Die Frage, wie Eltern mit Kindern im Netz umgehen sollen, war der Fokus des Elternabends in der Bäckeranlage.
Marc Böhler hat mit handfesten „Use Cases“, deren Diskussion in der Runde sowie einer möglichen Modell-Lösung konkrete Hilfe für Fragestellungen im Alltag geboten. Sehr spannend.
Ich habe den Abend mit einem Impuls-Referat eröffnet und dabei für das Thema „Soziale Medien“ im Zusammenspiel mit den Gesellschaftlichen Entwicklungen sensibilisiert, damit wir das Verhalten unserer Kinder auch einmal aus dieser Perspektive betrachten.
Heute sind weltweit 98% der Menschen, die Zugang zum Internet haben, regelmässig auf Networking Plattformen und Social Media. Über zwei Stunden pro Tag im Durchschnitt, das heisst, ein 16jähriger ist ca. 3 Stunden „socially engaged“ und auch ein 60jähriger bringt es auf über eine Stunde (GWI Social 2017).
Auf eine Plattform legt sich dabei schon lange niemand mehr fest (POLY eben ;), dass wir heute durchschnittlich bei acht Plattformen pro Person sind, hätten wir uns noch vor ein paar Jahren nur in den kühnsten Träumen vorstellen können.
Viel spannender als Plattformen und Tools ist die Frage, warum wir dort das machen, was wir machen, und was die Dynamik treibt.
Nachfolgend fünf gesellschaftliche Entwicklungen (Trendcluster basierend auf 16 weltweiten Mega-Trends von trendwatching.com), die einiges erklären, auch wenn ich hier nur an der Oberfläche kratze:
Wir sehen uns als Zentrum unseres eigenen Universums, das einzig dafür geschaffen wurde, uns das zu geben, was wir wollen. Die sogenannte Crowd - das sind die Freunde, mit denen wir auf den sozialen Netzwerken verbunden sind, ist sowohl unsere Quelle wie auch unser Publikum. Sie ist zu Gott geworden, wir buchen keine Reise mehr, ohne vorher andere nach ihrer Meinung, ihren Erfahrungen gefragt zu haben.
Die Community ist somit unser Ratgeber. Aber nicht nur. Sie ist auch Richter. Unsere Handlungen zielen nicht nur darauf ab, uns glücklich zu machen, sondern dienen auch dazu, uns so zu zeigen, wie wir sein wollen. In unserem Umfeld, den - online und offline - Communities.
In Zahlen: 90% folgen den Empfehlungen von Freunden und über 50% empfehlen Dinge, um durch die Empfehlung ihr eigenes Image aufzubessern (GWI 2017).
Nähe, Vertrauen, Verbundenheit emanzipiert sich von Fleisch und Blut. Wir befreunden und verlieben uns in Celebrities und Fake Accounts, befreunden uns mit Marken und Unternehmen, erkaufen uns ein gutes Gewissen. Die meisten unserer Kontakte finden über sogenannte Interfaces statt, das sind in den meisten Fällen Mikrofone und Bildschirme.
Zwischenmenschliche Kontakte sind dadurch kühler geworden, deshalb sehnen wir uns wieder nach mehr Menschlichkeit. Wir sind empfänglich für alles, was uns Geborgenheit, Bestätigung und Sicherheit gibt. Ob diese positiven Gefühle durch Menschen hervorgerufen werden, denen wir in der Realität begegnen oder in digitalen Netzwerken, ist nebensächlich. Auch, ob es ein Menschen aus Fleisch und Blut ist, oder ein Unternehmen, ein PR Verantwortlicher eines Stars, ein bezahlter Influencer (eine Person, welche über soziale Medien ein grosses Publikum erreicht) oder einen Chat-Bot (ein intelligentes Computersystem, das mit uns kommuniziert) spielt je länger je weniger eine Rolle.
In Zahlen: 2020 führen wir mehr Gespräche mit Chat Bots als mit unserem Mann, unserer Frau und unseren Kindern (Gartner 2018). Schon heute geben 40% der Jugendlichen an, mehr mit ihrem Smartphone zu interagieren als mit Freunden und Familie (GB, Bank of America, 2016).
Materielles wird immer mehr als Ballast empfunden und Status Symbole in Form von Gegenständen haben im Netz wenig Wert und eine kurze Lebensdauer. Ich kann mein schönes Auto ein Mal, vielleicht zwei Mal Posten, danach wird’s langweilig.
Die neuen Status Symbole sind Wissen, Können, Gesundheit sowie die Persönlichkeitsattribute und Werterhaltung, die wir zum Ausdruck bringen. Wir suchen nach Menschen, Marken und Gruppen (Communities), die uns helfen uns selbst zu optimieren. Wir suchen unser besseres Ich, wollen effizienter, besser, schöner, spannender, attraktiver, anziehender, erfolgreicher werden.
Wir wollen auch keinen grauen Alltag, sondern suchen nach allem, was unser Leben abwechslungsreicher, bequemer, abenteuerlicher, genussvoller macht. Das so Erlebte macht uns zudem auch im sozialen Kontext interessanter, weil wir dadurch interessante Geschichten zu erzählen haben.
In Zahlen: Fast ein Drittel der Jugendlichen erwartet von Marken im Netz, dass sie ihr Wissen und Können verbessern (GWI 2017).
Wir reden schon lange von Reizüberflutung. Diese spitzt sich jedoch zu mit jeder neuen Social Media Plattform, die dazu kommt. Wir fokussieren uns dadurch immer mehr nur auf das, was jetzt im Moment relevant ist, vorher und nachher interessiert uns immer weniger. Alles, was wir tun hat einen Bezug zum aktuellen Kontext, wir lösen alles just in time - wer druckt sich im Zeitalter von Google Maps schon vorher einen Streckenplan aus.
Wir wollen das Maximum herausholen aus jedem Moment, das kann Wissen sein, oder Vergnügen, Auswahl, Profit, Anerkennung, Beachtung. Dafür greifen dafür zu sämtlichen digitalen Tools, Tipps und Tricks, die wir bekommen können.
In Zahlen: 90% der Amerikaner schaffen es nicht, eine Stunde zu spazieren ohne ihr Mobiltelefon zu checken (Trendwatching 2016) und 50% verzichten auf Privatsphäre, wenn sie dafür relevantere Informationen bekommen (Trendwatching 2016).
Wir sind mitten in einem strukturellen Veränderungsprozess auf den verschiedensten Ebenen, in zahlreichen Bereichen. Von wirtschaftlichen Kräfteveränderungen (das Aufstreben des asiatischen Raums) bis zu neuen gesellschaftlichen Normen und Lebensformen (Transgender, Gleichgeschlechtliche Eltern, Patchworkfamilien).
Das führt zu Verunsicherungen sowohl bei uns Eltern - wie auch bei den Kindern und Jugendlichen. Und zu neuen - noch stärkeren - Bedürfnissen nach Anerkennung und Zugehörigkeit.
Es entstehen neue Gruppierungen und Gegengruppierungen. Gruppenidentität - ganz generell - gewinnt an Bedeutung. Wir reden hier von einem REVIVAL OF TRIBES. Mehr dazu gleich.
In Zahlen: 50% der 18-24-jährigen in England gibt an etwas andres als 100% heterosexuell zu sein (Yougov 2016).
Warum rede ich über generelle soziokulturelle Entwicklungen, wenn wir doch heute das Thema Kinder im Netz haben? Weil
KINDER EIN SPIEGEL DER ZEIT SIND.
Zur Erinnerung: 90% der Kinder/Jugendlichen haben einen unproblematischen Umgang mit den neuen Medien. Und: der Zugang zum Netz hat ganz viele positive Folgen, zum Beispiel haben unsere Kinder (und wir) einen umfangreicheren, schnelleren und unabhängigeren Zugang zu Informationen und Wissen. Zu anderen Menschen und Kulturen.
Nachfolgend dennoch drei Bereiche, die wir aus meiner Sicht im Auge behalten sollten:
Die wahre Problematik sind nicht pornografische Inhalte, sondern die Verstärkung der Gruppenbildung in sozialen Medien und das Ausschliessen „der anderen“. Gruppen an und für sich sind etwas gutes und man geht in der Evolutionsforschung heute davon aus, dass sie dafür verantwortlich sind, dass wir als Spezie überlebt haben und die Voraussetzung waren für die Entwicklung von Empathie. Gruppen definieren das Selbstbild von Menschen und können einen hohen Druck auf Konformität mit dem, was die Gruppe als Normal erachtet, zur Folge haben.
Eine überzogene Gruppenidentität kann die persönliche Entwicklung von Kindern stark beeinträchtigen, ihr Wertesystem nachhaltig prägen und auch bei den Ausgeschlossenen seelischen Schaden anrichten. Ihr Sozialverhalten bis ins Erwachsenenalter beeinflussen.
Hier nützen keine Verbote, sondern Verständnis und offene Gespräche. Und vor allem das Vorleben echter Toleranz. Und echtes Interesse am anderen und andersartigen. Wir sollten deshalb versuchen, zuhause nichts und niemanden auszuschliessen, so wenig wie möglich zu werten.
(Quelle: Geo 12/2017 Wie Moral entsteht und was sie gefährdet)
2. THE OMNIPRESENCE OF VIOLENCE
Wir sitzen neben unseren Kindern, weil wir nicht wollen, dass sie irgend jemandem beim Sex zuschauen. Aber wir sitzen daneben, wenn unsere Kinder schon in den Lego-Animationen zuschauen, wie man sich gegenseitig abschlachtet.
Gewalt lässt sich nicht umgehen und ehrlich gesagt, müssen wir unsere Kinder hier wohl etwas abstumpfen, damit sie durch den Alltag navigieren können. Thematisieren sollte man es jedoch meiner Meinung nach und darauf achten, dass Aggressivität und Zerstörung nicht den Löwenanteil am Alltag ausmachen.
Mit meinem 6jähriger Sohn rede ich darüber, dass er aufgeputscht und aggressiver ist, nachdem er sich aggressive Inhalte angeschaut hat und es braucht wenig Überzeugungskraft, dass er sich dann anderen widmet. Weil er selber merkt, wie es ihn verändert und dass es ihm so besser geht, wenn er ausgeglichener ist.
Ich hoffe, dass die Motivation dies zu lesen bei den meisten Interesse und Neugier ist - nicht Angst. Denn Angst ist nicht nur ein schlechter Ratgeber, sondern macht auch krank wie neuste Erkenntnisse in der Psychologie und Hirnforschung zeigen. 60% der erwachsenen Menschen in 32 Ländern befürchten, dass es der nächsten Generation schlechter geht als ihnen (Pew Research, June 2017). Das hat Auswirkungen auf die Betroffenen - unsere Kinder: 55% der Mädchen in der Sekundarschule in Australien sind ängstlich (NAB, August 2017).
Angst macht unsicher und erhöht das Risiko selbst Opfer zu werden. Darum sollten wir den Fokus in der Medien-Erziehung - wie in sämtlichen anderen Lebensbereichen - auf all die positiven Aspekte legen, welche die die neuen Möglichkeiten mit sich bringen.
(Quellen: Trendwatching, Pew Research und NAB 2017)
L E B E N S KOMPETENZ = S O Z I A L KOMPETENZ = M E D I E N KOMPETENZ = N E T Z KOMPETENZ
Glückliche, fröhliche, selbstsichere Kinder mit interessierten, offenen und verständnisvollen Eltern sind automatisch auch:
KOMPETENTE KINDER IM NETZ.