrechnet: Mit einer Fallzahl von ĂŒber 1000 Betroffenen rechnet kaum jemand.
160.000 vermutete versus einige 100 reale Menschen, die sich dem dritten Geschlecht zuordnen: Wie ist dieser Widerspruch zu erklĂ€ren? Was bedeutet das Votum des Verfassungsgerichts konkret, wenn der Kreis der Betroffenen nicht 0,2 Prozent der Bevölkerung umfasst, sondern eher 0,002 Prozent? Und wer ist dafĂŒr verantwortlich, dass sich das biologische PhĂ€nomen der IntersexualitĂ€t und die öffentliche Debatte darum so weit entkoppeln konnten?
Die Antwort lautet: die oberflĂ€chliche Recherche des höchsten deutschen Gerichts, die gute Lobbyarbeit der wirklich Betroffenen sowie das weit verbreitete UnverstĂ€ndnis fĂŒr ein extrem komplexes medizinisches Syndrom.
IntersexualitĂ€t ist der Oberbegriff fĂŒr eine Vielzahl von Diagnosen und Unterdiagnosen. Die internationale medizinische Klassifikation ICD-10 nennt rund fĂŒnfzig verschiedene Syndrome, von denen die meisten extrem selten vorkommen: mal fehlen Chromosomen, mal sind welche ĂŒberzĂ€hlig, bei anderen Betroffenen versagen bestimmte Hormonrezeptoren. Anders als bei Transsexuellen, die im falschen Körper leben, deren GeschlechtsidentitĂ€tsstörung aber bislang wissenschaftlich nur schwer erklĂ€rbar ist, hat IntersexualitĂ€t also stets eine konkret benennbare biologische Ursache. Nicht selten Ă€uĂert sich diese schon bei der Geburt. So kommen einige Betroffene mit auffĂ€llig geformten Genitalien zur Welt, mit einem sehr kleinen Penis oder einer ĂŒbergroĂen Klitoris. Andere Intersex-Formen machen sich erst spĂ€ter bemerkbar, etwa wenn auffĂ€llt, dass die Ă€uĂeren nicht zu den inneren Geschlechtsmerkmalen passen. Oder wenn bei Frauen Testosteronwerte wie bei MĂ€nnern gemessen werden. Aktuell geriet die sĂŒdafrikanische LĂ€uferin Caster Semenya deswegen erneut in die Schlagzeilen, ein Sportgericht entschied vergangene Woche, dass die Doppelolympiasiegerin aus FairnessgrĂŒnden ihre Hormonwerte mit Medikamenten senken mĂŒsse.
Fachleute fassen all diese PhĂ€nomene unter den Sammelbegriff "Störungen oder Besonderheiten der Geschlechtsentwicklung" (englisch abgekĂŒrzt DSD) zusammen. Wie viele Kinder mit einer dieser AuffĂ€lligkeiten auf die Welt kommen, ist umstritten. Die Verfassungsrichter nannten die HĂ€ufigkeit von einem Fall auf 500 Neugeborene (und kamen so auf 160.000 Betroffene in Deutschland). Die Zahl stammt aus einem Artikel aus dem Pschyrembel, einem allgemeinen medizinischen Lexikon. Spezielle Fachartikel allerdings gehen â je nachdem, welche Befunde man unter die DSD-Kategorie fasst â von einer HĂ€ufigkeit von 1:2500 oder 1:5000 aus. Auf diese Zahl etwa kamen LĂŒbecker Wissenschaftler, als sie die Intersex-FĂ€lle in deutschen Geburtskliniken zĂ€hlten.
Hier also liegt das erste MissverstĂ€ndnis: Die Gruppe der von einem DSD-Syndrom Betroffenen ist deutlich kleiner als gemeinhin angenommen. Das zweite ist folgenreicher. So gut wie alle, die sich in Politik und Ăffentlichkeit mit dem Thema IntersexualitĂ€t befassen, gehen davon aus, dass ein groĂer Teil der medizinisch Betroffenen sich weder als Mann noch als Frau definiert, sondern als etwas "Drittes". Das jedoch ist keineswegs der Fall. "Menschen mit einer Besonderheit der Geschlechtsentwicklung ordnen sich fast immer einem der beiden Geschlechter zu", sagt Olaf Hiort, DSD-Experte an der Uni-Klinik LĂŒbeck.
Eine Minderheit innerhalb einer kleinen Minderheit
Anders formuliert: Wer medizinisch als Intersexueller gilt, ist es gendermĂ€Ăig noch lange nicht. Die meisten Betroffenen meiden das Wort vielmehr, so wie sie frĂŒher den Begriff "Zwitter" gemieden haben. Um das zu erfahren, reicht ein Anruf bei der AGS-Eltern- und Patienteninitiative. Sie vertritt Menschen mit dem Adrenogenitalen Syndrom, einer hormonellen Störung, die relativ hĂ€ufig vorkommt.
Doch kaum hat man das I-Wort am Telefon ausgesprochen, heiĂt es mit genervtem Unterton: "Sie sind bei uns falsch, wir sind keine Intersexuellen!" Ăhnliche Reaktionen erlebt, wer sich bei anderen gröĂeren Betroffenenvereinen erkundigt, etwa jene fĂŒr das Turner- oder das Klinefelter-Syndrom.
Beim Adrenogenitalen Syndrom zum Beispiel produziert der Körper zu viele mĂ€nnlich wirkende Sexualhormone. Das fĂŒhrt bei den betroffenen MĂ€dchen oft dazu, dass sie mit einer vergröĂerten Klitoris geboren werden â bei einigen kann sie sogar einem Penis Ă€hneln. Vagina und Harnröhre sind manchmal verschmolzen. Zurzeit tobt ein erbitterter Streit darĂŒber, ob man diese AuffĂ€lligkeiten per Genital-OP korrigieren darf. Wenig Zweifel gibt es jedoch daran, dass Betroffene nur Ă€uĂerst selten mit ihrem Geschlecht hadern. Die AGS-MĂ€dchen erlebten eine normale weibliche PubertĂ€t, viele von ihnen bekĂ€men spĂ€ter selbst Kinder, sagt Oliver Blankenstein, Kinderarzt und Hormonexperte an der Berliner CharitĂ©. "AGS-MĂ€dchen verhalten sich oft jungenhafter. Einige wenige wechseln spĂ€ter das Geschlecht", sagt der Mediziner. "Ich kenne aber keine aus der Gruppe, die sich als zwischengeschlechtlich definiert."
Experten wie Blankenstein und Hiort schĂ€tzen die Zahl derjenigen, die sich selbst in Deutschland von der geschlechtlichen Ausrichtung als intersexuell sehen, auf einige Hundert. Als ein europĂ€isches Forscherkonsortium 2015 fĂŒr eine umfassende Studie (DSD-Life)Personen mit einem intersexuellen Syndrom nach ihrem Gesundheitszustand befragte, erhob es auch Daten zur GeschlechtsidentitĂ€t. Von den insgesamt 1040 DSD-Befragten definierten sich zwölf als "intersexuell", die ĂŒbergroĂe Mehrheit kreuzte "mĂ€nnlich" oder "weiblich" an.
Solche Studien spielen bei der Diskussion um das dritte Geschlecht ĂŒberraschenderweise keine Rolle. Unter den Experten, die das Bundesverfassungsgericht fĂŒr sein Urteil befragte, war keiner der Mediziner und Wissenschaftler, die sich mit dem Thema tagtĂ€glich beschĂ€ftigen. Die öffentliche Debatte dominieren vielmehr Gendertheoretiker, Kulturwissenschaftlerinnen sowie eine kleine Gruppe Aktivisten, die sich tatsĂ€chlich weder als Mann noch als Frau sehen.
Viele dieser Menschen verbinden schlimme Erfahrungen mit der Medizin. Sie wurden als Kind in ein Geschlecht gepresst, ohne Zustimmung an ihren Genitalien operiert, mitunter ihrer Fruchtbarkeit beraubt. Trotz unzÀhliger Arztbesuche erklÀrte ihnen oft niemand, was ihre vermeintliche Krankheit sei.
Betroffenen, wie etwa den im Verein Intersexuelle Menschen organisierten, gebĂŒhrt das groĂe Verdienst, all dies öffentlich gemacht zu haben und das Thema aus der Tabuzone befreit zu haben. Deren ehemalige Vorsitzende, Lucie Veith, wurde vor zwei Jahren von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes mit einem Preis geehrt. Ohne ihren Kampf hĂ€tte das Verfassungsgericht kaum das "dritte Geschlecht" etabliert. Selten hat eine so kleine Gruppe von Menschen in so kurzer Zeit politisch so viel erreicht.
Nur sollte ebenso klar sein: Diese Aktivisten können nicht fĂŒr alle Menschen sprechen, die mit der Diagnose IntersexualitĂ€t geboren wurden. Denn sie bilden eine kleine Minderheit innerhalb einer kleinen Minderheit. Zwar ist das Recht auf geschlechtliche IdentitĂ€t keine Frage der Zahl der Betroffenen. Doch die Bedeutung eines Themas in der Ăffentlichkeit hĂ€ngt schon davon ab, ob es um die HĂ€lfte der Menschheit geht oder um ein Promille. Jeder Mensch soll sich â gerade in seinem Pass â als das bezeichnen dĂŒrfen, was er meint zu sein. Die dritte Geschlechtsoption ist deshalb eine notwendige und hilfreiche Kategorie, gegebenenfalls auch fĂŒr Menschen, die biologisch nicht intersexuell sind, die traditionelle Mann-Frau-Einteilung aber fĂŒr sich trotzdem ablehnen. Selbst dann werden es allerdings sehr wenige bleiben.
Das sollte man wissen, bevor die Toiletten der Republik umgebaut, neue UmkleiderĂ€ume und Duschen eingerichtet und sĂ€mtliche Formulare und Gesetze verĂ€ndert werden. Bevor man jeden Schreib- und Sprechakt, in dem MĂ€nner und Frauen, MĂ€dchen und Jungen vorkommen, um das dritte Geschlecht erweitert â etwa per Gender-Sternchen. Und bevor jene gerĂŒgt werden, die all dies hĂ€ufig fĂŒr ĂŒbertrieben halten.