Mozarts REQUIEM in der Elphi
Mozarts Requiem erstmalig in der Hamburger Elbphilharmonie: weil das Stück so berühmt und beliebt ist, gab es gleich drei Vorführungen an drei aufeinanderfolgenden Abenden. Es spielte das Elbphilharmonie Orchester unter Thomas Hengelbrock, es sang der Balthasar-Neumann-Chor. Hier kommen passend drei verschiedene Erlebniseindrücke:
Von uns Dreien war ich wohl am wenigsten präpariert für Mozarts Requiem. Ich hatte das Stück ein paarmal vorher gehört, ohne sonderlich davon berührt zu sein. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass dies anders ist, wenn man Mozarts Requiem in einem Kirchenbau hört, mehr über den Hintergrund des Stückes weiß etc. In der Elbphilharmonie war es natürlich wie immer toll, jeden einzelnen Ton zu hören, ob vom Orchester oder vom Chor, großartig. Aber es bleibt für mich etwas antike Kirchenmusik.
Keine Frage, wer dieses Stück im Zusammenhang mit einem Todesfall in der Familie- oder Freundeskreis hört, fühlt da ganz anders. Mich macht es auf jeden Fall neugierig, den Mozart-Film AMADEUS noch einmal zu gucken, weil Marcus noch weiß, dass das Requiem da ganz groß eingebaut wurde. Ansonsten freue ich mich einmal mehr über unsere Abos, um auch so ein Werk einmal live zu erleben, um das ich sonst eher einen Bogen gemacht hätte – Mozart und ich, wir werden wohl keine engen (Musik-)Freunde mehr in diesem Leben.
Über das quasi Vorspiel von Lutoslawski (Trauermusik zum Gedenken an Bela Bartok) sage ich nur so viel, dass ich diese Art von moderner klassischer Musik in die Schublade „Hermannsche Musik“ packe (jeder der DIE ZWEITE HEIMAT gesehen hat, wird wissen, was ich meine). Sehr schräg und eigenwillig. Gar nicht mein Ding. War zum Glück nach wenigen Minuten vorbei (und die Instrumente haben das auch alle überlebt). Der direkte Übergang zu Mozart war dann ein sehr netter Kniff von Hengelbrock.
Endlich Mozarts Requiem live, das hatte ich noch nicht erlebt, kein Wunder, denn meine Beschäftigungsphase mit klassischer Musik außerhalb Wagners ist ja noch nicht so alt. Wobei mir das Requiem schon seit Jahrzehnten gefällt, es spielt ja wie C. schon anmerkte eine große Rolle in dem tollen Film AMADEUS, den ich mindestens zehnmal gesehen habe. Die Szenen, wie Tom Hulce als Mozart auf dem Sterbebett liegt und seinem Erzrivalen eben dieses Requiem in die Feder komponiert und diktiert, sind bei mir auf ewig eingebrannt. Ich sag nur Confutatis maledicits...
Ich war also ein bisschen vorbereitet, hatte obendrein in den letzten Wochen das Werk immer wieder bei mir zu Hause gehört. Dennoch merkte ich gleich zu Beginn, dass ich einfach zu wenig weiß! Das Requiem ist viel komplexer als ich dachte, besonders, wenn Du Dich live so richtig drauf konzentrieren willst/musst. Mir gelang es streckenweise nicht, dranzubleiben, was den Gesamtgenuss leider nicht größer macht. Kollege Hengelbrock hatte sich auf jeden Fall ordentlich mit Tempo-Salbe eingerieben, das blieb auch dem Halblaien wie mir nicht verborgen. Der damit einhergehende Schisslaweng gefiel mir gut, belebte mich, aber für diesen Abend bekommt der Dirigent von mir den Namen Thomas Hechelbrock. Die Solisten gefielen mir bis auf den Tenor sehr gut, beim Chor konnten auch halbtaube Genossen raushören, wo der Qualitätshammer hängt.
Ein wirklich wundervoller, wie immer überragender Klang-Abend, der mich leider nicht so berühren wollte, wie ich es gern gehabt hätte. Als wir nach den ersten drei großen Applausblöcken das Weite suchten, stellten wir in den Gängen fest, dass Hechelbrock tatsächlich eine Zugabe spielte, hörte sich an wie eine Wiederholung eines Stückes aus dem Requiem. Das finde ich geht mal gar nicht! Das Stück steht doch so sehr für sich, da darf es hintendran nichts geben, genug ist genug! Da habe ich mich richtig drüber aufgeregt und war froh, nicht mehr im Saal gewesen zu sein...
Ein Requiem gehört für mich normalerweise in die Kirche. Das ist meine Ansicht und es wird wohl auch immer so bleiben. Trotz allem höre ich es auch mal im Zug oder daheim, wenn niemand stört. Dieses Requiem von Mozart ist so magisch anziehend, dass ich dafür auch mal in die Philharmonie pilgere, vor allem in die Elphi, die ja auf ihre besondere Art auch so eine heilige Halle ist.
Die Entstehung sowie die Vollendung dieser Totenmesse ist nun wirklich einmal sagenhaft, mystisch und spannend. Es ist Mozarts letztes Werk und er hat gewusst, dass er es nicht vollenden kann und hat bestimmt, wer es für ihn vollenden soll und wie. Es ist ein Requiem, welches er sicherlich vor allem auch für sich schrieb und ich wage es zu sagen, dass man genau das hört.
Es schmerzt, es bedrückt, aber es ist andererseits auch so umwerfend wunderschön, dass man es an manchen Stellen kaum ertragen kann.
Mir wird es wieder bewusst, als die ersten Minuten vergangen sind. Ich sitze zwischen zwei älteren Damen, die mit ihren Töchtern angereist sind.
Die Dame links von mir zuckt in den gleichen Momenten wie ich zusammen, sie kennt jeden Ton, so wie ich. Herrlich, auch bei ihr zucken Finger und wir atmen wohl im Gleichtakt.
Die Dame rechts von mir scheint das erste Mal in der Elphi zu sein und hat scheinbar das Stück auch noch nie gehört. Ich höre sie ab und zu ihrer Tochter zuflüstern, wie unglaublich schön sie das findet.
Es muss unbedingt erwähnt werden, dass das erste Stück von Witold Lutoslawski "Trauermusik zum Gedenken an Bela Bartok" ein gelungener Auftakt ist. Ein direkter Übergang zum Teil 1 Introitus nach 15 min ohne Klatschen bringt dann den Zauber auf die Bühne.
Es geht los. Dirigent Hengelbrock, der das Orchester und vor allem den Chor sehr gut kennt, dirigiert nun ohne Notenblätter und er kennt jede Zeile, die er mit seinen Lippen mitformt, er scheint dieses Stück zu lieben, das spürt man von der erste Sekunde an.
Nun weiß ich auch, dass gerade auch bei diesem Stück Dirigenten ihren eigenen Weg gehen, der eine schneller, der andere langsamer.
Ich höre am liebsten die Version von Sergiu Celibidache - oft kritisiert, wegen der Länge (lange 69 Minuten). Hengelbrock hat laut Papier gestern 55 Minuten gespielt.
Kann ja jeder machen, wie er möchte, es gibt auch überhaupt nix zu nörgeln zu diesem Abend, nur war mir der Start etwas zu schnell, ich dachte zeitweise, dass sich gleich etwas überschlägt. Einen kurzen Moment dachte ich schon, er dirigiert ein Rockkonzert. Es gab noch einen kleinen Kritikpunkt. Das Licht. Warum fährt man das Licht nicht etwas herunter?!!!! Das hätte ich mir so gewünscht. So schloss ich ab und zu die Augen und saugte die Musik eben so auf.
Die Sänger Lehmkuhl, Richter, Nazmi und Odinius waren hervorragend, engelsgleich!!! Großes Kompliment. Auch an den Chor, der das gesamte Stück mit purer Energie und Leidenschaft absolviert hat. Nun ja, und das Orchester? Es war fantastisch.
Auch das Ende war auf eine Art magisch und das lag wohl auch am Publikum. Denn man darf nicht vergessen, es ist ein Requiem und keine Sinfonie. Es wurde lange, lange nicht geklatscht, das fühlte sich gut an, denn man musste erst einmal kurz verdauen, was man gerade gehört hat und im echten Leben klatscht man ja auch nicht bei einer Totenmesse :-)
Aber dann ging ein tosender Applaus nieder und ich denke, es gab keinen, der diesen Abend nicht genossen hat.
Mein Tipp an alle, die Mozarts Requiem mal live hören wollen. Geht in die Kirche, dort ist zwar meist alles komprimierter, nicht so viel Chor, nicht so viel Orchester, wegen Platz, aber trotzdem grandios. Denn das passt von Atmosphäre, Kühle, Magie, Tod, Auferstehung, Klang, Zauber. So habe auch ich mein erstes Mozart Requiem gehört, welches mich für immer in den Bann gezogen hat. Es war ein sonniger Vormittag in München vor vielen Jahren, das Requiem wurde als Benefizkonzert für die Japanischen Kinder nach der Fukushima Reaktor-Katastrophe aufgeführt, in der Theatinerkirche am Odeonsplatz. Ich betrat die Kirche schon zu den Proben, da meine Freundin im Chor mitsang. Die Sonne schien durch ein Kirchenfenster direkt auf den Chor, der gerade sang:
Lacrimosa dies illa, qua resurget es favilla judicandus homo reus.
Tag der Tränen, Tag der Wehen, da vom Grabe wird erstehen zum Gericht der Mensch voll Sünden.