Er zahlt, sie geht - Die Story vom "Emanzenhirnfickâ
Ein simples Beispiel fĂŒr die SelbstverstĂ€ndlichkeit des Sexismus in sozialen Medien.
Hamburg. Ein (mutmaĂlicher) Mann verabredet sich mit einer Frau zum Essen. EnttĂ€uscht von dem Date verlĂ€sst die Frau das Restaurant, noch bevor der Kellner die Rechnung gebracht hat. Der sitzengelassene Mann will aber nur seinen Teil der Rechnung bezahlen, was zu einer Diskussion mit dem Kellner fĂŒhrt. Es werden Polizeibeamte hinzugerufen, denen der Mann bereitwillig den Namen seines Dates weitergibt. Diese wurde nun wegen Leistungserschleichung vom Ladenbesitzer angezeigt. Und der Mann? Postet das Erlebte auf Jodel â und wird dafĂŒr gefeiert. Geiler Typ!
âVerdient!â, möchte man rufen und dem anonymen Poster gönnerhaft auf die Schulter klopfen. TatsĂ€chlich ist das Verhalten der Frau absolut daneben und dem Mann ist nichts vorzuwerfen. Man könnte sich einfach mit dem unbekannten Beitragsverfasser freuen, der bewiesen hat, dass man sich eben nicht alles gefallen lassen muss.
Nur hat die ganze Geschichte leider einen Haken. Der Tatbestand der Leistungserschleichung ist in § 265a StGB normiert â und hat mit nicht bezahlten Restaurantrechnungen rein gar nichts am Hut. Bei dem hier vorliegenden Sachverhalt geht es vielmehr um Zechprellerei. Die ist an sich erstmal keine Straftat, jedoch hat der Wirt neben dem weiterhin bestehenden ErfĂŒllungsanspruch gegebenenfalls auch einen Anspruch auf Schadensersatz. Tiefer möchte ich an dieser Stelle gar nicht in juristische Details gehen (wer jedoch will, kann zum Beispiel hier eine umfassendere rechtliche Beurteilung von Zechprellerei lesen). Vorauf es ankommt: die Geschichte wurde mindestens falsch wiedergeben. Das kann natĂŒrlich unabsichtlich passiert sein. Sie könnte aber â und das ist im Internet gar nicht so selten â auch komplett frei erfunden sein.
Das mag jetzt erst mal harmlos klingen. Wenn man sich dazu aber die Reaktionen einiger Internetnutzer*innen anschaut, bekommt das Ganze durchaus einen faden Beigeschmack. GrundsĂ€tzlich scheint kaum jemand den Wahrheitsgehalt der Geschichte anzuzweifeln, stattdessen ist von einem âEmanzenhirnfickâ die Rede, schlieĂlich fordern Frauen immerzu ihre Rechte ein â und wollen dennoch die Restaurantrechnung nicht bezahlen. Ein anderer Internetnutzer hat sofort durchschaut, was der wahre Grund fĂŒr diesen Missstand ist â Feminismus! âGut gemachtâ, schreibt der Nutzer Jonas Callsohn auf focus.de. âDenn wenn es um Vorteilsnutzung geht, sind Frauen immer vorneweg. [âŠ] Ich habe diesen Feminismus sowas von sattâ. Nicht nur trieft dieser Kommentar von Frauenhass, er stellt auch einen Zusammenhang zum Feminismus her, der einfach nicht nachvollziehbar ist. Setzen sich Feminist*innen etwa neuerdings fĂŒr den Erhalt von geschlechterspezifischen Stereotypen ein? Und um das Reizwort-Dropping perfekt zu machen, betitelt er seinen Kommentar mit â#metooâ. Aha. Sollen Frauen also nicht nur ihre Rechnungen gefĂ€lligst selbst zahlen, sondern sich auch sexuell belĂ€stigen oder sogar vergewaltigen lassen oder sich zumindest nicht hörbar dagegen aussprechen? Anscheinend will hier ein verbitterter Mann alles, gegen das er eine diffuse Abneigung hegt, in einen Topf schmeiĂen, um möglichst breiten Zuspruch zu erfahren.
Ich habe keine Lust, Internetpolizei zu spielen und jeden Mist aus den unendlichen Weiten des Internets zu kommentieren, aber dieser Post auf Jodel und die Reaktionen darauf sind mal wieder ein LehrstĂŒck dafĂŒr, wie selbstverstĂ€ndlich Sexismus in den sozialen Medien ist. Vor allem Geschichten von armen weiĂen MĂ€nnern und bösen Frauen scheint man im Internet völlig unreflektiert gerne Glauben zu schenken. Dabei sagte doch schon einst Julius Caesar: âGlaube nicht alles, was im Internet stehtâ.










