"Je freier die Menschheit wird, desto weniger hat die Freiheit des Einzelnen einen Sinn. Das zu verkennen, war der Irrtum von Karl Marx. Sein System ist undialektisch. Bei der letzten Ănderung, dem letzten groĂen Umschlag der QuantitĂ€t, wo die Freiheit eines Teils der Gesellschaft in die aller umschlagen soll, bleibt trotz aller vielsagenden Worte die QualitĂ€t dieselbe. Die Freiheit aller Menschen ist die des BĂŒrgers, der seine FĂ€higkeiten entfalten kann, Ă€hnlich wie schon Goethe es sich dachte. Darauf, daĂ jene FĂ€higkeiten selbst zur Weise bĂŒrgerlicher Produktion, der Wissenschaft und Technik gehören, deren die Gesellschaft zu ihrem Wachstum und im Kampf mit der Natur bedarf, haben die BegrĂŒnder des modernen Sozialismus nicht reflektiert. Sie waren im Grunde Idealisten und glaubten an die Selbstverwirklichung des absoluten Subjekts. Ăber Hegel sind sie zu Fichte als dem Metaphysiker der Französischen Revolution zurĂŒckgekehrt. Freiheit aber ist nicht ein Ende, sondern ein vorĂŒbergehendes Mittel in der Anpassung der Tierrasse Mensch an die Bedingungen ihrer Existenz. Der Zweck ihrer Erziehung ist wahrscheinlich nichts anderes als Fortzeugung bei geringstem Widerstand. Jedes System ist falsch, das von Marx nicht weniger als das von Aristoteles âwieviel Wahres sie beide auch gesehen haben."
Horkheimer, Max (1991/1959â1960): Permanent education, in: ders.: Gesammelte Schriften Band 6: âșZur Kritik der instrumentellen Vernunftâč und âșNotizen 1949â1969âč, Fischer Taschenbuch Verlag, Franlfurt a. M., S. 352.

















