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mc nais
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Vor kurzem war ich mit der Urmutter beziehungsweise Großmutter meiner Gastfamilie und einem ihrer Söhne, wobei dieser nur als Fahrer agierte, einen anderen Teil der Familie besuchen. Die Familienverhältnisse waren schwer zu verstehen, deshalb jetzt auch schwer wiederzugeben, aber es ging in Richtung Schwestern der Mutter und deren Töchter plus Enkel und angeheiratete Familienmitglieder. Nach einer recht langen Autofahrt im Feierabendverkehr, fanden wir, nachdem wir uns bei anderen Mietern erkundigten nach dem dritten Versuch die Wohnung der Verwandten. Dort wurden wir von allen, die nicht gerade die Grippe hatten oder in der Küche waren, herzlich begrüßt und sofort wurden Chai und Weißbrot serviert. Mir gegenüber saß ein 5 jähriges, sehr schüchternes Mädchen das mich die ganze Zeit beobachtete, aber immer, wenn ich sie anlächelte sofort hinter ihrer Mutter verschwand. Als diese mitkriegte, dass ich an einer Grundschule in Sbata, unserem Viertel in Casablanca Englisch unterrichte, drängte sie mich sofort mit ihrer Tochter ein bisschen zu üben. Vorsichtig, weil ich mittlerweile um die realistischen sprachlichen Fähigkeiten von Kindern in diesem Alter weiß, wagte ich ein 'What's your name?', mit der Folge, dass sich das Mädchen augenblicklich wieder bei ihrer Mutter versteckte. Nach ziemlich genau einer Stunde war für dieses Mal, nach arabischer Manier, also laut und sehr schnell, genug Klatsch und Tratsch ausgetauscht worden und wir machten uns an die Verabschiedung. Als wir es endlich geschafft hatten und fast aus der Tür waren, kam die Kleine angerannt, drückte mir ihren Schal in die Hand , flüsterte ihrer Mutter zu ob sie mich für den darauffolgenden Tag noch einmal einladen könne und verschwand danach schnell wieder im Nebenzimmer. Vollkommen perplex nahm ich ihn und trat unter Entzückungsrufen der Anwesenden und weiteren Verabschiedungsfloskeln aus der Tür. Später wurde mir bewusst, dass das ein sehr großes Geschenk des Mädchens an mich war, das kein Wort mit mir gewechselt hatte und mir trotzdem eines ihrer, dem Anschein nach gerne getragenen, Kleidungsstücke schenkte. Später als wir mit der Familie zum Essen fuhren (zu acht in einem VW Polo), gestand ich meinem Koordinator, dass ich ein schlechtes Gewissen habe und den Schal gerne zurück geben würde. Da fing er schallend an zu lachen und übersetzte meine Zweifel dem restlichen Auto worauf diese mit einstimmten. Als sich alle etwas beruhigt hatten wandte sich der kleine, Achmed an mich: 'Si quelqu'un te donne un cadeau, tu prends. C'est pas grave.' In diesem Moment fühlte ich mich, als wäre er zwölf Jahre älter als ich und nicht umgekehrt.
Ein anderes Beispiel: Gestern war ich gerade dabei diesen Text zu schreiben, als Toufer mit 3 Paar Schuhen herein kam und meinte ich solle mir welche aussuchen. Ich versuchte ihm zu erklären, dass ich das nicht annehmen könne, worauf er erst verstand, dass sie die falsche Größe hätten und dann, dass sie mir nicht gefielen und ich ein anderes Modell haben wolle. Dass ich das Geschenk nicht annehmen wolle, kam ihm nicht einmal in den Sinn.
Um einige weitere zu nennen: Vor kurzem war ich mit dem Gastbruder im Café, als ein junger Mann zu mir kam, mir ein Armband umband und wieder verschwand. Ein anderes Mal liefen wir zusammen über den Markt, als die Stände gerade dabei waren zu schließen und ein Händler drückte mir ein Paar Socken in die Hand. Ähnliches habe ich öfters auch mit Obst, Brot oder Süßigkeiten erlebt.
In den gesamten achtzehn Jahren, in denen ich in München lebe, ist mir das wahrscheinlich ebenso oft passiert. Natürlich spielt dabei auch eine Rolle, dass ich als blondes Mädchen hier eine Besonderheit bin, trotzdem ist die Mentalität eine andere. Wenn man demjenigen der bezahlt hat, zum Beispiel im Restaurant oder Taxi, Geld geben will, antwortet dieser oft: 'Ich bin doch kein Europäer!'
Warum gibt es hier so große Unterschiede? Oder anders gefragt, wann haben wir die Kultur des Schenkens aufgegeben?
Es ist eine der einfachsten und ältesten Formen der Kommunikation, die in Deutschland oder generell großen Teilen der westlichen Welt langsam verloren geht. Schenken zeigt nicht nur Zuneigung oder Interesse, es baut auch Beziehungen auf oder festigt diese, da instinktiv die subtile Hoffnung entsteht, etwas zurückzubekommen. Sei es ein Geschenk des zuvor Beschenkten, eine Unterhaltung, ein Lächeln oder Respekt der Umstehenden- etwas zu Geben bringt Reaktionen hervor, die in der Regel positiv sind.
Da viele Menschen in Europa diese Gewohnheit aus Gründen falsch angesetzter Rationalisierung abgelegt haben, fällt uns mittlerweile der gesamte Prozess schwer, folglich auch das Annehmen von Geschenken. Wir haben in diesen Momenten ein Gefühl der Ungleichheit das wir nicht ertragen können- entweder haben wir etwas gegeben, ohne die vollständige Gewissheit zu haben es je wieder zurückzubekommen, oder wir fühlen uns dem Gegenüber verschuldet und verpflichtet, also unterlegen. Mit nicht-physischen Geschenken sind wir hingegen lange nicht so geizig beziehungsweise zurückhaltend. Summa summarum zahlt-und balanciert sich dies anscheinend auch die gesamte Menschheitsgeschichte aus. Warum haben wir im mittleren Westen dann, sobald es um materielles Geben und Nehmen geht, jegliches Vertrauen verloren?

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ya lili
Marokko- das Land in dem Hello Kitty Plüsch Pyjamas ebenso ein fester Bestandteil des Straßenbildes sind, wie Dschellabas, die traditionellen Kleider für Männer und Frauen. Wenn man auf den Boden schaut, kann man von meist sehr schrill imitierten Sneakern und kultigen Chemie Crocs über Gucci Slipper bis zu marokkanischen 'Aladin' Pantoffeln, alles entdecken, was man sich an Fußbekleidung vorstellen kann. Das ist hier möglich, da den Maghrebiner zwar das soziale Ansehen sehr wichtig ist, dieses aber anders als bei uns augenscheinlich keinesfalls mit der Kleidung in Verbindung steht. Dies heißt verbildlicht, dass innerhalb der Familie- aus Angst vor sozialer Degradierung- über die kleinsten Fauxpas geschwiegen wird, man aber wenigstens nicht befürchten muss schief angeschaut zu werden, wenn man auf der Straße in seinem Lieblings- Leopardenschlafanzug oder der durchlöchertsten Jogginghose herumläuft. Ob das ein Trost für vollkommen verklemmte Familienverhältnisse ist, bleibt offen. Nach einem Monat in einer marokkanischen Familie, wurden mir, da von mir als Europäerin keine Gefahr ausgeht, bereits von vier verschiedenen Mitgliedern ihre kleinen Geheimnisse anvertraut, die sie teilweise seit 15 Jahren oder mehr vor dem Rest hüten. Sie seien sich bewusst, dass auch die anderen ihre Mankos haben, sind jedoch überzeugt, dass ihr Geheimnis von niemand anderem jemals entdeckt wurde. Ich will nicht bestreiten, dass das nicht in europäischen oder vielleicht sogar allen Familien ähnlich ist, ich nehme mir jedoch das Recht heraus, zu behaupten, dass es hier bewusst ein bisschen naiver gehandhabt wird, als für ein auf Vertrauen basierendes Verhältnis nötig ist.
Wie kann es sein, dass es normal ist, dass die gesamte Großfamilie weiß, wann ihre Sprösslinge geschlechtsreif sind, um sie von da an zum Fasten zu zwingen, nie aber von simplen Dingen wie der oder dem ersten/m PartnerIn erfahren wird?
Wie alle Fragen die man sich hier stellt oder jemals stellen kann, kann man diese schnell mit einem Blick auf die 3 Heiligtümer Marokkos klären, die da wären:
Gott, der König und die Regierung (die Reihenfolge ist beliebig gewählt und spielt in der Wertung und Regelgebung keine Rolle, beziehungsweise kann je nach Situation und Usus getauscht werden).
Mit diesen magischen 3 lassen sich hier jegliche Bräuche und Entscheidungen unwiderruflich und unbestreitbar legitimieren.
In diesem speziellen Fall würde ich, wenn ich vor frustrierten Untertanen rechtfertigen müsste, warum sie in ihrer direkten Umgebung keine Vertrauten haben können, Gott beziehungsweise die Religion wählen. Alle Geheimnisse, die mir anvertraut wurden sind leichte bis gravierende Verstöße gegen die Gesetze des Islam, also haram. Aber macht es das Vergehen wirklich besser, wenn man es verschweigt? Und relativieren sich nicht vielleicht die Fehler, wenn jeder welche vorzuweisen hat?

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